Sonntag, 31. Januar 2010

Das Wort zum Sonntag:
Die Anonymität und der Mob im Internet

Auch geniale Internet-Visionäre ändern bisweilen ihre Meinung. Der New Yorker Informatiker und Cyber-Pionier Jaron Lanier (49, Foto) hatte das Web jahrelang als ideales Experimentierfeld menschlicher Kommunikation und Kooperation beschrieben. In dieser Woche erklärte er im Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL, warum er heute eher negativ über das Internet denkt (und wie er dies in seinem neuen Buch "You are not a Gadget" beschreibt). Lanier spricht das Problem Cyber-Mobbing an, er macht den "Niedergang" des Netzes am Kommerz fest und er fragt sich, warum Millionen Menschen zulassen, dass ihre gesamte Kommunikation Konzernen wie Facebook oder Google gehört (wie dieser Blog beispielsweise) oder dass das Netz Ihnen ihre Würde nimmt. Vor allem aber geht Jaron Lanier auf die verheerenden Folgen der Anonymität ein und behauptet, dass sich ganz normale, vernünftige Menschen im Internet allzu leicht in einen Mob verwandeln:
"... erst heute habe ich ein anonymes Forum gelesen, in dem die Leute das Ansinnen der New York Times kommentierten, künftig Geld für Online-Artikel zu verlangen. Die ersten Kommentare waren noch in Ordnung. Doch bald wuchs sich das Ganze zu einem teuflischen Gemetzel aus. Das ist keine Ausnahme, sondern ein typisches Muster im Netz.... Die Anonymität spielt eine große Rolle. Wer anonym ist, muss keine Konsequenzen fürchten und erhält dennoch unmittelbare Genugtuung . . . Das ist die Dynamik der Meute."   
Laniers Kritik erinnert mich an eigene Erfahrungen auf einschlägigen Diskussions-Plattformen wie dem Irland-Forum. Im vergangenen Jahr drohte die anonyme Mobberei auch auf diesen Blog überzuspringen, worauf ich den folgenden Beitrag schrieb, der hier noch einmal zitiert wird. 
"Hier im Irland-Blog kann jeder seine Meinung frei äußern und unsere Einträge kommentieren. Wir sind allerdings der Meinung, dass diese Freiheit dort endet, wo sie die Freiheit anderer beeinträchtigt. Es ist in diesem Blog möglich, anonym zu kommentieren. Wir ermöglichen dies für all diejenigen, die es bislang zu kompliziert finden, sich eine Online-Identität zuzulegen. Wir bitten im Kommentarfeld darum, dass die "Anonymen" ihre Kommentare mit dem eigenen Namen unterzeichnen. Denn zur Freiheit der Meinung gehört untrennbar die Pflicht, dieser Meinung einen erkennbaren Absender zuzuordnen.
Die Wirklichkeit ist eine andere: Viele Nutzer lieben die dunklen Nischen der Internet-Existenz. Im Schutz der Anonymität bewegen sie sich sicher, selbstbewusst, oft großmäulig … meist aber so, wie sie Face-to-Face oder auf offener Straße niemals auftreten würden. Sie sondern wortstark "Meinung" ab, ohne sich dazu zu bekennen und ohne dafür Verantwortung zu übernehmen. Im wirklichen Leben nennt man das Feigheit.
Die Anonymen im Internet spielen gerne mit Identitäten, schlüpfen in phantasierte Rollen, verbergen sich hinter scheinidentitäts-stiftenden Kunstfiguren (Avataren) und nehmen Namen aus einstigen Lieblings-TV-Serien an. Kennt Ihr zum Beispiel Cosmo Kramer? Hinter der virtuellen Seinfeld-Figur, die im Irlandforum stets überlegen besserwisserisch "Rat-Schläge" austeilt, steckt ein Mensch, den man im wirklichen Leben in seinem kleinen deutsch-irischen Alltag im County Galway wohl nicht wiedererkennen würde. Immerhin hat sich "Cosmo" schon auf eine virtuelle Figur festgelegt, anstatt gänzlich anyonym zu agieren. Aktueller Nachtrag: Cosmo Kramer heißt jetzt nur noch Cosmo-Punkt und versucht sich erfolgreich in Mäßigung. Kennt ihr vielleicht auch den wilden Nenad in seinen vielen virtuellen Häutungen, oder all die anderen Doppel- und Tripel-Trolle, denen es enormen Spaß macht, andere im Irlandforum vorzuführen und Diskussionen gezielt an die Wand zu fahren? 
