Freitag, 9. April 2010

Mordfall Sophie Toscan: Frankreich verlangt von Irland die Auslieferung eines Engländers

Einer der spektakulärsten Kriminalfälle in der irischen Geschichte nimmt eine interessante Wendung: Die franzözischen Justizbehörden fordern von Irland die Auslieferung des lange Verdächtigten Engländers Ian Bailey per internationalem Haftbefehl. Das berichteten gestern abend die Hauptnachrichten von RTE.

Am 23. Dezember 1996 wurde die Französin Sophie Toscan du Plantier in der Nähe ihres Ferienhauses bei Schull in West Cork ermordet. Der Täter hatte die 39-jährige Frau zu Tode geprügelt und ihr Gesicht mit einem 8 Kilogramm schweren Hohlblockstein zertrümmert. Alles deutete auf einen Mord aus Leidenschaft hin. Einen verurteilten Täter allerdings gibt es bis heute nicht. Nun, im 14. Jahr der Nichtaufklärung, kommt Bewegung in den Fall Toscan du Plantier.

Im Zentrum der Ermittlungen stand von Beginn an der englische Journalist Ian Bailey, der unweit der Tatorts in Toormore lebte und lebt. Der 53-jährige war an Heiligabend 1996, am Tag nach der Tat, frühzeitig vor Ort und berichtete für englische Zeitungen über den aufsehenerregenden Fall. Bailey wurde bald mehrfach von Zeugen belastet, zweimal verhaftet, doch mangels eindeutiger Beweise freigelassen und von der Hauptbelastungszeugin später sogar wieder entlastet.

Nun fordert die franzözische Justiz, die vor zwei Jahren die Ermittlungen im Fall der getöteten Staatsbürgerin aufgenommen hat, die Auslieferung von Ian Bailey nach Frankreich. Diesen Fall gab es noch nie in der irischen Rechtsgeschichte, und nun muss der High Court Irlands darüber entscheiden, ob der Haftbefehl aus Frankreich akzeptiert wird oder nicht. Ins Gerede kommt nun erneut auch die irische Polizei, die Zeitungsberichten nach "vollständig" mit den franzözischen Behörden kooperiert – die selber allerdings 13 Jahre lang zu keinem verwertbaren Ermittlungsergebnis gekommen war. 

Die irische Polizei geriet aufgrund der zweifelhaften Spurensicherung am Tatort, vor allem aber aufgrund der jahrelangen erfolglosen Ermittlungen zunehmend in die Kritik der Familie des Opfers. Der Leichnam von Sophie Toscan, geborene Bouniol, die zuletzt mit dem einflussreichen französischen Film-Magnaten und illustren Strippenzieher Daniel Toscan du Plantier ( † 2003 auf der Berlinale) verheiratet war, wurde schließlich auf Druck von Angehörigen und Freunden im Sommer 2008 in Frankreich exhumiert, um mit Hilfe neuer Methoden DNS-Spuren zu sichern. Die französische Staatsanwaltschaft schaltete sich ein und nahm eigene  Ermittlungen auf.

Vor kurzem meldete die Irish Times, dass drei neue Zeugen gegen Ian Bailey aussagen: Der Engländer habe die Unwahrheit gesagt. Er habe Sophie Toscan du Plantier sehr wohl gekannt. Ein Mann aus West Cork wird zitiert, er habe die beiden auf Cape Clear miteinander sprechen sehen. Hochinteressant erscheint die Aussage eines Kollegen der Filmprozudentin Toscan du Plantier: Guy Girard berichtete der Irish Times, dass Sophie Ian Bailey offensichtlich recht gut kannte, und dass die beiden ein gemeinsames Interesse pflegten: Sophie arbeitete damals mit dem Filmemacher Girard an einem Film über Gewalt und erzählte Girard, dass auch ein Nachbar in Irland, nämlich Ian Bailey am Thema Gewalt interessiert sei.

Nun stellt sich die große Frage: War es ein rein theoretisches oder ein ganz handfestes praktisches Interesse, das Ian Bailey verfolgte? Die Strafverfolger vom Kontinent jedenfalls scheinen enrtschlossen, eine Antwort auf diese Frage zu finden.

Foto: Michael L. Sheridan beschrieb den Mordfall Sophie Toscan du Plantier in seinem Buch "Death in December" (O´Brien Press 2003). Unser Foto zeigt das Cover des Buches.

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