Montag, 21. Dezember 2009

Irland – Land der Stämme

Irland geht in diesen Monaten der Krise hart mit sich selbst ins Gericht – die Debatte über die eigenen Fehler, die in Gottes Namen begangenen Verbrechen an Kindern, das eigene Versagen, Politik zu gestalten und das öffentliche Leben zum Wohle möglichst Vieler zu planen; die Gier, die das Land in den Abgrund trieb: Diese abgründigen Themen bestimmen derzeit die öffentliche Diskussion. Ob das Jammern, das Wehklagen, das Analysieren, das Postulieren, Monieren und Selbstzerfleischen zu positiven Veränderungen führt – wer weiß es?


Heute setzt die Kolumnistin Ann Marie Hourihane in der Irish Times ein extra großes Ausrufezeichen der Selbstkritik. Wie gut, dass wir es nur zitieren und so vielleicht den verbalen Prügeln dafür entgehen, wieder unberechtigt über unser "Gastgebervolk mit dem naturgegebenen Heimrecht" herzuziehen. 


Ann Marie schreibt unter der Überschrift "It´s a country where the personal is all too political":


In Ireland our systems are so lousy, our management is so appalling, our morality so non-existent, that our only recourse is the personal, the family, the tribe.
The thing is that it is terribly tiring living in a country where everyone has to be wheedled and humoured and seduced into doing the job that they are being paid to do anyway. It’s so draining keeping everyone on side. It’s so humiliating to think that the provision of public services depends on individual whim. This is usually the time of year at which a lot of schoolteachers get a nice bottle of wine; it would be interesting to know how those donations hold up this year. 


Die kluge Analytikerin Hourihane beschreibt in ihrem Leitartikel eine Gesellschaft, in der das zu Persönliche, das allzu Personenbezogene ein Grund für deren Niedergang ist. Gescheiterte Banker, die egoistisch wegducken (und ungestraft davonkommen) statt Flagge zeigen, Bischöfe, die am Amt kleben, weil sie nur sich selber sehen können, all die kleinen Leute, die so viele Entschuldigungen haben, um nie Verantwortung übernehmen zu müssen. Obendrauf Patronage, Vetternwirtschaft und Korruption: Wer etwa einen zeitnahen Termin bei einem irischen Facharzt im Krankenhaus braucht, muss die richtigen Leute kennen und sie gut bei Laune halten. Dann klappt´s. Sonst in der Regel nicht. 


Die Abwesenheit einer allgemein akzeptierten, objektiven Moral, das Fehlen von gesellschaftlichen Werten, die das Gesamte zusammenhalten, machen das Leben in Irland für die irische Bevölkerung zu einem Abenteuer, in dem derzeit nur die Solidarität der Stämme, der Familien und der Beziehungen zählt. Hourihane beschreibt diesen Zustand als heillos und mittelalterlich.  


Es ist zu hoffen, dass die Menschen in Irland in diesem schmerzhaften Prozess der Selbstwahrnehmung und der Selbsterkenntnis zu sich selber finden. In einem Umfeld, in dem jeder fast jeden kennt, ist das kein automatisch garantierter Erfolg. 

Kommentare:

  1. Hallo,

    erst einmal danke für die Beiträge!

    Ich habe eine Frage, was ist hiermit gemeint:
    'die in Gottes Namen begangenen Verbrechen an Kindern'

    Grüße aus Deutschland

    Yaspiz

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  2. Hallo, das ist vielleicht etwas zu sehr um die Ecke formuliert: Die Pfarrer arbeiten nach Bekunden der Kirche in Gottes Namen, als dessen irdische Stellvertreter: In Irland haben zahlreiche katholische Pfarrer in den vergangenen Jahrzehnten Kinder sexuell missbraucht, worüber auch auf diesem Blog mehrfach schon berichtet wurde.

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  3. Vielleicht auch an dieser Stelle nochmal ein Link, der auf einen 45 minütigen BBC Bericht (Panorama- Sex, Crime and the Vatican)hinweist, der zwar schon 2006 im TV ausgestrahlt wurde, aber heute aktueller denn je ist. Man fragt sich danach wirklich, ob der Pabst überhaupt noch in irgendeinem Land erwünscht sein darf.

