Mittwoch, 11. November 2009

Die Angst vor dem Linksverkehr


Nach einigen Jahren Übung reist der deutsche Irland-Bewohner auf den irischen Straßen, als wäre er nie woanders gefahren: Er rollt auf der linken Seite und merkt es nicht - und ist das Strässchen noch so schmal. Warum auch nicht. Bisweilen wird er von Besuchern dann wieder an den straßenordnungspolitischen Unterschied zur alten Heimat erinnert: Besuch hat Angst vor Linksverkehr. Besuch ist zu alt, zu frau (sorry!), zu unflexibel, oder einfach zu bequem, um sich auf die "andere" Straßenseite einzustellen.

Ja, da war was. Der Wanderer erinnert sich. An die Angst vor dem Zusammenprall in der Straßenmitte, mehr noch: den Horror vor dem linken Straßengraben. Dem wollte auch er ganz krampfhaft und unbedingt fernbleiben in den ersten Wochen seiner Linksfahrpraxis. Die Aufgabe, den rechtenlinken Weg zwischen Gegenverkehr und Straßenrand vom rechten Frontsitz aus zu navigieren, sorgte für eine gewisse Aufgewecktheit - zumindest wenn man es mit dem defokussierten Schlafwandeln des routinierten Autolenkers vergleicht.

Und doch: Linksfahren in Irland ist einfach. Es ist schließlich eine Frage des Überlebens – und wer wollte das nicht. Deshalb funktioniert es in der Regel wie auf Knopfdruck. Der landesweit übliche kreuzungsfreie Kreisverkehr macht es zudem ganz leicht: Wer in den (ampelfreien) Kreisel hineinfährt, gewährt Vorfahrt, wer drin ist, genießt sie. Und wer gar keine Peilung hat, hängt sich einfach mal an einen einheimischen Vorfahrer und imitiert zeitversetzt, wie der fährt.

Der Wanderer hatte in den vergangenen zehn Jahren viel Besuch in seiner Wahlheimat Irland. Es ist – mit Ausnahme von zwei kaputten Reifen und einem kleineren Blechschaden – immer gut gegangen. Die Prognose: Lebenslanges Lernen setzt sich als Konzept auch beim Autofahren durch. Deshalb: Allzeit gute Fahrt – auch links von der Mitte!

PS: Es gibt leider auch einige wenige unrühmliche Ausnahmen: Ein deutscher Irland-Resident mit vielen Jahren Inselerfahrung, der sich die Mühe machte, ein Auto für einen irischen Bekannten 2200 Kilometer weit von Deutschland nach Irland zu überführen, musste drei Kilometer vor seinem Ziel in West Cork zur Pinkelpause an den Straßenrand. Er kehrte auf die rechte Seite zurück und verursachte einen veritablen Crash. Das war Pech. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Foto courtesy cluetrain.com

Kommentare:

  1. Jaaa,Besuch hat Angst vor Linksverkehr!Bin "frau"genug um mir vorsichtshalber den teuren Automatik-Leihwagen reserviert zu haben.Trotzdem hab ich jetzt schon weiche Knie wenn ich daran denke in 2 Wochen erstmalig und auch noch allein vom Kerry airport nach Kenmare zufahren.Gibts noch irgendwelche Tipps oder Augen zu und durch?

