Samstag, 20. Dezember 2008

Wer Sorgen hat, hat auch Likör

Freitagabend vor Weihnachten, ein idealer Zeitpunkt für den jährlichen Pubbesuch. Dachten wir. Üblicherweise würde man in einer solchen Nacht tief Luft holen, bevor man sich mit Kraft und Ausdauer in den Schankraum und dann zum Tresen durchdrückt. Doch gestern Abend: 10 Leute in der Cottage Bar, 15 bei Bernard´s, 11 Gäste in MacCarthy´s, immerhin 24 im Blue Loo. Bei Johnny Rainbow völlige Tristesse: Breeda Diamond spielt irische Folksongs für sechs mehr oder weniger traurige Gestalten. Was ist bloß mit Irland Pubs los?

Das Gejammer über den Niedergang dieser Institution gibt es schon lange. Heute allerdings ist ein Pub mit Schanklizenz, traditionell die Lizenz zum Gelddrucken, schon für den Preis eines kleinen Einfamilienhauses zu haben. Der lange Abstieg des Pubs begann in den 70er Jahren, als das Fernsehgerät in der Bar und in allen Wohnungen Einzug hielt. Seitdem hat sich der irische Lebensstil dramatisch verändert, die Leute sind abends genauso müde vom hektischen Arbeitsalltag wie andernorts in Europa, sie können vergleichsweise preiswerten Alkohol in Supermärkten und vielen Off-License-Geschäften kaufen und genehmigen sich ihren Absacker lieber zuhause.

Als Nachrichtenbörse, Heiratsmarkt und Lebensmittelladen hat das Pub ohnedies lange ausgedient. Dazu kam im April 2004 das erste Rauchverbot in ganz Europa; und seit ein, zwei Jahren überzieht die Polizei auch die ländlichen Straßen massenhaft und regelmäßig mit Alkoholkontrollen. Vorbei die Zeiten, als John und Mary ihre Halbwüchsigen am Freitagabend ins den Jugendclub fuhren und die zwei Stunden Wartezeit bis zum Abholen mit zwei, drei Pints überbrückten.

Dass allerdings die Leute selbst am Wochenende vor Weihnachten nicht mehr ins Pub strömen, überrascht. Die Wirte sind besorgt und schauen nicht ganz optimistisch ins neue Jahr, immerhin haben die Schluckkapazitäten der Bewohner und Gäste von Glengarriff bis heute acht Pubs, acht Wirte und deren Familien versorgt.

Die Stimmung der wenigen, die im Pub saßen, war übrigens schlecht: Man hat Angst vor der Zukunft, Angst, dass das Land wirtschaftlich völlig abstürzt und dass sich die schlimmen Zeiten der Armut wiederholen. Das Geld wird sicherlich in den kommenden Jahren knapper werden, die Sorgen dafür größer. Ob dann die Wirte wieder zu den Gewinnern gehören? Immerhin reimte schon Wilhelm Busch in der Frommen Helene: "Es ist bekannt von altersher, wer Sorgen hat, hat auch Likör".

Freitag, 19. Dezember 2008

Warum der Friseurtermin heute platzte


Wenn wir heute in Umfragen den verachtenswertesten Beruf wählen lassen, steht der "Banker" ganz oben. In meiner persönlichen Bestenliste bleibe ich ganz voreingenommen beim Spitzenplatz für den "Immobilienmakler". Heute erklärte mir Makler Dennis beim Warten auf den Friseur die Lage auf dem lokalen Hausmarkt. Weil der Mann nett, freundlich und offen ist (Dennis muss eine der vielen Ausnahmen in seinem Berufsstand sein), habe ich den Friseurtermin verpasst. Ich hörte ihm interessiert und mit leicht unterschwelligen Schuldgefühl zu: Während die Medien berichten, dass die Hauspreise seit dem Boom-Höhepunkt im Januar 2007 um 15 bis 20 Prozent in den Keller gerauscht sind, weiß der leidende Dennis, dass alles viel schlimmer ist: Er kennt viele Objekte in bevorzugter Lage in der Bantry Bay, die mittlerweile ein Drittel ihres Höchstwerts verloren haben. Ein sehr schönes Haus direkt am Meer in Glengarriff beispielsweise wurde im Jahr 2002 neu für 420.000 Euro verkauft. 2007 wechselte es für 760.000 Euro den Besitzer, und nun Ende 2008 kostete es noch 520.000 Euro. Dennis rechnet damit, dass ein Haus dieser Qualität und Lage 2009 auf den Wert von 2002 fallen wird.

Also Immobilien in Irland kaufen? Wohl kaum. Die Hauspreise verdreifachten sich zwischen 2000 und 2006, und jetzt wird derart drastisch Luft abgelassen, dass die gesamte irische Wirtschaft unter die Räder gerät. Der Hausmarkt ist tot, nichts bewegt sich, etwa eine Viertelmillion Häuser steht leer und liegt auf Halde. Die Hauptkäufer der letzten Jahre, die Engländer, sind von der Bilddfläche komplett verschwunden, seit der Wert des Pfund Sterling in rasendem Tempo zusammengeschrumpft und die eigene Wirtschaft in Schieflage geraten ist.

Die Hauspreise werden also weiter fallen, und müssen weiter fallen, um wieder ein realistisches Niveau zu erreichen. Noch immer kostet ein neues schlichtes Standardhäuschen in Irland durchschnittlich 260.000 Euro – eine Menge Geld, wenn man es mit Preisen in anderen Ländern Europas vergleicht. Warten lohnt sich im schönsten Land Europas.

Donnerstag, 18. Dezember 2008

It´s hard to be a hard man in Glengarriff

Wer öffentlich zur Schau stellen will, wie mutig, abgehärtet und taff er (oder sie) ist, sollte sich in genau einer Woche, am ersten Weihnachtstag, nach der Kirche, um 12:30 Uhr in Glengarriff am Pier einfinden. Der "Christmas Swim" gehört in Glengarriff mittlerweile zu Weihnachten wie die Bescherung für die Kinder. Zehn bis 15 kälteunempfindliche Iren, unterstützt von ein bis zwei Deutschen und genauso vielen Engländern stürzen sich jedes Jahr unter dem johlenden Beifall des vielköpfigen Publikums von der Kaimauer – fünf Meter tief hinunter ins 4 Grad kalte Wasser.
Der Christmas Swim, der eigentlich ein Kurz-Triathlon ist (Jump, Swim and wieder Rausklettern), wurde vor mehr als 15 Jahren von einem Mann namens Long John O´Sullivan ins Leben gerufen. Unterstützung bekommt der Lange regelmäßig von Pat O´Shea, dem Betreiber des Sparladens, vom Ortsarzt Jeremy Cotter und Frau Aisling (Kaltbaden ist gesund!) und von ein paar Nachwuchskräften. Die deutschen Farben vertritt würdig einer der ohnehin härtesten Burschen der Region. Stefan (der Mann mit der blauen Bademütze, der mit den zehn Euro pro Tag) schwimmt den Tag jahrein, jahraus frühmorgens um 6 Uhr im Meer ein und sieht den Weihnachts-Schwimm nur als gemütliches Späßchen.

Warum sich Leute im Winter in kaltes Wasser stürzen? Viel Geld zum Unterhalt von Schulen, Sporthallen oder Gemeindehäusern, wird in Irland bei Charity-Veranstaltungen gesammelt. Die einen schwimmen und lassen sich feiern, die anderen schauen zu, zahlen für die Gaudi und bekommen noch einen heißen Whiskey obendrauf. Die Einnahmen fließen auf das Konto zum Unterhalt der Gemeindehalle, von der fast jeder im Ort profitiert. Auch das ist Weihnachten in Irland - am Ende gibt es nur Gewinner.

Mittwoch, 17. Dezember 2008

Das Fest der Zahnärzte und Internisten

Weihnachten ist in Irland das Fest der Zahnärzte und der Internisten. Die saisonalen Ernährungsgewohnheiten weiter Bevölkerungskreise lassen Zähne zarter schmelzen und den insulanischen Insulinbedarf in die Höhe schnellen. Ab Ende Oktober durchwandert man im örtlichen Supermarkt (ein "SuperValue") auf dem Weg zur Kasse das "Death Valley". Links und rechts türmen sich entlang der 15 Meter langen Gasse zu beiden Seiten die Süßigkeiten auf – bis weit über unsere Köpfe.
Die volle Dosis Cadbury´s Roses, Kimberley´s, Elite, Quality Street. Pralinen, Schokolädchen und Kekse in großen Blechdosen, die unserer Oma durchs ganze Jahr geholfen hätten. Dazu die üblichen Riegel-Arsenale – alles in festlichen Turnierpackungenen und in reichlich dekorativem Verpackungsmüll präsentiert.

Weil wir zwei Kinder haben, legen uns die lieben Nachbarn pünktlich vor Weihnachten auch kilokalorienweise Liebesbeweise der Marke "Roses" vor die Haustür. Sie glauben, dass unsere Kinder das Hüftgold mögen – und sie haben völlig recht.

Weihnachten in Irland: Das ist natürlich auch das Fest der großen Familien, der endlosen Dinner und der heiligen Saufgelage. Wer irgendwie kann, egal wo er lebt in der Welt, nimmt einen Flieger und kommt nach Hause. Viele Iren werden von ihrem tribalistischen Nationalstolz gerade zu Weihnachten förmlich übermannt, und sie halten diese mächtigen Gefühle allein in der Fremde meist nicht gut aus.

Irgendwo habe ich gelesen, dass jeder irische Bürger über die Weihnachtsfeiertage im Durchschnitt 154 Kilogramm Müll produziert: Ob die Weihnachtsgeschenke der amerikanischen Verwandten, die meist schon am Weihnachtsabend den Geist aufgeben ("Made in China"), in dieser stolzen Menge eingerechnet sind, war bislang nicht zu erfahren; aber wir bleiben am Ball. Cheerio, wir leben im besten Weihnachts-Wunder-Land Europas.

Dienstag, 16. Dezember 2008

Gott ist Engländer, oder:
Don´t mention the Empire

Deutsche und Iren können prinzipiell gut miteinander. Es muss an den gemeinsamen keltischen Wurzeln liegen. Manchmal auch an dem groben Missverständnis, dass man einen gemeinsamen Feind hatte: Ältere Zeitgenossen loben "die Germans" nach dem zweiten Pint Guinness gerne einmal dafür, dass sie doch damals in WW2 London so richtig eingeheizt haben. Gemeint ist die Bombardierung englischer Städte mit insgesamt über 40.000 Toten. Nicht lustig. Plötzlich sieht man sich genötigt, Lob von der falschen Seite zurückzuweisen.

