Sonntag, 21. Februar 2010

Sag mir, wo die Euros sind, wo sind sie geblieben?

Das Musterland Irland ("einmal Armenhaus - Wohlstandsinsel und zurück") galt vor zwei Jahren noch als "reichstes" Land Europas und als eines der wohlhabendsten der Welt. Der Wanderer fragte sich in den Jahren des röhrenden Celtic Tigers manchmal, ob er an Realitätsverlust leidet. Zu krass der Unterschied zwischen den Jubelmeldungen der Medien und der eigenen Wahrnehmung. Obszön zur Schau getragener privater Reichtum war durchaus erkennbar, aber besuchte er in den Jahren des kollektiven Rausches ein Krankenhaus, eine Behörde, eine Schule oder ein öffentliches Schwimmbad, dann fühlte er sich – "no offence" - oft in einem Entwicklungsland zuhause. Wer in den fetten Jahren versuchte, diese Diskrepanz zu thematisieren, galt schnell als Nestbeschmutzer, Stänkerer oder gar Neidhammel.


Nun, da der Rausch verflogen und der Kater überwunden ist, kehrt auch in Irlands Selbstwahrnehmungs-Rituale der Realismus ein. Nicht nur, dass A- bis D-Promis heute gerne darüber Auskunft geben, wie "überheblich", "arrogant" und "verschwenderisch" oder "verdorben" die Celtic-Tiger-Society am Ende gewesen sei: Auch die großen kollektiven Lebenslügen der vergangenen Epoche werden allmählich entlarvt.


In einer bemerkenswert offenen Analyse hat Irlands größte Vermögensberatung, "Davy Stockbrokers", nun mit der Legende vom  "reichen Irland" aufgeräumt: Irland hat die hohen Einkommen der fetten Jahre vergeudet. Die Unternehmen haben die Milliarden falsch investiert. Davy-Ökonom Rossa White sagt: "Irland war nie ein reiches Land, weil die enormen Einkommen der vergangenen Jahre nicht richtig angelegt wurden". Denn im Vergleich mit ähnlich großen europäischen Ländern hat Irland bis heute eine schlecht entwickelte Infrastruktur. "Iren, die einmal Belgien oder Finnland besucht haben, würden nicht mehr behaupten, dass Irland wohlhabender sei", unkt Rossa White und weist auf den überlegenen sichtbaren Wohlstand dieser Länder hin, auf die gute Verkehrsinfrastruktur, auf die funktionierenden Telekommunikations-Netzwerke und auf die vergleichsweise hervorragenden öffentlichen Einrichtungen. 


 Sag mir, wo die Euros sind. Wo ist all das viele schöne Geld der Irinnen und Iren geblieben? Ganz einfach: Sie haben sich zu maßlos überhöhten Preisen gegenseitig ständig neue Grundstücke und Häuser verkauft, die nun, nach dem Platzen der Immobilien-Blase (die ein riesiger Ballon war), fast nichts mehr wert sind. Wie dramatisch die Wertberichtigung ist, zeigt ein aktuelles Beispiel aus Athlone in County Westmeath: Ein Grundstück, das auf dem Höhepunkt des Spekulationsfiebers im Jahr 2006 mit 31 Millionen Euro bewertet wurde, würde heute gerade noch 0,6 Millionen Euro erlösen.  


Da hat die ganze spielfreudige Nation aufs falsche Pferd gesetzt, mächtig angetrieben und angeheizt von einem selbstsüchtigen Trainerstab, der Fianna Fail-Regierung. Ein Großteil des schönen Geldes ist nun weg, vernichtet. Anders als bei Sport und Spiel allerdings sitzen dieselben Trainer, die für das Debakel verantwortlich sind, noch immer auf der Bank und "tragen die Verantwortung" für das Land. Auch das ist Irland – das Land der Geduldigen, der politisch Apathischen, auch der Gleichgültigen. Die wütenden Griechen, die derzeit mit geballten Fäusten durch die Straßen ziehen und damit drohen, ihre Bankrotteurs-Regierung auf die Reservebank zu schicken, sie skandieren immer wieder: "Wir sind nicht Irland".  

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