Sonntag, 30. November 2008

Es herrscht wieder Ruhe im Land

Sonntagmorgen. Die Stille wird wieder zur Gewohnheit. Hörst Du die Stille? Kein Baulärm, kein Baggern, kein Sägen, kein Steinebrechen. Der Verkehr auf den noch immer engen Straßen hat merklich abgenommen. Es herrscht wieder Ruhe im Land. Die Baustellen stehen still, Arbeiter-Trupps bleiben zuhause, ehrgeizige Renommierprojekte, geeignet, ganze Dörfer in weniger als zwölf Monaten zur Unkenntlichkeit umzubetonieren, werden auf eine bessere Zukunft verschoben. Als wir im Sommer 1999 in der Bantry Bay in Südwest-Irland ankamen, um eine Zeitlang zu bleiben, waren die Nächte dunkel und still. So still, dass sie uns nicht schlafen ließen. "Hörst Du die Stille?" fragten wir uns gerne. Der materielle Wohlstand Irlands wurde in vielen Tauschwährungen gehandelt: Boden wurde zu Euros, Müsiggänger zu Getriebenen, Stille zu Lärm. Nun ist Aus-Zeit. No bother, wir leben im schönsten Land Europas. 

Samstag, 29. November 2008

Aus der Geschichte der anderen lernen

Können Menschen aus ihrer Geschichte lernen? (Ja) Können Menschen aus der Geschichte anderer lernen? (Manchmal). Können Gesellschaften und Nationen aus ihrer Geschichte lernen? (Selten). Und können Nationen aus der Geschichte anderer Nationen lernen? Nie oder fast nie. 1983 war Antalya an der türkischen Südküste eine Idylle, Side ein Fischernest. Als mir in jenem Jahr ein Tourismus-Manager in Antalya weis machte, die Türkei werde aus den Fehlern der großen Urlaubshochburgen in Italien und Spanien lernen und die Zubetonierung der Küste ganz sicher vermeiden, da glaubte ich dem Mann in spät-jugendlicher Naivität. 25 Jahre später kennen wir alle das Ergebnis der Lernprozesse Antalyas.

Nehmen wir Irland. Die Jahre des keltischen Wirtschafts-Tigers haben die Müllberge im Land dramatisch anwachsen lassen. In den vergangenen zehn Jahren wurde den Menschen von der Politik ständig gepredigt, sie sollten Abfall reduzieren und vermeiden. Die politisch Verantwortlichen kannten die Probleme also recht genau. Die Müllmengen stiegen unverdrossen weiter und die Regierung schaute zu. Zahlreiche wichtige Deponien im Land müssen schon in den nächsten zwei bis fünf Jahren geschlossen werden, weil sie dann voll sind, ein realistisches Müll-Konzept ist aber nirgendwo in Sicht. Schon reiben sich die Profiteure des weltweiten Müll-Tourismus die Hände, in Irland werden sie bald fette Beute machen. Wir freuen uns derweil schon auf die Erhöhung der Müllgebühren ...

Passiert ist eigentlich nur das, was sich in den euroäischen Nachbarländern 20 oder 30 Jahre früher schon ereignet hatte: Mehr Wohlstand produzierte mehr Müll. Theoretisch hätte eine Regierung daraus lernen können. Doch grau ist alle Theorie, und die Geschichte, und all der Müll sowieso. No worry...

Freitag, 28. November 2008

Ein Wetter wie einst im Mai

Nach einem desaströsen Sommer, dem schlechtesten seit 100 Jahren (in Dublin sogar dem nässesten seit 158 Jahren) wurden wir im traditionellen Regen- und Sturmmonat November mit reichlich Sonne und gutem trockenen Wetter verwöhnt. Bereits im November 2007 hatte es kaum geregnet. Es wäre dennoch voreilig, den November nun zum neuen Wonnemonat zu erklären. Es handelt sich um Ausreißer, erklären uns die Meterologen – Anomalitäten des Wetters, die nicht einem klaren Muster folgen. Launen eben. So müssen wir weitere 50 bis 100 Jahre warten, um die wackelige Theorie mit dem Mai- und dem Novemberwetter bestätigt, oder wie Herr Popper gerne sagte, falsifiziert zu finden. Wir halten Sie auf dem laufenden.