Die Geschichte von Engländern und Iren ist bekanntermaßen kompliziert. 800 Jahre Verstrickung, Unterdrückung, Hass – und allzu oft auch Liebe. Gerufen von gegeneinander Krieg führenden Iren, gekommen um zu bleiben, zu unterdrücken und die irische Nation bis weit ins 20. Jahrhundert hinein zu spalten, sind die Engländer doch für viele Iren auch Vorbilder geworden. West-Brits werden Kreise in Dublin genannt, die englische Werte perfekt verinnerlicht haben und die eigentlich die besten Engländer hervorbringen, die es je gab. Auch hier in der südwestlichen Provinz lässt sich Vieles nur aus dem komplizierten Verhältnis von Herr und Knecht deuten: Die irische Vorliebe, direkt an der großen Hauptstraße zu wohnen, ist der Tatsache geschuldet, dass das Wohnen und Herrschen in verkehrsgünstiger Lage Jahrhunderte lang den Engländern vorbehalten war und deshalb als erstrebenswertes Privileg galt.

Bei allem Wissen um die eigene historische Verstrickung, trotz aller Last der späten Verantwortung räumen wir in unserer Gegenrede im Pub dann doch gerne ein, dass die östlichen Insel-Nachbarn im Urteil der Geschichte bis heute viel zu gut wegkommen. Wir berufen uns dabei gerne auf einen der ihren: Richard Gott. Der Journalist und Historiker kann zwar nicht als Kronzeuge dienen, gilt er doch als "anti-britisch", seit er im Kalten Krieg auf Rechnung russischer KGB-Offiziere speiste ( "I took red gold"). Gott führte aber den interessanten Nachweis, dass viele aktuelle Konflikte in der Welt ihren Ursprung im Britischen Kolonialismus haben. Grob gesprochen: Wo es heute auf der Welt kracht und kriselt, haben wahrscheinlich bis zum Zweiten Weltkrieg die Briten mitgemischt, um sich dann zumeist übereilt aus dem Staub zu machen und Chaos zu hinterlassen.

Wir wollen eine Weltkarte in Google Earth mit Fähnchen bestücken: Wir markieren Palästina und den Nahen Osten, Sierra Leone, Zimbabwe, Kenia, Indien, Pakistan und Kashmir, Sri Lanka, Fiji, Zypern, Nigeria, Somalia, Afghanistan, ja, den Irak und schließlich Nord-Irland. Weitere Vorschläge? Aber psst! Don´t mention the Empire.

Montag, 15. Dezember 2008

Flip, Flip, Hurra!

Wie wird das sein, wenn wir nur noch wahr nehmen, indem wir aufnehmen, wenn jeder jeden fotografiert, filmt, im Internet vervielfältigt und öffentlich macht? Wenn wir nur noch existieren, weil wir eine Online-Identität haben? Wie wird das sein, wenn nicht Hunderttausende sondern Millionen sich mitteilen, dass sie gerade a) auf dem Weihnachtsmarkt Glühwein getrunken oder b) ein Furzkissen gehäkelt haben oder c) unter Verstopfung leiden? Wenn fast jeder sein eigenes Leben dauer-publiziert und für das Publizieren stilisiert? Es wird furchtbar sein, aber es wird so sein.

Die leichte Abscheu vor der Demokratisierung einst elitärer Domänen lässt mich nicht davor zurückschrecken, die Entwicklung zum Profanen selber zu befördern. Es ist das "Boys-love-Toys-Feeling", das mich seit dem Kauf des ersten iPods im Jahr 2000 nicht mehr so heftig heimgesucht hat wie vor kurzem. Der pr-bloggende Freund Klaus Eck in München machte mich auf das Gadget namens "Flip" aufmerksam, das in weiß, schwarz, in vielen bunten Farben und kleiner als eine Zigarettenschachtel daherkommt. Die zierliche Videokamera für die Hemdentasche (Model Mino mit zwei Gigabyte Flash Speicher für 60 Minuten Video) hat das Zeug zum Kult-Accessoire. Flip ist traumhaft leicht, schick, preiswert, einfach mit dem Daumen zu bedienen (idiotentauglich) und kann Bildersequenzen gestellten Lebens via USB direkt ins Web schicken. Also Leute, filmt Euch, bis der Arzt kommt. Bewegte, wenn vielleicht auch nicht bewegende Kostproben unserer eigenen Flips demnächst hier auf diesem Blog.

Sonntag, 14. Dezember 2008

Das Musterkind ist depressiv

In den sogenannten irischen "Computerstädten", den aus dem Boden gestampften Pendler-Siedlungen von Naas, Arklow oder Navan, gehen langsam die Lichter aus. Die neuen gigantischen Einkaufszentren, die in Malls aggregierten Konsumtempel, sind verlassen, viele der gerade erst bezogenen Häuser in den monotonen Schlafsiedlungen stehen leer und warten vergeblich auf Käufer.

Im Speckgürtel von Dublin hat die neue irische Mittelschicht ihre dauerberauschte Celtic-Tiger-Party gefeiert, hier wütet nun auch die erste Mittelschichts-Rezession, die Irland jemals erlebt hat. Irland, das einstige Musterkind der europäischen Wirtschaft, ist depressiv. "Deckland Depression", nennt Davids McWilliams, der ebenso brilliante wie brilliant schreibende irische Pop-Ökonom, die desolate Wirtschaftssituation. "Deckland", weil dort die Decklanders wohnen, die Menschen, die am neuen, zu 115 Prozent hypothekenfinanzierten Haus auf die status-bewusste hölzerne Sonnenterasse ("Deck") nicht verzichten wollten. In Deckland wächst die Arbeitslosigkeit rasend schnell, und es trifft vor allem die Generation der Jungen, die Flexiblen, die gut Ausgebildeten - während die Heerscharen im aufgeblähten öffentlichen Dienst ihre Schäfchen (noch immer) weitgehend im Trockenen hüten.

Die Regierung rechnet derweil hektisch die Budgets nach, korrigiert das erwartete "Minus-Wachstum" auf über vier Prozent für das kommende Jahr. McWillimas schreibt in seinem aktuellen Blog-Eintrag , dass das Land ökonomisch schon lange am Ende war, dass dies aber durch Pump ohne Ende vertuscht werden konnte. Die verlorene Wettbewerbsfähigkeit hat das Land durch gieriges kreditfinanziertes Konsumieren ein paar Jahre übertünchen können. Als aber die Banken weltweit das Geldverleihen einstellten, saßen die irischen Banken und deren Kreditkunden schlagartig auf dem Trockenen. Der Hahn, so McWilliams, wurde über Nacht zugedreht. Was kommt? McWilliams stellt "die totale Kapitulation" des irischen Konsumenten in Aussicht und fragt vielsagend: "Was passiert, wenn eine ganze Generation betrogen wird?"

Politiker fordern, dass eine starke Export-Wirtschaft den Untergang der sich selbst bedienenden Service-Wirtschaft und den Niedergang der Bauindustrie kompensieren muss. Der so angrifflustige wie umstrittene Irish Times Kolumnist John Waters hat allerdings schon vor Jahren darauf hingewiesen, dass Irland in den fetten Jahren versäumt hat, eine eigene mittelständische produzierende Wirtschaft aufzubauen – und David McWilliams rechnet den Arbeitsplatzanteil der Export- an der Gesamtwirtschaft auf derzeit gerade einmal fünf Prozent. Davon werden 90 Prozent von den wanderfreudigen Multinationals wie Apple, Dell und Pfizer beschäftigt.

Es gelang jahrelang die Illusion zu nähren, dass Wirtschaften auf Pump ewig gut geht. Kann nun ebenso gelingen, aus dem Fast-Nichts eine funktionierende irische Exportwirtschaft aufzubauen? Viele im einst hyper-katholischen Irland werden sich in ihrer Not an den etwas aus der Mode gekommenen Mann aus Nazareth wenden. Der konnte immerhin aus Steinen Brot zaubern.

Samstag, 13. Dezember 2008

Fräulein Ellen´s Gespür für Schnee

Heute morgen liegt Zuckerguss aus Schnee auf unserem Hausberg Sugarloaf und den Caha Mountains. Er erinnert mich an Fräulein Ellen Hutchins. Sie lebte ihr kurzes Leben von 1785 bis 1815 in Ardnagashel in der Bantry Bay. Ellen war lungenkrank und litt unter der Zerstrittenheit ihrer Familie, der zweitmächtigsten englischen Adelsfamilie in der Gegend. Ein befreundeter Arzt in Dublin empfahl der jungen Frau deshalb, an der frischen Luft botanische Studien zu betreiben, und siehe da: Die fleißige Ellen erforschte die gesamte Bucht und katalogosierte in nur drei Jahren 1200 heimische Pflanzen - viele davon Neuentdeckungen, die noch heute auf den Beinamen "hutchinsii" hören. Ellen widmete sich vor allem den Flechten und Moosen, einem ungeheuer komplexen Mikrokosmos, den wir Durschnittbetrachter mit zwei einfachen Worten abtun. Für ihre kreative Sammelarbeit - sie malte auch viele Pflanzen - erhielt Ellen Hutchins nach ihrem Tod viel Anerkennung. Sie sollte später sogar zur "ersten weiblichen Botanikerin Irlands" geadelt werden.

Eine Gedenktafel auf dem kleinen Familienfriedhof der Hutchins am alten Arboretum von Ardnagashel erinnert an Fräulein Ellen - ihr Grab auf dem alten Friedhof von Bantry, wo sie 1815 beerdigt wurde, ist allerdings für immer verschwunden. Die junge Frau und ihre Brüder Arthur und Emanuel erkannten früh die Vorteile des milden Klimas am wärmenden Golfstrom und der Lage in der gut vor den salzigen Winden geschützten Bantry Bay. Ihr Gespür für Schnee und Frost, beziehungsweise dessen weitgehende Abwesenheit, motivierte sie in den frühen Jahren des 19. Jahrhunderts zum Import von Pflanzen aus aller Welt und zum Aufbau eines grandiosen Pflanzen- und Baumparks am Familiensitz Ardnagashel Estate. Als Großkunden der englischen Pflanzenjäger-Expeditionen und von eigenen Reisen importierten sie exotische Bäume aus Australien, Asien, Amerika und Europa. Die Familie Hutchins verantwortet unter anderem die Existenz der Japanischen Sicheltanne (Cryptomeria Japonica) und vor allem der invasiven Myrte (Myrtus Luma) in der Bucht. Der chilenische Baum mit dem orangefarbenen Stamm beispielsweise gedeiht im milden Klima Glengarriffs hervorragend, doch schon eine um ein, zwei Grad niedrigere Durchschnittstemperatur wie beispielsweise in London lässt die Myrte - oder auch die hier so beliebte Cordyline Palme - unweigerlich eingehen.

