Sonntag, 31. Mai 2009

Die Farben Irlands: 40 Shades of Green und ein Kessel Buntes


Das sind die Farben Irlands:

Giftgrün.
Lila.
Kornblumenblau.
Kardinalrot.
Altrosa.
Eidottergelb.
Lachs.
Mint.

Alles geht, wenn es um das Anstreichen der Häuser geht. Irland ist bunt geworden in den vergangenen 25 Jahren. Touristen halten papageienbunte Dörfer wie Eyries oder Alihies längst für "typisch irisch". Dabei herrschten bis vor wenigen Jahrzehnten zwei Anstriche vor: das unschuldige Weiß der Kalkfarbe und das Grau des traditionellen Putzes. Doch Grau und Weiß als die "Farben" der Armut und der Reinheit wurden abgelöst vom synthetischen Farbenrausch der ICI, der Dulux und Dupont.

Man wird den Verdacht nie ganz los, dass es die "Blow-ins" vom Kontinent waren, die Irland auf den Geschmack nach dem Farbenflash brachten: Studienräte aus Backnang, Insel-Romantiker aus Marburg, die Fenster und Stürze ihrer für 5000 Pfund erworbenen Cottages bald blau, bald rot anmalten und damit Zeichen des Wohlstands setzten.

Mit dem Keltischen Tiger gelangten schließlich auch die Farben in die Dörfer und Städte Irlands. Heute herrscht im Land der "40 Shades of Green" jenseits des Grüns ein Farbempfinden vor, das verblüffte Kontinentaleuropäer bisweilen nahe an den Ausdruck kollektiver Farbenblindheit rücken. Alles so schön bunt hier.


Das Foto mit dem Maler wurde in dieser Woche in Allihies aufgenommen. Das untere Foto zeigt "Irlands buntestes Dorf" Eyeries.

Samstag, 30. Mai 2009

Irische Pfarrer trumpfen groß auf –
anstatt den Mund geschlossen zu halten

Eigentlich hatten wir gehofft, die Stimmen der katholischen Bürdenträger würden nun aus Scham über die grässlichen Untaten tausender Geistlicher versagen, reuendes Schweigen würde zum Gebot der Tage dieses irischen Frühjahrs 2009. Doch weit gefehlt: Zwei Priester im County Louth fühlen sich berufen - katholische Kindermissbrauchskatastrophe hin oder her - ihre Schäfchen über richtiges Verhalten zu belehren. Auch wenn es juckt, den Vertretern der völlig dikreditierten Instanz Kirche zuzurufen, sie mögen doch bitte das Maul halten und in sich gehen: Was die beiden Popen ihren Schäfchen in Drogheda ins Regelbuch schrieben, wirft ein grelles Schlaglicht auf die vorübergehende Dekadenz irischer Kirchenbankrutscher und sei deshalb zitiert, auch wenn die Schelte aus höchst unberufenem Mund schallt.

Die Louther Hirten haben ihrer Herde vor den bevorstehenden Konfirmationsfeiern einen Zehnpunkte-Kanon diktiert, der klar macht, wie sehr die Gemeinde doch auf den Hund gekommen ist. Hier die Highlights der katholischen Maßregeln:

* Es ist verboten, mit Stretcher-Limousinen ("Ich hab den Längsten") oder (angeberischen) Pferdekutschen zur Konfirmation des Nachwuchses vor der Kirche vorzufahren und den Neid der Nachbarn zu schüren.

* Kaugummikauen, Telefonieren, unpünktliches Erscheinen und das Herumstehen in der Kirche während der Feier sind verboten.

* Leute, die während des Gottedienstes herausgehen, um zu rauchen, werden ausgeschlossen.

* Der Konsum von Lebensmitteln und Getränken während des Gottesdienstes ist genauso untersagt wie Fotografieren oder Gespräche und andere Störungen des Gottesdienstes.

Der Weg der katholischen Kirche Irlands zur kleinen sektiererischen Gemeinschaft frustrierter alter Männer scheint also unaufhaltsam. Wir fügen nur der guten Ordnung halber für alle katholischen irischen Geistlichen folgenden selbstverständlichen Zehn-Punkte-Kanon hinzu:

1. Du sollst keine Kinder misshandeln.
2. Du sollst keine Kinder f***en.
3. Du sollst keine Kinder misshandeln.
4. Du sollst keine Kinder f***en.
5. Du sollst keine Kinder misshandeln.
6. Du sollst keine Kinder f***en.
7. Du sollst keine Kinder misshandeln.
8. Du sollst keine Kinder f***en.
9. Du sollst keine Kinder misshandeln.
10. Such Dir eine Frau oder einen Mann und kämpfe für die Abschaffung des scheinheiligen Zölibats.

Freitag, 29. Mai 2009

Zurück aus den Gärten, aus den Bergen, von den Inseln






Zum Bank Holiday Wochenende in Irland: Der Wanderer meldet sich zurück im Alltag nach einigen schönen und anstrengenden Tagen in den Bergen der Beara Peninsula, in den verlorenen Gärten der Bantry Bay, in der Sweat Lodge.

Sonntag, 24. Mai 2009

Wandern in Irland im September:
Smart antworten und gewinnen


Hier auf dem Irland-Blog stellen wir in den kommenden Wochen immer wieder sonntags diese einfache Frage: Warum schreiben wir Blogs, warum bloggst Du? Wer uns die beste Antwort schickt, wird eingeladen, an unserer Wanderwoche im September in Irland (12. - 19. September) teil zu nehmen. Ihr könnt klassisch mit uns wandern oder am Stock gehen (Nordic Walking), egal. Wir führen Euch zu den schönsten Orten des Südwestens, die dem Normaltouristen meist verborgen bleiben.*

Jetzt aber erst mal an die Denkarbeit. "Warum bloggst Du?", hatten wir bereits einige Wochen lang gefragt. Die Reaktion: Immerhin zehn Leser haben sich schon Gedanken gemacht und ihre Version formuliert. Die bisherigen Beiträge zum Wettbewerb samt Antworten in den Kommentarfeldern sind nachzulesen in der Seitenspalte links. Für alle, die noch am Formulieren sind: Endgültiger Einsendeschluss ist der 20. Juli 2009.

Also: Warum bloggst Du, warum bloggen wir? Antworten bitte im Kommentarfeld.

