Dienstag, 30. Juni 2009

"Du kannst hier nicht über den Tod reden"

Der Wanderer schreibt diesen Irland Blog () nun seit gut einem halben Jahr und hat dabei Einiges gelernt. Zu den Illusionen des Unerfahrenen zählte die Annahme, dass Blogs Orte des Austausches seien, Plattformen zum Diskutieren und Kommentieren. In der vergangenen Woche summierte sich die Zahl der Kommentare auf dieser Seite auf 4 (!) Einträge. Das ist Grund genug, selber ein wenig sommer-faul zu werden und die eigenen Energien in Richtung Berge und Strand zu lenken.

Dies ist die Zeit, um über das Leben und den Tod nachzudenken. Während sich das globale Geplapper über das Ableben eines unglücklichen Popmusikers in einer Endlosschleife dauerverstärkt, sagt Ally Cassidy: "Du kannst hier in Irland nicht über den Tod reden". Die Irin meint, dass ihre Landsleute nicht wissen, wie sie mit Tod und Trauer umgehen sollen, dass sie in Hilflosigkeit gefangen sind und den Tod deshalb tabuisieren. Ally lebt und arbeitet im buddhistischen Retreat "Dzogchen Beara" bei Castletown Berehaven in West Cork und leitet dort das Spiritual Care Programm.

Ally und ihre Freunde versuchen Raum zu geben, um über das Leben und den Tod zu sprechen, Raum für Glück und Raum für Trauer. Die Autorin Miriam Mulcahy berichtete im Wochenendmagazin der Irish Times, warum sie selber nach Dzogchen Beara ging, wie sie Ally traf und was es mit dem entrückten Ort hoch auf den Klippen über Bantry Bay auf sich hat: "Die Kunst des Lebens und des Sterbens". Lesenswert, bedenkenswert, kommentierungswürdig. Man kann auch darüber schweigen.

Montag, 29. Juni 2009

Irland – Wo Iren Engländern eine Lektion in Englisch erteilen

Wenn Iren Irisch reden, legt der Rest der Welt meist fasziniert die Ohren an und versteht nichts. Wenn Iren Englisch reden bisweilen auch. Selbst Engländer und Amerikaner können oft nicht glauben, dass sie das Englisch der Leute von der Insel zwar vernehmen, aber in keiner Weise verstehen. Das liegt vor allem an der Vorliebe der Iren für den Slang, die regional ausgeprägte, sehr saloppe Umgangssprache.

Jeder, der sich länger in Irland aufhält, stößt irgendwann an die Grenzen des Verständlichen – meistens im fortgeschrittenen Stadium, wenn er die Sprache gut genug beherrscht,um zu verstehen, dass er nichts versteht. Wenn der Nachbar über seinen eigenen Freund redet, den man nicht kennt, und er diesen stets als "your man" bezeichnet, dann leidet man mutmaßlich nicht unter Vergesslichkeit sondern steckt mitten in einer Englisch-Lektion für Nicht-Iren. "Your Man", oder "Dein Mann" bezeichnet im irischen Slang einfach den Mann, über den man gerade redet, den eben.

Oder wenn John fragt, ob man mit ihm "for the piss" gehen will – dann lädt er nicht zum gemeinsamen Abstrullern ein, wohl aber zum gemeinsamen Besäufnis. Und wenn er von ihr im Auto mitgenommen wird, ist das gewöhnlich "a lift", es sei denn, sie legt mit ihm eine Pause zu zweit ein, dann könnte es auch "a ride" gewesen sein – oder "a lift and a ride". Und so weiter.

Feck it! Es gibt tausende dieser schwer verständlichen Eigentümlichkeiten in der englischen Umgangssprache der Iren, und was "your man" in Cork versteht, versteht der in Donegal noch lange nicht. Doch es gibt auch Hilfe: Man findet online längst genügend Websites, die all das Kauderwelsch gut "übersetzen". Der Wanderer bevorzugt die Regional-Slang-Datenbank von www.slang.ie . No bodder.

Sonntag, 28. Juni 2009

Was kümmert den Irland-Urlauber die Wirtschaftskrise? (Teil 1)

Ob Ire, ob Deutscher, ob Österreicherin: Wer in Irland lebt, bekommt die tiefe Wirtschaftskrise nach den Boomjahren an allen Ecken und Enden zu spüren. Sei es, dass der Job weg ist, dass das Finanzamt das Gehalt schröpft wie noch nie oder dass die Straßen nicht mehr richtig gewartet werden – die Auswirkungen sind meist unerfreulich.

Wie aber sind Irland-Urlauber, die in diesem Sommer für zwei oder drei Wochen die Insel bereisen, von der Mega-Rezession betroffen? Bekommen sie die Veränderungen überhaupt mit, leiden sie darunter? Hier einige Beobachtungen mit der Bitte an Leserinnen und Leser, die eigenen Erfahrungen zu beschreiben.

--->> Wer keine Vergleichsbasis hat, sieht keine Veränderungen. Alle Ersturlauber sehen die Insel in der Momentaufnahme Sommer 2009 – und spielen vor allen dieses beliebte Vergleichsspiel: Das ist ja viel (teuer, billliger, schöner, grüner, bunter, unpünktlicher, voller...) als bei uns (daheim). Versuchen wir also einen Vergleich Irland 2007 zu Irland 2009 und betonen. Dies sind persönliche, von keiner Statistik getrübten Eindrücke:

-->> Mehr Platz: Die Baufahrzeuge sind verschwunden, der Schwerverkehr ist stark zurückgegangen. Rezession bedeutet weniger Verkehr, Immobiliencrash heißt: Es wird kaum noch gebaut. Deshalb gibt es auch...

-- >> Weniger Lärm: Es ist wieder ruhiger geworden im Land. Kaum Baulärm, keine Steinbrecher, keine Betonmischer, keine kreischenden Sägen.

-->> Die Preise sinken: Mit der Nachfrage sinken auch die Preise. Lebensmittel sind deutlich billiger geworden, auch die Preise für B&B und Hotelzimmer tendieren deutlich nach unten. Eine B&B-Übernachtung gibt es schon wieder ab 25 Euro pro Person. Verhandeln lohnt sich wieder. Und Vorsicht: Manche Shops, Vermieter und Serviceunternehmen versuchen derzeit noch, fehlendes Geschäft mit überhöhten Preisen zu kompensieren. Vergleichen lohnt sich. Am wenigsten sinken die Preise bislang noch in den Restaurants. Grund sind deren hohe Fixkosten.

-->> Das Angebot nimmt ab: Die Rezession fordert Opfer. Gerade in den Städten in den großen Shoppingmalls haben bereits etliche Shops dicht gemacht. Auch die Infrastruktur auf dem Land hat begonnen zu leiden: Schönheitssalons, Modeläden, Einrichtungshäuser, auch Restaurants und Hotels haben den Betrieb eingestellt. Für den Urlauber spielt das bislang keine entscheidende Rolle, weil es sich meist um den Abbau von Überkapazitäten handelt.

-->> Die Pubs sind wieder voller: Wer Sorgen hat, hat auch Likör, und wer keine Arbeit hat, hat Zeit zum Feiern. Die Pubs dürften von der Wirtschaftsmisere profitieren.

-->> Mehr Iren an der Front: Die nette, vermeintlich irische Bedienung stellte sich meist nach dem zweiten Satz als genauso nettes Polenmädel aus Wroclaw heraus. Weil viele Osteuropäer die Insel seit dem Ende des Booms verlassen haben, trifft der Urlauber tatsächlich wieder mehr Iren auf der Insel. Er kann nun an der Ladenkasse, im Restaurant oder an der Mautstelle selber nachprüfen, wie es um die hoch gerühmte irische Gastfreundschaft und Freundlichkeit steht.