    Hier der Link. Bitte kopieren und in Ihr Browserfenster einfügen. Sie werden automatisch zu dem Bericht weitergeführt. Leider nur in englischer Sprache, aber vielleicht wurde dieser Bericht auch im deutschen Fernswehen mit Untertiteln gezeigt:

    http://video.google.com/videoplay?docid=-9216902699740163930&hl=en#

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  4. Hier auch nochmal Sinead O´Connor`s jüngst veröffentlichter Apell an den Pabst, er solle doch endlich abtreten...Respekt, Sinead!

    Sinead O’Connor's letter calling on Pope to stand down

    Dear Sir,

    On behalf of all Irish artists – though most have kept their mouth shut – I demand the Irish government expel the papal nuncio and recall the Irish ambassador from the Vatican city in order to respect the people of Ireland, who are outraged by the contempt displayed by the Vatican for the suffering endured by survivors of clerical abuse and for the people of ireland in general.

    I demand also the Pope himself stand down for his contemptible silence on the matter and his acts of non cooperation with the (Murphy) enquiry.

    Popes have had no problem voicing their opinions when we wanted contraception or divorce. No problem criticising the Da Vinci code. No problem declaring Harry Potter books as evil. No problem criticising Naomi Campbell for wearing a bejewelled cross. Yet when it comes to the evils done by paedophiles dressed as priests they are silent. It is grotesque… unbelievable… bizarre and unprecedented. They stand for nothing now but evil. And our ancestors gave up anything that would have given them a moments joy. Because they believed these liars.

    They have brought Catholicism and the idea of God into disrepute. We need to take back the church. Which is OURS. Not theirs. They are not fit to call themselves representatives of Christ. They represent nothing but evil any more.
    They never believed that God was watching. And they still act as though they don't think God is watching. But every one of them will have to meet their maker in the end. Even the Pope himself. And if I were them, I would be very afraid.

    I also demand that Brian Cowan step down for his having no testicles in the matter. He has no clue what Irish people want. He should stand down and admit he has behaved in this matter as a coward.

    Sincerely,

    Sinead O’Connor

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  5. Ach Detlan, ach Sinead,

    die anti-katholische Wut-Rhetorik ist ja nachvollziehbar, aber der extreme Level des antiklerikalen Amoklaufs wirft schon die Frage auf, ob der Missbrauchs-Skandal nicht dafür herhalten muss, um ganz andere Verletzungen aufzuarbeiten.
    Keine Frage, jeder pädophile oder praktizierend schwule Pfaffe gehört aus dem Verkehr gezogen und ins Loch gesteckt.
    Und wenn Ihr Euch dann wieder ein wenig beruhigt habt, würde ich gerne mal darüber diskutieren, wie wir mit dem ganz "normalen" Skandal umgehen, dass weit über 3/4 aller sexuellen Missbrauchsfälle im Rahmen des engsten Familienumfelds passieren - weit weg von Pfaffen und Nonnen. Und wie war das nochmal mit dem honorigen Vergewaltiger in Kerry, der sich der Solidarität seiner Nachbarn sicher sein konnte? Die katholische Hierarchie hat hier einen einschlägig gestörten Priester zur Raison gerufen. Ist das nicht ein ermutigendes Signal?

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  6. Sinead O'Connor sagt:

    "On behalf of all Irish artists – though most have kept their mouth shut – I demand ..."

    Die Frau hat ja schon oft ihr enormes Ego bewiesen, dass sie sich jetzt zur Sprecherin für alle irischen Künstler aufschwingt und Forderungen stellt ... das ist ein neuer Triumph der Selbsterhöhung und Überschätzung der eigenen Wichtigkeit.

    Diese Botschaft (m Original hat sie hoffentlich Brian Cowens Namen richtig buchstabiert) sagt mehr über Sinead O'Connor als über den Skandal oder gar den Standpunkt "aller irischen Künstler" aus.