*Die Teilnahme an unserer Wanderwoche kostet bei normaler Bezahlung 390 Euro. Der Gewinner mit der besten Antwort nimmt mit einer Begleitperson seiner Wahl umsonst teil. (Dem Gewinner bleiben als Kosten An- und Abreise nach Glengarriff, West Cork und ein Eigenanteil an den subventionierten Unterkunftskosten von 20 Euro pro Nacht und Person). Der Gewinner wird übrigens aus den 10 besten Antworten ausgelost. Alles streng neutral natürlich.

Samstag, 23. Mai 2009

Internet-Cowboys in Irland


Vor einigen Tagen erfuhren wir zufällig in einem Diskussionforum, dass "unser" Satelliten-Internetprovider die Schotten dicht gemacht hat: Pleite oder ähnlich. Fast gleichzeitig tauchten der Name und die Website einer "neuen" Breitband-vermittelnden irischen Firma auf, die den Betrieb übernehmen würde. So wurde aus NBB quasi über Nacht ABB.

Mit den Schulden von NBB müssen sich die Kunden und Gläubiger nun auseinandersetzen. Die Kunden verlieren 200 Euro Kaution und bis zu einem Monatsbeitrag, dafür werden sie wohl die Hardware einbehalten. Derweil polen exakt dieselben Leute (zum Beispiel Steve Beacham und John O´Brien), die schon NBB umtrieben, nun die alten Kunden unter sanftem Druck auf die neue Firmenhülle ABB um. Das starke Argument: Wer nicht bis übermorgen zahlt, sitzt nächste Woche ohne Breitband-Internet in Rural Ireland und muss sich dann wieder mit den Mickimaus-Geschwindigkeiten der Eircom zufriedengeben.

Geschäftsführer von NBB waren übrigens John und Trudy Keating (72 The Georgian Village, Castlenock Dublin 15.) Mit demselben "Verfahren" war vor weniger als zwei Jahren bereits NBB aus der Firmenhülle CCB gehäutet worden. Diese firmenrechtlichen Cowboy-Methoden verwundern im irischen wilden Westen nicht sonderlich, und ob Internet-Cowboys und Breitband-Banditen für ihren schrägen Ritt belangt werden, ist auf der Insel stets eine vollkommen offene Frage.

In Erstaunen versetzt allerdings, dass sich der renommierte europäische Kommunikationsmulti SES Astra mit ABB-NBB-CCB-Leuten zusammentut und diese auch noch zu exklusiven Vertriebspartnern adelt. Denn der eigentliche Internet-Provider ist der Satellitenbtreiber SES Astra. Die NBBs und ABBs vertreiben das Sat-Breitband für SES Astra exklusiv in Irland. Sobald es Breitband-Alternativen gibt, vertreiben sie sicher auch die Kunden. So is halt s´Business.

Freitag, 22. Mai 2009

Irland - Land des Mangels?
Die Mietwagen werden knapp

Wer in den kommenden Wochen in Irland einen Mietwagen benötigt, muss frühzeitig buchen. Für das bevorstehende Wochenende meldeten Hertz, Avis, Europcar und Konsorten im Süden Irlands bereits am Mittwoch: "Komplett ausgebucht". Die darbende Tourismuswirtschaft der Insel mag angesichts der Nachrichten jubeln und sich auf Besucherheere aus England und vom Kontinent freuen, die Freude ist allerdings nicht angebracht.

Vielmehr herrscht seit diesem Jahr ein eklatanter Mengel an Mietwagen auf der Insel. Der Wagen-Pool ist dramatisch zusammengeschrumpft, seitdem die irischen Autohändler kaum noch Sonder-Deals mit der Vermietungsfirmen abschließen: In den vergangenen Jahren des boomenden Automarktes hatten die Händler den Hertzens und Co. tausende Neuwagen vermietet, um diese nach sechs Monaten zurückzunehmen und sie mit Rabatt an ihre Kunden zu verkaufen. Seitdem der Automarkt am Boden liegt, verbieten sich diese Sondergeschäfte.

Die Mietwagenfirmen müssen deshalb mit wesentlich weniger Fahrzeugen auskommen, sind schneller ausverkauft und erhöhen die Preise, um sich am Kunden schadlos zu halten.

So wird Irland wieder zum Land des Mangels, zumindest in automobiler Hinsicht. Öko-Streiter dürfte das freuen. Ob aber die Busse und Bahnen im Lande vom Mangel profitieren, ist nicht ausgemacht. Es wird damit gerechnet, dass auch der öffentliche Busverkehr angesichts drückender Kosten weiter eingeschränkt wird.

Donnerstag, 21. Mai 2009

Zeitenwende in Irland:

Abschied vom Telefonhäuschen


Vielerorts in irischen Städten und Gemeinden verschwinden gerade die öffentlichen Telefonhäuschen. Die marode Ex-Staats-Telekom "Eircom" baut den Bestand der oft ohnehin funktionsunfähigen, mutwillig zerstörten und meist schmutzigen Telefonzellen ab.

Kein Wunder: Die Mobiltelefonierer Irlands zählen zu den fleißigsten weltweit und spülen mit ihrem Handykonsum munter Millionen in die KAssen von Vodafone, O2 und Co. Die irischen Vieltelefonierer lassen sich nicht von der Tatsache aus der Ruhe bringen, dass die Handy-Tarife auf der Insel mit die höchsten in Europa sind.

Die Telefonzelle jedenfalls benutzt kaum noch jemand, allenfalls zornige Jugendliche reagieren sich bisweilen an den Telekom-Dinosauriern ab. Auch Touristen telefonieren vorrangig mit Roamingt-Tarif und eigenem Handy oder kaufen sich eine Prepaid-Karte für ihren Irlandaufenthalt. Deshalb: Rote Karte für eine Institution. Panta Rhei.


Unsere Fotos entstanden am Dienstag in Bantry, West Cork.

Mittwoch, 20. Mai 2009

Gnadenlose Schwestern der Gnade und
Christliche Brüder ohne einen Hauch von Nächstenliebe

Die Katholische Kirche am Pranger: Nach zehn Jahren Arbeit legt die "Kommission zur Untersuchung von Kindesmissbrauch" heute in Dublin ihren niederschmetternden Schlussbericht vor. Zigtausende Kinder sind in Irlands staatlichen Schulen, Waisenhäusern, Erziehungsheimen und Behinderteneinrichtungen seit 1940 körperlich, sexuell und emotional missbraucht worden. Die Täter: Verkünder der Nächstenliebe, Männer und Frauen der katholischen Orden Irlands. Die "Sisters of Mercy", die "Christian Brothers", die "Sisters of our Lady of Charity and Refuge" (!).