-->> Die Immobilienpreise sinken drastisch: Wer die Mittel hat und aus dem Urlaub ein Ferienhäuschen mitbringen will, hat in Irland bald wieder Grund sich umzuschauen. Noch sind die Preise wohl zu hoch, doch sie werden weiter fallen – und einzelne Schnäppchen gibt es schon.

Es scheint also, dass Irland-Urlauber von der Krise eher profitieren. Wer weiß mehr?

Statt Smart fahren:
Gewinnen und ab zum Wandern nach Irland

Hier auf dem Irland-Blog stellen wir seit einigen Wochen immer wieder sonntags diese einfache Frage: Warum schreiben wir Blogs, warum kommunizieren wir in Blog, warum bloggst Du? Wer uns die beste Antwort schickt, wird eingeladen, an unserer Wanderwoche im September in Irland (12. - 19. September) teil zu nehmen. Ihr könnt klassisch mit uns wandern oder am Stock gehen (Nordic Walking), egal. Wir führen Euch zu den schönsten Orten des Südwestens, die dem Normaltouristen meist verborgen bleiben.*

Jetzt aber erst mal an die Denkarbeit. "Warum bloggst Du?", hatten wir bereits einige Wochen lang gefragt. Die Reaktion: Schlapp: Wenig mehr als zehn Leser haben sich schon Gedanken gemacht und ihre Version formuliert. Aber das kann ja noch werden.

Endgültiger Einsendeschluss ist der 20. Juli 2009.

Also: Warum bloggst Du, warum bloggen wir? Antworten bitte im Kommentarfeld.
Oder an: info@wanderlust.ie

*Die Teilnahme an unserer Wanderwoche kostet bei Bezahlung 390 Euro. Der Gewinner mit der besten Antwort nimmt mit einer Begleitperson seiner Wahl umsonst teil. (Dem Gewinner bleiben als Kosten An- und Abreise nach Glengarriff, West Cork und ein Eigenanteil an den subventionierten Unterkunftskosten von 20 Euro pro Nacht und Person). Der Gewinner wird aus den 10 besten Antworten ausgelost.

Samstag, 27. Juni 2009

Der lange Weg vom pfeifenden Geierknochen zur irischen Tin Whistle

Man stelle sich vor: 25.000 Jahre, bevor die ersten Menschen von Schottland über den Nordkanal nach Irland übersetzten, saßen im Hohlen Fels von Blaubeuren schon Menschen zusammen und spielten Flöte. Gestern präsentierten Archäologen in Tübingen in Südwestdeutschland der Öffentlichkeit das älteste Musikinstrument der Welt: eine 35.000 Jahre alte, aus Gänsegeierknochen gefertigte Fünfloch-Flöte – gefunden in einer Höhle in Blaubeuren bei Ulm.

Die Ur-Flöte dürfte der Prototyp für die irische Blechflöte, die Tin-Whistle, sein. Auch wenn wir geneigt sind, dem vermeintlich ur-irischen Musikinstrument Tin Whistle eine lange Tradition beizumessen - die Neigung gründet auf Unwissen. Die irische Sechslochflöte wurde gerade gestern erst erfunden: 1843, vom Engländer Robert Clarke; und erst im irischen Folk-Revival der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts setzte sich die Penny Whistle aus Blech (heute Messing) als oft genutztes und beliebtes irisches Musikinstrument durch.

Was wohl in den 34.800 Jahren geschah, zwischen der geselligen Steinzeit-Musikrunde im Hohlen Fels und dem Tag, als Robert Clarke erstmals Löcher in eine Blechröhre stanzte, um ihr Töne zu entlocken? Brachten die ersten Ankömmlinge vor 10.000 Jahren bereits Musik auf die Insel mit? Wir wissen es nicht. Die Tübinger Forscher wollen jedenfalls wissen, dass die Musik als gemeinschaftserzeugende, expansive kulturelle Tätigkeit dem Menschen einen Überlebensvorteil sicherte und dass er deshalb den Neanderthaler im Evolutionskampf ausstach. Und noch eine Aussage der Forscher gibt zu denken: Prinzipiell beherrschten die Menschen musikalisch vor 35.000 Jahren bereits alles, was wir heute auch beherrschen.


Über den Fund berichten die Forscher Nicholas Conard und andere in der aktuellen Ausgabe der narturwissenschaftlichen Zeitschrift Nature.

Freitag, 26. Juni 2009

Michael kommt nun doch nicht nach Irland

Ein Jahrhundert-Künstler ist nach einigen Jahrhundert-Tourneen, einem Jahrhundert-Prozess und einem Jahrhundert-Absturz nach einem halben Lebens-Jahrhundert von der Welt gegangen – ein Jahrhundert-Tod, wird geraunt, so wie bei Kennedy damals. Die Medien feiern den größten Toten seit langem – und dies weltweit. Michaels Musik gefiel mir nicht, sie berührte mich nicht. Mir gefiel aber der letzte Satz, den Harald zu Michael Jackson geschrieben hat: "Und er hat mir immer irgendwie leid getan".

Kleiner Nachtrag (Samstag): Wahrscheinlich kann die Magie Michael Jacksons nur verstehen, wer ihn einmal live, zumindest aber in seinen Videos gesehen hat. Marc Fischers Beschreibung eines Konzertbesuchs in Hamburg auf "Eines Tages" ließ mich verstehen, was den Zauber dieses zerbrechlichen Menschen ausmachte, und warum ihn so viele für einen Giganten hielten. Fischers Beitrag (Der Zwerg, Nullmann und ich...): sehr lesenswert. Michaels Bukarest-Konzert im übrigen, das die ARD gestern abend ausstrahlte, war berührend – auch für Leute, die seine Musik nicht mögen.

Vor einigen Monaten noch machten Gerüchte die Runde, Jacko wollte nach Irland ziehen – vor allem um in Kontakt mit Feen und Leprechauns zu treten. Offensichtlich hatte er sich auch Immobilien auf der Insel angeschaut. Mehr dazu im Belfast Telegraph.

Donnerstag, 25. Juni 2009

Viel Freude mit Eircom und T-not-at-Home

Irland bewegt sich gesamtwirtschaftlich gerade auf das Niveau zu, über das seine technologische Infrastruktur nie hinaus kam. Was die einstige Staats-Telekom "Eircom" und die irische Regierung beim Aufbau eines breitbandigen Kommunikationsnsetzes (DSL-Internet) geleistet haben, darf in der Dritten Welt als vorbildlich gelten. Jetzt steht die ausgeblutete und mehrfach geplünderte Eircom, die nach wie vor das Festnetz auf der Insel betreibt, wieder einmal zum Verkauf.

Die geldknappen australischen Eigentümer (ehemals bekannt als "Babcock Brown") wollen ihre irische Beteiligung verschachern. Vier Milliarden Euro Schulden, der angekündigte Abbau von weiteren 1200 Stellen und Gehaltskürzungen von zehn Prozent für die Verbleibenden verheißen der Eircom (und dem Kommunikations-Standort Irland) keine allzu große Zukunft. Mit dem Abzug der letzten hellen Köpfe muss gerechnet werden. Ein weiteres düsteres Kapitel in der Tragödie "Irlands scheiternde Infrastrukturpolitik" wird geschrieben.

Hallo Deutschland? Deutsche Telekom dort? T-Home, T-Com? Kein Anschluss unter diesen Nummern. Auch Deutschlands Telekom hat schon viele Stunden unserer Lebenszeit sinnlos vernichtet. Bis heute ist der Wanderer wegen einer geschäftlichen Anrufweiterschaltung erbarmungswürdiger Kunde der Deutschen Telekom. Hier ein kleiner Leckerbissen für Technik-Masos aus dem Frühjahr 2009 – streng chronologisch:

1. Die Telekom kündigt uns das Produkt X (Grund: Produkt wird aufgegeben). Sie bietet eine Kundenberatung an, um Ersatz zu schaffen.

