Sonntag, 12. Juli 2009

Wann ist ein Baum ein Baum? Lästern wird in Irland ein teures Vergnügen

Fast hätte sich die irische Regierung vor den großen Ferien noch richtig blamiert: Weil eine grüne Abgeordnete lieber Gäste durch Dublin führte und eine Fianna-Fail-Senatorin den Zahnarztstuhl dem Senatorensessel vorzog, wurde das neue Gesetz zu Beleidigung und übler Nachrede (Defamation Bill) nach einer ersten Abstimmungsniederlage nur dank eines Verfahrenstricks im zweiten Anlauf durch das Parlament geprügelt. Doch nun ist das Gesetz amtlich. Es stärkt die Stellung von Journalisten und Medien und gibt deren Informationsauftrag einen höheren Stellenwert als bisher. Das ist gut so.

Eher mittelalterlich antiquiert wirkt dagegen der Zusatz zum Gesetz, der Blasphemie unter Strafe stellt. Bis zu 25.000 Euro kann es in Irland künftig kosten, sich über "Dinge, die für eine (im Sinne von jedweder) Religion wichtig sind, grob ausfällig oder beleidigend zu äußern*". Der Läster-Gehalt wird daran gemessen, ob sich eine erhebliche Anzahl der jeweiligen Religionsanhänger über die Äußerungen entrüstet und damit das Geäußerte erst zur Blasphemie adelt. Blasphemie ist also, wenn Viele aufheulen.

So darf der gute Gotteslästerer den Herrn Jesus zwar weiterhin als Latten-*beep* bezeichnen – gefahrfrei aber nur, solange nicht ein paar Christen aufschreien und die Verfolgungsbehörden einschalten.

Auch darf man auf irischem Boden Muslime weiter als "Ziegen*beeper*" liebkosen, solange das Wort nicht groß die Runde in der muslimischen Gemeinde macht. Und 25.000 Euro erscheinen preiswert im Vergleich dazu, was der Autor des unrühmlichen Wortes in Holland bezahlen musste: Er wurde bekanntlich umgebracht.

Der (zeitweise) in Irland lebende franzözische Autor Michel Houellebecq hat den Islam im Jahr 2002 als "die dümmste Religion" und "eine gefährliche" dazu bezeichnet, wurde verklagt und in Frankreich freigesprochen. Damals war Blasphemie, oder was man jeweils dafür hält, in Irland zwar per Verfassung verboten, es gab aber kein Ausführungsgesetz, um den Tatbestand zu ahnden. Das ist seit Freitag anders. Muss der freche Franzose sich nun erneut verteidigen?

Und was ist mit den Dosendrückern? Den Scientologen? Darf man deren "Religions"gemeinde nun in Irland und von Irland aus noch deftig kritisieren? Was mit den "kleinen *beepen* Lamas"?

Was schließlich mit den tausenden Iren, die derzeit nach Rathkeale im County Limerick pilgern, um einen umgesägten Baum zu verehren? Die Pilger erkennen im Stumpf des Baumes, der in der vergangenen Woche an der Marienkirche in Rathkeale gefällt wurde, das Antlitz der "Heiligen Jungfrau Maria." Eine Erscheinung! Sie halten Mahnwachen, beten, staunen, schreiben Petitionen, damit das schein-beseelte Stück Holz nicht entfernt wird.

Wenn man den Pfarrer der Kirche richtig versteht, hält er den neuen Erscheinungs-Kult für eine Verirrung. Doch selbst der gute Pastor muss nun im Irland des 21. Jahrhunderts auf der Hut sein: Eine substanzielle Zahl frömmelnder Baumanbeter könnte sich über seine vorsichtigen Äußerungen entrüsten. *beep* *beep*, *beep*.


* Im Gesetz heißt es wörtlich: "....publishes or utters matter that is grossly abusive or insulting in relation to matters held sacred by any religion, thereby causing outrage among a substantial number of the adherents of that religion.

Kommentare:

  1. Würde Sängerin Alexandra ( Mein Freund der Baum ist tot...) noch leben, wäre sie sicher sehr erstaunt, was solch ein Baumstumpf ans Tageslicht bringt. Vielleicht wird er zur Pilgerstätte des Jahres 2009 ?

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