Der Bericht wird - soviel wurde in den vergangenen Tagen bereits bekannt- mannigfach Auskunft geben darüber, was in den "christlich" geführten Häusern des Schreckens Jahrezehntelang an der Tagesordnung war: Züchtigung in allen Varianten, Vergewaltigung, Gruppenvergewaltigung. An die babarischen Taliban fühlt man sich angesichts der Praktiken erinnert, Kinder nackt und vor Publikum mit Stockhieben zu bestrafen. Über 3000 Opfer waren bereit, der Kommission Auskunft zu geben, die Aufbereitung eines der größten Skandale in der Republik kosteten laut Irish Times rund 70 Millionen Euro.

Der Bericht der Kommission wird die alte Mär von der vermeintlichen Kinderfreundlichkeit im Lande noch einmal nachhaltig entlarven. Er wird den Niedergang der katholischen Kirche mit Sicherheit nicht aufhalten. Wahrscheinlich aber wird er wohl allenfalls indirekt dazu beitragen, dass die grausamen Täterinnen und Täter, die im Namen Gottes tausende Leben zerstörten, ihre gerechten Strafen erhalten.

Dienstag, 19. Mai 2009

Das Internet, die Anonymität, die Freiheit und die Feigheit

Hier im Irland-Blog kann jeder seine Meinung frei äußern und unsere Einträge kommentieren. Wir sind allerdings der Meinung, dass diese Freiheit dort endet, wo sie die Freiheit anderer beeinträchtigt. Es ist in diesem Blog möglich, anonym zu kommentieren. Wir ermöglichen dies für all diejenigen, die es bislang zu kompliziert finden, sich eine Online-Identität zuzulegen. Wir bitten im Kommentarfeld darum, dass die "Anonymen" ihre Kommentare mit dem eigenen Namen unterzeichnen. Denn zur Freiheit der Meinung gehört untrennbar die Pflicht, dieser Meinung einen erkennbaren Absender zuzuordnen.

Die Wirklichkeit ist eine andere: Viele Nutzer lieben die dunklen Nischen der Internet-Existenz. Im Schutz der Anonymität bewegen sie sich sicher, selbstbewusst, oft großmäulig … meist aber so, wie sie Face-to-Face oder auf offener Straße niemals auftreten würden. Sie sondern wortstark "Meinung" ab, ohne sich dazu zu bekennen und ohne dafür Verantwortung zu übernehmen. Im wirklichen Leben nennt man das Feigheit.

Die Anonymen im Internet spielen gerne mit Identitäten, schlüpfen in phantasierte Rollen, verbergen sich hinter scheinidentitäts-stiftenden Kunstfiguren (Avataren) und nehmen Namen aus einstigen Lieblings-TV-Serien an. Kennt Ihr zum Beispiel Cosmo Kramer? Hinter der virtuellen Seinfeld-Figur, die im Irlandforum stets überlegen besserwisserisch "Rat-Schläge" austeilt, steckt ein Mensch, den man im wirklichen Leben in seinem kleinen deutsch-irischen Alltag im County Galway wohl nicht wiedererkennen würde. Immerhin hat sich "Cosmo" schon auf eine virtuelle Figur festgelegt, anstatt gänzlich anyonym zu agieren.


Die Parallelwelt des Internet wird gerne als Abbild der realen Welt bezeichnet. Tatsächlich aber unterschiedet sie sich in vielem und verändert die "reale Welt" nach ihren eigenen Regeln. Die Gier des ins Internet drängenden Kommerzkapitals hat beispielsweise den Schutz geistigen Eigentums fast komplett ausgehöhlt. Um möglichst viele Nutzer auf Webangebote zu ziehen, wurden ihnen die Inhalte 15 Jahre lang bereitwillig kostenlos zum Konsum vorgeworfen und damit grandios entwertet (Die Krise der Zeitungen spricht eine deutliche Sprache). Die gefräßigen Digitalscanner von Google beschädigen das Urheberrecht massiv und bedrohen die Existenz von Buchautoren und Verlagen weltweit. Millionen Menschen laden sich kostenlos und doch illegal Musik und Filme auf ihre Rechner und eignen sich damit auf Kosten der Kreativen an, was ihnen nicht zusteht.

Genauso hat das wilde Streben nach Online-Nutzern und Reichweite für weitgehende Akzeptanz der Anonymität in Online-Diskussionen gesorgt. Zumindest nehmen es selbst Qualitätsangbote von Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen hin, dass Nutzer anonym und ohne Preisgabe des Namens in ihren Foren mitdiskutieren. Vor zehn Jahren, und zum Teil noch heute, verweigerten dieselben Verlage anonymen Leserbriefschreibern zu Recht den Weg in ihre Blätter.

Die Unkultur der Forums-Disussionen anonymer virtueller Existenzen folgt eigenen Gesetzen: Wie leicht es ist, selbst halbgare Gedanken abzusondern, wenn man nicht fürchten muss, beim Wort genommen zu werden; wie traumhaft einfach, einen anderen zu verunglimpfen, ein bisschen rufzumorden, hinterrücks zu mobben oder ihm mal eben ungestraft ans virtuelle Bein zu pinkeln – wenn man keine Konsequenzen fürchten muss. Nutzer, die sich offen zu erkennen geben, sind systematisch im Nachteil. Sie sind in der asymmetrischen Kommunikation mit den getarnten Anonymen leicht angreifbar und verletzbar.

Oft allerdings feuert die vermeintliche Freiheit zur Meinung ohne Pflicht zur Verantwortung voll auf die Online-Foren und ihre Mitglieder zurück. Die Debatten verkommen schnell zu zynischen Schaugefechten, aus denen sich wohlmeinende und offen diskursfreudige Mitglieder längst zurückgezogen haben. Das Feld gehört dann den Anonymen, die sich auf ihre virtuelle Lufthohheit im Forum etwas einbilden, in Wirklichkeit aber heimlichen Puffgängern oder lichtscheuen Darkroom-Kunden gleichen, bestenfalls Pubertierenden, die im Schutz der Nacht Wahlplakate mit Parolen beschmieren.

Diese "Feigheit 2.0" beschädigt unser Zusammenleben. Sie untergräbt den offenen Diskurs. Sie zerstört Vertrauen. Diese Feigheit zu bekämpfen, die Anonymität zu bannen und Offenheit und Vertrauen an ihre Stelle zu setzen, muss deshalb allen Inhalteanbietern im Internet zur Aufgabe gemacht werden. Auch wenn wir davon noch weit entfernt sind: Es könnte durchaus sein, dass gute und funktionierenden Diskussionforen der Zukunft die Anonymität als prägendes Strukturmerkmal nicht akzeptieren werden.

