Montag, 21. September 2009

Ein Land in der Notaufnahme

Sonntagmorgen. Ein Mann stürzt beim Astsägen vom Baum, fällt zwei Meter abwärts auf die Schubkarre, bricht sich den großen Zeh. Er wird ins örtliche Krankenhaus gefahren, nimmt vorsichtshalber eine Packung Schmerztabletten mit. Hier sein Bericht:

"Komme gerade nach sechs Stunden Wartezeit vom Krankenhaus. Der einzige Arzt dort ist seit Samstagmorgen ohne Unterbrechung aktiv – und hat noch Dienst bis Montag früh. Er konnte kaum noch die Augen öffnen. Aber immerhin wurde mein Fuß durchleuchtet, zwei mal ist die Großzehe gebrochen, eventuell sogar drei mal. So bekam ich einen Termin in der 80 Kilometer entfernten Universitätsklinik, in zwölf Tagen, am Freitag, dem 1. Oktober, da hier keiner wußte, was zu tun sei.

Aber ich lernte immerhin interessante Leute im Krankenhaus-Warteraum kennen, etwa einen bekannten Kunstmaler und seine Frau. Ein Patient aus einer benachbarten Stadt saß auch in der Notaufnahme, weil deren Krankenhaus dort keinen Arzt mehr habe. Ansonsten hätte er eine Stunde nach Norden zum nächsten Krankenhaus fahren müssen, doch dort würde man dann nicht nur Stunden sondern Tage warten, um eine Erstuntersuchung zu bekommen.
Gut, dass ich die Schmerztabletten mitgenommen habe. Neben mir sitzen Menschen, die das stundenlange Warten aufgrund ihrer Schmerzen kaum ertragen können. Ich gebe eine Runde "Pain Killers" aus und ernte Dankbarkeit. Ein freundlicher Mann sagt mir anschließend, dass er ein Buch schreibt und endlich den passenden Anfang gefunden hat: Er wird beschreiben, wie er in die Notaufnahme musste und dort Schmerztabletten bekam – allerdings nicht vom Krankenhaus, sondern von einem Co-Patienten."
Klartext: Unser Mann wartet sechs Stunden auf eine Röntgenaufnahme. Das Krankenhauspersonal sieht sich nicht in der Lage, den gebrochenen schief stehenden Zeh zu richten und vertröstet ihn mit einem Termin in zwölf Tagen in der Hauptstadt. In zehn Tagen, das wird dann sein, wenn der Zeh schief zusammengewachsen sein wird und erneut gebrochen werden muss, bevor man ihn richten kann. Nun unsere Preisfrage: Wo spielte sich diese Begebenheit am gestrigen Sonntag ab?

a) in Indien auf dem Land, 80 Kilometer östlich von Mumbay.

b) in der Mongolei, 80 Kilometer westlich von Ulan-Bator.

c) in einer Favela 80 Kilometer vom Zentrum von São Paulo, Brasilien.

Falsch, falsch, falsch. In Irland, dem einst wohlhabendsten Land Europas, 80 Kilometer westlich von Cork.

PS: Dies ist kein Einzelfall. Es ist eher der Normalfall. Und es gibt Schlimmeres als einen gebrochenen Zeh. Trotzdem: Kopf hoch, solange es geht.


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Sunday morning. A West Cork man fractures his big toe when working in the garden. He delivers himself to the Emergency Room at Bantry Hospital. He will wait for six hours to get an x-ray but no treatment. There is nobody who could help him. The doctor on duty has been working on his own since Saturday morning, He looks exhausted. Our man is told to consult the doctor at Cork Universitiy Hospital on October 1 – in twelve days time. Too late to treat the toe correctly. This happened yesterday – no, not in India, not in Mongolia and not in a Brazilian favela. It happened in Ireland, the once most wealthy country in Europe. And it happens here many times, every day.

Kommentare:

  1. Hi Markus,
    das kommt wirklich aufs Krankenhaus an. Meine Krankenhauserfahrung war besser...Andererseits,Deutschland verpulvert Steuergelder auf der ganzen Welt, bis zu 80% sind unzufrieden mit Ihrem Job - ausgebrannt - , Jeder 4. erreicht das Rentenalter nicht mehr - nach einem Leben im Leistungsstall Deutschland...

    Welches System ist da wohl besser ? Schwer zu sagen...

    AUF JEDEN FALL GUTE BESSERUNG !

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  2. Mir selbst geht es gut, trotzdem vielen Dank für die Wünsche, ich reiche sie weiter.

