Mittwoch, 6. Mai 2009

Solidarität ist keine Verlierer-Parole

Heute im Irland Blog ein nicht nur irisches Thema: Die Menschheit steckt in einer bedrohlichen Sackgasse, unser wirtschaftlich-gesellschaftlich-kulturelles Systemsteht am Wendepunkt, und nur wir Menschen können dies ändern. Indem wir uns ändern, schreibt Peter Sloterdijk in seinem neuen Buch, das zu seinem wichtigsten werden könnte. Der Philosoph zeigt Wege aus der Krise durch Üben und Ko-Immunismus. Hier ein kurzer Auszug aus einem Interview, das Sloterdijk gestern der linken Tageszeitung taz gab.


Was ist da in den vergangenen fünfzehn, zwanzig Jahren passiert?


Man hat uns in ein psychopolitisches Großexperiment über Frivolität verwickelt - aber was auf dem Programm stand, war nicht mehr aristokratische Frivolität, sondern Massenfrivolität, Leichtsinn und Egoismus für jeden. Man hat in dieser Zeit behauptet, Gemeinwohldenken sei gescheitert. Also blieb der Asozialismus, den wir höflicherweise Individualismus genannt haben, um uns mit besseren Gefühlen zu ihm zu bekennen. Doch was sind konsequente Individualisten? Es sind Menschen, die ein Experiment darüber veranstalten, wie weit man beim Überflüssigmachen sozialer Beziehungen gehen kann.


Aber kann der Kapitalismus ohne diese "Gierdynamik", wie Sie das einmal genannt haben, funktionieren?


Die Wahrheit dieses Systems ist eine doppelte. Einerseits wird der Mensch als Stoffwechsler enthüllt, und dies drückt eine unleugbare Wahrheit aus. Zugleich tritt ein anderer Aspekt der Wahrheit über die Lage des Menschen zutage: Wir gelangen durch entfesselten Konsum an die Grenzen der Naturproduktivität. Die Menschheit erweist sich als eine Gattung, die es fertig bringt, die Natur leerzufressen. Am bestürzendsten zeigt sich das beim Fischfang: Der Urlauber auf griechischen Inseln isst heute schon norwegische und finnische Fische, die über Nacht eingeflogen werden, weil die Ostägäis praktisch leergefischt ist.


Kommt jetzt der alte, verstaubte Begriff "Gemeinwohl" zurück?


In der Sache ja, aber auf der Ebene des Begriffs muss man tiefer
ansetzen. Das Wort "Gemeinwohl" ist mit zu viel idealistischen, also betrugsverdächtigen Elementen belastet - man kann 200 Jahre Ideologiekritik nicht einfach vergessen machen. Wo Idealismus war,muss Realismus kommen. Gemeinwohlgesinnung ist unwahrscheinlich - ich muss also zeigen können, wie das Unwahrscheinliche wahrscheinlich wird. Genau das versuche ich in meinem Buch mit den Argumenten, die das Konzept Ko-Immunismus begründen. Wenn wir beweisen, dass wir das Eigene und das Fremde systematisch falsch unterscheiden, weil wir zu klein definierte Egoismusformate haben, so würde daraus folgen, dass wir ein größeres inklusiveres Eigenes schaffen müssen - nicht aus Idealismus, sondern aus wohlverstandenem weitsichtigem eigenem Interesse.


Das heißt ja Gemeinwohl: dass Kooperation mit anderen nicht Altruismus ist, sondern zu meinem eigenen Nutzen.


Schon, aber das muss bewiesen werden. Unter Siegertypen gab es seit je die stille Überzeugung: Nur Verlierer kooperieren. Tatsächlich, solange der Sieger alles nimmt, ist Solidarität eine Verliererparole. Wir werden beweisen müssen, dass das falsch ist.


Peter Sloterdijk, Professor für Philosophie und Ästhetik sowie Rektor der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Wichtigste Arbeiten: "Kritik der zynischen Vernunft" von 1983. Das neue Buch ist erschienen: "Du musst dein Leben ändern". Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2009.

Fotos: Suhrkamp Verlag

1 Kommentar:

  1. Markus,

    sollten wir dadurch wieder nachhaltiger denken, waere uns sicherlich allen damit geholfen.

    Sla von der Farm,
    Wolfi

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