Dienstag, 20. Oktober 2009

Doolin im Herbst – nur in Fisherstreet scheint alles beim Alten


Am Pier von Doolin

Bill steht am Pier von Ballaghaline, Doolin. Er schaut müde aufs Wasser, hinüber zu den Aran Inseln. Bill ist froh, dass die Tourismussaison im Westen Irlands vorüber ist. Das Jahr hat Kraft gekostet, die Margen sind zusammengeschrumpft, der Kampf um das Geld der abnehmenden Urlauberschar aus den USA und aus Europa war härter denn je.

Doolin, Herzland des traditionellen Irland, am Rand der Cliffs of Moher im County Clare, leidet. In den vergangenen zehn Jahren haben die Leute von Doolin die herrliche Landschaft zwischen den Cliffs, den Aran Inseln und dem Burren mit hunderten neuen Ferienhäusern, Hotels, Villen und Privathäusern überzogen. Der Geldsegen aus Touristentaschen schien Jahr um Jahr üppiger zu strömen. Wer dachte da an ein Ende der Party? Allenfalls die Spielverderber. Jetzt wird es eng in und um Doolin. Weil Gäste ausbleiben, Kredite nicht mehr fließen und das Geld an allen Ecken und Enden fehlt.

Quo vadis Doolin?

Bill erinnert sich gerne an die die guten, alten Zeiten. Damals war alles locker, lustig, Porter und Freude. Heute regiert der Druck. "Wir haben verdammt groß gedacht, zu groß. Wir haben ein zu großes Rad gedreht, wir haben es übertrieben", sagt der 58-jährige. "Wir haben alle zu viel gebaut und zu viel investiert." Er nimmt sich nicht aus. Bill hat sich und seiner Familie einen 16-Zimmer-Palast hingestellt. Heute bewohnt er mit seiner Frau zwei Zimmer im Riesenhaus. Der Rest bleibt ungenutzt und unbeheizt.

Sehr groß, sehr schrill, sehr bunt: Villa in Lisdoonvarna (bei Doolin)

Immerhin: In seinem Haus bleiben zwei Zimmer bewohnt, in vielen anderen Villen Doolins ist die Familie längst in einem zusammengerückt. Viele Häuser stehen ganz leer – auch Hotels, Activity Centers, Gästehäuser.

Vor O´Connor´s Pub

Nur in Doolins Fisherstreet, der wohl berühmtesten Straße im ländlich-traditionellen Irland, scheint fast alles beim Alten: Sie hat ihr Gesicht in den letzten 40 Jahren nur allmählich und behutsam verändert. Der Musikladen ist da, der Pulloverladen, der Souveniershop. Bei Gus O´Connor´s finden Fiddle, Flöte und Concertina ihre Meister, fließt der Porter, drängen sich Musiker um einen Auftritt.

Girls playing the fiddles

Die Hochburg der Irish Music kann über Gästemangel auch im späten Herbst kaum klagen. Hier wird die traditionelle irische Folk Music im Sinne der legendären Russel-Brüder in Ehren gehalten.

Meister der Flöte in O´Connor´s

Andernorts im "modernen" Irland spricht man derweil verächtlich von der "Diddle-ee-did"-Musik.


Packie Russel & Marcus Walsh in O´Connor´s 1973

Wo liegt Doolin, fragte man gerne rhetorisch, weil in Doolin keiner von Doolin spricht und immer nur die Namen der Ortsteile benutzt: Fisherstreet, Roadford, McDermott´s, McCann´s. Heute interessiert eine andere Frage mehr: Was wird aus Doolin werden?

Die Zeit des Abspeckens hat auch in Irlands Westen längst begonnen. Bill beteuert: "Wir Leute auf dem Land kommen auch in schlechten Zeiten klar. Wir brauchen nicht die neusten tollen Klamotten, nicht die besten Autos wie die Leute in Dublin." Sagt´s und gleitet im glänzenden schwarzen Range Rover nach Hause, den 14 leeren Zimmern entgegen.


Kommentare:

  1. Schoener Beitrag. Es gibt wohl viele, die sich verspekuliert haben und nun vor einem Problem stehen. Vielleicht besinnt man sich wieder mehr auf "alten" Werte.

    PS: Der Artikel hat einen etwas anderen Schreibstil als sonst. Anderer Autor? Oder Umstellung?

    AntwortenLöschen
  2. Danke Nobody. Derselbe Autor, und nur ein stilistischer Ausflug ins Kurz-Feature.

    AntwortenLöschen
  3. Hallo Wanderer
    Ich lese schon eine Zeitlang Deinen Blog und möchte Dir Gratulieren.
    Es ist als Irlandfan fast Pflicht Deinen Blog zu lesen.
    Wir waren im September wiedereinmal für 2 Wochen mit dem Camper in Irland, einfach traumhaft.
    Einer Unsrer Halts war natürlich auch Doolin mit einem Besuch im Pub. Einfach SCHÖN!
    Schade gibt es immer mehr Pubs in Denen keine Irische Musik mehr gespielt wird. Schade!
    Wir schauen auf jeden Fall immer ob ein Haus am Meer Unseren Vorstellungen entspricht, da Auswandern bei meiner Frau und mir ein Thema ist.
    Mach weiter so.
    Liebe Grüsse
    Rolf Leiser
    Worben / Schweiz

    AntwortenLöschen

Wir freuen uns über Deine / Ihre Meinung. Zur Meinung gehört, dass man und frau auch zu ihr stehen und zu erkennen geben, wer diese Meinung vertritt.

Kommentare werden derzeit moderiert.

Bitte benutze (n Sie) eine der angebotenen Identitäten, um sich auszuweisen. Danke. Der Wanderer

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.

IMPRESSUM

Dieser Blog wird geschrieben und editiert von: Good News Media Markus Bäuchle, Eliane Zimmermann, Starlight House, Ardaturrish Beg, IRL-Glengarriff, Co. Cork. mbaeuchle (at) mac.com Haftungsausschluss: Die Texte in diesem Blog wurden von den Verfassern nach bestem Wissen und Gewissen erstellt. Trotz sorgfältiger inhaltlicher Kontrollen und regelmäßiger Aktualisierungen dieses Blogs übernehmen wir keine Haftung für die Inhalte externer Links. Für den Inhalt der verlinkten Seiten sowie für die Inhalte von Kommentaren sind ausschließlich deren Betreiber/AutorInnen verantwortlich.