2. Die gerne und bald viermal angefragte Kundenberatung kommt nicht zustande. Kundenanrufe aus dem Ausland sind bei der Deutschen Telekom nicht vorgesehen (Trost: T-Not-at-Home – Im Call Center wäre wahrscheinlich eh niemand daheim.) Auf Faxe, geschweige denn Emails, reagiert man nicht.

3. Die Telekom schreibt uns! Sie bedauert, dass wir das Produkt X gekündigt haben (!), möchte uns als Kunden aber unbedingt behalten und bittet um Anruf – die angegebene 0800-Nummer ist aus dem Ausland nicht erreichbar, die Bonner Festnetznummer auch nicht.

4. Wir resignieren, akzeptieren widerstandslos den Gang der Dinge. Wochen später erreichen uns nach und nach mehrere gleichautende Textbaustein-Depeschen (sie Briefe zu nennen, wäre ein Euphemismus), offensichtlich eigenverantwortlich von Computern zusammengestückelt, später handschriftlich umadressiert nach Irland. Die ursprünglich computer-generierte Adresse war noch 1995 völlig korrekt. Wir wissen nun definitv: Alle Bemühungen, der Telekom die richtige Adresse zu vermitteln (im Lauf der Jahre ein halbes Dutzend schriftliche Eingaben) sind kläglich gescheitert. Big Telko merkt sich vieles, kann aber daraus keinen Sinn destillieren.

5. Die Kündigungsfrist ist lange abgelaufen. Das gute alte Produkt X liefern die Bonner Kommunikations-Genies weiterhin anstandslos. Man zahlt und ist zufrieden.

6. War was?


Foto: Manufaktum. Es gibt sie noch, die guten Telekom-Firmen.

Zeit und Geld sparen mit Ryanair?

Nach den schrillen Diskussionen um Dicken-Steuer (Fat Tax) und Toiletten-Eintrittsgeld (Struller-Pfund) arbeitet der irische Billigflieger Ryanair wieder an einem ernsthaften Projekt, um die Kosten für das Fliegen zu reduzieren: Ryanair plant, die Gepäckaufgabe am Flughafen prinzipiell abzuschaffen und Gepäck nur noch gegen Aufpreis zwischen Flughafen und Flugzeug zu transportieren. Im Normalfall sollen die Passagiere ihr Gepäck direkt bis zum Flugzeug bringen und dort auch wieder an sich nehmen. Die Tests sollen im Herbst beginnen.

Ryanair-Sprecher Stephen McNamara wies gestern im irischen Radio darauf hin, dass es dieses System im Grunde bereits gibt: für Kinderwagen. Zudem kündigte McNamara an, dass Ryanair-Kunden nach Einfürhung des Selbstschlepp-Modells mehr Gepäck als bisher ohne Aufpreis transportieren können.

Viele Arbeitsabläufe auf den Flughäfen weltweit sind antiquiert und überholt. Der Ryanair-Ansatz, das Fliegen mit einer Busreise zu vergleichen, führt immer wieder zu Konzepten, wie man das Produkt "Flugreise" schneller und billiger machen kann. Ryanairs neues Projekt macht auch Hoffnung, dass Reisende künftig keine Zeit mehr in langen Warteschlangen an Check-in-Schaltern vergeuden müssen und dass sie bei frühen Flügen eine halbe Stunde länger schlafen können.

Die Flughäfen müssen sich gründlich reorganisieren, um solche neuen Abläufe zu ermöglichen, und Sicherheitsbedenken ("Chaos auf dem Vorfeld") werden auch auszuräumen sein. Doch das ist notwendig, sind Flughäfen doch schwerfällige und zeitfressende Unternehmen aus einer Zeit, in der das Fliegen noch etwas Besonderes war – und zudem Einrichtungen, die ganz auf die Bedürfnisse der Fluggesellschaften ausgerichtet sind und wenig auf die der Reisenden. Warum sonst lässt man/frau am Airport noch immer viel zu viel Zeit und Geld liegen? Sind nicht schon die vielen Lounges ("Schmerzfreier Warten") Eingeständnis genug, dass die Organisation des Flugverkehrs große strukturelle Defizite hat?

Mittwoch, 24. Juni 2009

Der kleine große Unterschied: IE und IR

In diesen Tagen des Aufruhrs kam mir wieder die Frage in den Sinn: Was ist der Unterschied zwischen IE und IR? Möglicherweise der zwischen Leben und Tod, zumindest aber der, dass man in IE ganz groß die Klappe aufmachen kann (was dieser Blog und einige andere immer wieder beweisen), wofür man in IR wahrscheinlich gleich verhaftet werden würde.

IE steht als postalisches Kürzel, was viele nicht wissen, für Irland. Das eigentlich näher liegende Kürzel IR steht für Iran. So kommt es immer wieder vor, dass selbst große Verlage oder die bedauernswerte Telekom uns Post nach IR-Glengarriff schicken, die dann erst eine Warteschleife bei den Ajatollahs im Iran dreht und – wenn es gut läuft – von dort auf die rechte Bahn nach IE geschickt wird. Selbst eine Ausgabe des "Spiegel" - dazu auch noch eine mit viel nackter Haut auf dem Titel - erreichte uns vor einigen Jahren mit deutlicher Verspätung, aufgeschlitztem Umschlag und dem Stempel: "Missent to Iran".

Bei allem Nachholbedarf, den auch die irische Gesellschaft bezüglich der Wahrung von Bürgerrechten noch hat: Wir freuen uns, in diesem schönen Land zu leben, das liberal vor allem immer wieder dort ist, wo der Staat sich nicht einmischt. Wir senden in diesen Tagen gute Wünsche aus IE nach IR – und hoffen für die Menschen im Iran, dass sie das große Privileg der Meinungsfreiheit bald so wie wir in Europa in vollem Umfang genießen können. In die Tonne Rente mit den unnachgiebigen Ajatollahs und den Polit-Radikalen vor deren Karren. Freiheit für IR.

Dienstag, 23. Juni 2009

Irlands Exportschlager: Die Milch macht´s

Die Europäischen Milchbauern treffen sich ab morgen drei Tage lang zu ihrem Europakongress in Irlands zweitgrößter Stadt, Cork – und die Wahl des Versammlungsorts hat einen Grund: Bauern aus zahlreichen Ländern Europas wollen auf der Insel studieren, warum die irischen Bauern vergleichsweise kostengünstig Milch produzieren können.

Begünstigt vom milden Klima und von guten Böden betreiben die meisten Milchbauern Irlands eine preiswerte Weidewirtschaft: Die Kühe stehen möglichst lange auf den Wiesen und ernähren sich von Gras. Dieses sogenannte "Low-Input-System" verschafft den irischen Bauern einen deutlichen Wettbewerbsvorteil. Der Milchpreis in Europa steht nach einem kurzen Zwischenhoch wieder unter enormem Druck. Wenn erst einmal die europäischen Milchquoten gefallen sind, können möglicherweise viele hoch aufgerüstete Milchbauern, die ihre Kühe in Ställen halten und mit teurem Kraftfutter ernähren, im Wettbewerb nicht mehr mithalten.


20.000 irische Milchbauernhöfe produzieren im Moment jährlich 5,2 Millionen Tonnen Milch, das sind vier Prozent der Gesamtmenge im "Europa der 25" – und man möchte fast wetten, dass dieser Anteil sowohl relativ als auch absolut steigen wird.

Denn leerstehende irische Häuser lassen sich nicht epxortieren, die viel gefragten Milchprodukte schon. Immerhin exportiert Irland aktuell 80 Prozent aller im Land hergestellten Milchprodukte. Gute Perspektiven also für Kerrygold und Co, wo es dem Rest der Wirtschaft sehr bescheiden geht.

