Sonntag, 16. August 2009

Irland - der Ort wo man im Lotto Schulhöfe und Spielplätze gewinnt


Die große Tombola beim Fun Day: Alle Erlöse werden zur Instandhaltung der Gemeindehalle benutzt

Der Staat in Irland ist ein scheues Reh – zumindest verglichen mit anderen Staaten in Europa. Die staatlichen Eingriffe in das Leben der Menschen auf der Insel halten sich in Grenzen*. Ein "schwacher" Staat hat viele Vorteile – und mindestens genauso viele Nachteile. Von einem soll heute die Rede sein. Dem staatlichen Defizit an Infrastrukturpolitik – und wie die Menschen damit umgehen

Deutsche sind es gewohnt, an ihrem Wohnort Schulen, Krankenhäuser, Sport- und Freizeiteinrichtungen vorzufinden, deren Existenz der Staat aufgrund einer detaillierten Raum- und Flächennutzungsplanung sicherstellt. In Irland konnte es passieren, dass quasi über Nacht riesige neue Wohndörfer gebaut wurden, dass man aber vergaß, für die zuziehenden Kinder auch Schulen zu bauen und zu unterhalten. Die traditionelle Zurückhaltung der irischen Regierungen, (die ihre unbedingte Fürsorglichkeit immer nur gegenüber ihren engen Freunden von der Bauwirtschaft bewiesen haben), manifestiert sich vor allem in dem, was fehlt: Bis heute haben zahlreiche Gemeinden im Land noch nicht einmal eine öffentliche Kanalisation, geschweige denn ordentliche Kläranlagen.

So kommt es auf der Insel sentscheidend auf die Initiative und den Gestaltungswillen der Menschen an, wenn öffentliche Einrichtungen gebaut werden sollen: Ein Kinderspielplatz entsteht nicht automatisch, weil er in der kommunalen Planung vorgeschrieben ist und deshalb auch gebaut wird, sondern weil Bürger seine Abwesenheit leid sind, ihn einfordern und sich dann auch kräftig dafür einsetzen.

Die Hospiz-Betten im örtlichen Krankenhaus, die Umkleidekabinen am Sportplatz, die kleine Sporthalle, das Schwimmbad, die Gemeindehalle – all diese nützlichen Einrichtungen existieren vielerorts nur, weil Menschen sich zusammentun, eine Bürger-Initiative gründen, Geld sammeln und dann die Behörden unter Druck setzen. Das Mittel zum Erfolg sind Spendenaktionen, Wohltätigkeitsbasare, Weihnachtsschwimmen, Charity-Läufe – vielerlei kreative Aktionen, um Geld zu sammeln.

So wurde der neue Schulhof der Derrycreha National School im County Cork nur ermöglicht, weil findige Eltern ein Sammel-Lotto aufsetzten und mit der Differenz aus dem Mengenrabatt für 350 verkaufte Jahreslose einen beachtlichen fünfstelligen Euro-Betrag erwirtschafteten.

Die Unterhalts- und Reparaturkosten für die Gemeindehalle von Glengarriff erwirtschaftet Jahr für Jahr aufs Neue der Hallenverein: Immer am zweiten Sonntag im August veranstaltets er einen Family Fun Day auf der Dorfwiese, immer an Weihnachten stürzen sich Freiwillige zum Plaisir der zahlenden Zuschauer vom Pier ins eiskalte Wasser des Atlantiks.

Für die Erweiterung von Sportplätzen grasen Vereinsunterstützer alle Haushalte im Umkreis von 100 Kilometern ab, um die Leute mit der Hoffnung auf den Hauptgewinn einer Tombola von möglichst vielen Euros zu trennen.

Die Lizenz zum Sammeln ist meistens die "Sponsorenkarte", in die der Spender seinen Namen und Höhe der Spende einträgt. Der Geld-Sammler erklärt darauf Sinn und Zweck des Projekts – und was die Spender gewinnen können, wenn sie Geld geben. Manchmal sind es Geld- oder Sachpreise, manchmal sind es ganz einfach "Gegenleistungen": Der Spendensammler John quält sich trotz Übergewichts für die gute Sache über die 42 Kilometer beim Cork City Marathon, Gillian klettert für neue Krankenhausbetten auf einen Viertausender, Cormac radelt für die Umterstützung eines Gehörlosen-Zentrums quer durch Europa, wieder andere schwimmen für einen guten Zweck rund um Irland. Es kann aber auch vorkommen, dass eine Schulklasse einmal ums Dorf wandert, um die Buskosten für die Fahrt zum Schwimmunterricht im 40 Kilometer entfernten Hallenbad zu finanzieren.

Dort, wo der Staat sich zurückhält, müssen die Menschen zwangsläufig Engagement zeigen, wenn sie in den Genuss bestimmter Vorzüge kommen wollen. Vieles, was Deutsche für vollkommen selbstverständlich halten, ist auf der Insel nicht selbstverständlich. Die Leute müssen deshalb mehr Initiative und mehr Verantwortungsgefühl für ihre Institutionen aufbringen. Das widerum kann auch ein Vorteil sein – wenn es funktioniert.

Die Gemeindehalle von Glengarriff: Nur mit jährlichen Spendenaktionen wird ihr Unterhalt gesichert

* Die Einmischung der Institutionen in Zeiten der irischen Super-Rezession nimmt dabei tendenziell zu: Der Staat sucht vielerlei neue Geldquellen, um seinen Bankrott abzuwenden, dies auf Kosten der Bürger.

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