Freitag, 16. Juli 2010

Lieben Sie Folk(s)musik? Oder alte Steine?

Lieben Sie Volksmusik? Die Kastelruther Spatzen und Hansi Hinterseer? Oder eher Hannes Wader und Zupfgeigenhansel? Oder bevorzugen Sie Folk Music? Irish Folk etwa? Clannad, Planxty, Dubliners, die Wolftones?

Die Deutschen, die in den vergangenen 40 Jahren nach Irland reisten, sie kamen nicht zuletzt der Musik wegen auf die Grüne Insel. Volksmusik war eben nicht Volksmusik – und wer die Nase über die deutsche Volksmusik rümpfte, der war vielleicht der erste, der im Irish Pub begeisert mitklatschte, wenn Fiedel, Quetschkommode und Blechflöte zum Einsatz kamen.

Volksmusikverächter gab und gibt es freilich nicht nur in Deutschland. Im wohlhabenden Irland der vergangenen 20 Jahre kamen zunehmend Werte und kulturellen Instanzen des "alten Irland" unter die Räder. Wer modern war und hipp war, der rümpfte die Nase über den Irish Folk, den Diddly-dit,  den Krempel aus grauer Vorzeit. Die Geschichte des modernen Irland beginnt bekanntlich im Jahr 1960, und der Reflex, alles Alte aus der Zeit davor reflexhaft als rückständig, ranzig und reaktionär abzulehnen, war ausgeprägt bei den Zeitgenossen auf der Insel. Das galt für Werte, für Kleidung, für den Lebensstil gleichermaßen wie für die Musik, das Story-Telling, das Geschichtsbewusstein. Womit wir endlich beim Thema wären: Wr interessiert sich schon für alte Steine?

Hätte man vor fünf Jahren auf dem Höhepunkt der nie endenden grünen Wohlstandssause zu einem Vortrag über "Frühhistorische Siedlungen und Denkmäler in West Cork" eingeladen, der Referent hätte ein Selbstgespräch vor leeren Rängen führen müssen, und Paddy Newrich hätte sich bei Koks und Schampus belustigt gefragt, ob man die alten Steine nicht zum Bau seiner neuen Nobelvilla verwenden könnte.

Der Wind hat sich gedreht, die Zeiten haben sich geändert. Die Zukunft in Irland ist ungewiss, die Vergangenheit deshalb wieder gefragt. Wo Orientierung fehlt, richtet sich der Blick suchend rückwärts. Die Meinungen ändern sich und die Bedürfnisse. War wohl doch nicht so schlecht damals, was? Zumindest nicht alles. Veranstaltungen über Heimat, Heimatgeschichte, alte Steine und die alte Musik des Volkes sind im Irland des Jahres 2010 jedenfalls wieder "in". Sie locken die Besucher in Massen. Gestern noch war "Verändern" angesagt, heute nun íst es "Bewahren".

Foto: Standing Stone und Steinkreis von Uragh, Beara Peninsula. 

Kommentare:

  1. Rückbesinnung? Das ich nicht lache! Paddy Newrich besinnt sich vielmehr darauf wo noch was holen ist in diesem Land. Und selbst das bekommt er nicht auf die Reihe: Trad-Musiker werden unter- oder garnicht bezahlt. Sie boykotieren deshalb schon bestimmte Pubs. Denkmäler werden vernachlässigt, weil Geld zur Instandhaltung fehlt. Oder man versucht das durch horrende Eintrittspreise auszugleichen.

    Man kann sich einiges schönreden, Markus. Diejenigen, die innere Werte und Kultur Irlands hoch gehalten haben tun das auch weiterhin. Und diejenigen, die aus wirtschaftlichen Gründen auf diesen Zug aufspringen wollen sind einfach nur schlechte Geschäftsleute.

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  2. Ich find' die Motivation, warum man etwas bewahrt (sei es Habgier oder Liebe), ziemlich zweitrangig. Was einmal zerstört wurde, ist unwiederbringlich dahin, was - warum auch immer - weiter bestehen darf, kann dem einen oder der anderen immer noch etwas geben. Ob das dann kitschige Nostalgie oder heilsames Verwurzeln ist, ist Geschmackssache, über die man nicht streiten kann....

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