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  7. @Galahad:

    Lieber Galahad, wie kommst du auf antiklerikalen Amoklauf? Ist das schon dann, wenn man sich wagt in Opposition zur katholischen Kirche zu gehen und die Macht des Klerus hinterfragt? Ich denke mir dass dieser Skandal sicherlich noch nicht das Ende der Fahnenstange ist und der Murphy Report erst der Anfang einer weit über die Grenzen Irlands gehenden Recherche. Auch in meinem weiteren Familienumfeld gibt es wenn es dann mal wieder argumentativ ganz eng und heiss werden sollte so etwas wie eine „Ausschwitzlüge“. Ich hoffe nicht, dass sich dieses altbekannte Verdrängungs-Phänomen in Gestalt einer nennen wir es „Murphy-Lüge“ wiederholt. Ich bin mir fast sicher, dass wir vor einer Reformierung der katholischen Kirche stehen bzw. Ratzinger der erste Papst (evtl. sogar der letzte) der wohl oder übel zurücktreten wird.
    @Sexueller Missbrauch in der Familie: Sexueller Übergriff in der Familie ist genauso abartig, ich glaube aber wir sprechen hier -erstmal- von 2 verschiedenen Intuitionen die zu führen. In der Familie siegt wahrscheinlich der krankhaft niedere Instinkt des Missbrauchers mit dem sich dann die Familienmitglieder noch abartiger Weise aus Angst und Pein solidarisieren.
    Die päpstlichen Angestellten benutzten/instrumentalisierten ihre Macht offensichtlich um „Spaß“ mit Jungs/Mädels „was-auch-immer“ zu haben, bzw. führte auch -sicherlich unter anderem- das Gelübte der Ehelosigkeit und die dadurch entstehende Einsamkeit dazu, sich mit den Sisters of Laundry zu verbünden um wehrlose Minderjährige zu foltern. Sind das keine Resultate der Lehre einer katholischen Kirche? ….Bekommt man vom wichsen krumme Finger? Glaubst du daran? Ich nicht!
    Verstehe mich nicht falsch. Ich verurteile hier keine Menschen, die an etwas Glauben möchten, was ihnen im täglichen harten Leben Halt gibt. Katholisch, evangelisch, muslimisch, buddhistisch..whatever....das ist wirklich Privatsache und ihnen sicherlich heilig..wichtig. Wenn eine Religion jedoch soweit geht mächtiger als die Staaten in denen ihre Gläubigen leben zu werden, sollte man sich mal wieder Gedanken machen. Wenn es stimmt, dass Ratzinger 2005 bzw. 2006 von den krankhaften Trieben seiner Angestellten wusste und sie dennoch im Amt bleiben durften, bzw. nach Amerika, Afrika etc. versetzt wurden anstatt sie in pschiatrische Behandlung zu schicken, stellt sich mein gesunder Menschenverstand die Frage was durch den Vatikan nicht noch alles vertuscht wurde/wird. Das hat nichts mit Verschwörungstheorien zu tun. Wir leben im 21. Jahrhundert und nicht im Mittelalter. Daher bin ich der Meinung, dass selbst der Vatikan – gerade während solch einem Skandal – der Öffentlichkeit vollste Einsicht in seine Unterlagen, bzw. Berichte der vergangenen Jahrzehnte geben muss. Um sich zu Rehabilitieren sollte der Klerus Verantwortung gegenüber der ganze Welt, bzw. seinen Gläubigen zeigen. Das fängt mit vollkommener Akteneinsicht des Vatikans an...nicht mit irgendwelchen Papst-rhetorischen Ausdrücken des Bedauerns.