Montag, 22. Juni 2009

Tausende stranden in der Britpop-Oasis


Jetzt ist Sommer in Irland, die Zeit der großen Open-Air-Festivals hat begonnen. Am Wochenende starteten in Cork die "Live at the Marquee"-Konzerte (heute abend spielt am River Lee Tracy Chapman, während schon gestern am Liffey in Dublin Britney Spears ihren Circus aufmachte - den allerdings in der Halle).

In gut zwei Wochen, am 10 Juli, steigt auf der Rennbahn von Punchestown das hochkarätig besetzte dreitätige Oxegen-Festival mit der Rückkehr von Blur auf die Konzertbühne. Und bereits am Samstag spielte Oasis nach dem legendären Gig vor 14 Jahren wieder Slane Castle. 80.000 Fans zogen die etwas älter gewordenen Britpopper an, und die hintersten Reihen konnten die Bühne noch nicht einmal mit dem Fernglas richtig erkennen.

Drei interessante Aufschlüsse brachte "Live at Slane" - der Super-Gig auf dem historischen Schlossgelände im Boyne Valley, 40 Minuten außerhalb von Dublin:

1. Die heute 18 und 20-Jährigen stehen genauso auf Britpop und Oasis wie ihre Eltern. 80.ooo Zuhörer und Zuschauer aller Alterklassen sind dafür Beweis genug.

2. Es ist bis heute schwierig ein Konzert dieser Größe richtig zu organisieren: Slane war in diesem Jahr offensichtlich besonders chaotisch. Es fehlte an Einlasskontrollen und Ordnern, vor allem aber waren viele Konzertbesucher am Ende sich selbst überlassen. Tausende versuchten erfolgos, mit dem Bus zurück in die Stadt zu kommen, viele strandeten in der Britpop-Oase Slane und schafften es nicht vor 4 Uhr morgens zurück nach Dublin. Die meist verfluchte Firma der Nacht war "Dublin Bus".

3. Es herrscht tatsächlich Rezession in Irland: Viel Luft im ansonsten atemberaubenden Gedränge von Slane Casstle gab es direkt neben der Bühne im sogenannten VIP-Bereich. Das besonders teure Plätzchen für die ganz Wichtigen war wenig gefragt. Kostete ja auch nur 285 Euro in der kleinen und 668 Euro in der edlen Business-Version.

Fotos: Slane Castle, Oasis Konzert vom 22. Juli 1995 auf Slane Castle.

Die "Live at Slane" VIP Packages – wenig begehrt in diesem Jahr:

VIP Garden Package - €285pp incl. vat

· Reserved VIP Car Parking

· Premium Reserved Grandstand Ticket

· Panoramic views of entire Concert Site

· Access to: Champagne Restaurant, BBQ Area, Coffee Dock & VIP Bar (all cash basis) - All located in the garden in the front of the castle

· Access to Outdoor Garden Furnished Area

· Customer Care and Event Management Team in attendance

Slane Castle Hospitality Package - €550pp + vat @ 21%

· Reserved VIP Car Parking

· Premium Reserved Grandstand Ticket

· Panoramic views of entire Concert Site

· Champagne Reception on arrival

· Three Course Gourmet Dinner served in Slane Castle

· Full Complimentary Bar

· Full Complimentary Bar and Canapes for one hour after Concert

· TV Relay of Concert

· Access to outdoor garden furnished area

· Customer Care and Event Management Team in attendance

Samstag, 20. Juni 2009

Fastnet Rock – die Träne Irlands



Der Fastnet Rock: Weil´s so schön ist, noch eine kleine Kostprobe aus dem gestern hier beschriebenen 32-Seiten-Porträt von West Cork in der Irish Times. Die Kollegen in Dublin haben sich aus der Ferne für den Fastnet Rock als Titelmotiv für das Zeitungs-Supplement entschieden. Kann man machen, auch wenn Irlands berühmtester Leuchtturm fast schon zum nationalen Symbol taugt*.

Der kleine Felsen südlich des Mizen Head ist zugleich der südlichste Punkt Irlands. Im Irischen heißt er Charraig Aonair, einsamer Felsen. "Fastnet" selber leitet sich aus dem Alt-Norwegischen ab und bedeutet scharfer Zahn. In der jüngeren Geschichte Irlands wurde der Fastnet Rock als "Ireland´s Teardrop" bekannt, als Träne Irlands: Die meisten Schiffe, die seit der großen Hungersnot ab 1845 irische Auswanderer nach Amerika transportierten, segelten am Fastnet Rock vorbei, bevor sie den offenen Atlantik erreichten. Der Fastnet Rock war das letzte, was die Menschen von ihrer Heimat sahen – so manche Träne wurde dort zum Abschied vor der großen Transatlantik-Passage vergossen.

Der heutige Leuchtturm - eine Konstruktion aus mächtigen Granitblöcken - wurde vor 105 Jahren, am 27. Juni 1904 in Betrieb genommen. Er ersetzte mehrere Vorgänger, die sich in den wilden Winterstürmen in Irlands Südwesten als zu schwach erwiesen hatten.



* Was wäre wohl ein noch passenderes Symbol für West Cork? Oft wird die Fuchsienblüte dafür genommen – die Fuchsie allerdings, die in Irlands Südwesten so prächtig gedeiht und riesige rot scheinende Hecken bildet, stammt aus Chile und wurde wohl erst im 19. Jahrhundert aus Südamerika importiert. Vorschläge?

Freitag, 19. Juni 2009

So schön ist Irland - Die Irish Times porträtiert West Cork


Wofür die Rocklegende Lou Reed ("Take a walk on the wild side") nicht alles Pate stehen muss: "Take a walk on the wilder side" titelt die Irish Times in dieser Woche eine Geschichte über das Wandern in der herrlichen Wildnis der Berge von West Cork.

Das kleine Paradies um uns herum. Zugegeben, wir sind voreingenommen, und doch wir sind auch überzeugt: West Cork, der südwestliche Zipfel Irlands, ist landschaftlich das Schönste, was die Insel zu bieten hat. Die Irish Times, Irlands wichtigste nationale Zeitung, hat in einer gut gemachten Beilage die Vorzüge des westlichen Teils des County Cork in schönen Fotos und solide recherchierten Beiträgen beschrieben. Wandern, Genießen, Essen, Segeln und Sightseeing zwischen Kinsale im Osten, Macroom im Norden und Dursey Island (Beara) im Westen. Mitten drin: die Bantry Bay.


Wer noch Anregungen für seinen Irland-Urlaub braucht: Hier kann man/frau sich die Irish Times Beilage online ansehen: Discover West Cork .


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Wer in West Cork geführt wandern will, ist bei Wanderlust Irland richtig. Die besondere Irland-Erfahrung in deutscher Sprache. Eine Woche lang den Alltag vergessen und Natur erleben. Wanderwoche vom 12. bis 19. September. Alle Informationen: hier.

Die Rückkehr des toten Tigers

Irgendwann im letzten Jahr, es muss zwölf oder mehr Monate her sein, wurde in Irland der ominöse Keltische Tiger (unser Foto) begraben – zum Skelett abgemagert, zahnlos und siech. Bis in die ehemalige deutsche Bundeshauptstadt Bonn ist die Todesnachricht bis heute trotz moderner Medien nicht durchgedrungen.

In dieser Woche wirbt Step-in, ein Anbieter für Schüleraustausch- und Studenten-Reiseprogramme im Internet via Presseportal mit dem armen alten Zausel: "Der Lockruf des keltischen Tigers – Step-in bietet maßgeschneiderte Praktika in Irland" – und singt dabei ein völlig schräges Loblied auf die am Boden liegende irische Wirtschaft.

Betreutes Reisen plus Bildung für Jugendliche – das ist eigentlich eine feine Sache. Bei Step-in klingt das aber eher wie eine Reise ins Ungewisse, wie ein Trip in die Vergangenheit, oder wie zurück in die Zukunft? Würden Sie Ihre Kinder einem Veranstalter von Bildungs-Reisen anvertrauen, der solchen Unsinn verbeitet und offensichtlich keine Ahnung vom Land hat, in das er die Jugendlichen verfrachten will? Step-out, oh dear.