Unser Nachbar Stefan - ja, der mit den 10 Euro am Tag – zeichnet seit 20 Jahren täglich die lokalen Wetterdaten auf. Er misst die Sonnenscheinstunden, die Regenmenge, die Windstärke und überträgt alle Erkenntnisse minutiös auf Millimeterpapier. Wir wollen ihm künftig einmal im Monat über den Rücken schauen und an dieser Stelle eine kleine restrospektive Wetterinterpretation versuchen. Das Foto mit Blick über die Bantry Bay entstand übrigens heute morgen, vor einer Stunde. An einem kaltem Morgen nach der Nacht mit dem ersten leichten Frost (-1°C). Und Sonne satt im schönsten Land Europas.

Donnerstag, 27. November 2008

Nördliches Wandern im Westen



Klack, klack, klack, klack, klack, klack. 
Klick.
Klack.


Die bisweilen lautstark ausgetragenen Dispute zwischen Nordic-Fans und stock-verachtenden Lauf-Normalos scheinen in Deutschland allmählich zu verstummen. Wahrscheinlich haben die meisten Stock-Hasser sich inzwischen klammheimlich eingestanden, dass das gute alte Gehen oder neudeutsch "Walken" ziemlich unclevere Traditionen sind – zumindest, wenn man das wöchentliche Bewegungspensum unter Fitness- und Effizienz-Aspekten betrachtet. (Als Nordic Walking Trainer möchte ich dem Nordic-Walking-Hasser Achim Achilles, alias Hajo Schumacher, dem Lauf-Plauderer von Spiegel online, jedenfalls einmal ausdrücklich für seine öffentlichkeitswirksame Kampagne danken).

Vor über fünf Jahren jedenfalls, im Jahr 2003, war ich aufgrund eines schmerzenden rechten Kniegelenks mit meinem alten Läufer-Latein derart am Ende, dass ich schließlich den Rat von Frau Eliane (die es mit dem Sport nicht so sehr hat) annahm: ich fing an, wieder am Stock zu gehen und fand Gefallen am Modesport Nordic Walking. Schon in den 70er Jahren hatten wir aktiven Ski-Langläufer im Sommer unsere langen Bergläufe regelmäßig mit Langlaufstöcken absolviert und so – genau genommen – das Nordic Walking begründet. Ich jedenfalls beschloss, die Trainerlizenz zu machen, wanderte mich stockgestützt aus dem Körpertief  und kann lange schon wieder ordentlich laufen (Laufen im Sinne von Joggen, Halbmarathonzeit: 1:33 Stunden). Heute zeigen wir Gästen und irischen Hausfrauen, wie sie sich mit Nordic- Walking-Stöcken erfolgreich aus den Sofakissen stemmen. 

Die Menschen, die uns aus den Ländern mit einer nordischen Tradition besuchen, gehen meist gerne mit am Stock, weil sie Nordic Walking seit Jahren kennen.  Ganz anders die Iren. Das Skifahren haben sie erst für sich entdeckt, seit sie dank eines gewissen Wohlstandes zum Vergnügen ins Ausland reisen können, also vor fünf oder zehn Jahren.  Vormittags und in der Dämmerung am Straßenrand platzgreifend mit den Armen rudernde Frauen - manchmal alleine, manchmal im Pulk - frönen dem stocklosen "Power Walking", das es hierzulande zu einer gewisse Popularität gebracht hat, seit es als gesund gilt. 

Vor zwei Jahren haben wir nun beschlossen, zurück zu missionieren, nachdem die Iren uns Deutschen ab dem 5. Jahrhundert knallhart und ungemein erfolgreich das Christentum antrainiert haben. Wir geben Nordic Walking Kurse für die Frauen (und einige spleenige Herren) in der Bantry Bay und haben Glengarriff kurzerhand zur Nordic-Walking-Metropole Irlands erklärt. Inzwischen hat selbst der katholische Pfarrer von Bantry in seiner Sonntagspredigt die segensreichen Wirkungen des "pole walking" gepriesen, und Mary Finucane, eine populäre Radio-Moderatorin trommelte in ihrer Morning Show für unsere Disziplin. Die Anrufe aus den Tiefen des Insellandes mehren sich, manche Leute in Cork finden mittlerweile den Weg nach Glengarriff, um sich von uns die richtige Technik zeigen zu lassen, und bewegungswillige Damen aus Dublin wollen am Telefon wissen, wo sie ihrem Spontankaufbedürfnis nachgeben und in der Hauptstadt ein paar "richtige" Stöcke kaufen können. Sie sehen, es geht voran im Westen, im schönsten Land Europas.