Das alte Arboretum von Ellen und ihren Brüdern ist ein Muss für alle Pflanzenfreunde. Auf unserer Website stellen wir den magischen Ort vor , der heute leider vom Verfall, wenn nicht gar von der Zerstörung durch profitgierige Betonisten bedroht ist. Wie das Arboretum gerettet werden soll, erzählen wir hier demnächst.

Freitag, 12. Dezember 2008

"Das wird der schlechteste Tag"

Unser 9-jähriger Sohn Ben hatte diesen Freitag bereits vor dem Aufstehen abgeschrieben: "Das wird der schlechteste Tag", maulte er unter der Bettdecke hervor – wohl weil er heute in der Schule aus erzieherischen Gründen nicht neben seiner Freundin Fiona sitzen darf. Dass vor der Tür heute das schlechteste Wetter seit Wochen wütet, wird er nicht gemeint haben, aber auch das stimmt. Der aktuelle Blick aus dem Fenster  (Foto oben) sagt alles. Der Winter – das bedeutet im milden Golfstromklima viel Regen und reichlich Wind –  hat nun doch Einzug gehalten, und endlich wird Irland seinem überstrapazierten Image als Land des Regens gerecht. 

Der Regen, die moderaten Sommer-Temperaturen um 25 Grad und mehr noch das zumeist völlig unzutreffende Regen-Image haben das Land bis heute davor bewahrt, ein Ziel für den Massentourismus zu werden. Keine Bettenburgen entlang zubetonierter Küstenstraßen, keine Club Meds, Robinsons oder Aldianas,  keine mit saufenden Engländern überfüllten Strände, einige wenige Yachthäfen nur. Tolle Strände (wie unten der Barley Cove), herrliche Berge, überall wundersame alte Steine und Monumente, die gesamte touristische Infrastruktur zwei Nummern kleiner, putziger, liebenswerter als in den klassischen Urlaubs-Destinationen. 

Dafür wird Irland von seinen Fans geliebt. Die Insel hat ihre ganz eigene Besucherklientel, die man in den 70er Jahren als "die salon-linken Studienräte mit den vielen Ferien und dem VW-Bus"  beschrieben hätte. Heute fällt es schwerer, das bunt gemischte Irland-Publikum zu beschreiben oder gar zu etikettieren. Die meisten unserer Gäste zeichnet am ehesten ein Hang zur Natur, zur Ruhe, zum Verweilen aus, die Liebe zum Detail, zum lieber langsamen, dafür aber tiefen Erkunden der Ziele, und vielleicht auch die Fähigkeit, sich selber gut beschäftigen zu können und nicht auf den ständigen Kick von außen angewiesen zu sein. 

Donnerstag, 11. Dezember 2008

Das Kamasutra der Frösche

Seit einigen Tagen inspiziert der Fischreiher interessiert die Wiese am Teich, ein deutliches, wenn auch in diesem Winter extrem frühes Zeichen, dass die Frösche im Anmarsch sind. Jedes Jahr in den ersten Januartagen verwandelt sich unser beschaulicher Garten in Sodom und Gomorrha: Hunderte Frösche treffen sich wie auf ein geheimes Kommando und feiern tagelang eine unglaubliche Massenorgie. Diese animalische Swinger-Gala zwischen Wollust (beim flotten Dreier) und Tod (wenn der Fischreiher sein Frühstück abholt) muss auch Tomi Ungerer, der begnadete Illustrator und Kinderbuchautor, schon beoachtet haben. Der Elsässer Ungerer, der seit über 30 Jahren unweit von Glengarriff am sagenhaft schönen Three Castle Head lebt, hat seine Frosch-Studien im "Kamasutra der Frösche" künstlerisch verewigt. Wer ein ebenso sehenswertes wie anzügliches Weihnachtsgeschenk sucht, könnte mit Tomi Ungerers Werkübersicht Erotoscope, die der Verlag Taschen zum 70. Geburtstag des großen Europäers herausgegeben hat, einen Volltreffer landen.

Mittwoch, 10. Dezember 2008

Die Sache mit der Müllabfuhr

Heute ist Mittwoch, Mittwoch ist Müllabfuhr in Glengarriff. Tatsächlich gibt es seit einigen Jahren im äußersten Südwesten Irlands eine geregelte Müllabfuhr. Bis 2002 warfen die Leute ihren Müll in schwarzen Plastiksäcken an die Straße, wo er irgendwann vom County Council kostenlos abgeholt wurde, viele sparten sich den Weg und verbrannten den Abfall hinter dem Haus. Dann kamen die Mülltonnen und die Müllgebühren, das Verbrennen wurde zum Massenphänomen und die schwarzen Müllbeutel in Wiesen, Flüssen und Straßengräben nahmen rapide zu.

Das Cork County Council als lokale Abfallbehörde führte 2004 sogar ein hochmodernes Abfallsystem ein und rechnete die Müllgebühren verursacherorientiert nach Gewicht ab – ein Chip an der Mülltonne und eine Waage am Müllwagen machten es möglich. Doch es half alles nichts: Man hatte versäumt, die Pflicht zur Tonne einzuführen, und ohne diese Kontrolle drücken sich weiter viele Haushalte um Abfuhr und Gebühr. Der Müll der Tonnenlosen wandert irgendwohin, wird verbrannt, vergraben, im besten Fall privat zur Deponie gefahren.

Die schwache Beteiligung an der öffentlichen Müllabfuhr widerum ließ den eigentlich vorbildlichen Abrechnungmodus nach Gewicht vorerst scheitern, die Behörde erhöhte die allgemeine Grundgebühr für die angeschlossenen Haushalte drastisch, um sich wenigstens einen Grundstock an Einnahmen zu sichern.

Derweil ist bei uns immer noch Mittwoch, M wie Müllabfuhr. Immer wieder mittwochs laden wir die 120-Liter Müll- oder die Recycling-Tonne in den Kofferraum und fahren Sie einen Kilometer weit zur Hauptstraße. Wir leben, wie etwa 40 Prozent der Bevölkerung, an einem kleinen Sträßchen. Das County Council schafft es nicht, diese Haushalte "zweiter Klasse" anzufahren und begründet den Service-GAU damit, dass die Müllfahrzeuge zu groß seien. Über die fehlende Kundenorientierung der Behörde ärgern sich Viele, vor allem ältere Menschen und diejenigen, die keinen großen Kofferraum haben. Bislang hat es ihnen nichts genützt und so nehmen sie vorlieb mit Streichholz, Gruben, Straßengräben...

Warum wir auf Berge steigen

Unser Hausberg. Iren nennen den in 350 Millionen Jahren konisch zugespitzten Sandstein-Felsen über der Bucht "An Gabhal More" , die große Gabel. Engländer erkannten dagegen Ähnlichkeiten mit dem Zuckerhut von Rio de Janeiro und trugen ihn als Sugarloaf in ihre Landkarten ein. Das Wahrzeichen Glengarriffs bietet jedenfalls 574 Meter über dem Meer den besten Panoramablick weit und breit.


Den Genuss dieses erhebenden Ausblicks muss sich der Gipelstürmer erarbeiten, erlaufen, erwandern. Während Frau Eliane die baum- und krautreichen Gegenden in Meeresnähe vorzieht, steige ich gerne in die Höhe, in die Caha Mountains, auf den Sugarloaf. Eliane kann dieses Tun gar nicht verstehen, immerhin aber wirft ihr Unverständnis die spannende Frage auf: Warum steigen wir (Männer) so gerne auf Berge? Es ist sicher keine Modeerscheinung. Bekanntlich fröhnte schon der alte Moses in alttestamentarischer Zeit dem Bergwandern. Franceso Petrarca, Dichter und Vater des Alpinismus, fand im Berg und nah am Himmel im 14. Jahrhundert keinen geringeren als Gott. Wieder andere versuchten, auf dem Berg die Welt zu erkennen. Verhaltenswissenschaftler wollen im Bergsteiger das ewig balzende Männchen erkennen oder dessen Auseinandersetzung mit dem väterlichen, männlichen Prinzip. Und manche suchen am Berg, der Alltagswelt entrückt, sich selbst. Bergwandern als Selbstfindung, als angewandte natur-therapeutische Selbstheilung.
Wer es weniger psychologisch mag: Auf dem Gipfel ist oben. Und wer dort oben steht, hat den Überblick. Das ist es, was wir suchen und finden: Freiheit für einen Nachmittag und das Gefühl der Erhabenheit. Aber warum müssen wir fast zwanghaft Inseln besuchen, und weshalb zieht es uns ans Meer? No bother. Wir leben im schönsten Land Europas.
Hier die Geodaten des Sugarloaf für Vergnügungswillige:
Höhe: 574 Meter Karte: OS 1/50.000 Nummer 85
Irish Grid Ref: V87375 52950 Breite: 51.717749 Länge: -9.630017

Dienstag, 9. Dezember 2008

Von Schweinen und Schweinefleisch

...und jetzt dioxin-verseuchtes irisches Schweinefleisch, das europaweit aus den Kühltheken verbannt werden muss. Wie kommt es, dass dieses Naturwunder Irland immer wieder Negativschlagzeilen mit Umwelt- und Lebensmittelskandalen produziert? Ohne den aktuellen Einzelfall im Detail zu analyiseren: Es gibt ein Verhaltensgrundmuster im Land, das vielen Umweltverbrechen zugrunde liegt: Die Natur (und dazu zähle ich auch die Nutztiere) gilt traditionell als nicht sonderlich schützenswert. Im Gegensatz zu Arbeitsplätzen und einer intakten Wirtschaft gab es immer genug, manche sagen zuviel, Natur im Land. Dann kamen die Boomjahre, die Arbeit, das Geld – und Menschen wie Politik dachten zu allerletzt daran, (sich und) die Umwelt zu schützen. Die großen US-Konzerne etwa, die im Firmensteuerparadies Arbeitsplätze schufen, durften im Gegenzug frei schalten und walten. Heute wird Irland von den Umweltbehörden der EU regelmäßig dafür abgemahnt, dass die Umweltgesetze nicht eingehalten werden.