Die Parallelwelt des Internet wird gerne als Abbild der realen Welt bezeichnet. Tatsächlich aber unterschiedet sie sich in vielem und verändert die "reale Welt" nach ihren eigenen Regeln. Die Gier des ins Internet drängenden Kommerzkapitals hat beispielsweise den Schutz geistigen Eigentums fast komplett ausgehöhlt. Um möglichst viele Nutzer auf Webangebote zu ziehen, wurden ihnen die Inhalte 15 Jahre lang bereitwillig kostenlos zum Konsum vorgeworfen und damit grandios entwertet (Die Krise der Zeitungen spricht eine deutliche Sprache). Die gefräßigen Digitalscanner von Google beschädigen das Urheberrecht massiv und bedrohen die Existenz von Buchautoren und Verlagen weltweit. Millionen Menschen laden sich kostenlos und doch illegal Musik und Filme auf ihre Rechner und eignen sich damit auf Kosten der Kreativen an, was ihnen nicht zusteht.
Genauso hat das wilde Streben nach Online-Nutzern und Reichweite für weitgehende Akzeptanz der Anonymität in Online-Diskussionen gesorgt. Zumindest nehmen es selbst Qualitätsangbote von Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen hin, dass Nutzer anonym und ohne Preisgabe des Namens in ihren Foren mitdiskutieren. Vor zehn Jahren, und zum Teil noch heute, verweigerten dieselben Verlage anonymen Leserbriefschreibern zu Recht den Weg in ihre Blätter.
Die Unkultur der Forums-Disussionen anonymer virtueller Existenzen folgt eigenen Gesetzen: Wie leicht es ist, selbst halbgare Gedanken abzusondern, wenn man nicht fürchten muss, beim Wort genommen zu werden; wie traumhaft einfach, einen anderen zu verunglimpfen, ein bisschen rufzumorden, hinterrücks zu mobben oder ihm mal eben ungestraft ans virtuelle Bein zu pinkeln – wenn man keine Konsequenzen fürchten muss. Nutzer, die sich offen zu erkennen geben, sind systematisch im Nachteil. Sie sind in der asymmetrischen Kommunikation mit den getarnten Anonymen leicht angreifbar und verletzbar.
Oft allerdings feuert die vermeintliche Freiheit zur Meinung ohne Pflicht zur Verantwortung voll auf die Online-Foren und ihre Mitglieder zurück. Die Debatten verkommen schnell zu zynischen Schaugefechten, aus denen sich wohlmeinende und offen diskursfreudige Mitglieder längst zurückgezogen haben. Das Feld gehört dann den Anonymen, die sich auf ihre virtuelle Lufthohheit im Forum etwas einbilden, in Wirklichkeit aber heimlichen Puffgängern oder lichtscheuen Darkroom-Kunden gleichen, bestenfalls Pubertierenden, die im Schutz der Nacht Wahlplakate mit Parolen beschmieren.
Diese "Feigheit 2.0" beschädigt unser Zusammenleben. Sie untergräbt den offenen Diskurs. Sie zerstört Vertrauen. Diese Feigheit zu bekämpfen, die Anonymität zu bannen und Offenheit und Vertrauen an ihre Stelle zu setzen, muss deshalb allen Inhalteanbietern im Internet zur Aufgabe gemacht werden. Auch wenn wir davon noch weit entfernt sind: Es könnte durchaus sein, dass gute und funktionierenden Diskussionforen der Zukunft die Anonymität als prägendes Strukturmerkmal nicht akzeptieren werden.
Fangen wir einfach selber damit an: Jeder kann sich seine eigene Meinung leisten und mit seinem Namen dazu stehen. Es ist gut, dass wir dieses Recht in Anspruch nehmen können und wir alle müssen es verteidigen, indem wir es ausüben: Denn eine Meinung ohne den Menschen dazu, der sie verantwortlich vertritt, ist nichts wert. Nichts. Und worüber man nicht reden will, darüber kann man schweigen."
Abschließend noch einmal die Bitte an alle "Anonymen": Steht zu Eurer Meinung, setzt wenigstens Euren vollen Namen (den richtigen Vor- und Nachnamen) unter Eure Kommentare. Den Missbrauch können wir damit nicht ausschließen. Auch werden wir die Namen nie und nimmer - wie einmal unterstellt wurde - für das Marketing benutzen. Es ist schlichtweg der Versuch, auf einer kleinen Diskussionsinsel im uferlosen Internet fair und verantwortungsvoll miteinander umzugehen. Jeder kann für sich irgendwo anfangen, mit kleinen Schritten die große Kultur oder Unkultur zu verändern.  

