Mittwoch, 25. März 2009

Das Gesicht der Irland-Krise – Ministerpräsident Brian Cowen nackt

Der schlitzohrige Langzeit-Ministerpräsident Bertie Ahern hat sich rechtzeitig vom Acker gemacht, bevor die Wirtschaft des Landes kollabierte. Das ist Volkes Meinung in Irland. Fakt bleibt, dass sein Nachfolger, der ehemalige Finanzminister Brian Cowen, die üble Suppe der schier unlösbaren Probleme nun auslöffeln muss. Cowen gilt inzwischen als das Gesicht der irischen Krise ("Der irische Patient") schlechthin. 


Nun wurde der in Irland "Taoiseach" genannte Minsterpräsident Cowen zu allem politischen Druck hin auch noch Opfer eines Guerilla-Künstlers. Die Porträts eines nackten Brian Cowen, der mal mit Unterhose in der Hand, mal mit einer Rolle Klopapier gezeigt wird, hingen plötzlich in den beiden bedeutendsten Kunstausstellungen des Landes, in der Royal Hibernian Gallery und in der National Gallery in Dublin. 


Während das Publikum über den Landeslenker ohne Kleider herzlich lacht und die Kunstszene so tut, als wolle sie den versierten Übeltäter demnächst outen,  tobt das politische Establishment in Dublin - was dazu führte, dass sich der öffentlich-rechtliche Fernssehsender RTE schon alleine für seine Berichterstattung über die Kunst-Polit-Aktion untertänigst beim Regierungschef entschuldigte. 



Nun muss Brian Cowen zeigen, dass er wirklich Jacke und Hose anhat und dass er das Land wieder in ruhige Fahrwasser zurückführen kann. Mit dem Abhängen von zwei unliebsamen Bildern ist es sicher nicht getan. Wundersam übrigens, warum die Polizei in dem Fall ermittelt. Wegen Majestätsbeleidigung? Wegen unerlaubten Eindringens in eine Galerie? Oder wegen des zu hohen Wahrheitsgehalts der Werke? Schöne Grüße von Gottfried Keller jedenfalls!

Fotos courtesy The Times 

Kommentare:

  1. Erzählung von Gottfried Keller, erschienen 1874 im zweiten Band des Novellenzyklus Die Leute von Seldwyla. – Der Text entstand wohl in den sechziger Jahren in Zürich [...].

    Ein arbeitsloser Schneidergeselle aus Seldwyla, Wenzel Strapinski, hat sich auf die Wanderschaft begeben, darf unterwegs aber bald in einer vornehmen Kutsche Platz nehmen, die mit ihm in das Nachbarstädtchen Goldach einfährt. Der dem herrschaftlichen Wagen entsteigende Schneider wird vom Kutscher als Herr von aristokratischer Herkunft ausgegeben, und Wenzel, der durch sein romantisch-melancholisches Aussehen, vor allem aber durch seinen langen und kostbar wirkenden, samtgefütterten Mantel Aufsehen erregt, gilt bald als ein polnischer, mit Reichtümern gesegneter Graf, den die neugierige und gewinnsüchtige Bürgerschaft fürstlich bewirtet und gebührend feiert. Das verträumte Schneiderlein fördert das für ihn märchenhafte Mißverständnis nicht von sich aus, findet aber auch nicht den Mut, es aufzuklären. Die wachsende Neigung zur Amtstochter Nettchen verführt ihn endgültig dazu, die allseitige Bewunderung freundlich hinzunehmen und aus der glanzvollen gesellschaftlichen Erhöhung Nutzen zu ziehen. Sein natürlich-vornehmes Wesen und sein „fürstlicher“ Aufzug erwecken bald zärtliche Gefühle in der Amtstochter, die in Wenzel den Märchenprinzen erblickt, den sie in ihren romantischen Träumen herbeisehnte. Doch auf dem prächtig zugerüsteten Verlobungsfest, das Wenzel mit einem Spielgewinn finanzieren will, wartet dem Paar eine Abordnung aus Seldwyla mit einer schadenfrohen Entlarvungskomödie auf. In einer auf ihn zielenden allegorischen Pantomime über das Wortspiel „Leute machen Kleider – Kleider machen Leute“ sieht sich der Kostümgraf entdeckt und flieht verzweifelt in die Winternacht hinaus. Halb erfroren findet ihn Nettchen, die ihm nachgefahren ist, im Schnee. Durch kluge Fragen bringt sie ihn zum Sprechen, erkennt nach anfänglicher Entrüstung, daß Unschuld und Wahrhaftigkeit sich hinter seiner romantischen Verirrung verbergen, und setzt gegen den Widerstand des Vaters, und ohne den Spott der Bürger zu fürchten, die Heirat durch. Wenzel rechtfertigt glänzend das in ihn gesetzte Vertrauen: Er wird ein angesehener Tuchherr in Seldwyla, später in Goldach, der seinen Besitz, aber auch seinen Leibesumfang und die Zahl seiner Kinder nach Belieben erweitert.