Beispiel Bantry Bay. Europas größte Muschelzuchtanlage, betrieben von fünf Firmen in der Bucht, verschmutzt seit über 20 Jahren nahezu ungestört das Meer. Die Kunststoff-Abfälle wandern einfach über Bord in die große Meeres-Mülltonne. Keine Behörde nahm Anstoß an schlecht organisierten Arbeitsprozessen und gier-motivierter Vermeidung von Entsorgungskosten. Die zuständigen Ministerien erklären sich gegenseitig für nicht zuständig, das Meeres- und Fischerministerium interessiert sich im Grunde nur für die maximale Ausbeutung der Bucht.

Nur durch den öffentlichen Druck von Bürgern und das beherzte Eintreten des Hafenmeisters von Bantry ist es zu verdanken, dass demnächst endlich ein freiwilliges (!) Abkommen mit den Muschelfirmen über sauberes Arbeiten und Entsorgen unterzeichnet werden soll. Ich bin sicher, dass sich bei der Ratifizierungszeremonie mehrere hochrangige Politiker berufen fühlen werden, sich die Meriten für diese Großtat ans Revers zu heften und sich für Ihr Wegsehen und Nichtstun auch noch feiern zu lassen. Kostet ja nix.

Montag, 8. Dezember 2008

Stark, schwarz, weckt Tote

Zu den wenigen Dingen, die wir hier in Irland vermissen, gehören deutschsprachige Zeitschriften. Nicht dass es hier keine guten und ästhetischen Magazine gäbe, aber Stammleser ist eben Stammleser. Und so kommen jeden Monat einige deutsche Blätter per Briefträger zu uns: Spiegel, Eden, Natur & Heilen sowie Wohnen und Garten aus dem Burda Verlag. In der aktuellen Ausgabe (Dezember 2008) ist nachzulesen, wie das auch (oder gerade) spätabends in großen Mengen genossene Heißgetränk "Irish Coffee" entstanden ist. Wer es nicht kennt: Starker heißer Kaffee wird in einem hohen, schmalen Glas großzügig mit viel Zucker und Whiskey verrührt und mit einer dicken Haube leicht angeschlagener Sahne gekrönt.
Die Legende will, dass der Erfinder Joseph Sheridan, in den vierziger Jahren einer der Chefkochs des Flughafenrestaurants von Foynes (County Limerick, Vorgänger von Shannon Airport), eines Tages eine Ladung von übellaunigen und frierenden Passagieren zu bewirten hatte. Sie waren an Bord einer Maschine nach New York, die wegen mieser Wetterbedingungen zwischenlanden musste. Um die Meute aufzuwärmen und aufzuheitern, versah er einen starken Kaffee mit etwas irischem Whiskey und dekorierte das ganze mit einer Sahnehaube.
So richtig berühmt wurde das Getränk jedoch erst 1952 durch den amerikanischen Reisejournalisten und Pulitzer-Preis-Träger Stanton Delaplane , der das nachtschwarze Gebräu nach San Francisco brachte, in seine Stammkneipe "Buena Vista". Diese ist zwar auch heute noch dem irischen "Lebenswasser" treu, dort sollen pro Jahr 18720 Liter pro Jahr ausgeschenkt werden. Allerdings löste man dort vor zwei Jahren einen Skandal in der amerikanischen Irish-Coffee-Community aus: Man wechselte von dem eigens für sie speziell hergestellten Whiskey von Cooley Distillery (County Louth) zum Massenprodukt Tullamore aus Dublin.

Den heißen Kaffee trinkt man übrigens stilecht durch die kühle Sahnekrone hindurch, Milchbärtchen inklusive. Und ohne Zucker geht nicht, erst er sorgt für das sanfte Schweben der Sahnehaube auf der Oberfläche des Kaffees. Über die zartschmelzenden, schokoladigen Kalorienbomben namens Brownie, die man dazu genießt, berichten wir ein andermal.

Sonntag, 7. Dezember 2008

Mehr Tipps für den gelingenden Irland-Trip

"How to travel Ireland" - Wir werden oft um Tipps für den optimalen Irland-Urlaub gebeten. Heute im Blog noch eimal fünf unserer ganz subjektiven Irland-Tipps. Die ersten fünf gab es am Samstag.

1. Meide die Ostküste,
Du könntest genauso gut daheim bleiben.

Die irische Ostküste sieht heute aus wie der kontinentale Rest Europas: zersiedelt, von Straßen zerschnitten, industrialisiert und landschaftlich ohnehin immer schon eher gewöhnlich. Will heißen: Man kennt´s. Wer deshalb nur ein, zwei Wochen Zeit nach Irland mitbringt, sollte den Osten erst gar nicht in Erwägung ziehen und diesen souverän überfliegen (Dieses Statement ist natürlich gegenüber einzelnen Orten wie Newgrange, Cashel oder Tara vollkommen ungerecht...).

Also, den Osten überfliegen, in Cork, Kerry oder Shannon landen und dann die Westküste rauf und runter genießen: dort am Atlantik liegt das faszinierend andere Europa. Mizen, Muntervary (Sheeps Head), Beara, Iveragh (Kerry) und Dingle, die fantastischen fünf Halbinseln im Südwesten; dann West Clare, die Aran Islands, Connemara, vielleicht noch der hohe Norden Donegals. Berge, Meer, der weite Raum...

2. Wage einen Ausflug nach Belfast
Für alle, die nun den Eindruck gewonnen haben, wir wären stadtfeindlich: Schaut in Belfast vorbei. Nachdem ihr es schon einmal in den hohen Norden gebracht habt, lohnt ein Abstecher nach Osten in die Haupstadt Nordirlands. Belfast war in Zeiten der „Troubles“ eine belagerte, eine hermetische, eine gemiedene Stadt. Beklemmend die Straßensperren, Wachtürme, die Omnipräsenz von Polizei und paramilitärischen Truppen. Doch all dies ist Vergangenheit, die Zeiten sind friedlicher geworden. Belfast, die Schöne des Nordens, hat sich in den vergangenen Jahren zu einer fast normalen Stadt gewandelt. Anschauen lohnt sich. (Wer es schafft, ein paar Kilometer außerhalb der City am Belfast Lough Carrickfergus zu besuchen, den bittet der Autor um eine Postkarte. Er hat es bis heute nicht hinbekommen, den in seinem Lieblingssong besungenen Ort zu besuchen.)

3. Lass den Ring of Kerry links liegen
Irland, das ist im allgemeinen positiven Vorurteil Dublin und ein ländlicher Vorort namens Ring of Kerry (Gold). Dass diese Ringstraße um die südwestliche Halbinsel Iveragh gerade in Deutschland so berühmt geworden ist, liegt nur zum Teil an der landschaftlichen Schönheit und zum anderen an der Tatsache, dass der irische Tourismusminister lange Jahre aus Kerry kam. Die irische Politik funktioniert in hohem Maß nach tribalistischen Prinzipien, und so floss aus Dublin viel Geld nach Kerry, um den Ring touristisch auszubauen und ihn für große Reisebusse zu öffnen.

Ruhiger und landschaftlich genauso schön (wenn nicht schöner) sind die Nachbar-Headlands Beara und Sheeps Head oder Nord-Dingle. Der eigentliche Reiz von Kerry liegt im Landesinneren und ragt einen Kilometer weit in den Himmel: Die Kerry Mountains mit der faszinierenden Bergkette MacGillycuddy´s Reeks und Irlands höchstem Gipfel Carrauntoohil (1039m). Es mutet wie Abenteuer an, auf den kleinen Straßen durch das Blackwater oder das Gap of Dunloe den Weg durch die Berge zu suchen.

4. Bekenne Dich zum B&B
Das Bed & Breakfast (B&B), Übernachtung mit Frühstück bei Ma Murphy oder Mrs O´ Shea, war Jahrzehntelang das Rückgrat des irischen Tourismus. Die irische Institution aus der Zeit, als Tourismus noch Fremdenverkehr war und der Gast im Fremdenzimmer übernachtete, kommt in die Jahre. Viele Iren haben es zu Wohlstand gebracht und verlangen heute auf ihren Wochenend-Trips und in den Sommerferien standesbewusst nach einem Ferienhaus oder einem schicken Hotel mit Pool und Gym.

Das moderne Irland blickt ohnedies ein wenig mitleidig auf seine eigene Vergangenheit. Für manchen urbanen Dubliner gilt prinzipiell alles, was vor 1960 erfunden wurde, als verachtenswert, und so mußte auch das B&B im Lauf der letzten Jahre einen gewissen Bedeutungsverlust hinnehmen. Dennoch, und da wir Traditionen lieben: Es geht nichts über ein gutes B&B: Man findet es überall, in allen Landesteilen, an fast jeder Straße. Man wählt es (wenn man nicht gerade im ausgebuchten August unterwegs ist) spontan spätnachmittags nach Preisverhandlung und kurzem Matratzentest. Es ist preiswert, und mit etwas Glück schließt sich dem reichhaltigen Frühstück ein nettes Gespräch mit der Hausherrin oder dem getreu assistierenden Herrn des Hauses an.

5. Betrachte Irland von oben
Dass es in Irland viele satt-grüne Wiesen gibt, um die Schafe zu ernähren, ist bekannt, die vielen Seen,den Bootstrip auf dem Shannon und das Meer – schließlich ist Irland eine Insel - kennt man auch. Nur die irischen Berge haben bis heute wohl nicht die richtige PR-Agentur gefunden. Besucher sind immer wieder erstaunt, wenn sie vor einem der mächtigen Bergmassive hier im Südwesten stehen. 700 Meter Höhe, 900 Meter, ja 1039 für den höchsten, das klingt nach Hügel, geradezu läppisch. Ist es aber nicht.

Die Berge ragen direkt aus dem Meer dem Himmel entgegen, viele haben alpines Format, sind anspruchsvoll und schwer zugänglich. Dass die irischen Berge gerne unterschätzt werden, lässt sich aus den regelmäßigen Berichten der Bergrettungsvereine erfahren. Menschen, die in T-Shirt und Flip-Flops hoch hinaus wollen und sich im aufziehenden Nebel gefärhlich verlaufen, sind leider keine Seltenheit. Genug gewarnt: Wer kann und gut zu Fuß ist, sollte Irland erhaben von oben betrachten. Wer auf Nummer sicher gehen will, kann sich führen lassen. Wir gehen mehrmals im Jahr hinauf auf den einzigartigen Aussichtsberg Sugar Loaf hoch über Atlantik und Bantry Bay oder auf den mächtigen Hungry Hill auf der Halbinsel Beara. Wir gehen, mein Klettern, kein Kraxeln. Wer mitwandern will, ist willkommen.