Fangen wir einfach selber damit an: Jeder kann sich seine eigene Meinung leisten und mit seinem Namen dazu stehen. Es ist gut, dass wir dieses Recht in Anspruch nehmen können und wir alle müssen es verteidigen, indem wir es ausüben: Denn eine Meinung ohne den Menschen dazu, der sie verantwortlich vertritt, ist nichts wert. Nichts. Und worüber man nicht reden will, darüber kann man schweigen.

Im Irland-Blog wird künftig jeder anonyme Kommentar gelöscht, der nicht wenigstens mit vollem Namen (Vor- und Nachnamen) unterzeichnet ist, oder der nicht mithilfe einer anderen nachweisbaren Identität eingestellt wurde. Den Missbrauch können wir damit natürlich nicht ausschließen. Überall dort, wo Zweifel bestehen, dass hinter einem realen Namen keine reale Person steht, wird aber künftig ebenso die Delete-Taste zum Einsatz kommen.

PS: Ja, es gibt einige Inhalte und Plattformen, die eine anonyme Diskussion nahelegen. In diesem Fall ist die Forumsleitung gefordert, eine zuverlässige Anonymisierung zum Schutz der Mitglieder zu organisieren.

Das Foto mit den Mützenmännern zeigt Teilnehmer einer Ku Klux Klan Parade im Jahr 1922 in Virginia, USA

Montag, 18. Mai 2009

Was Deutsche an Irland am meisten hassen

Es sind nicht die hohen Bierpreise, nicht die schlampigen Behörden, auch nicht das opportunistische Nein zum EU-Vertrag von Lissabon. Nein. Wenn deutsche Urlauber an der Insel wirklich etwas ganz besonders hassen, dann sind es die kleinen, kaum sichtbaren Stechmücken, die den Menschen in der warmen Jahreszeit im Freien martern. Das ergab unsere kleine, völlig unrepräsentative Umfrage unter deutschen Irland-Urlaubern in der vergangenen Woche.
"Midges" (Midschies) heißen die nur Milimeter großen Tierchen auf der Insel, und die kleinen Feinde des Wanderers sind als ständiges Gesprächsthema fast so geeignet wie das Wetter. Eigentlich sind die Stechmücken der Familie Ceratopogonidae als schwärmender Alptraum der schottischen Highlands berühmt und berüchtigt, doch sie quälen die Bewohner der Nachbarinsel genauso leidenschaftlich; und es nützt wenig, den ökologischen Nutzen der kleinen Plagegeister hervozuheben.

Hier deshalb ein paar Worte des Trostes und ein paar Tipps zur Bekämpfung von Culicoides Impunctatus, die man im Deutschen als Gnitzen oder Gelsen kennt: Stechen tun nur schwangere Mückenweibchen, die Männer sind vollkommen friedlich. Stechmücken lieben feuchtes Klima, bei Wind und hellem Sonnenschein suchen sie (unfreiwillig) Schutz und das Weite. Bevorzugt gehen die Midges ihrer stechenden Tätigkeit am Morgen und in den Abendstunden nach, wenn das Licht sanfter ist.

Wie hält man die kleinen Plagegeister am besten von sich fern? Ganz ehrliche Antwort: All die chemischen und biochemischen Mittelchen von Autan bis Ecoguard wirken im Marketing besser als in der Wirklichkeit. Auch ätherische Öle wie Citronella , Zeder und Patchouli, auch der Geheimtipp Vitamin B oder die berühmte Knoblauch-Wolke mögen wirken, bieten aber keinen vollkommen zuverlässigen Schutz. Die alten Iren schwören auf den Saft aus den zerriebenen Blättern des Gagelstrauchs (Heidegagel), der überall im Bog wächst und kostenlos zu haben ist. Auch ein Feuer mit viel Rauch kann helfen oder der Zigaretten rauchende Nachbar, der sich für sein stigmatisierendes Laster endlich einmal geliebt fühlen darf.

Am meisten hilft wahrscheinlich eine Mischung aus dem bevorzugten Mittelchen und einer guten Portion Gelassenheit. Wer nicht gerade stark allergisch auf die Stiche wirkt, kann einzelne kleine roten Pünktchen, die ein paar Minuten lang jucken, eigentlich ganz gut ertragen; und immerhin sind die irischen Plagegeister bislang nicht wie andere Stechmücken als Überträger von Krankheiten bekannt – auch wenn man sie neuerdings mit der Blauzungenkrankheit, die Widerkäuer befällt, in Verbindung bringt.

In diesem Sinne: Lasst jucken!

Mücken-Sketch: Eliane Zimmermann

Sonntag, 17. Mai 2009

Staunen über ein wunderschönes Land – Irland. Einfach faszinierend.

Die in London geborene Irin Maria O´Shea lebt in Berlin und denkt gerne an die Heimat ihrer Familie auf der Sheeps Head Peninsula. Mary nennt die Bantry Bay einen der schönsten Orte der Welt. Maria hat einfach recht. Auch nach zehn Jahren Irland sind wir täglich aufs Neue fasziniert und hingerissen von der Schönheit der Wahlheimat in Südwest-Irland. In der vergangenen Woche war der Wanderer wieder unterwegs und zeigte Gästen die Orte, die er selber am meisten liebt. Für alle, die nicht dabei waren, haben wir im folgenden ein paar aktuelle Impressionen aus West Cork. Wir wanderten magische Wälder...


4000 Jahre alte Steinkreise, die ersten architektonischen Manifestationen des Menschen in der Landschaft Irlands...

Wir sahen über den Atlantik zu den Skelligs, wo Mönche schon im 8. Jahrhundert auf einem kargen Felsen das Überleben trainierten...
Wir wanderten in den 350 Millionen Jahre alten Caha Mountains.
Wir schauten über den Dursey Sound hinüber zur Spitze von Iveragh (Kerry), wo das erste Transatlantikkabel einst verlegt wurde und wo Menschen Seeadler vergiften.
Wir besuchten den alten Friedhof auf der Kilkathrine Peninsula auf Beara...
Wir waren zu Gast auf der Garteninsel Garinish Island.
Wir sahen verwunschene Neuzeit-Schlösser...
... und spekulations-resistente alte Schlösschen.
Das Wetter war, wie so oft: einfach abwechslungsreich.
Und während wir wanderten und uns wunderten, signalisierten die politischen Umfragen das nahende Ende der Fianna Fail-Regierung, stellte der Celtic-Großkotz-Hubschrauber-Service "Celtic Helicopters" seinen Flugdienst ein, sanken die Preise im Land im Rekordtempo so drastisch wie seit 1933 nicht mehr, stieg die Zahl der Arbeitslosen, stänkerten sich ein paar frustrierte Irland-Deutsche durch einschlägige Irland-Foren und ärgerte sich Blogger-Bernd wieder einmal heftigst über Irland und die Iren. Alles beim Alten also. Wir sind zurück.