    Wie in den anderen Erzählungen seines Zyklus deckt Keller auch hier das komplexe Verhältnis zwischen Täuschung und Realität, zwischen Schein und Sein unter gesellschaftskritischem Aspekt auf, so aber, daß der freie Humor als dominierende Erzählhaltung alle Ansätze zu satirischer Schärfe überspielt und eine freundliche Distanz des Erzählers zu seinen Gestalten ermöglicht. Der wandernde Schneider, eine typisch spätromantische Figur, kommt durch seinen vornehmen Mantel und die melancholische Blässe seines Angesichts dem heimlichen Wunschbild der Kleinstädter entgegen – einem Wunschbild, das nur die exzentrische Kehrseite ihrer kleinbürgerlichen Enge ist und das es im ersten Teil der Erzählung den beiden jungen Leuten gestattet, sich dem romantischen Schein uneingeschränkt zu überlassen. Die unvermeidliche Entlarvung dieser Täuschung stürzt das Liebespaar in eine Verzweiflung, in der erst die befreiend-heitere Wende erfolgen kann. In Nettchen, die sich, allen maskenhaften Konventionen zum Trotz, tapfer zu Wenzel bekennt, kristallisiert sich Kellers Ideal praktischer Humanität: „So feierte sie erst jetzt ihre rechte Verlobung aus tief entschlossener Seele, indem sie in süßer Leidenschaft ein Schicksal auf sich nahm und Treue hielt.“ Nicht in einer träumerisch-weltfremden Gebärde und im aristokratischen Habitus erscheint das Wunderbare – zeichenhaft hierfür steht der Mantel, den Keller wie zahlreiche andere Details in den Rang eines dem Allegorischen angenäherten Dingsymbols zu erheben wußte –, sondern das Wunder ereignet sich einzig in einer der gesellschaftlichen Wirklichkeit kritisch zugewandten Haltung, in der neben Tatkraft vor allem die Liebe dominiert: „So wird am Ende der märchenhafte Triumph der Fortuna, wenn auch in der reduzierten Gestalt eines realen, bürgerlichen Eheglückes, dem Helden nur dadurch geschenkt, weil die Liebe alle die Masken überwindet“ (B. v. Wiese). Dagegen sieht G. Sautermeister die Novelle beherrscht von der Absicht des Autors, den falschen Schein der bürgerlichen Welt zu enthüllen, die ökonomisch bedingten Grenzen des in ihr möglichen Glückes zu umreißen: „Mit ironischem Augenzwinkern zeichnet“ Keller „liebender Humanität die Grenze vor, die ihr durch den wirtschaftlichen Selbstbehauptungswillen der Privateigentümer gesetzt ist“.

    Aus:
    Kindlers neues Literaturlexikon © CD-ROM 1999 Systhema Verlag GmbH, Buchausgabe Kindler Verlag GmbH

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