Samstag, 6. Dezember 2008

Kleines Manual für den gelingenden Irland-Urlaub

"How to travel Ireland" - Wir werden oft um Tipps für den optimalen Irland-Urlaub gebeten. Heute deshalb im Blog die ersten fünf unserer ganz subjektiven Top Ten Irland-Tipps.

1. Reformatiere die Erwartungen
Ueber Irland und die Iren ist viel Plattes, Klischeehaftes und Falsches geschrieben worden. Vergiss die heile Welt von Whiskey-Romantik, Kerry Gold, friedlich furzenden Schafen und den nettesten Menschen, die an jeder Strassenecke auf Dich warten und viel Zeit fuer ein Schwätzchen haben. Sind die Erwartungen erst einmal neu formatiert, laesst sich dieses uneuropäischste Land Mittel- und Westeuropas mit unverstelltem Blick geniessen. Irland im Jahr 2008 ist aufregend anregend.

2. Lies vorher ein (1!) Buch
Wenn Du zu den Lesenden gehoerst: Reisefuehrer sind langweilig und fuer viele langweilige Reisen direkt verantwortlich. Ein gutes GPS (um zurueck auf die Hauptstrasse zu finden) und „McCarthy‘ s Bar“, der virtuose Reisebericht des irischstaemmigen Englaenders Pete McCarthy, sollten Dich weiter bringen. Pete bereiste Irland mit Leidenschaft und wachen Augen. Sein oberstes Reisemotto: „Gehe nie an einer Kneipe vorbei, die Deinen Namen traegt“. (Tipp 2a: Nimm vor der Abreise den Beinamen „O‘ Sullivan“ an.)
3. Mache Deinen Frieden mit Ryanair (hasse M. O´L. wenn es hilft)
Ryanair-Chef Michael O‘ Leary ist einer der meist gehassten Iren der Welt. Seine rigiden Geschäftspraktiken, sein aggressiver Umgang mit Freund und Feind, vor allem aber die versteckt-fiese Tour, wie Ryanair seine Kunden abkassiert (sicher werden wir bald per Kilo Körpergewicht abgrechnet), haben ihn zum Watschenmann Nummer 1 gemacht. Beschliesse deshalb am besten kategorisch, Dich ueber Ryanair nicht aufzuregen und ausser einem guenstigen Endpreis und dem sicheren Transport nach Cork, Kerry oder Dublin nichts zu erwarten: kein freundliches Personal, kein Uebergepaeck, keine gemuetlichen Sitze, kein kostenloses Getraenk. Auch wenn die Preise nie so gut sind, wie sie zunaechst wirken: Sie sind meistens viel guenstiger als die der Konkurrenz und sie sind im Vergleich zu frueheren Jahren bezahlbar. Es lohnt sich im uebrigen schon deshalb, sich mit Ryanair zu arrangieren, weil die gute alte Aer Lingus entweder bald tot sein oder aber zu Ryanair gehoeren wird. Und weil die Autofahrt vom Kontinent nach Irland grauenhaft lang und teuer ist.

4. Verlasse Dich auf ein kleines Auto
Gut, es gibt Autobahnen in Irland und grosszuegig ausgebaute Strassen gibt es auch. Ich nehme aber an, dass niemand Irland bereist, um das Autobahnnetz zu erkunden oder das zu suchen, was er von daheim schon kennt. Weil wir das Andere suchen, wenn wir reisen, dürfte Euch Eure Irlandreise mit ziemlicher Sicherheit in den Südwesten, den Westen und den Nordwesten des Landes führen, dort vielleicht auf die vielen kleinen Küstenstrassen auf den herrlichen Halbinseln der atlantischen Westküste - und spaetestens dort, lernt man ein kleines Vehikel zu schätzen. Denn abseits der Städte und der Rennstrecken präsentieren sich viele Verkehrswege noch immer wie vor 50 Jahren : eng, kurvig, unausgebaut. Es macht viel Spass, auf diesen Straßen zu fahren, und es fällt (natürlich auch dem Geldbeutel) leichter mit einem kleinen Corsa, einem Fiesta oder einem Polo. Der Linksverkehr ist im übrigen schon nach 20 Minuten kein Thema mehr, die vielen Kreisel lassen Kreuzungs-Stress erst gar nicht aufkommen.

5. Vergiss Dublin
Das Los Angeles Europas, eine stinkende, vom Verkehr erstickte, Dutzende Kilometer nach Norden und Süden planlos wuchernde Grossstadt an einem stinkenden Fluss namens Liffey, bekannt für schlechte Luft und schlechtes Wasser. Das soll der Hit sein? Zugegeben: Es gibt auch das Dublin des James Joyce, es gibt Temple Bar, Stephen‘ s Green und viel Kultur in geschlossenen Räumen. Wer mindestens vier Wochen Zeit für Irland hat, sollte einen Tag in der Hauptstadt einplanen. Auch Soziologen und Stadtplaner mit einem Faible fuer gescheiterte Zivilisationsprojekte müssen unbedingt hin. Für alle anderen gilt: Vergiss Dublin. Es ist der meist überschätzte Ort auf der ganzen Insel. In unserer Negativhistliste Platz zwei hinter Limerick.

Noch fünf Irland-Tipps gibt es morgen. Hier. In diesem Blog.

Freitag, 5. Dezember 2008

Die kommunikative Luftbrücke

Das Leben an der westlichen Peripherie Europas bringt neben vielen Vorteilen und einigen kleinen Widrigkeiten einen gewaltigen Nachteil mit sich: Die technische Ausstattung der letzten Internetmeile ist mehr als dürftig. Breitband-Internet (DSL)? Theoretisch vorhanden, praktisch aber Fehlanzeige. Die anerkanntermaßen schlechteste TelCo Europas, Eircom, hat es bis heute nicht geschafft, schnelle Leitungen in den ländlichen Gebieten West Corks einzuführen. So waren wir bis zum vergangenen Sommer auf lahme ISDN-Verbindungen (hier euphemistisch "High Speed" genannt) angewiesen. Im August aber änderte sich fast alles.
Seit einigen Monaten vertreibt das Start-up "National Broadband" in Kildare bidirektionales Breitband-Internet über den Satelliten Astra zum erträglichen Preis: 2Mbps down- und 256K upstream gibt es für 95 Euro im Monat. Wir haben uns eine dritte Schüssel aufs Bürodach gesetzt und sind endlich auch breitbandig dabei. Die kommunikative Luftbrücke der luxemburgischen Astra-Tochter SES Astra kann übrigens nahezu europaweit genutzt werden und sollte auch Versorgungslücken in Schweden, im Hochschwarzwald, auf den Halligen oder im Elsaß schließen.

Das mit DSL 2000 vergleichbare Breitband-Internet aus Luxemburg hat nur einen einzigen Haken: Wer mehr als 5 Gigybyte pro Monat konsumiert, wird für den Rest des jeweiligen Monats gnadenlos mit Geschwindigkeitsentzug abgestraft. Diese Geschäftspolitik nennen die Astras "Fair Usage Policy" und sie unterstellen, dass Streaming etwas ist, was der faire Nutzer eigentlich nicht tut. Alle Versuche, mehr Menge mit mehr Geld zu erkaufen, sind bis heute gescheitert. So warten wir ungeduldig auf den 15. Dezember und darauf, dass wir wieder auf maximale Geschwindigkeit gesetzt werden.

Dienstag, 2. Dezember 2008

Ein Gespenst geht um in Europa

...das Gespenst des Kommunismus... Ja, so beginnt eines der wirkungsmächtigsten Bücher der Geschichte, das Kommunistische Manifest von Marx und Engels aus dem Jahr 1848. Wer hätte vermutet, dass die berühmten "Blauen Bände" , die Marx Engels Werke (MEW), im 9. Jahr des 21. Jahrhunderts plötzlich wieder Hochkonjunktur haben? Das liegt ganz zweifelsfrei daran, dass die Konjunktur des frei marodierenden Finanz-Kapitalismus in einer ausgeprägten Tiefphase unterwegs ist und dass die Menschen verstehen wollen, wohin diese Reise uns alle führt. Das Gespenst, das umgeht, scheint nun, 160 Jahre später, der Kapitalismus selbst.

So ganz im literarischen Trend habe ich - nach etwa 25 Jahren Blau-Pause – mal wieder in Band 3 der MEW geblättert, über die Feuerbach-These 11 gelesen ("Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern") und einen meiner Lieblingshalbsätze von Marx nachgeblättert, den ich im Lauf der Jahre immer wieder gerne und sicher sehr eigenwillig interpretiert habe: "„.... und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.“

Nun züchten wir kein Vieh, sind Fast-Vegetarier, und die Fische sind auch recht sicher vor uns; doch noch immer gehen wir gerne vielen verschiedenen Tätigkeiten nach. Ich bin Journalist, Lohn-Schreiber, Kommunikations-Hersteller, Internet-Publisher, Blogger, Reiseveranstalter, Reiseführer, Wanderer & Läufer, Event-Organisator ( www.irland-wandern.de ). Frau Eliane frönt als Dozentin, Lehrerin und Anwenderin der Aromatherapie mit eigener Schule und arbeitet als Grafik-Designerin, Fotografin, Bloggerin. Zusammen liefern wir Wort und Bild, Text und Layout, Content und Design. Wir arbeiten tatsächlich wenig arbeitsteilig, versuchen möglichst vieles selber zu machen – was Segen und Fluch ist, jedes zu seiner Zeit (derzeit wieder Fluch, weil die Arbeit einfach nicht aufhören will). Marx hätte hier einzuwenden, dass wir Einiges falsch verstanden haben, weil unser "Bauchladen" nicht dem Reich der Freiheit sondern dem der Notwendigkeit angehöre. Nun, ja...

Als ich von meinem Blauen Buch wieder aufschaute, waren die Aktienkurse jedenfalls noch tiefer in den Keller gerauscht. Die Krisenticker rotierten und spuckten schlechte Nachrichten im Minutentakt. Frau Merkel zögert weiter, und den Irischen Banken geht es auch ganz schlecht. Das sieht nach Blauem Wunder aus. Ein Gespenst geht um in Europa. In Amerika. In Asien (von Afrika redet nie einer). Und in Australien.

Montag, 1. Dezember 2008

Ein wichtiger Tag für Glengarriff

Heute treffen sich die Mitglieder des Tourismus- und Entwicklungsvereins von Glengarriff, um einen neuen Vorsitzenden zu wählen. Das ist ungefähr so wichtig wie ein Sack Reis, der in China umfällt? Nicht für die Menschen in Glengarriff jedenfalls. Die 800 Einwohner-Gemeinde, in der wir leben, wird wie die anderen Gemeinden West Corks aus dem 80 Kilometer entfernten Cork City regiert und verwaltet. Eine kommunale Selbstverwaltung mit Rathaus und Parlament, wie wir es in Deutschland kennen, gibt es in den irischen Gemeinden nicht. Statt dessen regieren vor Ort meist das Vakuum, der Zufall und gute persönliche Beziehungen.