Mittwoch, 13. Mai 2009

Schweigen über Irland

Kurze Blog-Pause. Der Wanderer ist unterwegs in den Bergen und an den Stränden West Corks.

Montag, 11. Mai 2009

Irlands Südwesten: Die offene Hintertür Europas

West Cork, das traditionelle Schmuggler-Terrain im Südwesten der Insel, gilt auch heute noch als die offene Hintertür Europas. Im 19. Jahrhundert machte der englische Landadel mit dem Schmuggel von Brandy am Rande Europas lukrative Geschäfte. Heute sind es Drogen- und Waffenschmuggler, die die oft stürmische See und die zerklüftete Küste für ihre Zwecke nutzen. Die unübersichtliche und wenig kontrollierte Atlantikküste gilt als ideal, um dunkle Geschäfte diskret abzuwickeln. Bedauerlicherweise finden auf dem Weg über die südwestlichen Hablinseln Irlands Unmengen von Drogen ihren Weg über das Meer in die Arme und Nasen europäischer Konsumenten. Eine der Transportrouten verläuft von Spanien über Irland nach Großbritannien. Die englischen Medien haben West Cork deshalb als "The Irish Cocaine Coast" bezeichnet.

Dass das sinistre Drogen-Business trotz traumhafter Renditen und riesiger Umsätze nicht für jeden Beschäftigten eine Arbeitsplatzgarantie geben kann, mussten zuletzt allerdings drei Engländer zur Kenntnis nehmen: Sie wurden im vergangenen November in irischen Hoheitsgewässern westlich des Mizen Head mit 1,5 Tonnen Kokain an Bord der Jacht "Dancing with Waves" geschnappt und in Handschellen nach Casteltown Berehaven gebracht. Die weiße Ware war für Großbritannien bestimmt und hatte einen Wert von 400 Millionen Euro. Richter Patrick Moran veruteilte die drei Männer vergangene Woche in Cork zu je zehn Jahren Gefängnis: "Dancing in the Dark".

Der bislang größte Fang der Geschichte gelang den irischen Drogenfahndern im Juli 2007, weil der Zufall es so wollte: Die 1,5 Tonnen Kokain im Wert von 440 Millionen Euro trieben am Mizen Head in Richtung Land. Ein Rettungsboot fand die 61 Pakete mit Kokain (Foto oben) abholbereit in der Dunlough Bay. Der fein ausgetüftelte Plan der Schmuggler war an einer Kleinigkeit gescheitert: Einer der drei Männer hatte Diesel in den Benzintank des Bootes gefüllt. Der kleine Fehler bescherte dem Trio insgesamt 85 Jahre Haft und den irischen Behörden einen unverhofften Fahndungserfolg.

Freitag, 8. Mai 2009

Irland lernt den Cent zu lieben

Für Kinder waren die Straßen Irlands jahrelang eine nette Fundgrube. Wie in keinem anderen Land Europas fand man auf irischen Straßen an allen Ecken und Enden Geld. Keine Reichtümer natürlich, aber Ein-, Zwei- und Fünf-Cent-Münzen lagen vielerorts in Staub und Schmutz, so als hätte sie jemand verloren. Meist wurden die kleinen Brüder des Euros jedoch achtlos, arrogant oder angeberisch weggeworfen – man war ja wer, man hatte es und gab sich nicht mit kleiner Münze ab.

Nun ändern sich die Zeiten, das Geld wird knapper, und die kleinen Funde werden es auch. Man sieht wieder Einheimische, die sich nach Kleingeld bücken, die den lange wenig geschätzten Cent aufheben und das alte Lebensmotto "Pennies make Pounds" wieder zu Ehren kommen lassen.

Auch Geschäftsleute berichten über "Change" im Umgang mit "Change". Galt es in großen Kreisen der Gesellschaft bis vor kurzem als schick, den 4,80-Euro-Einkauf mit einer Fünf-Euro-Note zu bezahlen und das Wechselgeld mit lässiger Handbewegung zurückzuweisen oder in die Charity-Box zu schicken, so legen die Kunden wieder zunehmend Wert auf Cent-genaue Abrechnung.

Der Geschäftsfrau Mary O´Shea fällt auf, dass die lässige Spendierlaune an der Ladenkasse inzwischen eher selten vorkommt: Ihre Spendenflasche auf dem Kassentisch mit Kleingeld für eine lokale Hilfseinrichtung war in den vergangenen Jahren bis Ende April schon jeweils zweimal bis zum Hals gefüllt worden. In diesem Jahr ist gerade einmal der Boden der Flasche mühsam mit Kleingeld bedeckt. Wenn das keine Zeichen sind...

Donnerstag, 7. Mai 2009

Zeit heilt Wunden – aber nur ganz langsam

Blick auf Glengarriff Harbour und Telefonierende aus der Lobby des Eccles Hotel, Glengarriff

Wie kurz oder wie lang sind acht, neun Jahrzehnte? Zu kurz für viele Iren und Engländer, um entspannt und souverän miteinander umzugehen. Zu kurz, um die eigene Geschichte in ihrer Gesamtheit anzunehmen. Ein kleines Beispiel aus dem Alltag in Irland, wie Zeit alte Wunden nur ganz, ganz langsam heilt – 88 Jahre nach dem Unabhängigkeitskrieg.

Glengarriff, das Dorf am Fuß der Caha Mountains in West Cork, hat einen erstklassigen Ruf als Ferienort mit langer Tradition. Tatsächlich wurde Glengarriff vor mehr als 200 Jahren als touristische Destination gegründet, als die Landlords von Bantry House im Jahr 1789 für ihre Gäste in malerischer Landschaft ein kleines Hotel errichteten. Das Bantry Arms Hotel wurde später zum Eccles Hotel, einem der heute ältesten und bekanntesten Hotels der Insel.