Mittwoch, 26. November 2008

Schwitzen wie die Vorfahren

Alle ein, zwei Monate lädt unser Freund und Nachbar Stefan zu einer Männer-Sauna ein. Heute haben wir wieder geschwitzt und geschwatzt, Bodo, Stefan und ich. Bei trockenen 90 Grad in der Kieferholz-Sauna, ganz skandinavische Lebensart. Dass Stefan ein luxuriöses Leben als Selbstversorger führt und wie er mit 10 Euro am Tag auskommt, erzähle ich ein anderes Mal, heute möchte ich auf eine vollkommen andere Dimension des Schwitzens hinweisen. Ein halbes Dutzend Mal im Jahr feiern wir auf unserem Land am Fluß im Wald eine Schwitzhütte in der alten Tradition der Lakota-Indianer. Die meisten alten Kulturen kannten dieses Ritual zur Reinigung des Körpers, des Geistes und der Seele. In Irland gingen die Menschen dazu in massive Schwitzhäuser, im Orient ins Hamam, in Nordamerika bauten und bauen sie sich eine tragende, runde Struktur aus Haselnuss- oder Weidenruten und bedecken diese mit Wolldecken oder Fellen. In einem kunstvoll geschichteten Feuer werden rund 40 blumenkohlgroße Steine erhitzt, bis sie glühen. Dann werden sie in die vollkommen dunkle Schwitzhütte gebracht, wo die Teilnehmer vier "Türen" lang auf der Erde um die Steine herumsitzen, schwitzen, Einkehr halten, sich mit inneren Bildern und manchmal auch mit den eigenen Dämonen auseinandersetzen. Später werden sich die meisten (wie) neugeboren fühlen. Frisch, rein und innerlich verändert: gelöst, gelassen, manchmal geläutert. Unser Freund Uwe hat das Ritual von den Lakotas und von einem Schweizer Religionslehrer gelernt. Er kommt aus Paris und Brüssel, um die Schwitzhütten zu leiten. Was "Türen" sind und wie eine Schwitzhütte abläuft, haben wir hier auf unserer Website beschrieben .

Dienstag, 25. November 2008

Betteln verboten

Die Wirtschaftsfachleute Irlands, die sich bis vor einem Jahr gar nicht vorstellen konnten, dass der Wohlstand des Landes auf einer riesigen explosiven Spekulationsblase kultiviert wurde, dieselben Experten sagen jetzt Schlimmstes voraus: Sie erwarten im nächsten Jahr über 10 Prozent Arbeitslose. Die nächste Auswanderungswelle rollt demnach schon? Die unpopuläre Regierung Brian Cowens zumindest bereitet sich konsequent auf harte Zeiten vor und kündigt die erste Reform der Bettler-Gesetze seit der Großen Hungersnot in den Jahren 1845-48 an. Das neue Gesetz soll das Betteln unter Strafe stellen, Justizminister Dermot Ahern will den Leuten mit der offenen Hand und dem Pappbecher bis zu 700 Euro Strafe oder einen Monat Haft aufbrummen. Schön, dass die Regierung endlich aktiv gegen die Wirtschaftskrise vorgeht und die verzweifelten Handaufhalter von Dublins Konsummeilen radikal verbannt. Symbolische Politik par excellence. Es war schon immer leichter, die Tabakwerbung zu verbieten und nicht den Tabak selbst. Unser Foto stammt aus den guten alten Zeiten, den frühen 80er Jahren, als Irlands Kinder noch ungestört vor den Banken der Hauptstadt betteln durften. Demnächst müssen sie dafür 700 Euro zusätzlich für die Staatskasse erbitten, während die Bettler in den Banketagen dahinter mit Milliardengeschenken rechnen dürfen. No worry, wir leben im schönsten Land Europas.

Sonntag, 16. November 2008

Mögen Sie Muscheln?