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  2. Hallo Tanja,
    bleib ganz cool! Nachdem ich bei den anfänglichen Irlandbesuchen nie ans Steuer durfte (Mann wollte den Linksfahrspaß nicht mit mir teilen), hab ich dann bei meinem ersten Solo-Urlaub meine große Stunde gehabt. Abgesehen davon, dass frau in der ersten halben Stunde immer mit der (damals noch) Fensterkurbel schalten will – ich nehm nie Automatikautos – ist die Umgewöhnung easy. Unten die Pedale und oben der Blinker sind näm-lich völlig an der gewohnten Stelle, und dass Scheibenwischer und Lichtschalter unterschiedlich zu bedienen sind, darauf muss man sich auch bei kontinentalen Autos immer neu einstellen. Spannender ist es, beim Einbiegen in eine oder beim Ausfahren aus einer Einfahrt die richtige Seite zu nehmen – wenn kein anderes Auto auch da rumfährt und eine daran erinnert, was die "rechte" Seite ist. Früher oder später kommt dann ein anderes Gefährt und gibt dir mit der Lichthupe einen freundlichen Hinweis. Aber ich glaube nicht, dass es bei dir soweit kommt, das passiert eher, wenn frau sich so routiniert fühlt, dass sie nicht mehr jedes Mal aufpasst (wie das Beispiel in Markus' Text). Auch eine Vollkasko-Versicherung trägt zur Gelassenheit bei.
    Wobei ich immer noch ein dickes Fell brauche, ist das Fahrtempo. Auch auf schlechten, engen Straßen fahren die Einheimischen teilweise einen Affenzahn, sie kennen die Strecken ja auch von klein auf. Wenn dir eine Irin sagt, du seist in So-und-so-Town in zwei Stunden, kannst du mal ruhig 50 Prozent draufschlagen (vor allem, wenn du als Touri doch ein- oder zweimal unterwegs einen kurzen Stopp machst). Und bei der einheimischen Fahrweise kommst du dir dann auch mit 90 kmh wie ein lahmes Hindernis vor, weil du dauernd überholt wirst. Im Laufe der Urlaubswochen gewöhne ich mich dann dran und fahr schließlich auch schneller, aber bleibe trotzdem im Großen und Ganzen ein Hindernis, weil ich mich als Gast im Land ordentlich an die Verkehrsregeln halte und Geschwindigkeitsbegrenzungen beachte. Mir ist klar, dass ich durch den Verleih-Aufkleber sowieso als Touri erkennbar bin und denke dann einfach mal an all das viele Geld, das ich im Land lasse, und wofür die Iren dann ja auch ein bisschen Geduld mit mir haben können! Wenn die Schlange hinter mir zu lang wird, fahr ich gele-gentlich mal links ran und lass sie vorbei. Ich hab schließlich Urlaub und bin nicht auf der Flucht. Und ja, es gibt noch langsamere Gefährte als Touri-Mietwagen – Traktoren, Müllautos, uralte Laster – und die lassen eine nach Möglichkeit auch gern vorbei, da gibt es dann auch oft ein nettes Miteinander – nach dem Überholen ein paar Mal die Warnblinkanlage als Dankeschön blinken lassen kommt gut!
    Und Geduld erlebe ich auch bei anderen. Ich hab mal straßenkartenstudierenderweise an der Ampel eine kom-plette Grünphase verpennt – da hat NIEMAND der hinter mir stehenden gehupt! Es wird ja bald wieder mal grün... Ich komm auch meistens gut mit der Ausschilderung klar, und dass bei Ampelanlagen oft auch jenseits der Kreuzung noch mal eine Ampel für mich steht und ich mir als erste Fahrerin nicht den Hals verbiegen muss um nach oben zu schauen, finde ich sehr komfortabel.
    Du wirst es wahrscheinlich leichter finden, als du denkst (habe ich auch von anderen gehört), und glaube mir: wenn der fette LKW auf der schmalen Straße auf dich zu kommt – ihr passt tatsächlich aneinander vorbei, auch wenn es sich erst gar nicht so anfühlt! Im Übrigen dürfte es auf deiner Strecke auch wesentlich unchaotischer zugehen als im Dubliner Großstadtverkehr. Ich bin sie jetzt im Sommer auch gefahren, und ich denke mal, dank der Umgehungsstraße um Killarney dürftest du kein Gewusel erleben. Und take your time auf dem Pass zwischen Killarney und Kenmare... YOUR very own time und nicht das Tempo der anderen! Trink auf dem Ladies' View eine Tasse Tee, und wenn du wieder weiterfährst, sieht die Welt schon anders aus.

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  3. Hallo Nicola,
    dein Kommentar wirkt bei mir sehr aufbauend!Als ich schrieb "erstmalig"war das auf das Selberfahren bezogen,denn auch ich war bisher immer nur Beifahrer.Ich habe zwar immer versucht links "mitzudenken"aber jetzt selber ran zu müssen ist schon anders.Kenne die von dir beschriebene Strecke ,aber da ich ein kleiner Feigling bin ,werde ich wohl den Umweg über Killgarvan nehmen (erstmal zum üben)die Straßen sind eindeutig leichter.Vielleicht schaffe ich den Tee am Ladies view ja später noch.

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  4. Hi Tanja, das wird schon klappen. Iren fahren vielleicht schnell, aber gleichzeitig viel entspannter als Deutsche – und das Gefühl, dass man anderen als Hindernis vorkommt, ist wirklich ein Ereignis im eigenen Kopf. Hier wird noch mit sehr viel mehr Rücksichtnahme gefahren, ja auch mit Höflichkeit. Ab und zu mal neben raus fahren und andere vorbeilassen, wenn man selber langsam fährt, ist sicher ein guter Weg, um sich zu revanchieren, wie Nicola auch schreibt.

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