Montag, 7. Dezember 2009

Der doppel-gesichtige Janus ist ein Ire: Einwanderer nein - Auswandern ja

Egal ob in Deutschland, in England oder in Irland: Man kann sich auf den nationalistisch-rassistischen Reflex verlassen, sobald es mit dem allgemeinen Wohlstand bergab geht. Wo die Gürtel enger geschnallt werden, gibt es immer auch Schreihälse, die dann lautstark die Ausgrenzung, Entfernung und Vertreibung des Nicht-Eigenen, des Anderen, des Fremden und Angstmachenden fordern und manchmal auch betreiben.


Ob sich rechtsextreme Dumpfbacken in Deutschlands wildem Osten zusammenrotten, um Nicht-Deutsche zu bedrohen, zu verprügeln oder gar umzubringen, oder ob der Bürgermeister von Limerick die Ausweisung aller arbeitslosen nicht-irischen EU-Bürger, die sich nicht selber finanzieren können, fordert: Hinter beidem steckt dieselbe Gesinnung, die man Rassismus nennen muss. 


Gut ein Jahr nach dem wirtschaftlichen Absturz hat die tiefe wirtschaftliche Rezession die Stimmung in Irland grundlegend verändert. Drei Viertel der Iren befürworten laut einer im November veröffentlichten Umfrage der Irish Times, dass die Zahl der nicht-irischen Einwanderer auf der Insel "reduziert" werden sollte.  Vor allem junge Iren, die um ihre Arbeit und ihr Einkommen bangen oder die beides schon verloren haben, sind zunehmend auf dem "Ausländer-raus-Trip".


Interessanterweise spielt fast die Hälfte der jüngeren Iren mit dem Gedanken, ihr Land zu verlassen und im Ausland Arbeit und Lebensunterhalt zu suchen. Oft sind es ein und dieselben Leute, die Migranten nach Hause schicken wollen und selber eine Migration vorbereiten. Diese janus-köpfige Einstellung lässt offensichtlich auch zu, dass viele verunsicherte Insulaner den Ausländern jetzt die Tür zeigen und gleichzeitig ihre Familienkontakte in alle Welt pflegen – zu einer Milionenschar von Menschen und Nachkommen von Menschen, die Irland einst verlassen haben und darauf hofften, in einem Land gut aufgenommen zu werden und willkommen zu sein.


Auch der Wanderer, der sich in seinem eigenen Umfeld weiter willkommen und akzeptiert fühlt, hat nach zehn Jahren seine erste negative Immigranten-Erfahrung gemacht. Vor wenigen Tagen wurde er im Pub von einem alkoholisierten Bauern aus nichtigem Anlass aufgefordert, besser wieder nach Deutschland zu gehen ("go back to where you came from"). Zumindest in diesem Pub, in dem auch der Wanderer kein Heimspiel hatte, war der Rassisten-Bauer aber auf verlorenem Posten: Umstehende forderten ihn auf, die Schänke zu verlassen – der nord-irische Wirt gab seinem besten Kunden ein vorübergehendes Lokalverbot und setzte den Stänkerer vor die Tür ("We don´t want to hear these things. You´re gonna leave these premises now"). Respekt!  

Kommentare:

  1. Markus, da hattest du aber einen wirklich liberalen Wirt. Ähnliches ist mir vor einiger Zeit auch passiert. Ich musste mich jedoch persönlich mit dem Farmer auseinandersetzen wobei ich mir solche Äußerungen von ihm verbat. Gerade als Deutscher ist man ja mit dem Thema "Rassismus" doch sehr vorbelastet. Der Wirt meiner Wahl jedoch reagierte eher mit einer sozusagen shallow-Gelassenheit, bzw. tat so als ob er es überhört hätte. Er war vielleicht auch ein wenig mit de Situation überfordert. Wobei ich mir eher denke dass "Go back to where you came from" anscheinend ganz gerne von einigen Dumpfbackigen hiesigen Farmern benutzt wird. Man kann sich ungefähr vorstellen, welch fremdenfeindliches Zeug in der einen oder anderen Farmersküche gebrabbelt wird. Ich denk mir dass ist in Deutschland oder anderen europäischen ländlichen Gebieten ähnlich.GMeine Einstellung ist eigentlich zieeeemlich Mulikulturell angelegt, trotzdem ist es aber auch mal eine (unnötige) Erfahrung wert, wie es sich anfühlt als Deutscher diskriminiert zu werden. Well,...im grossen ganzen jedoch bleiben solche Momente Gottseidank und hoffentlich eher eine Ausnahme. Würde mich aber trotzdem mal interessieren ob andere ähnliche Erfahrungen gemacht haben.
    Lieben Gruss Det