Ein Schlösschen und eine Jagd-Lodge gesellten sich bald dazu, im 19. Jahrhundert öffneten dann mehrere Luxushotels für die vornehmlich begüterten englischen Reisegruppen. Der Weg von Cork über Glengarriff nach Killarney wurde im viktorianischen Zeitalter zur beliebten Prinz-of-Wales-Route. Im Royal-Roches-Hotel, im Castle Hotel oder im Eccles übernachteten viele illustre Gäste, darunter auch Queen Victoria. All dies sind Stories und Stichworte, die Glengarriff eigentlich schmücken könnten.

Vielen Iren bleibt diese Vergangenheit allerdings eine unangenehme, suspekte,lästige, da leidvolle. Sie verabscheuen den Bezug auf die alte anglo-irische Tradition. Sie wollen davon nichts wissen – hatten zu lange und zu sehr unter den englischen Besatzern und den Konflikten jener Zeit gelitten. Hinweise auf die große Tourismus-Tradition der Victorians in den Werbebroschüren Glengarriffs sucht man deshalb vergebens. Wo Ferienorte in anderen Ländern ihre reiche Geschichte und Tradition freudig öffentlich feiern, da schweigen irische Ferienziele lieber oder begnügen sich mit ein paar unverfänglichen Allgemeinplätzen. Die Geschichte beginnt am besten erst 1960.

Es werden wohl noch Jahrzehnte vergehen, bis alle persönlichen und an die Kinder weitergegebenen Erinnerungen verweht sind und der Weg für das kollektive Erinnern und Akzeptieren frei wird.

Mittwoch, 6. Mai 2009

Solidarität ist keine Verlierer-Parole

Heute im Irland Blog ein nicht nur irisches Thema: Die Menschheit steckt in einer bedrohlichen Sackgasse, unser wirtschaftlich-gesellschaftlich-kulturelles Systemsteht am Wendepunkt, und nur wir Menschen können dies ändern. Indem wir uns ändern, schreibt Peter Sloterdijk in seinem neuen Buch, das zu seinem wichtigsten werden könnte. Der Philosoph zeigt Wege aus der Krise durch Üben und Ko-Immunismus. Hier ein kurzer Auszug aus einem Interview, das Sloterdijk gestern der linken Tageszeitung taz gab.


Was ist da in den vergangenen fünfzehn, zwanzig Jahren passiert?


Man hat uns in ein psychopolitisches Großexperiment über Frivolität verwickelt - aber was auf dem Programm stand, war nicht mehr aristokratische Frivolität, sondern Massenfrivolität, Leichtsinn und Egoismus für jeden. Man hat in dieser Zeit behauptet, Gemeinwohldenken sei gescheitert. Also blieb der Asozialismus, den wir höflicherweise Individualismus genannt haben, um uns mit besseren Gefühlen zu ihm zu bekennen. Doch was sind konsequente Individualisten? Es sind Menschen, die ein Experiment darüber veranstalten, wie weit man beim Überflüssigmachen sozialer Beziehungen gehen kann.


Aber kann der Kapitalismus ohne diese "Gierdynamik", wie Sie das einmal genannt haben, funktionieren?


Die Wahrheit dieses Systems ist eine doppelte. Einerseits wird der Mensch als Stoffwechsler enthüllt, und dies drückt eine unleugbare Wahrheit aus. Zugleich tritt ein anderer Aspekt der Wahrheit über die Lage des Menschen zutage: Wir gelangen durch entfesselten Konsum an die Grenzen der Naturproduktivität. Die Menschheit erweist sich als eine Gattung, die es fertig bringt, die Natur leerzufressen. Am bestürzendsten zeigt sich das beim Fischfang: Der Urlauber auf griechischen Inseln isst heute schon norwegische und finnische Fische, die über Nacht eingeflogen werden, weil die Ostägäis praktisch leergefischt ist.


Kommt jetzt der alte, verstaubte Begriff "Gemeinwohl" zurück?


In der Sache ja, aber auf der Ebene des Begriffs muss man tiefer
ansetzen. Das Wort "Gemeinwohl" ist mit zu viel idealistischen, also betrugsverdächtigen Elementen belastet - man kann 200 Jahre Ideologiekritik nicht einfach vergessen machen. Wo Idealismus war,muss Realismus kommen. Gemeinwohlgesinnung ist unwahrscheinlich - ich muss also zeigen können, wie das Unwahrscheinliche wahrscheinlich wird. Genau das versuche ich in meinem Buch mit den Argumenten, die das Konzept Ko-Immunismus begründen. Wenn wir beweisen, dass wir das Eigene und das Fremde systematisch falsch unterscheiden, weil wir zu klein definierte Egoismusformate haben, so würde daraus folgen, dass wir ein größeres inklusiveres Eigenes schaffen müssen - nicht aus Idealismus, sondern aus wohlverstandenem weitsichtigem eigenem Interesse.


Das heißt ja Gemeinwohl: dass Kooperation mit anderen nicht Altruismus ist, sondern zu meinem eigenen Nutzen.


Schon, aber das muss bewiesen werden. Unter Siegertypen gab es seit je die stille Überzeugung: Nur Verlierer kooperieren. Tatsächlich, solange der Sieger alles nimmt, ist Solidarität eine Verliererparole. Wir werden beweisen müssen, dass das falsch ist.


Peter Sloterdijk, Professor für Philosophie und Ästhetik sowie Rektor der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Wichtigste Arbeiten: "Kritik der zynischen Vernunft" von 1983. Das neue Buch ist erschienen: "Du musst dein Leben ändern". Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2009.

Fotos: Suhrkamp Verlag

Dienstag, 5. Mai 2009

Vögel hassen wirtschaftliche Entwicklung


Es ist ein Trauerspiel: In Waterville, im Südwesten von Kerry, wurden vor wenigen Tagen zwei tote Fischadler gefunden.Vergiftet. Nur Wochen vorher hatte man einen vergifteten Fischadler bei Killarney gefunden, und im Februar wurde ein Steinadler, der König der Lüfte, in Donegal das Opfer von menschlichen Widersachern. Die Vogelschützer in Irland laufen Sturm, im Internet grassieren Aufrufe, Irland als Reiseland zu boykottieren, und die Raubvogelzüchter in Schottland – von dort stammen alle wieder eingesetzten Adler Irlands – erwägen, die Vogel-Exporte auf die Nachbarinsel einzustellen.

Die traurige Schicksal der Vögel spiegelt nur die Krise des orientierungslos gewordenen Menschen.