Die "lokale" Regierung in Irland, das sind die ortsfernen County Councils, und die sind mit den Regierungspräsidien oder gar den Ländern in Deutschland zu vergleichen. Weil Selbstverwaltungs-Gremien, Institutionen und Budgets im Dorf fehlen, sind Planung und Entwicklung im Sinne der Gemeinde kaum möglich. Vieles hängt von Einzel-Initiativen ab, der gut geölte persönliche Kontakt zum gewählten Abgordneten im Cork County Council erweist sich meist als entscheidend, wenn etwas geschehen soll. Zwar hat die Regierung das eklatante Demokratie-Defizit mittlerweile erkannt und arbeitet an Konzepten, geändert hat das bislang nichts.

In diesem politischen Vakuum spielt der Tourismus-Verein von Glengarriff (Fotos des traumhaft schönen Ortes gibt es hier) seit Jahren eine wichtige Rolle. Er bietet die einizge lokale Plattform für Diskussionen und politische Meinungsbildung. Der Vorsitzende und der Sekretär des Vereins agieren im Grunde als Ersatz für den Bürgermeister und seinen Hauptamtsleiter, und wenn diese rein ehrenamtlich arbeitenden Leute anpacken und sich engagieren, können sie – wie etwa ein Terence O´Shea in den vergangenen Jahren - für die Gemeinde viel Gutes bewirken. Deshalb ist heute ein wichtiger Tag für die Gemeinde Glengarriff, auch wenn die Wahl selbst den meisten Einheimischen so egal ist wie der Sack Reis in China.

Sonntag, 30. November 2008

Es herrscht wieder Ruhe im Land

Sonntagmorgen. Die Stille wird wieder zur Gewohnheit. Hörst Du die Stille? Kein Baulärm, kein Baggern, kein Sägen, kein Steinebrechen. Der Verkehr auf den noch immer engen Straßen hat merklich abgenommen. Es herrscht wieder Ruhe im Land. Die Baustellen stehen still, Arbeiter-Trupps bleiben zuhause, ehrgeizige Renommierprojekte, geeignet, ganze Dörfer in weniger als zwölf Monaten zur Unkenntlichkeit umzubetonieren, werden auf eine bessere Zukunft verschoben. Als wir im Sommer 1999 in der Bantry Bay in Südwest-Irland ankamen, um eine Zeitlang zu bleiben, waren die Nächte dunkel und still. So still, dass sie uns nicht schlafen ließen. "Hörst Du die Stille?" fragten wir uns gerne. Der materielle Wohlstand Irlands wurde in vielen Tauschwährungen gehandelt: Boden wurde zu Euros, Müsiggänger zu Getriebenen, Stille zu Lärm. Nun ist Aus-Zeit. No bother, wir leben im schönsten Land Europas. 

Samstag, 29. November 2008

Aus der Geschichte der anderen lernen

Können Menschen aus ihrer Geschichte lernen? (Ja) Können Menschen aus der Geschichte anderer lernen? (Manchmal). Können Gesellschaften und Nationen aus ihrer Geschichte lernen? (Selten). Und können Nationen aus der Geschichte anderer Nationen lernen? Nie oder fast nie. 1983 war Antalya an der türkischen Südküste eine Idylle, Side ein Fischernest. Als mir in jenem Jahr ein Tourismus-Manager in Antalya weis machte, die Türkei werde aus den Fehlern der großen Urlaubshochburgen in Italien und Spanien lernen und die Zubetonierung der Küste ganz sicher vermeiden, da glaubte ich dem Mann in spät-jugendlicher Naivität. 25 Jahre später kennen wir alle das Ergebnis der Lernprozesse Antalyas.

Nehmen wir Irland. Die Jahre des keltischen Wirtschafts-Tigers haben die Müllberge im Land dramatisch anwachsen lassen. In den vergangenen zehn Jahren wurde den Menschen von der Politik ständig gepredigt, sie sollten Abfall reduzieren und vermeiden. Die politisch Verantwortlichen kannten die Probleme also recht genau. Die Müllmengen stiegen unverdrossen weiter und die Regierung schaute zu. Zahlreiche wichtige Deponien im Land müssen schon in den nächsten zwei bis fünf Jahren geschlossen werden, weil sie dann voll sind, ein realistisches Müll-Konzept ist aber nirgendwo in Sicht. Schon reiben sich die Profiteure des weltweiten Müll-Tourismus die Hände, in Irland werden sie bald fette Beute machen. Wir freuen uns derweil schon auf die Erhöhung der Müllgebühren ...

Passiert ist eigentlich nur das, was sich in den euroäischen Nachbarländern 20 oder 30 Jahre früher schon ereignet hatte: Mehr Wohlstand produzierte mehr Müll. Theoretisch hätte eine Regierung daraus lernen können. Doch grau ist alle Theorie, und die Geschichte, und all der Müll sowieso. No worry...

Freitag, 28. November 2008

Ein Wetter wie einst im Mai

Nach einem desaströsen Sommer, dem schlechtesten seit 100 Jahren (in Dublin sogar dem nässesten seit 158 Jahren) wurden wir im traditionellen Regen- und Sturmmonat November mit reichlich Sonne und gutem trockenen Wetter verwöhnt. Bereits im November 2007 hatte es kaum geregnet. Es wäre dennoch voreilig, den November nun zum neuen Wonnemonat zu erklären. Es handelt sich um Ausreißer, erklären uns die Meterologen – Anomalitäten des Wetters, die nicht einem klaren Muster folgen. Launen eben. So müssen wir weitere 50 bis 100 Jahre warten, um die wackelige Theorie mit dem Mai- und dem Novemberwetter bestätigt, oder wie Herr Popper gerne sagte, falsifiziert zu finden. Wir halten Sie auf dem laufenden.

Unser Nachbar Stefan - ja, der mit den 10 Euro am Tag – zeichnet seit 20 Jahren täglich die lokalen Wetterdaten auf. Er misst die Sonnenscheinstunden, die Regenmenge, die Windstärke und überträgt alle Erkenntnisse minutiös auf Millimeterpapier. Wir wollen ihm künftig einmal im Monat über den Rücken schauen und an dieser Stelle eine kleine restrospektive Wetterinterpretation versuchen. Das Foto mit Blick über die Bantry Bay entstand übrigens heute morgen, vor einer Stunde. An einem kaltem Morgen nach der Nacht mit dem ersten leichten Frost (-1°C). Und Sonne satt im schönsten Land Europas.

Donnerstag, 27. November 2008

Nördliches Wandern im Westen



Klack, klack, klack, klack, klack, klack. 
Klick.
Klack.


Die bisweilen lautstark ausgetragenen Dispute zwischen Nordic-Fans und stock-verachtenden Lauf-Normalos scheinen in Deutschland allmählich zu verstummen. Wahrscheinlich haben die meisten Stock-Hasser sich inzwischen klammheimlich eingestanden, dass das gute alte Gehen oder neudeutsch "Walken" ziemlich unclevere Traditionen sind – zumindest, wenn man das wöchentliche Bewegungspensum unter Fitness- und Effizienz-Aspekten betrachtet. (Als Nordic Walking Trainer möchte ich dem Nordic-Walking-Hasser Achim Achilles, alias Hajo Schumacher, dem Lauf-Plauderer von Spiegel online, jedenfalls einmal ausdrücklich für seine öffentlichkeitswirksame Kampagne danken).

Vor über fünf Jahren jedenfalls, im Jahr 2003, war ich aufgrund eines schmerzenden rechten Kniegelenks mit meinem alten Läufer-Latein derart am Ende, dass ich schließlich den Rat von Frau Eliane (die es mit dem Sport nicht so sehr hat) annahm: ich fing an, wieder am Stock zu gehen und fand Gefallen am Modesport Nordic Walking. Schon in den 70er Jahren hatten wir aktiven Ski-Langläufer im Sommer unsere langen Bergläufe regelmäßig mit Langlaufstöcken absolviert und so – genau genommen – das Nordic Walking begründet. Ich jedenfalls beschloss, die Trainerlizenz zu machen, wanderte mich stockgestützt aus dem Körpertief  und kann lange schon wieder ordentlich laufen (Laufen im Sinne von Joggen, Halbmarathonzeit: 1:33 Stunden). Heute zeigen wir Gästen und irischen Hausfrauen, wie sie sich mit Nordic- Walking-Stöcken erfolgreich aus den Sofakissen stemmen. 

Die Menschen, die uns aus den Ländern mit einer nordischen Tradition besuchen, gehen meist gerne mit am Stock, weil sie Nordic Walking seit Jahren kennen.  Ganz anders die Iren. Das Skifahren haben sie erst für sich entdeckt, seit sie dank eines gewissen Wohlstandes zum Vergnügen ins Ausland reisen können, also vor fünf oder zehn Jahren.  Vormittags und in der Dämmerung am Straßenrand platzgreifend mit den Armen rudernde Frauen - manchmal alleine, manchmal im Pulk - frönen dem stocklosen "Power Walking", das es hierzulande zu einer gewisse Popularität gebracht hat, seit es als gesund gilt. 

Vor zwei Jahren haben wir nun beschlossen, zurück zu missionieren, nachdem die Iren uns Deutschen ab dem 5. Jahrhundert knallhart und ungemein erfolgreich das Christentum antrainiert haben. Wir geben Nordic Walking Kurse für die Frauen (und einige spleenige Herren) in der Bantry Bay und haben Glengarriff kurzerhand zur Nordic-Walking-Metropole Irlands erklärt. Inzwischen hat selbst der katholische Pfarrer von Bantry in seiner Sonntagspredigt die segensreichen Wirkungen des "pole walking" gepriesen, und Mary Finucane, eine populäre Radio-Moderatorin trommelte in ihrer Morning Show für unsere Disziplin. Die Anrufe aus den Tiefen des Insellandes mehren sich, manche Leute in Cork finden mittlerweile den Weg nach Glengarriff, um sich von uns die richtige Technik zeigen zu lassen, und bewegungswillige Damen aus Dublin wollen am Telefon wissen, wo sie ihrem Spontankaufbedürfnis nachgeben und in der Hauptstadt ein paar "richtige" Stöcke kaufen können. Sie sehen, es geht voran im Westen, im schönsten Land Europas.