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  3. Na ja...bei meinem angebrochenem Knoechel hatten mir verschiedenste Orthopaeden (in Deutschland) verschiedenste Diagnosen gestellt und ich habe wegen Druck von oben, den dann gebrochenen Knoechel erst ein halbes Jahr spaeter operieren lassen (und habe immer noch etwas davon). Soviel zum deutschen Gesundheits - uns Arbeitssystem!
    Natuerlich ist das Gesundheitssystem in Irland (groesstenteils) schlecht, keine Frage! Aber, deswegen ist in anderen Belangen das System in Deutschland nicht unbedingt besser (von einem anderen Fall, an dem ich noch zu knabbern habe ganz zu Schweigen!). Ich wuerde aber ungern Deutschlands unfaehigste Aerzte nach Irland holen/schicken! Das ist in beiden Laendern das jeweilige System, welches entsprechend geaendert werden sollte - klar waere ein europaeischer Standart gut, aber bis das realisierbar ist...?
    Warum nicht mehr Gemeindeschwestern einsetzen, wie es sie auch auf den Inseln gibt, um fuer die erste Notfallversorgung vor Ort zu sein? Ausserdem sollten soviele Menschen, wie moeglich Erste-Hilfe-Kurse belegen und z.B. eine gewisse Anzahl pro Dorf und Stadt in die Bedienung und Anwendung eines Defibrillators eingewiesen werden, der an einem zentralem Platz lagert...

    Auch von mit gute Besserung! Zeh schienen und ruhig halten, nicht zu viel durch die Gegend humpeln!!!

    Viele Gruesse Claudia

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  4. hmmm, das hat mich schon vor unserer letzten Reise nach Irland beschäftigt, was tun im Ernstfall. Dein Bericht hat mich nicht gerade beruhigt, aber so ähnlich habe ich es mir vorgestellt.
    Da kann man nur hoffen, daß man im Urlaub keine ärztliche Hilfe benötigt. Für die kleineren Unpässlichkeiten bin ich immer gewappnet.
    Viele Grüße und gute Heilung für den Zeh, ich hoffe, er hat genügend Pain Killer.
    Helga

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  5. Hatte bisher nur einen Krankenhaus-Kontakt in Irland, ca 1998 und auch nur als Begleiterin des "Opfers". Mein Partner war auf einer Wiese mit dem Fuß umgeknickt und konnte nicht mehr auftreten, die Schwellung ließ nicht auf sich warten. Nach einer unruhigen Nacht im B&B mit vielen Eiswürfeln von der Landlady beschlossen wir, auf Nummer Sicher zu gehen und eine Stunde nach Letterkenny/Co Donegal ins Krankenhaus zu fahren, falls das Gelenk doch gebrochen war. Wir kamen an, schilderten den Sachverhalt und wurden in den Warteraum geschickt. Wir haben ca 1,5 Stunden gewartet, dann wurden wir aufgerufen. Untersuchung durch eine Ärztin, Rüberhumpeln in den Röntgenbereich, danach Begutachtung des Bildes. Kein Bruch, also Knöchel schön fest mit Elastikbinde versorgt und uns noch einen schönen Urlaub gewünscht. Mit dem Auslandskrankenschein der Kasse (damals noch in Papierform) konnte keiner was anfangen, nach der Adresse wurde auch nicht gefragt – Folge: eine kostenlose Behandlung! Den schlechtesten Eindruck machten bei der Aktion das Krankenhausgebäude und auch die Innenausstattung, die beide reichlich runtergekommen und bedürftig wirkten. Da womöglich für mehrere Wochen eingewiesen zu werden, kam mir psychisch bedenklich vor – aber wenn ich eure Erlebnisse lese, wäre das ja völlig unwesentlich, denn die Behandlung war okay. Glück gehabt? Oder war die Lage Ende der 90er besser? Hatte das Letterkenny-Krankenhaus einen Sponsor? Keine Ahnung. Das Beste ist immer, überhaupt nicht erst krank zu werden – in Eire und in Deutschland.

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  6. Da hast Du Recht, Nicola!

    Anbei wuerde ich noch die Apotheke in Adare empfehlen! Nachdem ich mir im September 'o7 den heftigsten Sonnenbrand, den ich je gehabt habe, zugezogen hatte (dicke, grosse Brandblasen zierten meinen Nacken), wurde ich zwar unglaeubig, ob der Tatsache, das dieser grad wirklich von Inishbofin stammte, behandelt (wurde allen Kollegen und Kunden gezeigt). Und zwar richtig gut mit Parafin-Auflagen und Aloe-Gel (meine T-Shirt Qualitaet wurde in dem Zug auch noch gleich in Frage gestellt)- ausserdem hatte ich mir gleichzeitig einen dicken grippalen Infekt zugelegt (fragt nicht, ist bei mir und in Irland moeglich!) und wurde auch da phantastisch versorgt (wie auch bei der B&B Lady vorher mit Panadol).
    Wir bekamen einen sehr guten Eindruck von der Apothekerin samt Mitarbeiterinnen und denken mal, das die Iren, wenn das keine Ausnahme war, sich eben anders zu helfen wissen (zwangslaeufig).

    Gruss

    Claudia

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