Irland live. Wir leben im Westen des County Cork, genannt West Cork – und dort in der Bucht von Bantry. Bantry Bay ist mit ihren 36 Kilometern die längste Bucht Irlands und eine der schönsten der Welt. Ihre Schönheit wird in vielen Liedern besungen ("Star of the County Down") und in der Literatur gepriesen (Thackeray´s Irish Sketchbook). Die Blicke an schönen Tagen sind überwältigend, eine Kanufahrt in der Bay gehört zu den herausragenden Erlebnissen für Naturfreunde. Allerdings hat auch das bedenkenlose Profitstreben in den letzten 20 Jahren vor diesem Juweel nicht halt gemacht. In der Bucht wurde in dieser Zeit mit massiver finanzieller Unterstützung der EU die größte Muschelzucht Europas aufgebaut.
Muschelfarmer arbeiten traditionell mit viel Kunststoff: Plastikschnüren, Seilen, Stricken, Tonnen. Da das Meer in Irland immer als Mülldeponie betrachtet wurde (was in Vor-Kunsttoff-Zeiten auch gut funktionierte), überantworteten auch die Muschelfarmer ihre ausgedienten Schnüre, Tonnen, Stricke und Seile einfach dem Meer. Das Ergebnis kann jedes Frühjahr nach den Winterstürmen an den Stränden betrachtet werden: Sie sind übersät mit Plastikabfällen jeder Größe. Die einfache und doch so folgenschwere Rechnung: Die Miesmuschelindustrie entsorgt seit Jahren zum Nulltarif auf Kosten der Allgemeinheit (wer auch immer das ist...). Die Leidtragenden sind die Bauern, deren Kühe das angeschwemmte salzüberzogene Plastik fressen, die Vögel und die Fische, sowie die Leute, die den Müll aus ihren Gärten und Feldern sammeln müssen. Und natürlich die Tourismusindustrie.
Hinter dem Hauptverschmutzer der Bucht, der größten Muschelfirma namens Bantry Bay Seafoods, wie auch hinter dem größten Bauunternehmen und der größten Windfarm der Region, steht ein Mann: Bob Murnane. Patriarch Bob waltete Jahrzehnte lang nach Gutsherrenart und hat die über weite Strecken herrschende Partei des Landes, Fianna Fail, finanziell immer gut bei Laune gehalten. Bob gibt Arbeit, Bob hat Beziehungen, Bob hat Macht. Doch auch diese Macht stößt nun an Grenzen.


Wir arbeiten seit drei Jahren daran, Lösungen im Einvernehmen mit den Muschelfarmern zu finden. Die kleinen Unternehmen haben ihre Verantwortung für die Verschmutzung unumwunden zugegeben und kooperieren von Beginn an, sie säubern jährlich im Frühjahr gemeinsam mit Anwohnern die Strände vom angeschwemmten Müll. Bob´s Bantry Bay Seafoods allerdings zeigte sich lange unbeeindruckt, das Entsorgunsverhalten zu überdenken, warb aber auf der Firmenwebsite unverdrossen damit, Umweltschützer Nummer 1 zu sein. Nun weht dem Unternehmen, nach Skandalen mit giftigen Muscheln in Frankreich, Irland und den USA, der Wind scharf ins Gesicht, und man wird sehen, ob sich etwas bewegt. Saubere gesunde Muscheln jedenfalls, da sind wir sicher, kommen aus sauberen Gewässern und aus sauberen Farmen. Oder nicht? Bob´s Seafood-Website hat übrigens die Adresse www.bantrybayseafoods.com . Da können Muschelliebhaber und Strandspaziergänger sicher auch mal hinschreiben.

In wenigen Tagen sollen die Muschelfarm-Besitzer nun einen Code of (Best) Practice (CoP) unterschrieben, den der engagierte Hafenmeister von Bantry, Alec O´Donovan, mit Unterstützung der Bürgerinitiativen und der Muschel-Kooperative entwickelt hat. Mit der Unterschrift würden sich die Muschelfischer erstmals und freiwillig dazu verpflichten, sauber und umweltgerecht zu wirtschaften. Wir setzen auf "freiwillig", weil man von der irischen Umweltpolitik so gut wie gar nichts erwarten kann. Wie es weiter geht – demnächst an dieser Stelle. No bother. Wir leben im schönsten Land Europas.