Donnerstag, 18. Juni 2009

Deutsche Botschaft in Dublin:
"Würdelos und menschenverachtend"









Seit Monaten steht die Deutsche Botschaft in Dublin, Irland, in der Kritik, weil sie ihre Kunden unangemessen, schlecht, und wahrscheinlich sogar gesetzeswidrig behandelt. Vor zweieinhalb Monaten bereits versprach der Sprecher von Botschafter Christian Pauls auf diesem Blog die Neuregelung des Kundenverkehrs. Geschehen ist gar nichts. Wer in der Botschaft einen Pass oder ein Visum beantragt, muss sich weiterhin schwer erträglichen Prozeduren aussetzen. Es gibt keine individuellen Sprechstunden, es gibt keinen Schutz der Vertraulichkeit, und oft auch keinen vor Regen und Kälte.

Hier das aktuelle Protokoll eines Mannes aus West Cork, der nach Dublin reiste, um einen Deutschen Reisepass zu beantragen: Um 10 Uhr kommt er in Booterstown, 123 Trimleston Avenue, am Tor der Botschaft an. Es regnet. Vor dem Tor stehen weitere zwölf Menschen. Es regnet. Bis 11.30 Uhr ereignet sich gar nichts. Es regnet. Dann werden die Wartenden durch das Tor eingelassen. Sie stehen auf dem Botschaftsgelände, im Freien. Es regnet. Eine Stunde später schafft unser Mann es endlich in den kleinen, hoffnungslos überfüllten Warteräumchen ("Schalterklo"), den er nun mit über 20 anderen Kunden teilt. Es gibt zwei Schalter, vor denen sich die Menschen drängeln: links Visa-Angelegenheiten, rechts Passanträge. Das heißt: links Nicht-Deutsche, rechts Deutsche und Deutsche in spe. Alle Gespräche zwischen Kunden und Botschaftsmitarbeitern werden durch eine dicke Glasscheibe hindurch öffentlich geführt – über eine knarzende, laut plärrende Gegensprechanlage.

Unser Mann aus West-Cork hat seinen Pass um 13.30 Uhr erfolgreich beantragt. Er kennt nun unter anderem die Lebens- und die Familiengeschichte eines jungen deutschstämmigen Kanadiers, auch die eines chinesischen Arztes, der zu einem Kongress nach Düsseldorf reisen muss und dabei auch noch München ("Warum eigentlich wollen Sie nach München?") besuchen will. Er hat miterlebt, wie die Leute regelrecht öffentlich verhört werden. Er durfte auch selbst Hand anlegen und mithilfe eines 30 Zentimeter langen Plastiklineals die Körpermaße eines anderen Passantragsstellers festellen (187 Zentimeter!) – all dies auf engstem Raum, den Atem des gedrängt-drängenden Hintermannes immer im Nacken.

Unser Mann aus West-Cork hat seinen Passantrag erfolgreich platziert und verlässt die Botschaft in Booterstown erschöpft nach dreieinhalb Stunden. Seine Erlebnisse kommentiert er so: "Dieser Umgang mit den Besuchern ist menschenverachtend und erniedrigend. Ich dachte, die Würde des Menschen sei unantastbar. Die Leute von der Botschaft sollten sich schämen." Wütend machte den Mann vor allem die fehlende Vertraulichkeit der Gespräche. Er sieht Persönlichkeitsrechte krass verletzt und Datenschutzgesetze missachtet. Er steht mit seiner Meinung nicht alleine. Briefe an das Auswärtige Amt in Berlin und an den Datenschutzbeauftragten der Bundesrepublik Deutschland werden deshalb folgen. Und langsam werden die seltsamen Geschäftspraktiken der Deutschen Botschaft in Dublin auch ein Fall für die Medien.



PS: Es geht auch anders: Andere Deutsche Botschaften, andere Sitten. Bessere Sitten.

Mittwoch, 17. Juni 2009

Irland – Land der Wahrheit?





Fünf Kilometer westlich von Glengarriff – eingekesselt zwischen dem Eagle´s Nest und dem Sugarloaf Mountain – liegt das Coomerkane Valley. Ein verborgener Ort, an dem man die Stille hören kann, ein der Welt entrücktes Gletschertal, auf den die Sonne ein besonderes kontrastreiches Licht wirft. Hier hat David Puttnam anfang der 90er Jahre Szenen für das irische Remake des Filmklassikers "Krieg der Knöpfe" gedreht.

Es ist Sommer, ich suche den früheren Lehrer E. und finde sein Haus bald. Es ist eins von zehn, zwölf im Ort. Es liegt verlassen. Ein vorbeikommender Bauer erzählt, die Frau sei länger schon ausgezogen. Der Lehrer sollte eigentlich hier sein, doch alle Rollos sind heruntergelassen, die Müllsäcke hinter dem Haus von Tieren ausgeweidet, der Garten bleibt sich selbst überlassen, die Vegetation holt sich Stück um Stück die ihr abgetrotzte Hofeinfahrt zurück. Noch eine gescheiterte Einwanderer-Liaison im romantischen Irland.

Immer wieder müssen Menschen feststellen, dass sie die selbstgewählte Einsamkeit in der irischen Idylle zu zweit nicht aushalten, dass das zivilisatorische Vakuum dieser kargen, fast menschenleeren Landschaft sie seelisch implodieren lässt, sie an ihre Grenzen bringt - und manchmal darüber hinaus. Wer nicht mit sich allein sein kann, ist meist auch zu zweit alleine. Die Desillusionierung, die Ent-Täuschung über sich, über die romantische Illusion, über den anderen endet dann mit der Trennung.

Wir sahen hier in Irland einige Einwanderer-Träume platzen: Der Schriftsteller, der Fotograf, der Psychologe, der Töpfer, der Muschelsucher, die Aussteigerin, die Gärtnerin – sie alle kamen nach Irland, um sich zu trennen. Manche sprechen vom Land der Wahrheit. Die Wahrheit scheint banaler: Wo die Ablenkung fehlt, kommen man und frau schneller auf den Punkt: entweder auf den gemeinsamen oder darauf, dass der fehlt. Da nützt auch die schönste Nationalpark-Kulisse nichts.

Das Coomerkane Valley: ein Teich, ein kleiner monoton glucksender Fluss, friedlich grasende Kühe, die senkrechte aufsteigende, mit weißen Flechten bewachsene Felswand des Eagles´ Nest, in dessen Höhlen sich vor 400 Jahren die Kämpfer des O´Sullivan-Clans vor den Engländern versteckten; über dem vom Fluss geteilten Dorf der "See der zwölf Kühe" – und unweit davon die Ruinen eines zweiten, lange verlassenen Dorfes.

Weggehen gehört in diesem Landstrich zur Tradition. Wenn im langen nassen Winter die Strahlen der Sonne nur dann und wann, für Minuten vielleicht, flüchtige Gäste im Tal sind, dann lockt manchen die Vorstellung, dass das Gras auf der anderen Seite, anderswo, weit weg, viel grüner sein muss.

Doch es ist Sommer.


em=c² . Ein Dank an 100/2; soll mehr daraus werden.


Dienstag, 16. Juni 2009

Warum James Joyce vor 80 Jahren in Paris mit Samuel Beckett auf Sauftour ging

Über den 16. Juni 1904 soll Nora Barnacle später geäußert haben: "Das war der Tag, an dem ich einen Mann aus Jim gemacht habe". Was sich genau am 16. Juni 1904 im Leben von James Joyce ereignete, bleibt im Dunkel der Geschichte. Historisch gesichert ist, dass er an jenem Tag seine spätere Frau Nora zum ersten Mal ausführte, und dass er den 16. Juni 1904 deshalb als Datum für seinen Roman "Ulysses" (Odysseus) verwendete. Dieser fundamentale und schwer zugängliche Roman beschreibt einen einzigen Tag im Leben des Anzeigenakquisiteurs Leopold Bloom und seiner Frau Molly, einen Tag in Dublin, den 16. Juni 1904.