Der Schriftsteller Jonathan Franzen (Foto), ein Amerikaner mit starken Bindungen nach Deutschland, stellt die Verbindung her. Franzen hat irgendwann in einer persönlich schweren Zeit mit dem Birding, dem Beobachten von Vögeln, begonnen. Heute ist er Experte für Ornithologie und stellt gerne Parallelen zu seiner Berufung als Schriftsteller her. Der Tageszeitung "Die Welt" gab Franzen gerade ein Interview, aus dem wir diese Antwort zitieren:

Sie haben gerade Ihre tausendste Vogelart beobachtet. Was haben Vogelbeobachtung und das Verfassen von Romanen gemein?

Franzen: "Die geheime Verbindung ist, glaube ich, dass ich mir manchmal wie ein gefährdeter, kleiner Vogel vorkomme - wie das Exemplar einer Art, der auf dieser Welt viel Zeit nicht bleibt. Ich mag stille, altmodische Orte. In Polen ist die Landwirtschaft weit weniger entwickelt, und weil es arm dort ist, ist die Landschaft voller Vögel. Flannery O'Connor hat gesagt, leider stimme es Schriftsteller froh, dass es immer Armut geben werde, denn das bedeute, dass ihresgleichen nicht ausstirbt. Vögel sind so arm wie man nur sein kann. Vögel sind so arm, dass sie Käfer fressen. Sie hassen wirtschaftliche Entwicklung. Sie sind ein Warnsignal, dass eine Wirtschaft nicht für immer wachsen kann, dass es ein Limit gibt. Wir Menschen haben dieses Limit noch nicht ganz erreicht, viele andere Arten aber schon. Sie werden ausgerottet, sie verschwinden von der Erde. Ähnlich denke ich vom Schriftsteller. Die Vorstellung eines unterschiedenen Selbst, das sich in Opposition zur Welt definieren lässt statt bloß eine Fuge in einer Matrix zu sein, verschwindet, wenn es auf der Welt nur noch Menschen und Menschengemachtes gibt. Inhalte gibt es dann immer noch, aber nicht mehr die private, isolierte Subjektivität, die mit diesen Inhalten etwas Interessantes anfangen kann, sondern nur noch eine reaktive Subjektivität, die wahllos wie eine Billardkugel umherspringt. Einem Schriftsteller wärmt es das Herz, Vögel zu beobachten, die die Menschheit nicht mögen, aber trotzdem noch ein Plätzchen zum Leben finden."


Jonathan Franzen schreibt lesenswerte Essays und Romane, zum Beispiel die "Anleitung zum Alleinsein" oder "Die Korrekturen" , einen Roman, der in vielen Ländern in die Bestsellerlisten geriet. Derzeit arbeitet Franzen in Deutschland an seinem neuen Roman mit dem Arbeitstitel "Freiheit".


Montag, 4. Mai 2009

Sollte man sich von Irland mitreißen lassen?

Die Wirtschafts-Krise Irlands stürzt auch die Tourismus-Werber des Landes in eine neuerliche Identitätskrise. Irische Urlaubs-Promoter im Ausland werben jetzt mit dem Slogan "Go where Ireland takes you" um Feriengäste. Im Deutschen heißt der schwer zu übersetzende Spruch: "Lass dich von Irland mitreißen". Angesichts der täglichen Katastrophenmeldungen von der Insel wird sich manch Einer fragen, ob er sich wirklich mitreißen lassen soll – wohlmöglich noch in den wirtschaftlichen Abgrund?

Doch halt! Damit sich genau dieser Abgrund nicht auftut, darf die Tourismusbranche nun wieder offiziell ran. Plötzlich erinnert sich das Land an alte Tugenden. "Failte", das herzliche irische Willkommen, das junges ungeschultes Personal vornehmlich aus Polen oder Lettland zum "Frosty Failte" verkommen ließ, soll kräftig renoviert werden. Der Tourist - zuletzt fast ein Störfaktor im großen Insel-Monopoly, den man allenfalls bereitwillig ausnahm – soll sich in der milden Wärme der irischen Gastfreundschaft ab sofort wieder wie daheim fühlen.

Die Tourismuswerber setzen auf das Risikokapital "Mensch" und schicken irische "Charaktere" in die Vermarktungsschlacht: den Sean, den Padraig und die Ciara, die es gemäß der bunten Werbefilmchen gar nicht abwarten können, den Gästen ihr persönliches Irland ganz exklusiv zu zeigen. Beim Slogan "Follow the Locals" fragt man sich, wieviel Risiko es birgt, den Einheimischen zu folgen oder ob man "Locals" nicht besser frei-deutsch mit "Lokalen" übersetzen sollte. Denn das Guinness schmeckt immer noch wie dereinst – nur dass es jetzt doppelt soviel kostet, erinnert daran, dass da irgend etwas war...

Immerhin haben selbst Tourismus-Profis im Ausland noch immer ein positives Vorurteil von der irischen Gastfreundschaft, was sich letzte Woche auf der jährlichen Tourismusmesse von Failte Ireland in Dublin als Aktivposten auf der Habenseite herausstellte. Die Gastgeber nahmen es dankbar zur Kenntnis und klopften sich pflichtschuldig selbstkritisch an die eigene Brust: Nein, nein, der Celtic Tiger war kein Freund des Tourismus. Aber jetzt wird alles anders.

Nur Irish-Times-Autorin Kathy Sheridan fragte sich verdutzt, ob die in Dublin versammelten Reiseveranstalter aus Frankreich, Italien oder Dänemark bewustseinsverändernde Drogen genommen hatten, als sie die irische Freundlichkeit, Gastfreundschaft und Service-Orientierung derart in den Himmel lobten.

Gequält von einem dröhnenden Post-Tiger-Kater suchen die Tourismwerber von Failte Ireland jedenfalls nach ihrer künftigen Verortung zwischen Natur-Kultur-Idyll und Celtic Tiger-Hyper-Moderne. Bis 1997 verkauften sie den Auslandsgästen das Produkt "Grüne Idylle" wie geschnitten Brot. Dann kam der Boom, kamen die Boomtowns, Dublins Aufstieg zur Super-Metropole – und Irland musste fast über Nacht als das Wirtschaftswunderland Europas angepriesen werden. Nun heißt es: Kommando zurück. Zurück zur Natur? Zurück wie weit?

Vielleicht hilft ein Claim ähnlich dem der Bayern: "Laptop und Lederhosen", oder dem der Japaner: "Zwischen Tradition und Moderne". Vorschläge sind möglicherweise willkommen.


PS_1: Für alle flüchtigen Leser: Dieser Beitrag stellt nicht in Abrede, dass viele Menschen in Irland tatsächlich gastfreundlich waren, sind und sein werden. Auch gab es in den verrückten Tiger-Jahren genügend Leute, denen ein warmes "Failte" wichtiger war als ein paar Euro mehr.