Samstag, 15. November 2008

Dylan on the Irish radio

Seit 2006 läuft jede Woche Bob Dylans schon legendäre Radio-Sendung "Theme Time Radio Hour". Der US-amerikanische Satelliten-Sender XM hat das Radio zu neuem Leben erweckt und mit dem alten Genial-Zausel Dylan-Zimmermann seinen besten Vorturner engagiert. Der Meister stellt jeweils eine Stunde lang Musik zu einem Thema vor: Wetter, Zeit, Blumen, Autos, Sommer, Mutter, Heirat, der Teufel, Alkohol, Scheidung, alles sehr grundsätzliche Themen. Unumwunden zugegeben: Das beste an der Stunde ist immer die Dylansche Moderation. Der Mann weiß zumeist, wovon er spricht. Schon in frühen Jahren arbeitete er akribisch in Bibiliotheken, um seine meisterlichen Texte zu zimmern. Wenig war Zufall und gottgegebenes Genie. Der Mann ist gebildet.

Zwei Jahre lang versuchte ich, den US-Sender XM Radio und ein Satellitenradio in Irland zu ergattern, um diese Sendung endlich zu hören. Es misslang bis vor kurzem. XM Radio kann man mittlerweile zwar auf dem Internet empfangen, ein Abo ist allerdings nur mit einem Konto in den USA möglich, nachdem man die Testzeit von drei Tagen genossen hat (Dylan sendet immmer mittwochs). Das Satelliten-Radio in Irland ist mittlerweile immerhin im Großraum Dublin zu empfangen. Und dennoch wurde ich nun in der südwestirischen Provinz gleich zweifach mit der Theme Time Radio Hour beglückt: Phantom Radio Dublin  (empfangbar via Internet, strahlt das Dylan-Radio jeden Sonntag abend von 21 bis 22 Uhr GMT aus. Als ich Freunden von meinem Sucherfolg erzählte, brachten sie mir zwei Tage später freudestrahlend die Aufnahmen der ersten 48 Sendungen auf CD. No bother, wir leben im besten Land Europas.

Wanderlust = Sehn sucht zu Fuß

Herr Sehn sucht zu Fuß. Wir zumindest lieben (von McDonalds: I´m loving it) dieses Land, auf dem und in dem wir leben. Auch nach fast zehn Jahren freuen wir uns jeden Tag darüber, dass wir hier in Südwest-Irland sein können. Seit einigen Jahren zeigen wir Gästen die Orte in West Cork an der irischen Golfstromküste, die wir selber am meisten mögen. Das Projekt haben wir "Wanderlust" genannt - ein Germanismus, der sich in den frühen Jahren des 19. Jahrhunderts in der englischen Sprache eingebürgert hat. "Wanderlust" kommt aus dem Mittelhochdeutschen und beschreibt in der deutschen Romantik die Sehnsucht, Heimat und Fremde zu Fuß zu erkunden. Im Englischen drückte Wanderlust zunächst das Verlangen aus, wandernd die heimische und die fremde Welt zu erleben. Heute steht der Begriff auch für Reisefieber und Fernweh.

Das Geheimnis der Apfelrose

Bei einem Besuch in meiner Ur-Heimat, dem Schwarzwald, lerne ich den Schönauer Klaus Ruch kennen. Der Mann in den 50ern ist viel gereist, er kam erst in den 90er Jahren in seinen Heimatort zurück, um dort das zu schätzen, was er einst verlassen hatte. Klaus Ruch arbeitet für die SPD im Gemeinderat von Schönau, vor allem aber: Er sammelt alte Schwarzwalduhren aus dem 19. Jahrhundert. Nein, keine Kuckucksuhren. Die waren im Schwarzwald nie so beliebt, wie man die vielen Touristen später glauben machte um sie kaufen zu lassen. Die traditionelle Schwarzwalduhr ist die Lackschild-Stubenuhr mit schön bemaltem Zifferblatt. Klaus Ruch erklärte uns die Eigenheiten des Stollenuhrwerks  und zeigte uns seine tickenden Kostbarkeiten. Oft sind diese Uhren mit dem Motiv der Apfelrose verziert - nun fragen wir uns, warum dies so ist. Was symbolisiert die Apfelrose auf der Schwarzwalduhr?   