Ulysses erschien erstmals 1922 in einer zensierten Version in Paris. Die kolossale literarische Beschreibung von Dublin und einiger seiner Bewohner wurde damals als "obszön" verschrien. Das hat sich im Lauf der Jahrzehnte gändert. Bis heute allerdings gilt Joyce´s Hauptwerk als große Herausforderung an Generationen von Lesern: Wo beginnen, wo enden? Weil der Ulysses extrem komplex gestrickt ist und weil ihm ein traditioneller chronologischer Handlungsstrang fehlt, verschließt er sich dem schnellen Konsum – und wurde wohl gerade deswegen Kult.

Seit dem Jahr 1954 wird der 16. Juni von Literaten, Lesern und Nichtlesern als Bloomsday (nach dem Namen des Protagonisten Leopold Bloom) gefeiert. Damals zog eine kleine Gruppe irischer Schriftsteller zum Martello-Tower von Sandymount, einem im Ulysses beschriebenen Schauplatz, um ein großes Trinkgelage zu feiern. Die Literaten beriefen sich auf den 16. Juni 1929: Denn heute vor 80 Jahren lud James Joyce einige Freunde, darunter seine Verlegerin Sylvia Beach und den Schriftsteller Samuel Beckett ("Warten auf Godot") in das Hotel "Leopold" in der Nähe von Paris zu einem "Déjeuner Ulysses" ein. Der Abend und die spätere Rückkehr nach Paris gerieten zu einer fürchterlichen Sauftour, in deren Verlauf der sturzbetrunkene Beckett auf dem Klo einer Kneipe vergessen und zurückgelassen wurde.

Seit Jahren feiert sich auch die Stadt Dublin - die Joyce im übrigen nicht sonderlich mochte - am Bloomsday. Auf den mit Bronzeplaketten ausgeschilderten Touren besuchen heimische Fans und Horden von Touristen die im Ulysses verewigten Schauplätze, lesen ein paar Seiten des Romans am Joyce Tower von Sandycove, nehmen dort ein Bad oder geben sich am Strand von Sandymount "unanständigen Sachen hin", essen wie im Roman beschrieben ein Gorgonzolabrot, trinken ein Glas Burgunder (ursprünglich bei Davy Byrne´s in der Duke Street) oder kaufen in der Apotheke (Sweny´s) ein Stück Zitronenseife.


Zeit für ein Geständnis: Seit dem 16. Juni 1959 ist es dem Wanderer trotz zahlreicher Anläufe bis heute nicht gelungen, den Ulysses in einem Rutsch komplett zu lesen. Eine Aufgabe also, für das neue Bloomsyear. Vielleicht gelingt dies mit Hilfe eines Struktur- und Orientierungsschemas, das Joyce Freunden überließ und das jedem Kapitel ein Symbol, eine Farbe, ein Organ und andere Merkmale zuordnet.

Die Fotos zeigen: Ausschnitt aus dem Filmplakat zu "Nora", Nora und James Joyce (links, mitte) mit einer dritten Person und James Joyce (von oben nach unten).


Montag, 15. Juni 2009

Extrawurst für Irland

Die EU-Außenminister treffen sich ab heute in Luxemburg und diskutieren, wie man aus irischen Nein-Sagern endlich Ja-Sager macht: Indem man ihnen eine feine Extrawurst brät. Irland will sich das Ja-Wort zum Europäischen Reformvertrag von Lissabon durch gesetzliche Garantien abkaufen lassen und sich ein Recht auf Alleingänge sichern. Für die Politikfelder Abtreibung, militärische Neutralität, Steuer-Souveränität (!) sowie Arbeiterrechte und öffentlicher Dienst will sich Irland von den anderen 26 EU-Ländern die Zusicherung souveräner Entscheidungsrechte geben lassen.

Ob diese Extrawurst von der Insel am Ende auch den EU-Partnern schmeckt, muss sich zeigen. Noch hat die irsche Regierung die Karten nicht völlig auf den Tisch gelegt: Die genauen Details der gewünschten Sonderrechte liegen der EU noch nicht vor. Gelingt der europäisch-irische Kuhhandel in dieserWoche, dann will Taoiseach Brian Cowen die zweite Volksabstimmung zum EU-Vertrag von Lissabon für die letzte Septemberwoche ansetzen. Im Juni 2008 hatten die Wähler Irlands dem Vertrag ihre Zustimmung in einer ersten Volksabstimmung verweigert. Das irische Nein verhindert seitdem die weitreichende Reform der Europäischen Union.

Sonntag, 14. Juni 2009

Das Wort zum Sonntag – und ein paar Bilder aus dem Kamasutra dazu

Auch wenn manche (anonym surfenden) Internetznutzer das Blogschreiben schon für den Gipfel der narzisstischen Seltbstdarstellerei halten – der Wanderer hält sich insgesamt für relativ uneitel. Das schließt nicht aus, dass er sich freut, wenn viele Besucher die Beiträge im Irland-Blog aufrufen – und dass er sich noch mehr freut, wenn die Zahl der Leser steigt.


Bedauerlicherweise stimmen Schreiber und Leser nicht immer überein, ob nun ein Beitrag besonders viel versprechend und lesenswert ist oder nicht. Gerade die Posts, in die viel Herzblut fließt, werden oft wenig angeklickt, und so gerät das Studieren der Abrufzahlen immer wieder zum zweifelhaften Vergnügen. Attraktiv sind wie seit Adam, Eva, Kain und Abel die Ressorts Sex und Keilerei. Wenn auf den Blogs gestritten und unter die Gürtellinie gezielt wird, dann rattern die Besucherzähler; und wenn bei Google "Sex Irland" oder das "Kamasutra der Frösche" gefunden wird, dann umso mehr.

Überragende Abrufzahlen (natürlich im Rahmen der bescheidenen Nutzungszahlen dieses Blogs) hatte über die Monate hinweg unser Bericht über die Party der Frösche in unserem Garten. Irgendwann wurde jedoch klar, dass es sich bei den vermeintlichen Lesern um reine Betrachter handelt: Sie alle suchten Tomi Ungerers Zeichnung der kopulierenden Frösche. Ungerer, der aus dem elsässischen Straßburg stammende Künstler, lebt seit 33 Jahren auf einer großen Farm am Three Castle Head in Südwest-Irland – was uns dann doch noch den Bezug dieses Beitrags zu Irland liefert.

Ungerers freizügige erotische Zeichnungen haben dem Freidenker (77) viel Ruhm und viele Fans beschert – aber auch den Hass der ewig Verkniffenen, die in Irland dank katholischer Kirchenmacht noch weit zahlreicher sind als in Mitteleuropa.

Weil heute ein schöner Sonntag im Sommer ist, leicht und unbeschwert, machen wir es uns leicht und einfach – und zeigen mehr von dem, was viele Surfer sehen wollen: Mehr Erotik. Das Kamasutra der Frösche, Teil 2. (Entstanden in : Irland!)

Der inzwischen 77-jährige Zeichner, Schriftsteller, Illustrator, Farmer und Weltbürger ist in den Abgründen der menschlichen Existenz zuhause, im großen Spiel der Lust und der Leidenschaft blieb ihm nichts fremd. Und so deutete er mit seinen provozierenden Zeichenstift schon vor Jahrzehnten darauf, was sich unter den Kutten katholischer Brüder und den Gewändern der Barmherzigen Schwestern nicht regen darf und gerade deshalb umso mehr regt. Wer Tomi Ungerers Zeichnungen für nicht jugendfrei hält, war sicher noch nie in einer Katholischen Internatsschule in Irland.


