Dienstag, 5. Mai 2009

Vögel hassen wirtschaftliche Entwicklung


Es ist ein Trauerspiel: In Waterville, im Südwesten von Kerry, wurden vor wenigen Tagen zwei tote Fischadler gefunden.Vergiftet. Nur Wochen vorher hatte man einen vergifteten Fischadler bei Killarney gefunden, und im Februar wurde ein Steinadler, der König der Lüfte, in Donegal das Opfer von menschlichen Widersachern. Die Vogelschützer in Irland laufen Sturm, im Internet grassieren Aufrufe, Irland als Reiseland zu boykottieren, und die Raubvogelzüchter in Schottland – von dort stammen alle wieder eingesetzten Adler Irlands – erwägen, die Vogel-Exporte auf die Nachbarinsel einzustellen.

Die traurige Schicksal der Vögel spiegelt nur die Krise des orientierungslos gewordenen Menschen.

Der Schriftsteller Jonathan Franzen (Foto), ein Amerikaner mit starken Bindungen nach Deutschland, stellt die Verbindung her. Franzen hat irgendwann in einer persönlich schweren Zeit mit dem Birding, dem Beobachten von Vögeln, begonnen. Heute ist er Experte für Ornithologie und stellt gerne Parallelen zu seiner Berufung als Schriftsteller her. Der Tageszeitung "Die Welt" gab Franzen gerade ein Interview, aus dem wir diese Antwort zitieren:

Sie haben gerade Ihre tausendste Vogelart beobachtet. Was haben Vogelbeobachtung und das Verfassen von Romanen gemein?

Franzen: "Die geheime Verbindung ist, glaube ich, dass ich mir manchmal wie ein gefährdeter, kleiner Vogel vorkomme - wie das Exemplar einer Art, der auf dieser Welt viel Zeit nicht bleibt. Ich mag stille, altmodische Orte. In Polen ist die Landwirtschaft weit weniger entwickelt, und weil es arm dort ist, ist die Landschaft voller Vögel. Flannery O'Connor hat gesagt, leider stimme es Schriftsteller froh, dass es immer Armut geben werde, denn das bedeute, dass ihresgleichen nicht ausstirbt. Vögel sind so arm wie man nur sein kann. Vögel sind so arm, dass sie Käfer fressen. Sie hassen wirtschaftliche Entwicklung. Sie sind ein Warnsignal, dass eine Wirtschaft nicht für immer wachsen kann, dass es ein Limit gibt. Wir Menschen haben dieses Limit noch nicht ganz erreicht, viele andere Arten aber schon. Sie werden ausgerottet, sie verschwinden von der Erde. Ähnlich denke ich vom Schriftsteller. Die Vorstellung eines unterschiedenen Selbst, das sich in Opposition zur Welt definieren lässt statt bloß eine Fuge in einer Matrix zu sein, verschwindet, wenn es auf der Welt nur noch Menschen und Menschengemachtes gibt. Inhalte gibt es dann immer noch, aber nicht mehr die private, isolierte Subjektivität, die mit diesen Inhalten etwas Interessantes anfangen kann, sondern nur noch eine reaktive Subjektivität, die wahllos wie eine Billardkugel umherspringt. Einem Schriftsteller wärmt es das Herz, Vögel zu beobachten, die die Menschheit nicht mögen, aber trotzdem noch ein Plätzchen zum Leben finden."


Jonathan Franzen schreibt lesenswerte Essays und Romane, zum Beispiel die "Anleitung zum Alleinsein" oder "Die Korrekturen" , einen Roman, der in vielen Ländern in die Bestsellerlisten geriet. Derzeit arbeitet Franzen in Deutschland an seinem neuen Roman mit dem Arbeitstitel "Freiheit".


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