Samstag, 3. April 2010

Das Ende eines Alkoholverbots in Irland

An Weihnachten und an Karfreitag darf im alkohol-verliebten Irland aus religiösen Gründen von Staats wegen kein Alkohol verkauft und ausgeschenkt werden. Wirklich? Am gestrigen Karfreitag sah man die zweit-letzte Bastion der Abstinenz im Jahreskalender Irlands fallen. Erstmals öffneten zahlreiche Pubs auf der Insel an Karfreitag ihre Türen. Alkohol wurde offiziell zwar keiner ausgeschenkt, aber . . .

Geschehen war im Vorfeld des Karfreitags 2010 zweierlei: Ein Richter in Limerick erlaubte den Pubs in Limerick, aufgrund eines Rugby-Spiels in der Stadt "ausnahmsweise" an Karfreitag zu öffnen und Alkohol auszuschenken. Zudem wollen sich mehr und mehr Leute von der diskreditierten katholischen Kirche nicht mehr vorschreiben lassen, was sie zu tun und zu lassen haben. Dem Priester traut man heute alles zu – auch dass er am Karfreitagmorgen Wasser predigt und am Nachmittag heimlich Wein trinkt - was einfach der Wahrheit entsprechen dürfte.

Da auch die Irinnen und Iren ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl entwickeln, wenn sie sich benachteiligt fühlen, sagten sich die Wirte inselrauf und inselrunter: "Warum soll das Pub in Limerick öffnen, während wir geschlossen haben?" Zumal in Zeiten, wo jeder Touristen-Euro eingesammelt sein will.

In den Pubs konnte man gestern dann auf zwei neue übergangspraktiken treffen: Manche Pubs boten ihren Gästen Essen und die üblichen Soft-Drinks, Tee und Kaffee an. Wirte dieser Kategorie werden heute morgen in den Zeitungen zitiert. Sie sagen Sätze wie "Ein Pub ohne Bier, das ist doch ein Witz", oder "Warte mal noch zwei Jahre, dann werden wir am Karfreitag auch Alkohol ausschenken".

Nun, die Wirte der Kategorie zwei gingen gleich zur Praxis 2012 über und schenkten schon gestern Bier, Wein und Cider aus. Sie taten das offensichtlich eher inoffiziell, aber Ehrenwort: Es war dasselbe Guinness wie das offizielle.

Der Wanderer fragte einen Wirt in Kerry, warum er sich zum Ausschenken von Alkohol am heiligen Karfreitag entschlossen hat. Der Mann antwortete: "Wir sollten keinen Alkohol ausschenken", und "Wir dürfen heute keinen Alkohol ausschenken". Als der Wanderer schließlich auf halbvolle Wein- und Biergläser auf den Tischen deutete, sprach der Publican im Brustton der Überzeugung: "Ich kann doch den armen Leuten nicht Essen servieren und ihnen nichts zu trinken geben". Der Logik konnte sich keiner entziehen. Ein anderer Wirt, ein ganz listiger und gerechter,  bestand auf Nicht-Diksiminierung: "Ich weiß doch nicht, ob mein Gast vielleicht evangelisch oder Atheist ist. Kann ich ihm dann ein Bier vorenthalten? Das muss heute jeder für sich selber entscheiden".

Das trifft den Kern der Sache: Die staatlich verordnete katholische Lebensart ist am Ende. Die Entscheidungsbefugnisse gehen auf den einzelnen Menschen über. Das hinterher hinkende Recht muss sich anpassen. Die Wirte, die ihrem Gerechtigkeitsdrang am gestrigen Feiertag (aus Profitgründen) freien Lauf ließen, werden zwar nicht als Karfreitags-Revolutionäre in die irische Geschichte eingehen. Sie sorgen aber dafür, dass die Macht des Faktischen das Alkoholverbot aus dem Weg räumt. Schon in zwei Jahren wird sich mutmaßlich jeder Wirt Irlands auf das Gewohnheitsrecht berufen - und den Zapfhahn fleißig bedienen.

PS: Die Befreiung von den doppelbödigen Spielregeln der Kirche gefällt dem Wanderer. Er ist sich allerdings überhaupt nicht sicher, ob die neue Freiheit  auch richtig interpretiert wird.

Foto: Guinness

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