Montag, 28. September 2009

Tipps zum Wandern in Irland (9):
Über Zäune klettern und politisch werden!

Wandern in Irland ist eine wunderbare Sache – gerade im Südwesten der Insel, wo Berge und Meer, gepflegte Schafweiden, nette Dörfer und romantische Inselchen ein idyllisches Gesamtbild abgeben. Herrliche Landschaften, reine Luft, tolle Ausblicke – wenn dann das Wetter noch mitspielt, wird die Wanderwoche zum unvergesslichen Erlebnis.

Alles in Butter also? Immerhin schlagen auch die Tourismusvermarkter von Fáilte Ireland und Tourism Ireland wieder verstärkt die Trommel für Wander- und Natur-Erlebnisurlaub auf der Insel, nachdem sich der maulkranke Keltische Tiger erst einmal an seine Zahnprothesen gewöhnen muss.

Alles in Butter also, auf den Wiesen und Weiden von Kerry? Alles im Lot in den Bergen von Cork? Leider nicht. Zurück von zahlreichen Touren stellt der Wanderer fest, dass die Voraussetzungen für wandernde Urlauber trotz aller Werbemaßnahmen nicht besser geworden sind. Irland leidet – und das nicht nur im Südwesten und Westen – unter gravierenden Zugangsproblemen. Die Landschaft wird vielerorts abgesperrt und verrammelt mit Zäunen, verschlossenen Toren, Stacheldraht. Wanderer werden von sperrigen Bauern abgeweisen, zur Umkehr gezwungen. Sehenswürdigkeiten werden von abschreckenden Rinderherden "bewacht" und "gepflegt". Es gibt in Irland bis heute vielerorts nur ein rudimentäres öffentliches Wanderwegenetz, und der freie Zugang zu den Bergen, das in England anerkannte "Right to Roam" oder "Right to Ramble", ist auf der Grünen Insel bis heute ein Fremdwort.


Einige Beispiele, wie es Wanderern schwer gemacht wird, sich ohne ortskundige Führung zurecht zu finden und die Touren in einem von den natürlichen Resourcen her besten Wanderländer Europas wirklich voll zu genießen:

Beispiel Beara Way bei Glengarriff: Ein einzelner Querulant, dessen Rechte dazu noch strittig sind, hat im vergangenen Jahr mehrfach Wanderern den Weg auf der alten Straße nach Adrigole versperrt und sie zum Umkehren gezwungen. Der Teilabschnitt des Weges wurde darauf hin offiziell gesperrt; im Winter wurde mit viel gutem Willen ein nördlicher Umleitungsweg gebaut. Statt der reizvollen Südroute hoch über der Bucht sollen Wanderer nun den äußerst beschwerlichen Nordweg nehmen. Immerhin haben sie eine Alternative.

Beispiel Sheeps Head Way: Der gerade mit einem wichtigen Europäischen Preis zelebrierte Fernwanderweg auf der Sheep´s Head Peninsula macht gerade viele positive Schlagzeilen. Dass der Weg im Abschnitt des vermeintlich romantischen "Poet´s Way" fast unbegehbar ist, weil der dort ansässige Farmer die Kuhherde ganze Arbeit hat verrichten lassen, merken weder die Preisrichter noch die Leser großer Elogen auf den sheeps Head Way. Nur wer poetengleich im Schlamm versinkt, wird eine abweichende Meinung kultivieren. Damit kein falscher Verdacht aufkommt: Der Wanderer hält den Sheep´s Head Way insgesamt für einen der spektakulärsten Wanderwege Irlands.

Beispiel The Paps, Kerry: Die beiden busenförmigen Berge zwischen Ballyvourney und Killarney gelten als leicht zu besteigende Gipfel mit herrlichen Aussichten. Zu recht. In 690 Metern Höhe genießt man den weiten Blick auf die Seen von Killarney und auf die McGillycuddies. Vor den Blick haben Farmer und Forstleute allerdings beträchtliche Hürden gestellt. Bis man sich ins freie Weidegelände vorgekämpft hat, abolviert man einen Hindernislauf über Parcours von Zäunen, Stacheldrahtverhau und Toren.