Mittwoch, 26. November 2008

Schwitzen wie die Vorfahren

Alle ein, zwei Monate lädt unser Freund und Nachbar Stefan zu einer Männer-Sauna ein. Heute haben wir wieder geschwitzt und geschwatzt, Bodo, Stefan und ich. Bei trockenen 90 Grad in der Kieferholz-Sauna, ganz skandinavische Lebensart. Dass Stefan ein luxuriöses Leben als Selbstversorger führt und wie er mit 10 Euro am Tag auskommt, erzähle ich ein anderes Mal, heute möchte ich auf eine vollkommen andere Dimension des Schwitzens hinweisen. Ein halbes Dutzend Mal im Jahr feiern wir auf unserem Land am Fluß im Wald eine Schwitzhütte in der alten Tradition der Lakota-Indianer. Die meisten alten Kulturen kannten dieses Ritual zur Reinigung des Körpers, des Geistes und der Seele. In Irland gingen die Menschen dazu in massive Schwitzhäuser, im Orient ins Hamam, in Nordamerika bauten und bauen sie sich eine tragende, runde Struktur aus Haselnuss- oder Weidenruten und bedecken diese mit Wolldecken oder Fellen. In einem kunstvoll geschichteten Feuer werden rund 40 blumenkohlgroße Steine erhitzt, bis sie glühen. Dann werden sie in die vollkommen dunkle Schwitzhütte gebracht, wo die Teilnehmer vier "Türen" lang auf der Erde um die Steine herumsitzen, schwitzen, Einkehr halten, sich mit inneren Bildern und manchmal auch mit den eigenen Dämonen auseinandersetzen. Später werden sich die meisten (wie) neugeboren fühlen. Frisch, rein und innerlich verändert: gelöst, gelassen, manchmal geläutert. Unser Freund Uwe hat das Ritual von den Lakotas und von einem Schweizer Religionslehrer gelernt. Er kommt aus Paris und Brüssel, um die Schwitzhütten zu leiten. Was "Türen" sind und wie eine Schwitzhütte abläuft, haben wir hier auf unserer Website beschrieben .

Dienstag, 25. November 2008

Betteln verboten

Die Wirtschaftsfachleute Irlands, die sich bis vor einem Jahr gar nicht vorstellen konnten, dass der Wohlstand des Landes auf einer riesigen explosiven Spekulationsblase kultiviert wurde, dieselben Experten sagen jetzt Schlimmstes voraus: Sie erwarten im nächsten Jahr über 10 Prozent Arbeitslose. Die nächste Auswanderungswelle rollt demnach schon? Die unpopuläre Regierung Brian Cowens zumindest bereitet sich konsequent auf harte Zeiten vor und kündigt die erste Reform der Bettler-Gesetze seit der Großen Hungersnot in den Jahren 1845-48 an. Das neue Gesetz soll das Betteln unter Strafe stellen, Justizminister Dermot Ahern will den Leuten mit der offenen Hand und dem Pappbecher bis zu 700 Euro Strafe oder einen Monat Haft aufbrummen. Schön, dass die Regierung endlich aktiv gegen die Wirtschaftskrise vorgeht und die verzweifelten Handaufhalter von Dublins Konsummeilen radikal verbannt. Symbolische Politik par excellence. Es war schon immer leichter, die Tabakwerbung zu verbieten und nicht den Tabak selbst. Unser Foto stammt aus den guten alten Zeiten, den frühen 80er Jahren, als Irlands Kinder noch ungestört vor den Banken der Hauptstadt betteln durften. Demnächst müssen sie dafür 700 Euro zusätzlich für die Staatskasse erbitten, während die Bettler in den Banketagen dahinter mit Milliardengeschenken rechnen dürfen. No worry, wir leben im schönsten Land Europas.

Sonntag, 16. November 2008

Mögen Sie Muscheln?




Irland live. Wir leben im Westen des County Cork, genannt West Cork – und dort in der Bucht von Bantry. Bantry Bay ist mit ihren 36 Kilometern die längste Bucht Irlands und eine der schönsten der Welt. Ihre Schönheit wird in vielen Liedern besungen ("Star of the County Down") und in der Literatur gepriesen (Thackeray´s Irish Sketchbook). Die Blicke an schönen Tagen sind überwältigend, eine Kanufahrt in der Bay gehört zu den herausragenden Erlebnissen für Naturfreunde. Allerdings hat auch das bedenkenlose Profitstreben in den letzten 20 Jahren vor diesem Juweel nicht halt gemacht. In der Bucht wurde in dieser Zeit mit massiver finanzieller Unterstützung der EU die größte Muschelzucht Europas aufgebaut.
Muschelfarmer arbeiten traditionell mit viel Kunststoff: Plastikschnüren, Seilen, Stricken, Tonnen. Da das Meer in Irland immer als Mülldeponie betrachtet wurde (was in Vor-Kunsttoff-Zeiten auch gut funktionierte), überantworteten auch die Muschelfarmer ihre ausgedienten Schnüre, Tonnen, Stricke und Seile einfach dem Meer. Das Ergebnis kann jedes Frühjahr nach den Winterstürmen an den Stränden betrachtet werden: Sie sind übersät mit Plastikabfällen jeder Größe. Die einfache und doch so folgenschwere Rechnung: Die Miesmuschelindustrie entsorgt seit Jahren zum Nulltarif auf Kosten der Allgemeinheit (wer auch immer das ist...). Die Leidtragenden sind die Bauern, deren Kühe das angeschwemmte salzüberzogene Plastik fressen, die Vögel und die Fische, sowie die Leute, die den Müll aus ihren Gärten und Feldern sammeln müssen. Und natürlich die Tourismusindustrie.
Hinter dem Hauptverschmutzer der Bucht, der größten Muschelfirma namens Bantry Bay Seafoods, wie auch hinter dem größten Bauunternehmen und der größten Windfarm der Region, steht ein Mann: Bob Murnane. Patriarch Bob waltete Jahrzehnte lang nach Gutsherrenart und hat die über weite Strecken herrschende Partei des Landes, Fianna Fail, finanziell immer gut bei Laune gehalten. Bob gibt Arbeit, Bob hat Beziehungen, Bob hat Macht. Doch auch diese Macht stößt nun an Grenzen.


Wir arbeiten seit drei Jahren daran, Lösungen im Einvernehmen mit den Muschelfarmern zu finden. Die kleinen Unternehmen haben ihre Verantwortung für die Verschmutzung unumwunden zugegeben und kooperieren von Beginn an, sie säubern jährlich im Frühjahr gemeinsam mit Anwohnern die Strände vom angeschwemmten Müll. Bob´s Bantry Bay Seafoods allerdings zeigte sich lange unbeeindruckt, das Entsorgunsverhalten zu überdenken, warb aber auf der Firmenwebsite unverdrossen damit, Umweltschützer Nummer 1 zu sein. Nun weht dem Unternehmen, nach Skandalen mit giftigen Muscheln in Frankreich, Irland und den USA, der Wind scharf ins Gesicht, und man wird sehen, ob sich etwas bewegt. Saubere gesunde Muscheln jedenfalls, da sind wir sicher, kommen aus sauberen Gewässern und aus sauberen Farmen. Oder nicht? Bob´s Seafood-Website hat übrigens die Adresse www.bantrybayseafoods.com . Da können Muschelliebhaber und Strandspaziergänger sicher auch mal hinschreiben.

In wenigen Tagen sollen die Muschelfarm-Besitzer nun einen Code of (Best) Practice (CoP) unterschrieben, den der engagierte Hafenmeister von Bantry, Alec O´Donovan, mit Unterstützung der Bürgerinitiativen und der Muschel-Kooperative entwickelt hat. Mit der Unterschrift würden sich die Muschelfischer erstmals und freiwillig dazu verpflichten, sauber und umweltgerecht zu wirtschaften. Wir setzen auf "freiwillig", weil man von der irischen Umweltpolitik so gut wie gar nichts erwarten kann. Wie es weiter geht – demnächst an dieser Stelle. No bother. Wir leben im schönsten Land Europas.

Samstag, 15. November 2008

Dylan on the Irish radio

Seit 2006 läuft jede Woche Bob Dylans schon legendäre Radio-Sendung "Theme Time Radio Hour". Der US-amerikanische Satelliten-Sender XM hat das Radio zu neuem Leben erweckt und mit dem alten Genial-Zausel Dylan-Zimmermann seinen besten Vorturner engagiert. Der Meister stellt jeweils eine Stunde lang Musik zu einem Thema vor: Wetter, Zeit, Blumen, Autos, Sommer, Mutter, Heirat, der Teufel, Alkohol, Scheidung, alles sehr grundsätzliche Themen. Unumwunden zugegeben: Das beste an der Stunde ist immer die Dylansche Moderation. Der Mann weiß zumeist, wovon er spricht. Schon in frühen Jahren arbeitete er akribisch in Bibiliotheken, um seine meisterlichen Texte zu zimmern. Wenig war Zufall und gottgegebenes Genie. Der Mann ist gebildet.

Zwei Jahre lang versuchte ich, den US-Sender XM Radio und ein Satellitenradio in Irland zu ergattern, um diese Sendung endlich zu hören. Es misslang bis vor kurzem. XM Radio kann man mittlerweile zwar auf dem Internet empfangen, ein Abo ist allerdings nur mit einem Konto in den USA möglich, nachdem man die Testzeit von drei Tagen genossen hat (Dylan sendet immmer mittwochs). Das Satelliten-Radio in Irland ist mittlerweile immerhin im Großraum Dublin zu empfangen. Und dennoch wurde ich nun in der südwestirischen Provinz gleich zweifach mit der Theme Time Radio Hour beglückt: Phantom Radio Dublin  (empfangbar via Internet, strahlt das Dylan-Radio jeden Sonntag abend von 21 bis 22 Uhr GMT aus. Als ich Freunden von meinem Sucherfolg erzählte, brachten sie mir zwei Tage später freudestrahlend die Aufnahmen der ersten 48 Sendungen auf CD. No bother, wir leben im besten Land Europas.

Wanderlust = Sehn sucht zu Fuß

Herr Sehn sucht zu Fuß. Wir zumindest lieben (von McDonalds: I´m loving it) dieses Land, auf dem und in dem wir leben. Auch nach fast zehn Jahren freuen wir uns jeden Tag darüber, dass wir hier in Südwest-Irland sein können. Seit einigen Jahren zeigen wir Gästen die Orte in West Cork an der irischen Golfstromküste, die wir selber am meisten mögen. Das Projekt haben wir "Wanderlust" genannt - ein Germanismus, der sich in den frühen Jahren des 19. Jahrhunderts in der englischen Sprache eingebürgert hat. "Wanderlust" kommt aus dem Mittelhochdeutschen und beschreibt in der deutschen Romantik die Sehnsucht, Heimat und Fremde zu Fuß zu erkunden. Im Englischen drückte Wanderlust zunächst das Verlangen aus, wandernd die heimische und die fremde Welt zu erleben. Heute steht der Begriff auch für Reisefieber und Fernweh.

