Samstag, 3. Juli 2010

Irland, der Fußball und die Welt

Fußball galt lange als schönste Nebensache der Welt, als sehr unterhaltsam aber existentiell unbedeutend. Auf der Grundlage von weltweit wachsendem Wohlstand, von Globalisierung und hoher wirtschaftlicher Verflechtung hat sich die Rolle des Fußballs gewandelt. Einst ein Sport der britischen Imperialisten, dann einer der Europäer, rangiert "Soccer" heute unangefochten als Zuschauer-Sport Nummer 1 weltweit.

"Ein Kontinent in Tränen". Aus für Ghana. Heute trauert ganz Afrika, Ba-Ghana! Gestern schied die letzte afrikanische Mannschaft bei der Fußball-WM in Südafrika aus. Was Politik, Wirtschaft oder Religion nicht geschafft haben, bewirkte ein eigentlich simples Spiel: Fußball vereinte den Kontinent Afrika – erst in der Hoffnung, dann im Schmerz. Fußball gab vielen der eine Milliarde Afrikaner erstmals das Gefühl einer gemeinsamen Identität. Fußball geht ans Herz.

Heute trauert ganz Afrika. Ganz Afrika? Fast ganz Afrika, vielleicht. Zumindest aber ganz Fußball-Afrika.  Kein Europäer kann sich auch richtig vorstellen, wie Schmerz und Leid seit gestern nachmittag das große Brasilien regieren. Vorgestern schon trauerten Asien und Ozeanien. Und der heutige Samstag kann halb Südamerika oder Europa ins Unglück stürzen.

Der Chef des Weltfußballverbands FIFA, ein dubioser Machtmensch aus der Schweiz namens Sepp Blatter, stellt sich derweil auf eine Stufe mit den Politikern dieser Welt: Er droht Frankreich und Nigeria mit dem Ausschluss vom Weltfußball – nachdem sich Frankreichs Präsident Sarkozy und Nigerias Regierung massiv in die Angelegenheiten ihrer Fußball-Teams eingemischt hatten und Fußball damit zur Staatsaffäre beförderten.  Fußball ist Welt-Politik-Ersatz. Die FIFA regiert die Herzen – und heute nachmittag werden wir Buka Angela Merkel in der Kabine der deutschen Mannschaft sehen, um dort ein paar klägliche Sympathiepunkte abzustauben.

Fußball ist heute nicht nur Weltwirtschaftsmacht. In den Stadien Südafrikas wird mehr ausgetragen als sportliches Spiel. Bisweilen entsteht der Eindruck: Fußball ist die Fortsetzung des Krieges mit friedlichen Mitteln – ein Bonmot, das bislang auf die Politik gemünzt war. Die Fortsetzung des Krieges mit halbwegs friedlichen Mitteln jedenfalls. Erschossen werden allenfalls die Versager in den eigenen Reihen, wie man aus Südamerika weiß.

So gesehen darf Fußball auch beanspruchen, eine große befriedende Kraft der Gegenwart zu sein, der Friedensbringer schlechthin: Wer gegeneinander kickt, schießt nicht aufeinander; und wahrscheinlich haben die global zu vernehmenden Stadion-Appelle von Fußball-Helden gegen Diskriminierung und Rassismus mehr Wirkung auf die Menschen als das Gerede aller Politiker zusammen.

Was hat das alles mit Irland zu tun? Nichts. Eigentlich nichts.

Außer der Tatsache, dass Fußball-Irland schon seit Monaten trauert. Seit dem traurigen Wirken von Henry´s Hand. Andererseits haben die Fans auf der Insel noch immer ihren eigenen Top-Sport: Gaelic Football und Hurling regieren, danach kommt Rugby – und etwa gleichauf der Fußball, den manche Gaelic-Sports-geprägte Iren als etwas langsam, statisch und leicht langweilig wahrnehmen.

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