Die Fotos stammen aus Tomi Ungerers "Erotoscope", einer Retrospektive seiner erotischen Zeichungen.

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Samstag, 13. Juni 2009

Dunboy Castle fordert seine Opfer


Ab 535 Euro sollte die Übernachtung in der Nobelherberge "Capella Dunboy Hotel" auf der Beara Peninsula kosten. Im Frühjahr 2008 sollte Irlands erstes "Sechs" (! hoho!) Sterne-Hotel bei Castletownbere öffnen. Doch "Haus Größenwahn" bleibt (wie hier berichtet) angesichts des großen Immobilien-Crashs unvollendet und geschlossen.

50 Millionen Euro sind verbuddelt und eine der größten Bauruinen des Landes zieht nun am Projekt beteiligte Firmen in den Schuldenstrudel. Gerade wurde bekannt, dass die für "Dunboy Castle" zuständige Restaurationsfirma liquidiert werden muss. Das könnte den deutschen Modellbauer freuen, der seit 20 Jahren schon versucht, die Ruine des 1921 von der IRA angebrannten Puxley Mansion (Foto unten) im Maßstab 1:50 nachzubauen. Er kann sich die Pläne nun vielleicht preiswert aus der Liquidationsmasse sichern.



Einige Innenansichten vom einstmals ehrgeizigsten privaten Restaurationsprojekt in der Geschichte Irlands

Der historische Boden, auf dem O´ Sullivan Beres Dunboy Castle und Puxley Mansion stehen, fordert also weiter seine Opfer, wie schon seit über 400 Jahren. Ein an den Bauarbeiten Beteiligter stellte uns aus seiner Digital-Schatulle freundlicherweise einige Fotos zur Verfügung, die die seit 16 Monaten ruhende Großbaustelle aus ungewohnter Perspektive zeigen.

Puxley Mansion im 19. Jahrhundert, bevor es 1921 von der IRA im Unabhängigkeitskrieg als verhasste Ikone der englischen Landlords angezündet wurde

Das unvollendete 65 Millionen Projekt: 50 Millionen Euro sind vergraben und in Stein gemeißelt, doch das investierte Geld "arbeitet" nicht. Ob die Hotelruine fertig gestellt werden wird, wissen allenfalls die Investitionsmanager von CAP Partners in Dublin – und möglicherweise nicht eimal diese. Denn noch immer steht als bislang letztes Wort das von CAP-Chef Michael Humphreys am 11. Januar 2009 abgegebene Statement im öffentlichen Raum: "Wir planen vorläufig, das Hotel Mitte des Jahres zu öffnen". Michael, ein Spezialist für Cross-Border-Transaktionen und Steuersparmodelle, teilte nicht mit, in welchem Jahr.




Das Projekt "Größenwahn":

Bauherr: CAP Partners, Dublin
Architect: RKD Architects
General-Bauunternehmer: PJ Hegarty & Sons
Restauration: Christopher Southgate & Assoc.
Restauration Subunternehmer: Cornerstone Construction

Auszug aus der CapPartners Website:

Michael Humphreys: Michael is a Bachelor of Commerce graduate, a fellow of the Institute of Chartered Accountants in Ireland, and a qualified member of the Irish Taxation Institute and has over 15 years experience in banking, treasury, and taxation. Michael has held a number of senior positions with prominent Irish companies including that of tax manager with Andersen, funding manager with ESB, and structured finance manager with both Bank of Ireland and Investec Bank. Michael has been primarily responsible for advising, underwriting, and arranging large Irish and cross-border specialised finance transactions.


Freitag, 12. Juni 2009

Rezession ist, wenn das Angebot schrumpft

Wo ist eigentlich der Schönheitssalon im Dorf geblieben? Wo der kleine Fach-Buchladen in der Stadt? Wo der zweite Bioladen? Wo der Kajak-Verleiher? Was ist mit unserem Lieblings-Sportgeschäft in Cork passiert und was mit dem Shop für Freizeit-Bekleidung? Wir stehen vor verschlossenen Türen, blicken in ausgeräumte leere Ladenschluchten. So sieht die Rezession aus.

Noch bevor die beiden pompösen neuen Shopping Malls auf Corks Einkaufsmeile Patrick Street die Tore öffnen, hat in den etablierten Einkaufszentren ein massives Ladensterben eingesetzt. Die fortgeschriebene Zahl der ausgeräumten und nun leer stehenden Shops in Irlands zweitgrößter Stadt könnte möglicherweise gut als Fieberkurve der an eine Depression reichenden Rezession im Land dienen. Auch der Wirtschaftsunkundige versteht auf einen Blick: Rezession ist, wenn das Angebot schrumpft, wenn Waren und Services quantitativ sichtbar abnehmen.

Das Angebot schrumpft, weil die Nachfrage zurück gegangen ist: zuerst nach Häusern, dann nach Sofas und Gardinen, schließlich nach Autos, Kleidung, ja sogar Lebensmitteln. Im County Cork, der größten Grafschaft Irlands, leben derzeit etwa 480.000 Menschen. Im Monat Mai reihten sich in Cork 40.000 Leute in die Schlangen der Arbeitslosen ein – doppelt so viele wie vor einem Jahr, und 1640 mehr als im April. Das Boulevard-Blatt Evening Echo schrieb anschaulich, mit den Arbeitslosen von Cork könnte man problemlos das große Football-Stadion der Stadt füllen.

An diesen 40.000 Arbeitslosen hängen materiell zu versorgende Familien, Kinder, Partner, sodass weit mehr als 100.000 Menschen von der Flaute im privaten Budget betroffen sind. Diese Menschen gehen, da es für sie derzeit auch keine billigen Kredite gibt, nur sehr verhalten zum Einkaufen; und viele, die es nicht getroffen hat, sind vorsichtig geworden und praktizieren freiwilligen Konsumverzicht.

Unsere Freundin S. ist überzeugt davon, dass die meisten Europäer nicht am Mangel, sondern am Überfluss leiden: dicke Ansprüche, dicke Rechnungen, dicke Menschen. Sie begreift die Rezession als gemeinschaftliche Heilfastenkur. Ich wäre einverstanden – wenn man sich auf die Kurärzte in der Politik verlassen könnte. Die praktizierenden Chefärzte aber wirken gerade hier auf der Insel heillos inkompetent – volle Taschen, dicke Backen, wenig Sinn für das Gemeinwohl. Vertrauen will da keines aufkommen.

Donnerstag, 11. Juni 2009

Großer Auftritt für Maureen O´Hara (88)


Ein texanisches Fort am Rio Grande im Jahre 1879. Die Apachen greifen wieder an. Doch Lieutenant Colonel Yorke bleibt standhaft...

Heute vor 30 Jahren starb in Los Angeles der Mann, der das Klischee vom mutigen Westmann entscheidend prägte: John Wayne. In Irland allerdings verkörpert "der Duke" seit 1952 den Prototyp des "Yanks", und das hat er der irischen Schauspielerin Mauereen O´Hara und dem oskargekrönten Spielfilm "Der Sieger" (in Englisch "The Quiet Man") zu verdanken. Darin spielt Wayne einen irischstämmigen US-Amerikaner, der nach Irland zurückkehrt, um im wilden irischen Westen die rothaarige Schönheit Mary Kate (Maureen O´Hara) zu erobern. Der in Cong im County Mayo von Regie-Legende John Ford gedrehte "Stille Mann" steht im irischen Kulturhimmel im Vorzimmer zum großen Salon, in dem unangefochten Maureen O´Hara thront.

Die feurige Rothhaarige, die im August 1920 in Dublin als Maureen Fitzsimons geboren wurde, war ständige Filmpartnerin von John Wayne (Rio Grande, McLintock), James Stewart und Charles Laughton. Sie gilt auch heute mit 88 Jahren als erfolgreichste irische Schauspielerin aller Zeiten – und war eines der größten Pinup-Girls in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts.