Es ist fast nicht zu spät

Finanzwirtschaft in Trümmern, Real(!)-Wirtschaft im freien Fall, und die Politik erobert das Gesetz des Handelns zurück. Zusammenfassung meiner kleinen Medienschau der letzten Wochen in einem Satz. Die Notwendigkeit von Wirtschaftswachstum als Garant von Wohlstand, Arbeitsplätzen und Stabilität wird beschworen. Wenig ist die Rede von (Vogelgrippe und) den Konsequenzen des Wachstums. Das Mantra des Wirtschaftswachstums hatte Niklas Luhman als Suggestion beschrieben, die aufgrund "zeitlicher Assymmetrie" tatsächlich wirkt und funktioniert. Die Nutzung von Ressourcen zur Wachstumsproduktion in der Gegenwart zahlen nämlich erst die kommenden Generationen.  
Dennis Meadows, ("Grenzen des Wachstums", Ex-Club of Rome, nun Club of Vienna) vertritt weiter standhaft seine klare und plausible Minderheiten-Position und fordert zur Umkehr auf: Das Wachstum muss aufhören. Die Bevölkerung wächst, der Ressourcen-Verbrauch wächst, aber die Erde ist endlich.  Meadows sieht die Kapazitäten der Erde bereits heute um den Faktor 1,3 überschritten (Nachhaltig wären 1,0 und weniger). Im  Klartext: Wir Menschen plündern die Erde und richten irreparable Schäden an. Ein Kollaps der Öko-Systeme steht bevor. Meadows benennt die möglichen Konsequenzen der Wachstumsbesessenheit: Wohlstand adieu, Abermillionen Tote, eine Welt im Chaos. Dabei hat die Menscheit alles Wissen, um die Verhältnisse zu ändern, die Zukunft zu gestalten und die Erde gesunden zu lassen. 
Was das mit uns zu tun hat, beschreibt anschaulich der neue Living Planet Report des WWF. Die Studie analysiert die Ressourcen-Belastung und die Ressourcen-Vorräte von 150 Ländern. So kann man sehen, dass Irland während der Celtic Tiger Party seine Ressourcen massiv und weit überdurchschnittlich verbraucht hat. Anderseits hat das Land  im europäischen Vergleich noch immer traumhaft große Vorräte an ungenutzter Landschaft, an Tieren, Pflanzen, an Wasser und reiner Luft. Es ist nicht zu spät. Wer allerdings die irische Umweltpolitik kennt - sie ist mit die nach- und fahrlässigste in ganz Europa, auch nachdem die Grünen erstmals in die Regierung gekauft wurden - der lässt gern alle Hoffnung fahren. No bother, wir leben im schönsten Land Europas.

London liegt nicht in Sibirien

Iren hassen Engländer. Iren lieben Engländer. Mehr dazu später. Mit Sicherheit lieben Iren den englischen Fußball. Manchester United, so legen es die Fanscharen nahe, liegt irgendwo in Irlands Nordosten. ManU is it. Und Chelsea London? Liebe und Hass. Polarisiert.  Chelsky eben. Dort spielen die veruntreuten Rubel des russischen Volkes. Auch Ballacks Füße wurden wohl gerade wieder mit Rubel gerichtet, die sich auf wundersamen Wegen von Moskau via Offshore-Institute in $ und € verwandelt hatten. Warum Chelsey London ein Schurken-Verein ist, erklärt Loretta Napoleoni nicht. In Ihrem Buch "Die Zuhälter der Globalisierung" beschreibt sie dafür anschaulich, wie sich die Privatisierung der Sowjetunion zugetragen hat und wie eine überschaubare Menge findiger junger Komsomolzen zwischen 1987 und 1998 Milliarden-Kasse machte. Schurken-Wirtschaft im rechtsfreien Raum, die Politik am Ende, Milliarden für die Oligarchen und Wodka für das Volk. Warum Roman Abramowitsch heute in London und Jukos-Chordorkowski in Sibirien lebt, ist bei "Russisch Monopoly" nachzulesen. 

Goethe steht noch immer dort

Goethe hätte es gewusst, aber ihn fragte keiner. Ich reiste vor ein paar Tagen nach Frankfurt und erlebte eine veränderte Stadt. Der Säulenheilige Frankfurts stand ungefragt auf seinem Goetheplatz im Zentrum von Frankfurt, wie vor Wochen, als die Gebrüder Lehman es in New York und anderswo krachen ließen. Dort steht er immer noch, spielt unmerkbar an einem Siegerkranz und schaut hinüber zum deutschen Hauptquartier der Geldvernichter, wo andere bereits gegangen sind. Lehman Brothers Frankfurt. Es brennen noch ein paar Lichter, die Zeiten haben sich geändert. Goethestraße, Schillerstraße, Fressgass: Die Bänker tragen gedeckte Farben. Angst nistet sich ein. Die Verkäuferin bei Hermès zupft gelangweilt an gestrigem Wohlstandsp(ul)lunder. Die große Geldvernichtungs-Maschine dreht den Frankfurt-typischen Arroganzfaktor ins Minus. Willkommen am Main.