PS_2: Wir von Wanderlust werden unsere Irland-Gäste im Mai einmal befragen, wie sie das Land sehen und wie sie es bewerben würden. Ergebnisse gibt es demnächst auf dem Irland-Blog.

PS_3: Was hat es zu bedeuten, dass Failte-Ireland-Chef Shaun Quinn demnächst das Metier wechselt und die Leitung der staatlichen Arbeitsbehörde FAS übernimmt?
Illustrationen: Failte Ireland

Sonntag, 3. Mai 2009

Bay Run 2009 – Passionsspiel Laufen




Bay Run Halbmarathon in West Cork, Irland: Über 900 Teilnehmer meisterten heute die 21,1 Kilometer von Glengarriff nach Bantry auf einer landschaftlich außergewöhnlichen und läuferisch schweren Strecke. Laufen , Leiden, Erlösung: 900 Leidenswege, 900 Tode, 900 Erfolgserlebnisse.

Die Zeit: Zwischen 1:08 Stunden für Sieger Michael und 3:42 Stunden für Schlusslicht Fiona. Am Ende egal. Viel wichtiger: es geschafft zu haben.

Der japanische Schriftsteller und Läufer Haruki Murakami ("Kafka am Strand")

hat den Lohn des Leidens in seinem Buch "Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede" so beschrieben:

"Persönliche Bestzeit, Rang, Äußerlichkeiten und das Urteil anderer – all das ist zweitrangig. Für einen Läufer wie mich zählt vor allem, die Ziele, die ich mir selbst gesteckt habe, mit meinen Beinen zu erreichen. Wenn ich alle Kraft gebe, die ich zu geben habe, alles ertrage, was ich ertragen kann, bin ich auf meine Weise zufrieden."

Da Laufen eine existentielle Tätigkeit ist, weiß Murakami auch, was dereinst auf seinem Grabstein zu lesen sein sollte:


Haruki Murakami
Schriftsteller (und Läufer)

"Zumindest ist er nie gegangen"


An alle Wanderer:
Take it easy: "Zumindest ist sie nie zur Couch Potato degeneriert".

An alle Daheimgebliebenen: Der Tag nach dem Lauf ist der erste Tag (zum Trainieren) vor dem nächsten Lauf.

Warum eigentlich? – Die Motive des Bloggers.
Warum lest und schreibt Ihr Blogs?


Hier auf dem Irland-Blog stellen wir in den kommenden Wochen immer wieder sonntags diese einfache Frage: Warum schreiben wir Blogs, warum bloggst Du? Wer uns die beste Antwort schickt, wird eingeladen, an unserer Wanderwoche im September in Irland teil zu nehmen. Ihr könnt klassisch mit uns wandern oder am Stock gehen (Nordic Walking), egal. Wir führen Euch zu den schönsten Orten des Südwestens, die dem Normalotouristen meist verborgen bleiben.*

Jetzt aber erst mal an die Denkarbeit. "Warum bloggst Du?", hatten wir bereits zwei Wochen lang gefragt. Die Reaktion: Immerhin sieben Leser haben sich schon Gedanken gemacht und ihre Version formuliert. Leser "Numen" hegte die Befürchtung, unsere eigenen theoretischen Gedanken zum Thema würden den Wettbewerb geradezu "killen". Ob er meinte, wir seien zu mind-tricky? Wir wissen es nicht, schweigen aber heute zum Thema selbst, wissen wir doch gerade selber wieder nicht, warum wir (uns) das jeden Tag (an)tun.

Die bisherigen Beiträge zum Wettbewerb samt Antworten in den Kommentarfeldern sind nachzulesen in der Seitenspalte links. Für alle, die noch am Formulieren sind: Einsendeschluss ist der 20. Juli 2009.

Also: Warum bloggst Du, warum bloggen wir? Antworten bitte im Kommentarfeld.

*Die Teilnahme an unserer Wanderwoche kostet bei normaler Bezahlung 390 Euro. der Gewinner mit der besten Antwort nimmt mit einer Begleitperson seiner Wahl umsonst teil. (Dem Gewinner bleiben als Kosten An- und Abreise nach Glengarriff, West Cork und ein Eigenanteil an den subventionierten Unterkunftskosten von 20 Euro pro Nacht und Person). Der Gewinner wird übrigens aus den 10 besten Antworten ausgelost. Alles streng neutral natürlich.

Samstag, 2. Mai 2009

Bay Run Halbmarathon 2009:
Morgen laufen sie wieder

Morgen laufen Sie wieder. Am Sonntag früh um 9 Uhr startet in Glengarriff, County Cork, der Bay Run Halbmarathon nach Bantry. Der Bayrun gilt als der landschaftlich schönste Straßenlauf in Irland - wegen seiner langen Anstiege aber auch als einer der schwersten. Rund 800 Teilnehmer werden sich die 21 Kilometer zumuten, die meisten laufen, andere gehen eher gemächlich, und viele tun es für einen guten Zweck (Charity).
Im boomenden weltweiten Marathon-Tourismus ist Irland noch Entwicklungsland. Boston, New York, Berlin, London, das sind die großen Namen. Immerhin zieht der Dublin Marathon im Herbst mittlerweile auch schon recht viele Läufer aus dem Ausland an, während sich der Cork Sommer-Marathon gerade erst entwickelt. Der Halbmarathon in Bantry Bay, der morgen zum vierten Mal stattfindet, hat ein überwiegend regional und national besetztes Teilnehmerfeld, die Bay Run Organisatoren bemühen sich für die kommenden Jahre jedoch um mehr internationale Anerkennung.

Eines jedenfalls hat der Halbmarathon von Glengarriff nach Bantry bereits geschafft: Die Zahl der Freizeitläufer in der Bucht hat innerhalb der letzten drei Jahre von ein paar Handvoll auf mehrere Hundert zugenommen, und auch die Zahl der Fitness-Spaziergänger mit dem ehrgeizigen Ziel, die 21 Kilometer am ersten Maisonntag in Stil zu schaffen, hat spürbar zugenommen.

In its fourth year Bay Run Half Marathon between Glengarriff and Bantry is starting Sunday morning at 9.00 am. 800 runners and walkers are expected to face the challenge - many of them moving towards Bantry town for charity. Bay Run still is a more national running competition, but certainly the most scenic half marathon in the country can attract more international participants in future years. Good luck to all runners and walkers! See you at the finishing line and hopefully in 2010!


Fotos by George Peck 2007

IMPRESSUM

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