Seit 40 Jahren lebt Maureen O´Hara in Glengarriff, County Cork, im Lugdine House, zwischen Meer und Golfplatz (mit eigenem Zugang zum Golf Court). Als Präsidentin des örtlichen Golfclubs sponsert sie jedes Jahr Ende Juni das nach ihr und ihrem verstorbenen Mann Charles Blair ausgetragene Golfturnier von Glengarriff. In diesem Jahr wartet der Golfclub mit einer Premiere auf: Parallel zum Turnier läuft in den örtlichen Hotels vom 28. Juni bis zum 5. Juli eine Retrospektive mit den zehn wichtigsten Filmen von Maureen O´Hara.

Der rüstige Alt-Superstar will zur Aufführung möglichst vieler Filme selber erscheinen und eine Live-Einführung geben. Großer Applaus, Maureen!



Mehr zu Maureen O´Hara ...hier.
Mehr zum Film-Festival in Glengarriff ...hier.


Kleiner Nachtrag in anderer Sache: Die Fianna Fáil-Grünen-Regierung hat das Misstrauensvotum von Fine Gael gestern abend wie erwartet mit sechs Stimmen Vorsprung überstanden.

Mittwoch, 10. Juni 2009

Irlands Seehunde bekommen
im Juni Nachwuchs

Sie sehen manchmal aus wie Mettwürste, manchmal wie schwimmende Hunde, manchmal einfach nur wie freundliche Kuscheltierchen: Die Seehunde von Irland. Im Gengarriff Harbour lebt die größte Seehunde-Kolonie der Insel. Zwischen 230 und 400 Tiere der ostatlantischen Hundsrobbe (Phoca vitulina vitulina) bevölkern im Sommer die Bantry Bay und ziehen sich im Winter in die geschützte Bucht von Glengarriff zurück. Die Größe der Kolonie schwankt - abhängig vom Nahrungsangebot in der Bucht, vom Gesundheitszustand und auch vom Umfang der heimlichen Jagdtätigkeit heimischer Fischer. Denn immerhin frisst ein einziger ausgewachsener Seehund, der bis zu 1,80 Meter groß und 150 Kilogramm schwer werden kann, zwischen zwei und drei Tonnen Fisch pro Jahr.

Der große Appetit macht die vor und nach ihren Beutezügen stundelang faul auf Felsen dösenden Robben bei den Fischern ziemlich unbeliebt; mehr gewogen sind Ihnen die Tag für Tag Touristenboote an den Robbenfelsen vorbeisteuernden Fährenbetreiber. Die Ferry People verkaufen die kurz Fahrt zur prächtigen Garteninsel Garinish Island gleichzeitig als Robbenbeobachtungs-Exkursion – und nehmen stolze zehn Euro pro Person für den zweimal zehn Minuten dauernden Trip. Dafür fahren sie die neugierigen Gäste bis auf wenige Meter an die wenig menschenscheuen Tiere heran.

Es lohnt sich, die Seehunde von Glengarriff zu besuchen – den großen Weiß-Grauen, den die Einheimischen Charlie nennen, oder Diarmud, den rotfleckigen Senior, und all die anderen, grazileren Hochleistungsschwimmer und Spitzentaucher; und man kann sie kostenlos auch vom Festland aus beoabachten – beispielsweise am Seal Point.

In etwa zwei Wochen werden die Seehunde von Glengarriff mit den ersten Jungen unterwegs sein. Diese können von ihrer ersten Lebensstunde an schwimmen und sind deshalb weniger gefährdet als die recht hilflos an Land aufwachsenden weißfelligen Babys der Sattelrobbe.

Dienstag, 9. Juni 2009

Irlands Regierung im politischen Herbst

In Irlands Politik hat der Herbst schon begonnen. Schwach und angeschlagen gehen die Regierungsparteien Fianna Fáil (FF) und die Grünen aus den Wahlen vom Wochenende hervor. Die siegreichen Oppositionsparteien Labour und Fine Gael (FG) interpretieren das Votum der Wähler bei Lokal- und Europawahlen drucksteigernd auf die nationalen Verhältnisse um; sie behaupten, die Regierung hätte das Vertrauen der Menschen verloren und müsse den Weg für Neuwahlen frei machen. So ist es wohl, auch wenn die aktuellen Wahlen nicht dazu da waren, über die Regierung abzustimmen.

Die angezählte Regierung widerum klebt an ihrem Wählerauftrag und will heroisch bis 2012 durchregieren. Dass das gelingen wird, erscheint zweifelhaft, auch wenn Ministerpräsident Brian Cowen das Misstrauensvotum der Opposition, über das morgen abgestimmt werden wird, noch einmal überstehen könnte. Noch haben die Regierungsparteien im Parlament eine Mehrheit von sechs Stimmen. Die Opposition setzt nun auf Abweichler, auf unzufriedene FF-Parteifunktionäre, die ihre eigene Führung herausfordern und auf die Basis der Grünen, die einen Austritt ihrer Partei aus der Koalitionsregierung fordern könnten.

Im Trubel der Stimmenauszählung und der Wahlfeiern fast unter ging am Montag die Nachricht, die jede irische Regierung in den kommenden Monaten zusätzlich unter Druck bringen wird: Die Länder-Bonität Irlands wurde gestern von der Ratingagentur Standard & Poor´s ein weiteres Mal (von ursprünglich AAA über AA+ auf nunmehr AA) herabgestuft. Perspektive negativ. Das heißt: Der irische Staat wird in Zukunft noch höhere Zinsen bezahlen müssen, um sich für die Finanzierung seiner Ausgaben und für die Bankenrettung genügend Geld leihen zu können; die Schuldenspirale dreht sich mit zunehmendem Tempo.

Grund sind aktualiserte Schätzungen, wieviel der Staat für die Rettung (Rekapitalisierung) der drei irischen Banken AIB, Bank of Ireland und die verstaatlichte Anglo Irish Bank aufbringen muss: Mittlerweile gehen die Analysten von einem Betrag zwischen 20 und 25 Milliarden Euro aus, eine gigantische Summe gemessen am kleinen irischen Staatsbudget – mit der Konsequenz, dass die Staatsverschuldung bald schon die Höhe des Bruttoinlandsprodukts übersteigen wird (Die für 2009 budgetierten Einnahmen des Staates aus Steuern und Gebühren liegen bei gerade einmal 34 Milliarden Euro).

Die Bankenkrise und die voreilig ausgesprochene Banken-Ausfallgarantie, gepaart mit steigender Arbeitslosigkeit und massiven Steuerausfällen werden der Regierung künftig fast jeglichen politischen Spielraum nehmen, weil schlicht das Geld dafür fehlt. Das Spiel der kommenden Monate (Jahre?) wird heißen: Banken retten (Banker verschonen), Bürger quälen und Steuerzahler ausquetschen.


PS:
Der scharfsinnige Polit-Analytiker Fintan O´Toole entzaubert heute in der Irish Times die seit Sonntag oft gehörte Floskel vom "historischen Wahlergebnis". Er hält es für wenig bemerkenswert, dass die eine konservative Volkspartei (FG) die andere (FF) an der Spitze ablöst. O´Toole hält dagegen für historisch, dass neben dem Volksparteienblock "Fianna Gael" eine neue, überwiegend links wählende Drittelgesellschaft herangewachsen ist, die mit dem alten System gebrochen hat, und die einen Fine Gael-Ministerpräsidenten Enda Kenny nicht für eine Option hält.

Tatsächlich haben Labour und andere linke Parteien in großstädtischen Milieus beachtliche Erfolge erzielt. O´Toole schreibt bereits von einer neuen Klasse, von einer politisch zweigeteilten Republik und von der Auflösung der katholisch-nationalistischen öffentlichen Identität, die die Republik mehrere Jahrzehnte ideologisch zusammengehalten hatte.

IMPRESSUM

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