Freitag, 25. Dezember 2009

Irische Weihnachts-Traditionen (Teil 2):
Der Tag des Zaunkönigs






Ja ist denn schon Fasching? Morgen, am 2. Weihnachtstag, ziehen in einigen Orten Irlands verkleidete Menschen musizierend von Tür zu Tür und halten die Hand auf. Sie tragen Hüte und Gewänder aus Stroh, ihre Gesichter sind schwarz angemalt und an der Spitze des Umzugs marschiert der Träger eines Holzstabes. Traditionell steckte auf der Spitze dieser Stange aus dem Holz der Stechpalme (Holly) ein toter Zaunkönig. Diese Tradition des aufgespießten Vogels ist verloren gegangen. Dennoch: Morgen ist "The Wren" – und die verkleideten Gestalten, die durch die Straßen ziehen, sind die "Wren Boys". Der "Wren", einer der kleinsten Vögel der Erde, spielt dabei noch immer eine interessante Rolle.

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"The Wren", auch bekannt als "The Wran" und im Westen der Insel genauso ausgesprochen, rührt im kollektiven Gedächtnis der Iren an Zeiten, die mehr als 1200 Jahre zurückliegen. Die alten Geschichten wollen wissen, dass irische Soldaten auf dem Sprung waren, die Wikinger, die Invasoren aus dem Norden, überraschend zu schlagen. Im letzten Moment haben Zaunkönige die schlafenden Feinde gewarnt - in einer Version der Geschichte trommelten die kleinen Vögel mit ihren Schnäbeln auf den Schildern der Wikinger, in einer anderen auf den Schlagzeugen. Die "Norsemen" jedenfalls wachten rechtzeitig auf und es wurde nichts aus dem hinterhältigen Angriff.

Der Zaunkönig ist seit diesen Zwischenfällen in einem früheren Jahrtausend bei den Bewohnern der Grünen Insel in Ungnade gefallen - er gilt seitdem als Vogel des Teufels. Und das erklärt, warum die Wren Boys vor dem Umzug in den Wald zogen, um einen Zaunkönig zu töten, der dann auf den Pfahl gespießt und durch die Straßen getragen wurde.

Bezeichnenderweise hatten die Kelten den Zaunkönig im vorchristlichen Irland in hohen Ehren gehalten. Der kleine Piepmatz galt als Vogel der Könige, sein Platz war an der Seite der Druiden. Er wurde geehrt für seine überlegene Klugheit, die ihn noch über den Adler stellte: Die keltischen Sagen berichten vom Wettstreit der Vögel, wer am höchsten fliegen kann. Den Wettbewerb gewann der Zaunkönig. Er hatte sich – quasi als Blinder Passagier" – im Gefieder des Adler versteckt und stieg mit diesem hoch in die Lüfte. Erst als der Adler ermüdete und zur Umkehr ansetzte, stieg der Zaunkönig aus und flog zum Sieg.

Weitere Legenden wollen wissen, dass der "Wren" den Heiligen Stephan (Bild), der sich vor seinen Verfolgern versteckt hielt,  durch lautes Zwitschern verraten hat. Der im 1. Jahrhundert lebende Stephan wurde darauf bekanntlich gesteinigt. Dem Zaunkönig sicherte die christliche Fabel einen festen Platz im irischen Kalender: Der Stephanstag ist auch der Tag des Zaunkönigs.


Die katholische Kirche verfolgte im alten Irland nicht nur den Wren, sondern auch die Ziele der "Wren Boys". Denn wenn diese von Haus zu Haus zogen und die Bewohner um Geld baten, dann gipfelte der Umzug meist in einem Fest, das wir heute als Party bezeichnen würden – nach katholischem Verständnis eine Gelegenheit, Sünden zu begehen.  So passt es, dass "Wren" auch eine alte Bezeichnung für die Prostituierten in Irland ist.

Im Irland der Gegenwart hat die Tradition des "Wren", die fast schon vergessen war, eine neue Bedeutung gewonnen: Der Umzug der verkleideten Musikanten und der Strohmänner wird heute vor allem zum Spendensammeln genutzt. In der Gemeinde des Wanderers werden die "Wren Boys" morgen ausziehen, um Geld für die örtliche Schule zu sammeln. Das Dach ist undicht geworden und muss dringend repariert werden. The Wran, in Glengarriff organisiert vom traditionsbewussten Klempner Cornelius Connolly,  wird zur Instandhaltung der Schule maßgeblich beitragen.

PS: Wenn jemand gerne dieser sehr guten, aber auch sehr kleinen Zwergschule helfen will, deren Existenz im quasi-bankrotten Irland leider nicht gesichert ist, soll sich bitte beim Wanderer melden, der die Daten des Schulkontos gerne weiter gibt.







* Das Fest des Zaunkönigs wird auch in Dingle jedes Jahr mit einem Umzug begangen. Auf dieser Dingle-Website wird der  Brauch gut beschrieben. 

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