Sonntag, 14. März 2010

Das Wort zum Sonntag: Wir, das Internet und unser Dorf in Irland

Nein, wirklich, ich wollte niemandem zu nahe treten, niemandem in Irland und niemandem anderswo, allenfalls mir selbst, als ich diese Woche in Facebook und später hier im Blog schrieb: 
"Denke mir gerade, dass das Leben der Leute, die nur noch im Internet leben, völlig ereignislos ist. Oder anders: Die Ereignisse sind die Meldungen der Einen über die Meldungen der Anderen. Kein Himmel, kein Wasser, kein Feuer, keine Luft, keine Erde."
Ein Internet-Bekannter (heute "Freund" genannt) und ein Freund fühlten sich von den Zeilen angesprochen, um nicht zu sagen angegriffen, und so rumorten sie, die Zeilen, ein paar Tage weiter in mir. Zum Sonntag deshalb ein paar Worte über das Internet – und Irland. 

:: Es ist ganz erstaunlich, wie sich ein kleiner Ort in Irland, das Dorf Glengarriff in den vergangenen Monaten ein Abbild im Internet geschaffen hat: Die Leute von Glengarriff haben Facebook entdeckt und sind nun alle virtuelle Freunde. Alle? Natürlich nicht alle; und auch nicht jeder mit jedem. Die alten Feindschaften lassen sich auch in Facebook aufrecht erhalten. Aber viele. 
Sehr viele. Dazu die Pubs und Hotels von Glengarriff, die Parks und die Gärten, der Footballverein, der örtliche Ingenieur, sie alle sind nun auch auf Facebook miteinander verbunden. Das Musikfestival am kommenden Wochenende in Glengarriff wird nur auf Facebook beworben. Offliner haben es bis heute nicht mitbekommen. Die Dorfjugend flirtet nicht mehr nur auf dem Spielplatz, sondern eben in . . . Die Schoolrun-Muttis treffen sich mittags vor der Schule und abends online. Welche Auswirkungen diese Doppelexistenz auf das Leben in einer kleinen Gemeinde haben wird? Eine Bekannte sagte kürzlich: 


"Stell Dir vor, Du fährst durch Glengarriff. Es ist menschenleer, wie ausgestorben. Nur der PC-los vegetierende Trunkenbold döst vor dem Pub an der Ecke. Die Einwohner sitzen hinter ihren Computern und unterhalten sich auf Facebook . . ."


:: Vor genau zehn Jahren – man liest es in allen Medien – platzte die "Dot-Com-Blase", die Spekulationsblase der New Economy, nachdem es einige Jahre lang so ausgesehen hatte, dass nur noch das Verbrennen von möglichst viel Geld den Wert der neuen Unternehmen bestimmen würde. Der Wanderer hat damals am Mythos der neuen Wirtschaft eifrig mitgestrickt. Bis zum Beweis des Gegenteils. Erinnern Sie sich auch noch an die Zeit vor dem Crash, bevor das viele schöne Aktiengeld von Hinz und Kunz sich einfach wieder in Luft auslöste? Als ein ganzes Volk an der T-Aktie irre wurde, als kein Gespräch ohne das Thema "Aktienbesitz" auskam ("Wie bist Du investiert?"). 
Wer diese Zeit der kollektiven deutschen Gier erinnert, versteht ziemlich genau, was bis vor zwei Jahren hier auf der Grünen Insel abging, als ein ganzes Volk Monopoly spielte und die irischen Immobilienpreise solange in unermessliche Höhen schraubte, bis es einen großen Knall tat. Das Ergebnis war dasselbe: Das viele, viele schöne Spielgeld ist weg.


:: Auch wenn die New Economy vor zehn Jahren Schiffbruch erlitt: Das Internet hat das Leben seitdem rasant und dramatisch verändert. Erinnern Sie sich, als Sie noch rätselten, was es mit diesem "World Wide Web" auf sich hat, als viele sich wunderten, wo dieser "Information Super Highway" genau gebaut werden soll? Um sich zu erinnern, wie das war damals, ohne Wikipedia, ohne Amazon, ohne Ebay, ohne Google, ohne 24/7-Nachrichten-Updates, ohne Blogs und ohne Musik aus der Internet-Leitung: Ziehen wir einfach mal für drei Tage den Stecker, und Ruhe ist. Ruhe? Probieren wir es aus. Der Wanderer denkt derweil über spezielle Offline-Only-Angebote für Internetgeschädigte nach. Rekonvaleszenz der Kohlenstoffexistenz in den Bergen Irlands . . .

:: Weil der Siegeszug des Internets nach der großen Dot-Com-Pleite nur vorübergehend in Frage stand, wurde bald das Comeback, das "Web 2.0" ausgerufen. Seitdem ist "Social Media" (die Pflege der Beziehungen online, in der Szene gerne als "SM" abgekürzt) das Hype-Thema. MySpace, YouTube, Bebo, WKW und StudiVZ, Facebook und natürlich Twitter sind die aktuellen Größen im Online-Geschäft. Hatte ich "Geschäft" geschrieben? Nun ja, nach dem richtigen Dreh, wie die Web-2.0-Unternehmen die sozialen Beziehungen ihrer Nutzer profitabel ausbeuten können, wird wohl noch gesucht. 


Auch wenn uns hippe "Social Media Berater" weis machen wollen, dass wir morgen schon sozial und/oder geschäftlich tot sind, wenn wir heute nicht twittern, mit  Foursquare unsere digitale Schleifspur wie eine Monstranz vor uns her tragen und wenn wir nicht endlich die eigene App für das iPhone bauen lassen: Nehmen wir den Fuß vom Gas. Schon unser alter Zeitungsverleger schob regelmäßig den bleiernen Anzeigenfüller ins "Schiff", um seinen geneigten Leserinnen und Lesern mitzuteilen: "Wer nicht wirbt, wird vergessen." 




:: Die SM-Berater, die uns gerne das Leben als verlorene Online-Existenzen erklären, jagen im Jahr 2010 eine neue aufgeblasene Sau durchs virtuelle Dorf: LBS. Sie müssen umdenken, LBS steht in dieser Welt nicht mehr für Landesbausparkasse, sondern für "Location Based Services". Standortbezogene Dienste. Stellen Sie sich vor, Sie stehen auf der Straße von Glengarriff und wollen ein Bier trinken. Nichts leichter als das: Sie fragen ihr iPhone via Google nach "Guinness" und bekommen prompt vier Adressen von Pubs in Glengarriff gegoogelt, die mit einem blauen Punkt gekennzeichnet sind. Der blaue Punkt besagt: Hier ist Glengarriff, denn du stehst mit Deinem GPS-Handy in Glengarriff auf Position N 51°45'00'' W9°33'06'', hier gibt es Dein Guinness in mindestens vier Schänken. Bald kannst Du blau sein, wenn Du willst. (LBS geht geht natürlich auch nüchterner und schlauer).


"Mein Mini-Navi", das GPS, das demnächst schon in jedem Handy eingebaut sein wird, macht´s möglich. Aber ob wir das auch wollen? Vermutlich werden wir es bekommen – ob wir es wollen oder nicht. Wenn auch nicht so schnell, wie manche Social Media Berater es uns und vor allem den vielen Unternehmen, aus denen sie Honig saugen, gerade weismachen wollen. 

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