Wer nun argumentiert, die Anonymität im Netz muss sein, um sich vor Big Brother Google oder dem Zugriff von Staat und Arbeitgeber zu schützen, dem sei erwidert: Dieser Schutz  beginnt woanders, manifestiert sich anders und äußert sich anders.

Kommentare:

  1. Hallo Markus,

    Du hast die Antwort selber genannt, es sind an erster Stelle nicht nur die letzt aufgezaehlten Punkte, sondern der Schutz vor eben solchen Internet-Usern, die jede Information nutzen, um sie zu missbrauchen. Das, was im Netz passiert, laesst einen einfach nur vorsichtiger werden und muss nicht zwangslaeufig etwas mit Feigheit zu tun haben.
    Ich bleibe dabei, nur mit meinem Vornamen zu unterschreiben, der Nachname ist Dir bekannt.

    Gruss

    Claudia

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  2. Was heisst hier "Hoert, hoert" ?

    Ich denke, es gibt immer noch den Unterschied zwischen nur anonym schreiben, seinen Vornamen nennen und letzteres und sich per email zu erkennen geben. Und fuer mich ist das der akzeptabelste Weg, alle anderen Anonymen hier kann ich inzwischen am Schreibstil ausmachen.

    Oder was genau meinst Du, Wolfi?
    Gruss
    Claudia

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  3. Hallo Markus,
    ich stimme Dir vollkommen zu, was das Problem mit der Anonymität angeht. Doch es ist eine Utopie zu glauben, dass sich das Rad der Geschichte zurückdrehen lässt. Zu viele Schattenwandler bzw. lichtscheues Volk hat die Möglichkeiten der Anonymität erkannt und nutzt diese, um ihr eigenes kleines Ego zu puschen und sich eine Welt oder zumindest Zeit zu schaffen, in der sie so groß, stark und intelligent sein können wie sie es sich erträumen (allein durch Wortwahl und Orthographie beschränkt).
    Aber auch hier existieren noch die Traumunterschiede. Manch einer strebt in seiner Schattenwelt danach endlich mal ein Alphatier zu sein - viele schaffen dieses noch nicht einmal in dieser anonymen Zone und diese klammern sich dann häufig an eines dieser konstruierten Alphatierchen.
    Und damit sind wir auch schon gleich beim Hauptgrund für Internetmobbing, denn sobald ein anderes Alphatierchen oder gar reelles Wesen es wagt das Revier eines Alphatierchens zu betreten, ist dessen Scheinwelt bedroht das führt zu erbitterten Abwehrverhalten von allen "Bewohnern" dieser Scheinwelt.
    Vor dem Entstehen der Kommunikation im Internet galt ein Mensch schon als verrückt, wenn er schizophren war und zwei "Ichs" in sich hatte. Nun haben viele zwei, drei und auch noch mehr "Ichs", die, je nach Gemütslage und Situation, mehr oder weniger geschickt gelebt werden. Das führt dann teilweise sogar so weit, dass die "Ichs" ein und derselben Person miteinander diskutieren.
    Alles in allem hat uns die Möglichkeit mit jedem überall und zu jeder Zeit zu kommunizieren immer mehr vereinsamt und führt dazu, dass die Menschen sich immer schlechter wirklich miteinander austauschen können. Verschlimmernd kommt noch hinzu, dass keiner mehr sicher sein kann mit wem er gerade "spricht", wer "mithört" und wie lange das "Gesagte" noch nachklingt. So werden teilweise alte Kommentare wieder ausgebuddelt und aus dem Kontext heraus (leider meist negativ für den Verfasser) wieder verwendet. Die Angst davor und die Konsequenz, dass man zu seiner Meinung dann auch stehen muss, beschleunigen den Anonymisierungsprozess weiter.
    In der realen Welt, in der man sich nicht hinter einem anderen Gesicht verstecken kann, sind die Auswirkungen durch einen starken Rückgang der Kommunikation schon zu beobachten. Im Internet führt es dazu, gezielt nichts außer allgemeinem, massenkonformem Allerlei zu sagen, um ja keine Angriffsfläche zu bieten.
    Schade, denn Kommunikation besteht nicht nur aus ein paar mehr oder weniger richtig zusammengetippten Satzfragmenten. Es gehören auch Betonung, Mimik, das Wissen um die Situation in der mein Gesprächspartner zu mir spricht und vor allem Meinungsviefalt dazu.

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  4. Claudia, ich meinte das im Sinne:

    Hoert, hoert wurde im roemischen Senat immer gesagt, wenn ein Vortragender etwas wichtiges gesagt hat...oder auch gerade sagte...

    Slan,
    Wolfi

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  5. Ich bin bereit, meine Anonymität gegenüber dem Blog-"Chef" zu lüften - via persönliche Email - aber im Blog selbst möchte ich lieber halbwegs anonym bleiben (nur Vorname oder Nickname), weil ich mich vor Missbrauch dessen, was ich da so schreibe, schützen muss. Ein anderes Verhalten empfände ich als leichtsinnig. Es liegt in meiner Verantwortung, diese Teilanonymität nicht für verbale und/oder psychische Gewalt selbst zu missbrauchen. Da ich diese aber generell vermeide, ist das kein Problem.

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  6. Anonymität als Schutz: Gut, es ist für mich ein gangbarer Weg / Kompromiss, dass Kommentierende mir gegenüber zu erkennen geben, wer sie sind, um sich nach außen zu schützen, sicher zu fühlen. Ich sage für diesen Fall allen Kommentargebern absolute Vertraulichkeit zu. Wanderer.

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