Donnerstag, 13. November 2008

Ein Ausflug in die Dritte Welt Irlands

Das Gesundheitssystem ist eine der abschreckenden Seiten Irlands. Aufenthalte im Krankenhaus, bei der Public Nurse oder beim Health Board sind wie Trips in die 50er Jahre oder in die Dritte Welt (Eine kubanische Gesunheitsstation auf den Seychellen sah schon vor 20 Jahren besser aus). Was hat die irische Regierung in all den fetten Wachstums-Jahren mit dem vielen Geld gemacht? Ins Gesundheitssystem jedenfalls ist es nicht geflossen:

Heute waren wir mit unserem kleinen Sohn zu einer Augenuntersuchung, er scheint schlecht zu sehen. Zunächst warten in einem kalten, zugigen Vorraum voller Kartons mit Pflastern, Bandagen, Kochsalzlösungen und anderem Medizin-Zubehör. Dann betreten eines winzigen Raumes, an einer Wand ist der Putz auf der unteren Hälfte fast komplett abgebröckelt. Vielleicht beim Schieben des einzigen Plastikstuhles passiert... Die Mutter bekommt einen Fragebogen zu ausfüllen, kein Stuhl für sie in Sicht, sie kniet sich vor das winzige, überladene Schreibtischchen der schoolnurse, die für unseren Bezirk zuständig und alle paar Wochen diese Augensprechstunde für jeweils eine halbe Stunde anbietet. Der Raum ist auch in der Diagonale zu klein für die vorgeschriebenen 10 Fuß (3 Meter), um bei vermuteter Kurzsichtigkeit die Buchstabentafeln entsprechend weit entfernt vorführen zu können. Wäre der Kleine doch weitsichtig!!! Trotzdem versucht sie es sehr bemüht, sie ist wirklich sehr nett, der Kleine klemmt sich zwischen Bröckelwand und Waschbecken und hält ein Metermaß, die Schwester räumt umständlich einen Gegenstand aus der schräg gegenüber liegenden Ecke und und zieht das Metermaß zu sich. Busen einziehen, vielleicht kommen wir doch auf 10 Fuß. Da geht zum Glück die Nebentür auf, eine Ärztin wartet auf die ganz schlimmen Fälle und Kind und Schwester können durch den Türrahmen ihr Drei-Meter-Buchstabenspiel vollbringen. Dafür bekommt er eine orangefarbene und eine giftgrüne Faschingsbrille mit jeweils einer schwarz abgeklebten Seite, die er nacheinander aufsetzen muss. Da er in beiden Varianten viele Zeichen nicht entziffern kann, muss er nun in einen Lichtschein der Ärztin schauen. Sie spricht irisch mit ihm, er ist ganz verdattert. Ja, ist wohl ein schlimmerer Fall, er muss zur Spezialistin nach Skiberreen, circa 30 km entfernt. Wenn er Glück hat, wird er im Falle einer Absage von jemand anderem noch recht bald eingeschoben, es sei recht eilig. Ansonsten auf irgendwann mal.Today we went to see the local public nurse, our little son probably needs glasses. After waiting in a drafty room full of boxes with medical equipment such as dressings and bottles with saline solution we came into a tiny room. Our son noticed that the plaster of one of the walls was mostly broken. Maybe from someone moving the only chair, which was offered to the boy. I was asked to fill out a form. Oops, no place on the packed nurse's desk, no chair for me to sit onto. So I wrote kneeling at her desk. Then she tried to figure out whether the room had 10 fett in diameter, as unfortunately our son seems to be short-sighted. What a shame, farsighted would be easier to test. The boy squeezed himself into the gap between a basin and the shabby wall and was give a measuring tape. The nurse then fiddled around to remove an object from the opposite corner holding the other end of the tape. With well hold breath it was almost 10 feet, but the door to the adjacent room was opened and they could play their game of identifying letters on a set of printed cardboards. As the result wasn't too nice the waiting doctor, who talked Irish, checked the boy's eyes with a little torch and found out that he has to see a specialist very soon. Only 15 miles away, in Skiberreen, sometime, maybe.

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