Das Geheimnis der Apfelrose

Bei einem Besuch in meiner Ur-Heimat, dem Schwarzwald, lerne ich den Schönauer Klaus Ruch kennen. Der Mann in den 50ern ist viel gereist, er kam erst in den 90er Jahren in seinen Heimatort zurück, um dort das zu schätzen, was er einst verlassen hatte. Klaus Ruch arbeitet für die SPD im Gemeinderat von Schönau, vor allem aber: Er sammelt alte Schwarzwalduhren aus dem 19. Jahrhundert. Nein, keine Kuckucksuhren. Die waren im Schwarzwald nie so beliebt, wie man die vielen Touristen später glauben machte um sie kaufen zu lassen. Die traditionelle Schwarzwalduhr ist die Lackschild-Stubenuhr mit schön bemaltem Zifferblatt. Klaus Ruch erklärte uns die Eigenheiten des Stollenuhrwerks  und zeigte uns seine tickenden Kostbarkeiten. Oft sind diese Uhren mit dem Motiv der Apfelrose verziert - nun fragen wir uns, warum dies so ist. Was symbolisiert die Apfelrose auf der Schwarzwalduhr?   

Es ist fast nicht zu spät

Finanzwirtschaft in Trümmern, Real(!)-Wirtschaft im freien Fall, und die Politik erobert das Gesetz des Handelns zurück. Zusammenfassung meiner kleinen Medienschau der letzten Wochen in einem Satz. Die Notwendigkeit von Wirtschaftswachstum als Garant von Wohlstand, Arbeitsplätzen und Stabilität wird beschworen. Wenig ist die Rede von (Vogelgrippe und) den Konsequenzen des Wachstums. Das Mantra des Wirtschaftswachstums hatte Niklas Luhman als Suggestion beschrieben, die aufgrund "zeitlicher Assymmetrie" tatsächlich wirkt und funktioniert. Die Nutzung von Ressourcen zur Wachstumsproduktion in der Gegenwart zahlen nämlich erst die kommenden Generationen.  
Dennis Meadows, ("Grenzen des Wachstums", Ex-Club of Rome, nun Club of Vienna) vertritt weiter standhaft seine klare und plausible Minderheiten-Position und fordert zur Umkehr auf: Das Wachstum muss aufhören. Die Bevölkerung wächst, der Ressourcen-Verbrauch wächst, aber die Erde ist endlich.  Meadows sieht die Kapazitäten der Erde bereits heute um den Faktor 1,3 überschritten (Nachhaltig wären 1,0 und weniger). Im  Klartext: Wir Menschen plündern die Erde und richten irreparable Schäden an. Ein Kollaps der Öko-Systeme steht bevor. Meadows benennt die möglichen Konsequenzen der Wachstumsbesessenheit: Wohlstand adieu, Abermillionen Tote, eine Welt im Chaos. Dabei hat die Menscheit alles Wissen, um die Verhältnisse zu ändern, die Zukunft zu gestalten und die Erde gesunden zu lassen. 
Was das mit uns zu tun hat, beschreibt anschaulich der neue Living Planet Report des WWF. Die Studie analysiert die Ressourcen-Belastung und die Ressourcen-Vorräte von 150 Ländern. So kann man sehen, dass Irland während der Celtic Tiger Party seine Ressourcen massiv und weit überdurchschnittlich verbraucht hat. Anderseits hat das Land  im europäischen Vergleich noch immer traumhaft große Vorräte an ungenutzter Landschaft, an Tieren, Pflanzen, an Wasser und reiner Luft. Es ist nicht zu spät. Wer allerdings die irische Umweltpolitik kennt - sie ist mit die nach- und fahrlässigste in ganz Europa, auch nachdem die Grünen erstmals in die Regierung gekauft wurden - der lässt gern alle Hoffnung fahren. No bother, wir leben im schönsten Land Europas.

London liegt nicht in Sibirien

Iren hassen Engländer. Iren lieben Engländer. Mehr dazu später. Mit Sicherheit lieben Iren den englischen Fußball. Manchester United, so legen es die Fanscharen nahe, liegt irgendwo in Irlands Nordosten. ManU is it. Und Chelsea London? Liebe und Hass. Polarisiert.  Chelsky eben. Dort spielen die veruntreuten Rubel des russischen Volkes. Auch Ballacks Füße wurden wohl gerade wieder mit Rubel gerichtet, die sich auf wundersamen Wegen von Moskau via Offshore-Institute in $ und € verwandelt hatten. Warum Chelsey London ein Schurken-Verein ist, erklärt Loretta Napoleoni nicht. In Ihrem Buch "Die Zuhälter der Globalisierung" beschreibt sie dafür anschaulich, wie sich die Privatisierung der Sowjetunion zugetragen hat und wie eine überschaubare Menge findiger junger Komsomolzen zwischen 1987 und 1998 Milliarden-Kasse machte. Schurken-Wirtschaft im rechtsfreien Raum, die Politik am Ende, Milliarden für die Oligarchen und Wodka für das Volk. Warum Roman Abramowitsch heute in London und Jukos-Chordorkowski in Sibirien lebt, ist bei "Russisch Monopoly" nachzulesen. 

Goethe steht noch immer dort

Goethe hätte es gewusst, aber ihn fragte keiner. Ich reiste vor ein paar Tagen nach Frankfurt und erlebte eine veränderte Stadt. Der Säulenheilige Frankfurts stand ungefragt auf seinem Goetheplatz im Zentrum von Frankfurt, wie vor Wochen, als die Gebrüder Lehman es in New York und anderswo krachen ließen. Dort steht er immer noch, spielt unmerkbar an einem Siegerkranz und schaut hinüber zum deutschen Hauptquartier der Geldvernichter, wo andere bereits gegangen sind. Lehman Brothers Frankfurt. Es brennen noch ein paar Lichter, die Zeiten haben sich geändert. Goethestraße, Schillerstraße, Fressgass: Die Bänker tragen gedeckte Farben. Angst nistet sich ein. Die Verkäuferin bei Hermès zupft gelangweilt an gestrigem Wohlstandsp(ul)lunder. Die große Geldvernichtungs-Maschine dreht den Frankfurt-typischen Arroganzfaktor ins Minus. Willkommen am Main.

Donnerstag, 13. November 2008

Ein Ausflug in die Dritte Welt Irlands

Das Gesundheitssystem ist eine der abschreckenden Seiten Irlands. Aufenthalte im Krankenhaus, bei der Public Nurse oder beim Health Board sind wie Trips in die 50er Jahre oder in die Dritte Welt (Eine kubanische Gesunheitsstation auf den Seychellen sah schon vor 20 Jahren besser aus). Was hat die irische Regierung in all den fetten Wachstums-Jahren mit dem vielen Geld gemacht? Ins Gesundheitssystem jedenfalls ist es nicht geflossen:

Heute waren wir mit unserem kleinen Sohn zu einer Augenuntersuchung, er scheint schlecht zu sehen. Zunächst warten in einem kalten, zugigen Vorraum voller Kartons mit Pflastern, Bandagen, Kochsalzlösungen und anderem Medizin-Zubehör. Dann betreten eines winzigen Raumes, an einer Wand ist der Putz auf der unteren Hälfte fast komplett abgebröckelt. Vielleicht beim Schieben des einzigen Plastikstuhles passiert... Die Mutter bekommt einen Fragebogen zu ausfüllen, kein Stuhl für sie in Sicht, sie kniet sich vor das winzige, überladene Schreibtischchen der schoolnurse, die für unseren Bezirk zuständig und alle paar Wochen diese Augensprechstunde für jeweils eine halbe Stunde anbietet. Der Raum ist auch in der Diagonale zu klein für die vorgeschriebenen 10 Fuß (3 Meter), um bei vermuteter Kurzsichtigkeit die Buchstabentafeln entsprechend weit entfernt vorführen zu können. Wäre der Kleine doch weitsichtig!!! Trotzdem versucht sie es sehr bemüht, sie ist wirklich sehr nett, der Kleine klemmt sich zwischen Bröckelwand und Waschbecken und hält ein Metermaß, die Schwester räumt umständlich einen Gegenstand aus der schräg gegenüber liegenden Ecke und und zieht das Metermaß zu sich. Busen einziehen, vielleicht kommen wir doch auf 10 Fuß. Da geht zum Glück die Nebentür auf, eine Ärztin wartet auf die ganz schlimmen Fälle und Kind und Schwester können durch den Türrahmen ihr Drei-Meter-Buchstabenspiel vollbringen. Dafür bekommt er eine orangefarbene und eine giftgrüne Faschingsbrille mit jeweils einer schwarz abgeklebten Seite, die er nacheinander aufsetzen muss. Da er in beiden Varianten viele Zeichen nicht entziffern kann, muss er nun in einen Lichtschein der Ärztin schauen. Sie spricht irisch mit ihm, er ist ganz verdattert. Ja, ist wohl ein schlimmerer Fall, er muss zur Spezialistin nach Skiberreen, circa 30 km entfernt. Wenn er Glück hat, wird er im Falle einer Absage von jemand anderem noch recht bald eingeschoben, es sei recht eilig. Ansonsten auf irgendwann mal.Today we went to see the local public nurse, our little son probably needs glasses. After waiting in a drafty room full of boxes with medical equipment such as dressings and bottles with saline solution we came into a tiny room. Our son noticed that the plaster of one of the walls was mostly broken. Maybe from someone moving the only chair, which was offered to the boy. I was asked to fill out a form. Oops, no place on the packed nurse's desk, no chair for me to sit onto. So I wrote kneeling at her desk. Then she tried to figure out whether the room had 10 fett in diameter, as unfortunately our son seems to be short-sighted. What a shame, farsighted would be easier to test. The boy squeezed himself into the gap between a basin and the shabby wall and was give a measuring tape. The nurse then fiddled around to remove an object from the opposite corner holding the other end of the tape. With well hold breath it was almost 10 feet, but the door to the adjacent room was opened and they could play their game of identifying letters on a set of printed cardboards. As the result wasn't too nice the waiting doctor, who talked Irish, checked the boy's eyes with a little torch and found out that he has to see a specialist very soon. Only 15 miles away, in Skiberreen, sometime, maybe.

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