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  2. Oha, der Ton wird also rauer. Ich selbst habe noch keine derartige Erfahrung machen müssen. Aber das nächste Jahr dürfte vielen stark zusetzen, da werden derartige Vorfälle wohl häufiger vorkommen.

    Wohl aber habe ich in Pubs schon die eine oder andere negative Bemerkung vernommen (dann aber meist einfach "überhört"). Ich fragte mich dann immer, ob derjenige es nur im Spaß sagte und vielleicht etwas angetrunken war, oder ob er es ernst meinte. Aber wie ein irisches Sprichwort sagt: the truth comes out when the drink goes in. Bei vielen Iren schlummert also womöglich mehr unter der freundlich lächelnden Oberfläche, als einem Einwanderer lieb ist.

    Gruß aus Dublin

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  3. @Nobody: "Ähnliches Sprichwort gibt es auch auf Deutsch" Besoffene und kleine Kinder sagen meist die Wahrheit" oder so...Ich glaube aber man muss einfach differenzieren und sich immer wieder klar machen, dass man hier, wenn man nicht gerade wie du in Dublin oder einer anderen größeren Stadt wohnt, wirklich hauptsächlich mit sich langweilenden Farmern konfrontiert wird. Vielleicht ist dann "überhören" auch sinnvoll. Ich als Städter, der 40 Jahre in Köln gelebt hat und sich am grünen Tisch in den 80ern an Anti-Rassistischen Aktionen wie "Arsch HUH - Zäng ussenander" engagierte (Kennst du vielleicht, die Kölner Musikscene hatt da ziemlich mitgemischt) weil dort zu der Zeit ziemlich viele Ausländer-Wohnheime von Neo-Nazis angezündet wurden, also ich tue mich mit dem "Überhören" ein wenig schwer.
    Vielleicht sollte man auch berücksichtigen, dass sich viele Iren untereinander sprichwörtlich nicht grün sind, wie z.B. der Fall des Blow In`s aus Bantry der nun ein paar Km weiter in Skibereen wohnt und angeblich 13 Jahr lange ein Blow In bleiben wird. Zumindest behaupten das einige Iren. Wie dem auch sei, ich glaube man tut gut daran wenn man gewisse negative Bemerkungen nicht gleich überbewertet. Andererseits finde ich schon, dass man auch die Iren dennoch durch Konfrontation mit dem Thema Rassismus sensibilisieren sollte...wenn dann nötig.

    Grüsse aus Ballydehob

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  4. Ich kenne diese Fremdenfeindlichkeit auch aus vielen anderen Orten. Aus dem Schwarzwald, wo ich herkomme und wo es auf den Dörfern hinterm Mond viele Leute mit dieser angstgespeisten Haltung gibt. Oder in München, wo Dir bei jeder Gelegenheit klar gemacht wird, dass Du schon aufgrund Deines nicht-bayrischen Idioms nicht dazugehörst. Ich denke auch: Oft ist man gut beraten, wegzuhören. Gerade bei Betrunkenen kann man nichts ausrichten.

    Ein deutscher Blogger erzählte mir kürzlich von einer urbanen Variante des Rassismus, die sich vor allem gegen Polen richtet. Jugend-Banden drangsalieren in den Vorstädten Dublins offensichtlich ihre Nachbarn, weil diese Polen sind. Er selber wurde erst in Ruhe gelassen als bekannt wurde, dass er Deutscher ist. Ob Weghören in diesen Fällen noch reicht, ist fraglich.

