Mittwoch, 16. Juni 2010

16. Juni, Bloomsday: Der Tag, an dem James zum Mann wurde

Am 16. Juni 2009 schrieb ich an dieser Stelle: "Zeit für ein Geständnis: Seit dem 16. Juni 1959 ist es dem Wanderer trotz zahlreicher Anläufe bis heute nicht gelungen, den Ulysses von James Joyce in einem Rutsch komplett zu lesen. Eine Aufgabe also für das neue Bloomsyear. Vielleicht gelingt dies mit Hilfe eines Struktur- und Orientierungsschemas, das Joyce Freunden überließ und das jedem Kapitel ein Symbol, eine Farbe, ein Organ und andere Merkmale zuordnet."

Nun, ein Jahr später, noch ein Geständnis: Es ist wieder nicht geschehen. Ulysses samt Sekundärliteratur blieben ein weiteres Jahr ungelesen, ja unangerührt im Bücherregal stehen. So bemessen sich Lebensjahre mittlerweile an der verpassten Chance, Literatur-Klassiker zu lesen. Deshalb: Keine literarischen Selbstverpflichtungen mehr, nur ein kurzes Nachsinnen über die Gründe des Nicht-Gelingens.

Um den Ulysses komplett zu lesen, muss man nicht ein moderner Odysseus, wohl aber ein zeitgenössischer Herakles sein: Die Lektüre darf als 13. heraklische Großtat gelten. Manche Zeit-Diagnostiker meinen, wir verlören angesichts der Dominanz der omnipräsenten und ständig fordernden Onlinemedien die Fähigkeit zur Langstrecke auf Papier: Geduldiges Bücherlesen, das Aufbohren dicker Schwarten sei eine aussterbende Kulturtechnik, mahnen Lauscher am Puls der Gesellschaft, wie zum Beispiel der Trendlhorcher und FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher. 

Der Sog der zeit- und energie-absorbierenden Onlinemedien, besonders des Social Web: Er verändert unser Leben dramatisch und im Eiltempo. Wer sich entzieht, gewinnt Freiheit und verliert . . . den Anschluss? Die Zeitgenossenschaft? Durchschnittlich 151 Facebook-"Freunde"?

Kommen wir zum eigentlichen Thema: Heute war (und ist noch immer) Bloomsday. Ein Tag, der in Irland und anderswo gerne zelebriert wird. Ich zitiere mich ausnahmsweise einfach einmal selber: 

"Über den 16. Juni 1904 soll Nora Barnacle später geäußert haben: "Das war der Tag, an dem ich einen Mann aus Jim gemacht habe". Was sich genau am 16. Juni 1904 im Leben von James Joyce ereignete, bleibt im Dunkel der Geschichte. Historisch gesichert ist, dass er an jenem Tag seine spätere Frau Nora zum ersten Mal ausführte, und dass er den 16. Juni 1904 deshalb als Datum für seinen Roman "Ulysses" (Odysseus) verwendete. Dieser fundamentale und schwer zugängliche Roman beschreibt einen einzigen Tag im Leben des Anzeigenakquisiteurs Leopold Bloom und seiner Frau Molly, einen Tag in Dublin, den 16. Juni 1904.

Ulysses erschien erstmals 1922 in einer zensierten Version in Paris. Die kolossale literarische Beschreibung von Dublin und einiger seiner Bewohner wurde damals als "obszön" verschrien. Das hat sich im Lauf der Jahrzehnte gändert. Bis heute allerdings gilt Joyce´s Hauptwerk als große Herausforderung an Generationen von Lesern: Wo beginnen, wo enden? Weil der Ulysses extrem komplex gestrickt ist und weil ihm ein traditioneller chronologischer Handlungsstrang fehlt, verschließt er sich dem schnellen Konsum – und wurde wohl gerade deswegen Kult.

Seit dem Jahr 1954 wird der 16. Juni von Literaten, Lesern und Nichtlesern als Bloomsday (nach dem Namen des Protagonisten Leopold Bloom) gefeiert. Damals zog eine kleine Gruppe irischer Schriftsteller zum Martello-Tower von Sandymount, einem im Ulysses beschriebenen Schauplatz, um ein großes Trinkgelage zu feiern. Die Literaten beriefen sich auf den 16. Juni 1929: Denn heute vor 80 Jahren lud James Joyce einige Freunde, darunter seine Verlegerin Sylvia Beach und den Schriftsteller Samuel Beckett ("Warten auf Godot") in das Hotel "Leopold" in der Nähe von Paris zu einem "Déjeuner Ulysses" ein. Der Abend und die spätere Rückkehr nach Paris gerieten zu einer fürchterlichen Sauftour, in deren Verlauf der sturzbetrunkene Beckett auf dem Klo einer Kneipe vergessen und zurückgelassen wurde.

Seit Jahren feiert sich auch die Stadt Dublin - die Joyce im übrigen nicht sonderlich mochte - am Bloomsday. Auf den mit Bronzeplaketten ausgeschilderten Touren besuchen heimische Fans und Horden von Touristen die im Ulysses verewigten Schauplätze, lesen ein paar Seiten des Romans am Joyce Tower von Sandycove, nehmen dort ein Bad oder geben sich am Strand von Sandymount "unanständigen Sachen hin", essen wie im Roman beschrieben ein Gorgonzolabrot, trinken ein Glas Burgunder (ursprünglich bei Davy Byrne´s in der Duke Street) oder kaufen in der Apotheke (Sweny´s) ein Stück Zitronenseife."



Die Fotos zeigen: Ausschnitt aus dem Filmplakat zu "Nora", Nora und James Joyce (links, mitte) mit einer dritten Person und James Joyce (von oben nach unten).

1 Kommentar:

  1. Da kann ich ja mal protzen: Ich hab "Ulysses" gelesen, schön auf deutsch und mit Anfang zwanzig - also in einem anderen Leben. Ich erinnere mich aber noch daran, dass ich einfach immer weiter gelesen habe, obwohl ich längst nicht alles verstanden habe. Halt so wie im richtigen Leben ;-) . Wirklich fasziniert hat mich Mollys Monolog am Schluss - könnte dir aber nicht mehr sagen, wieso. Vielleicht endlich eine weibliche Identifikationsfigur??? Und wäre ich ohne diese Lektüre nun ärmer? Ich weiß nicht recht. - Möglicherweise braucht deine persönliche Odyssee zu diesem Buch ja auch zehn Jahre... take your time. :-)

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