Mittwoch, 7. April 2010

Geschichten aus dem Glen (1): Das Grab des Pfarrers

Es gibt in Irland eine Organisation mit dem merkwürdigen Namen "Einer von Vier". Der gemeinnützige Verein vertritt Opfer sexuellen Missbrauchs und hält für ausgemacht, dass einer von vier jungen Irinnen und Iren in Kirche, Familie oder "Freundeskreis" traumatische sexuelle Erfahrungen durchleiden mussten, bevor sie 18 Jahre alt wurden. Niall* hat das zweifelhafte Vergnügen, Mitglied dieses Clubs zu sein.

Níall wuchs in den 60er Jahren auf. Niall war etwa zehn, als es passierte. Es war der Dorfpfarrer. Niall empfand es als Erleichterung, als die Familie aus dem Dorf wegzog. Er kehrte Jahre später als junger, rebellischer Mann in seine Heimat zurück – und machte keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen den frommen Mann von nebenan. Er erzählte seine Geschichte jedem, der sie hören wollte, und so kam dies bald auch dem Pfarrer zu Ohren. Der Priester bestellte Niall ein und befahl ihm wütend: "Du hast nur einen Ausweg: Du musst hier weggehen." Am nächsten Tag wurde Niall von den zwei Dorfpolizisten auf der Straße aufgegriffen, hinter die Polizeistation geschleppt und schwer verprügelt.

Pfarrer O. starb ein Jahr nach dem Vorfall. Niall lebt in seinem Heimatdorf. Er hat dem mächtigen Club der katholischen Kirche längst den Rücken gekehrt. Manchmal, nachts, wenn er spät nach Hause kommt, läuft er einen kleinen Umweg durch den Kirchhof. Es ist sein Ritual: Niall pinkelt auf das Grab des Pfarrers und murmelt leise: "Nun, wer ist gegangen und wer ist immer noch hier?"

* Name geändert.

1 Kommentar:

  1. wer könnte Niall das verdenken, was er in seinem Ritual praktiziert!?
    Hoffentlich sind auch diese 2 Dorfpolizisten im Himmel oder sonst wo!

    Meine Freundin in Sligo hat auch ein mehr als gespanntes Verhältnis zur katholischen Kirche. Zwar wurde sie nicht sexuell belästigt, jedoch mehr als schlecht behandelt während ihrer Schulzeit. Es war ihren Worten nach eigentlich "normal" körperlich gezüchtigt zu werden v.Nonnen.
    Die Hölle außerdem war noch, daß die Familie ihres Vaters protestantisch war, sie und ihre Schwestern aus purer Neugierde auch mal in die prot. Kirche gingen. Natürlich kam das dem katholischen Pfarrer zu Ohren und was dann folgte, kann man sich gut ausmalen.
    Als wir in den 60ern in Sligo wohnten wurde eine der Schwestern schwanger und wollte lange vor der Geburt des Kindes den werdenden Vater heiraten. Zu jener Zeit wurde die Stadt erst so gegen 10 Uhr am Morgen wach; um nun der "Schande" zu entgehen, musste das junge Paar schon um 8 Uhr die Trauung vornehmen lassen, denn um diese Stunde war noch kein Publikum unterwegs.

    Am Freitagabend war immer unser Treffen mit irischen und deutschen Freunden und wir alle haben getanzt und auch etwas getrunken. Samstagabends war nie etwas los, da durften keine Aktionen stattfinden, die die Leute vom Kirchgang am Sonntagmorgen abhalten konnten. Ich weiss, dass die katholische Kirche vielen das Leben nicht grade leicht gemacht hat und man
    wundert sich, dass nicht noch mehr Leute der Kirche den Allerwertesten zugekehrt haben!

    Hoffentlich ist die Macht der Kirche gebrochen. Ich bin gottlob evangelisch und nie irgendwelchen Repressalien ausgeliefert gewesen!

    Herzlichen Gruss aus Germany, Elke

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