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  5. Ich glaube auch, wir haben es hier mit 2 Dingen zu tun:
    Zum einen das bei den Iren eh stark ausgepraegte Stammesdenken, die Abgrenzung gegenueber anderen, und sei es nur das benachbarte Townland. Ich kenne Iren, die nach Jahren der Abwesenheit nun Probleme haben, von der Gemeinschaft wieder aufgenommen zu werden.
    Zum anderen sind die Iren mit der ploetzlichen Schwaemme der Einwanderer einfach ueberfordert. Der Auslaenderanteil hat sich in 2 Jahrzenhten von quasi 0 auf 12% erhoeht. Wie lange es dauert, mit diesen neuen gesellschaftlichen Verhaeltnissen klar zu kommen, sieht man am Beispiel Deutschlands, wo in den 1960ern tuerkische Arbeitskraefte kamen und nun, 50 Jahre spaeter, noch immer um ihren Platz in der Gesellschaft kaempfen.
    Ich glaube, wir erleben hier in Irland gerade, wie ein Land in vielerlei Hinsicht einen Umsturz durchlaeuft, und das in rapider Zeit.

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  6. Diese Entwicklungen im Zeitraffer machen mich manchmal ganz schwindelig. Ich frage mich dann, wie irische Gemüter diesen Highspeed-Wandel erleben.

    Es ist wirklich interessant, wie Iren sich nur wenige Kilometer von ihrem Geburtsort in der Fremde fühlen können. Der Musiker John Spillane zum Beispiel zog aus einer Vorstadt von Cork einige Kilometer weiter nach Passage West; Mit seinem gleichnamigen Lieder setzte er seiner neuen Heimat ein großartiges musikalisches Denkmal. Als er vor zwei Wochen von der Gemeinde Passage West dafür geehrt wurd, zeigte sich SPillane vollkommen überrascht, dass einem "Blow-in" eine solch "große Ehre zuteil wird".

    Oder unsere weiteren Nachbarn: Eine Frau, die aus einem zehn Kilometer entfernten Dorf zuzog, äußert bis heute leises Bedauern, dass sie keine "Local" ist, und eine andere, eher frustrierte Frau aus County Meath verbittet sich stets lautstark, dass ihr neuer Wohnort "home" und dass sie "local" sei. Wenn ich mich aber recht erinnere, haben vor 30 Jahren im Schwarzwald auch zwei, drei Kilometer ausgereicht, um aus sehr ähnlichen Menschen Fremde zu machen.

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  7. Integration, bzw. Isolation im Schwarzwald stell ich mir auch sehr eigen vor. München - hmm?! Wenn man mal das Oktoberfest als eine Art Represen-tanz der Bayern, bzw. der bayrischen Hauptstadt nimmt, schwierig. Da ist Köln wahrscheinlich liberaler - trotz Alaaf ;-) .
    Ich denk mir auch bei der hiesigen Integration muss man seine Ansprüche (selbst nach Jahren) herabschrauben. Anderen Abwandernden geht es z.B. in Spanien aber ähnlich.Aber an der Oberfläche klappt es ja wunderbar mit den Tribes. Obwohl, es gibt ja auch tatsächliche Freundschaften und zwischenmenschliche Beziehungen. Darüberhinaus hat der von den Engländern gebeutelte Ire ansich ja evolutionstechnisch gesehen eine absolute Irrfahrt hinter- bzw. vor sich. Ausländerschwemme incl. englischer NewAge-Traveller die vor der Thacher Regierung flüchteten und deutscher Böll-Pilgerer:-), mal an der großen, weiten, reichen, luxuriösen Welt zu schnuppern. Die eigene Sprache wird von den Kindern und Enkelkindern verpönt und muss dem Englisch weichen. Stimmt! Von 0 auf 100 auf 0 in 20 Jahren verwirrt...mich auch. So hoffe ich, dass eine etwas gefühlte fremdenfeindliche Stimmung missinterpretiert wird. Missverstanden mit dem Recht auf äh...Ruhe haben wollen?