Beispiel "Steinkreis von Kealkil": Dieses hervorragend erhaltene und exponiert gelegene Jahrtausende alte Steinmonument am Beara-Breifne-Weg soll seit diesem Jahr von Wanderern eigentlich nicht mehr besucht werden : Am Eingangstor prangt ein neues Warnschild "Gefahr: Vorsicht vor dem Bullen". Am Ende sind es nur harmlose Kühe, die sich genüsslich die Rücken an den Steinen reiben und das Umfeld der Anlage in einen großen Sumpf verwandeln. Die Abschreckung durch die Steinkreiswächter auf vier Beinen funktioniert dennoch prima.


Beispiel "Alte Festungsanlage auf Whiddy Island": Tatsächlich und unvermittelt einem massiven furchteinflößenden Bullen und etwa 50 Milchkühen, Kälbern und einem Esel begegnet, wer den Eingang zum Festungshügel sucht. Ein zweifelhaftes Vergnügen an einem eigentlich hochinteressanten und faszinierenden Ort, der nach Besuchern vom Festland förmlich lechzt.


Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen, der Wanderer wählte bewußt Beispiele, die er gerade selber wieder erlebt hat; zu zitieren wären genauso gut hunderte andere Orte und Fälle, wo wandernde Urlauber schnell an ihre eigenen Grenzen stoßen, wenn sie auf eigene Faust unterwegs sind. Auch wenn der Wanderer gerne einräumt, dass es zu seinen Beschäftigungen gehört, Ortsfremde sicher und unterhaltsam ans Ziel zu führen und dass dies mit Ortskenntnis und guten Kontakten gut gelingt, so meint er doch, dass die vielen Negativerfahrungen von Wandersleuten dem Bild vom Wanderland Irland ganz und gar nicht gut tun.

Der zuständige Minister, Éamon Ó Cuív, hat zwar vor einigen Monaten großspurig angekündigt, dass er die Zugangsprobleme innerhalb eines Jahres zu 90 Prozent lösen will. Der Bürgerinitiative "Keep Ireland Open", Verfechter eines offenen Zugangs für Wanderer, ist allerdings verborgen geblieben, wie Ó Cuiv dies schaffen will. Der Regierungspolitiker setzt auf die freiwillige Kooperation der Grundeigentümer, also der Bauern. Dass er diese Unterstüzung bekommen wird, ist jedoch völlig zweifelhaft: Die großen Bauernverbände halten von den Plänen des Ministers wenig. Derweil zitiert "Keep Ireland Open" eine aktuelle Studie, derzufolge die irischen Zugangsprobleme längst die gravierendsten in ganz Europa sind.

Die Regierung muss wohl die fortschreitende Verbarrikadierung und Abriegelung des ländlichen Irlands und das ungehemmte Primat von Privateigentümer-Interessen mit klaren Gesetzen in die Schranken weisen und den offenen Zugang für Wanderer und Spaziergänger gesetzlich regeln. Ansonsten bliebe nicht nur Alles beim Alten; denn die Lage spitzt sich – mit Ausnahme auf den wenigen staatlich geförderten Wanderwegen – Jahr für Jahr mehr zu.

Um ein positives Signal zu setzen, dass wir Wanderer eine klare landschafts-öffnende Politik der Regierung unterstützen, können wir die Bürgerinitiative "Keep Ireland Open" anschreiben und per E-mail unsere Meinung kund tun: Please open up the Irish Countryside. Danke fürs Mitmachen.

Kommentare:

  1. Ich war im Juli auch in Kealkil. An das Bullen-Schild kann ich mich gar nicht erinnern (war noch nicht dran, oder meine selektive Wahrnehmung funktioniert gut!), ich kletterte schön über das immerhin ja auch vorhandene Leiterchen neben dem Tor. Es waren weit und breit keine Kühe da, aber der von dir geschilderte, von ihnen geschaffene Sumpf erfordert schon allen Erfindungsreichtum, um zum Steinkreis zu kommen. Denn: wo es noch festen Boden zum Drauftreten gibt, haben die Kühe oft ausgerechnet was drauf fallen lassen... :-o

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  2. Wenn ich das Photo von dem Bullen ansehe,bekomme ich noch nachträglich Hosenflattern....

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