    @Bernd:

    Ja, ja... ich weiss, man könnte Sinead auch unterstellen diese Kampagne werbewirksam zu benutzen. Bezüglich ihres selbstempfundenen Über-Egos kann der Brief an den Papst einem einen leichten profilneurotischen Nachgeschmack dalassen...geb ich dir recht. Andererseits kennt sie, denke ich mal, ihre Landsmänner und Frauen ganz gut und auf viele trifft diese „most have kept their mouth shut“-Mentalität auch zu. Da empfinde ich sie doch eher als kleineres Übel. Selbst wenn sie mit diesem Brief ein wenig größenwahnsinnig wirkt. Zumindest hat sie die Klappe aufgerissen...und zwar soweit, dass sich mittlerweile mehr ihrer Landsleute trauen, die katholische Kirche zu kritisieren. Sehe ich eher als Fortschritt als den Amoklauf einer beleidigten Größenwahnsinnigen an.

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  8. Sorry, ich muss mich berichtigen: Ratzinger wäre nicht der erste Rücktritts-Papst. Er könnte aber zumindest als „Willi Brandt des Vatikans“ in die Annalen (Ein Schelm, wer Böses dabei denkt) eingehen.

    Fünf Päpste verzichteten in der 2000-jährigen Geschichte auf ihr Amt. Der prominenteste war Coelestin V., der sich 1294 in ein Kloster zurückzog. Mehrere Päpste der Neuzeit dachten das Problem an. Pius XII. meinte für den Fall, dass ihn die SS-Schergen Hitlers während des Zweiten Weltkriegs aus Rom entführen würden über einen Rücktritt, „dann hätten sie nur den Kardinal Pacelli in ihrer Gewalt“. Der 1978 gestorbene Papst Paul VI. schloss schwer krank ein Rentner-Dasein im Kloster Montecassino südlich von Rom nicht aus.
    Auf eine der mächtigsten Organisationen der Welt, die katholische Kirche, rollt eine juristische Diskussion zu, deren Dimensionen sich noch gar nicht überblicken lassen. Ob, wann und mit welchen Konsequenzen kann der Papst zurücktreten? Laut der süddeutschen Zeitung finden sich einschlägige Vorschriften im Codex Iuris Canonici, dessen aktuelle Fassung ausgerechnet von Papst Johannes Paul II. im November 1983 in Kraft gesetzt wurde.

    Ich bin mir sicher, dass sich darüber hinaus ein Jurist des Kirchenrechts findet, der hier sprichwörtlich „Licht ins Dunkel“ bringen wird. Böse Zungen behaupten sogar, dass ein Rücktrittsschreiben im Vatikan liege und nur das Datum auf dem Blatt fehle. Eine Frage des Anstandes nach solchen “Managementfehlern”.

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  9. Als ich als kleine Gymnasiastin mit der Französisch-Klasse nach Südfrankreich fuhr, stellte man uns den dortigen Papstpalast vor, inklusive des Hurenhauses für 200 Huren..Wir konnten es nicht glauben!!Es ist an der Zeit, die gesamte katholische Kirche zu hinterfragen, wenn nicht zu demontieren...Was ist einfacher, als Menschen mit dem zu unterdrücken, was sie doch offensichtlich " von haben Gott" bekommen haben, nämlich, dem Sexualtrieb.Diesem haben die Kirchendiener offensichtlich seit jeher gefröhnt...außerhalb der Öffentlichkeit! Diese katholische Kirche hat jahrhundertelang schlechte Gewissen erzeugt,Angst vor der Hölle,Menschen, die sich schuldig fühlten, Jasager...Es ist Zeit, das gesamte katholische Bollwerk zu hinterfragen,Menschen in die Eigenverantwortlichkeit zu entlassen und die Kirchendiener als das zu behandeln, was sie sind:Ganz normale Menschen, von denen kein einziger auch nur den Anflug von Recht hat, sich als Stellvertreter Gottes hier zu gebärden!

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  10. Hier noch ein Link zu einem aktuellen Bericht incl. der Kommentare dazu. Hat mein Allgemeinverständnis und Wissen bez. Kirche,irischer Politik und pädophilem Missbrauch in Kirche und Familie ein wenig erweitert. Vielleicht bringt es dem einen oder anderen auch etwas.

    http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/Irland-Missbrauch-Priester;art1117,2985758#kommentare

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