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  8. Zum subtilen Bajuwaren-Rassismus in München: Mann kann einfach darüber hinwegsehen und sich auf einer zivilisierten Ebene amüsieren, aber der Rassismus fängt in der Bäckerei ein, wo Du zurechtgewiesen wirst, weil Du das Wort "Zwetschgendaatschi" nicht richtig aussprichst, oder beim Metzger, wo die Todesstrafe drauf steht, dass man ein Leberkäs-"Brötchen" statt der Semmel bestellt. Auch bei den Bayern ist es diese Mischung aus Minderwertigkeitskomplex und Überlegenheitsgefühl, die einen manchmal erschaudern lässt.

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  9. Ich kann es mir in etwa vorstellen: "It´s nice to be a Preiß, it´s higher to be a Bayer, well" ;-)
    Das Köln-Besoffene gibt es auch noch. Fällt bei mir aber eher in die Sparte "Heimat-Dudelei" und ist entschuldigt: Ungefährlich, sentimental und sehr verkitscht.

    Naja, zumindest wirst du nicht gelyncht wenn du beim Metzger anstatt einer Flönz oder einer (sach mal)Blootwoosch eine Blutwurst bestellst und so richtig Kölsch kann sowiso keiner mehr sprechen. Mund-Art wird in Köln missverstanden: Anstatt es zu sprechen wird es Performance-Like in sich hineingeschüttet....auch eine Art von Körper-Kunst die es zu beherrschen gilt. Von daher verstehen sich die Kölner eigentlich gut mit den Corkern. Zumal Cork-Köln Twin towns sind.Andererseits kommen die Bayern ja mit ihrem Maß näher an das Pint als die 0.2 l Kölschstangen, aber das führt jetzt zu weit.

    Minderwertigkeitskomplex und Überlegenheitsgefühle die einen erschaudern lassen hört sich schlimm an (lach). Ich weiss gaanz genau was du meinst. Dieses Gefühl kenne ich aber vom Zuhören einer ambitioniert Kölsch singenden Dialekt-Band namens "die Höhner", die "By the way" alte irische Trads like "the rover" (Ich bin ene Räuber, leev Mariellsche) verkölscht haben und damit sehr erfolgreich wurden. Zumindest im Kölner Karneval. Well, aber auch denen verzeihe ich...glaube ich.

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  10. Sorry, ich wollte hier keine Werbung für Matsch-Fahrten-Fahrzeuge machen. Ich meinte natürlich den "Irish Rover". Wer sich dennoch ein wenig für kölsche und irische MUND-ART interessiert...sogar dem Falle, dass ich nun freiwillige Werbung für diese Band mache...schaut oder googelt mal "Höhner und Galleons"....surprise, surprise ;-)

    ...Und um jetzt mal vom Stöckchen wieder auf das Holz zu kommen:

    Selbst ich alter Rock`n Roller bin zu der Erkenntnis gelangt, dass ich die Höhner nicht diskriminieren darf, nur weil sie kölsche Mundart spielen.

    So I speak it free from the liver: MAKE ART NOT WAR ;-)

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  11. Als Deutsche habe ich einen längeren Zeitraum ( zwischen 2006 und Frühjahr 2009)auf den Inseln verbracht, sowohl länger in England als auch in Schottland und kurze Zeit in Irland. Ich mag die Insulaner und sie haben mir ein Gefühl des Zuhausesein vermittelt.
    Hier lebe ich in der Nähe des Schwarzwaldes und mein Sohn hat als Preuße in München studiert und lebt mittlerweile 16 Jahre dort und will nirgends mehr wo anders leben.
    So glaube ich ich, dass vieles eine Frage der Wahrnehmung ist.
    Nur weil "wir" gern uns an fernen Orten aufhalten und dort leben wollen, haben wir nicht das Recht andere zu verurteilen, dass Menschen
    sich gegen Überfremdung auflehnen und ihre Angst zum Ausdruck bringen. Im Gegenteil, ein jeder hat dies zu respektieren . Wo bleiben sonst Besonderheiten, gerade das was wir an anderen Kulturen lieben und schätzen ? In unseren Multikultiwahn liegt nämlich auch Zerstörung der Kulturen und nicht deren Schutz!

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