Freitag, 20. März 2009

Wenn wir noch ein Jahr zu leben hätten

Was ist ein Tag, was ein Monat, was ein Jahr.  

Dem Nachbarn wurde von Ärzten mitgeteilt, er hätte noch höchstens zwölf Monate zu leben. Die Nachbarin sagte, seine Tage seien gezählt. Sind sie das nicht immer schon gewesen? 

Der Krebs hat das Ohr der Katze mittlerweile weggefressen und greift auf die Lymphdrüsen am Hals und auf das Gesicht über. Sie ist 15 Jahre alt. Sie blutet, sie sitzt in der Sonne und genießt die Sonnenstahlen, die den Hautkrebs verursacht haben. Sitzt sie noch einen Tag, noch ein Wochenende, noch eine Woche? Und wir? Wie lange leben wir noch?

Der tibetische Meister Sogyal Rinpoche (Foto) sagt: "Was ist unser Leben anderes als ein Tanz flüchtiger Formen. Alles ist vergänglich, nur die Vergänglichkeit hat Bestand". Rinpoche rät: "Wir müssen uns von Zeit zu Zeit fragen: Wenn ich heute Nacht sterben müsste, was dann?" Ein interessanter Ansatz, das Leben sozusagen vom Ende her zu betrachten. Wie würde ich leben, wenn ich noch zwölf Monate zu leben hätte, wie wenn noch vier Wochen, und wie, wenn noch einen Tag? 

Wir sind die Meister im Verdrängen des Todes. Leute, wie dieser kleine weise (und oft zornige) tibetische Buddhist Rinpoche weisen uns darauf hin, wie das Leben  wirklich ist – jenseits unser eingebildeten Identität, unserer Rollen und unseres Egos. Der Mann, der als Übersetzer des jungen Dalai Lama nach Europa kam und das bekannte "Tibetische Buch vom Leben und vom sterben" schrieb, leitet in Irland das Buddhistische Retreat "Dzogchen Beara" (Foto). Es liegt hoch über den Klippen von Garranes auf der Beara Peninsula, eine halbe Stunde von Glengarrifff entfernt. Dort lehrt Rinpoche jedes Jahr im Sommer zehn Tage lang, wie der Mensch besser lebt, wenn er den Tod versteht und akzeptiert, oder warum Mitgefühl so wichtig ist.

In diesem Sinne können wir selber üben: Wie lebe ich, wenn ich noch ein Jahr zu leben habe?


Unser ganzes Leben ist flüchtig 
wie Wolken im Herbst;
Geburt und Tod der Wesen
erscheinen wie Bewegungen im Tanz.
Ein Leben gleicht dem Blitz am Himmel,
es rauscht vorbei
wie ein Sturzbach den Berg hinab.
(Buddha)

 

Kommentare:

  1. Die Endlichkeit ist DAS Geschenk der Welt an den Mensch. Denn im Unendlichen hat nichts und alles den gleichen Wert. Nur der Endlichkeit wegen gibt es Wert und Sinn. Ein Hoch auf die Sterblichkeit. Und ein Dank an Heidegger.

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