Mittwoch, 28. Juli 2010

Muschel-Essen als russisches Roulette

Mögen Sie Muscheln? Dann sind Sie im Muschelzucht-Land Irland eigentlich am richtigen Fleck. Aber . . .

Es gilt in Leckerschmecker-Kreisen als schick, sich an den steinigen Stränden der Grünen Insel selber einen Eimer Miesmuscheln zu sammeln und dann ein leckeres kostenloses Muschel-Gericht (im Weißweinsud natürlich) zuzubereiten. Die altbekannte Regel klingt einfach: "Muscheln kannst Du in den Monaten, in deren Namen ein "R" vorkommt, problemlos ernten." Will heißen: In den heißen Sommermonaten von Mai bis August lässt man die Finger von den Schalentieren, weil . . .

Die altbekannte R-Regel ist so simpel wie falsch. Die eigenhändige Muschelernte mit anschließendem Verzehr gleicht auch in Irland mittlerweile einem russischen Roulette. Das Risiko, an vergifteten Muscheln ernsthaft zu erkranken, ist nicht an Jahreszeiten gebunden und unkalkulierbar geworden. Auch im Herbst und Winter können die Giftstoffe in den Muscheln lebensbedrohlich sein. Der Grund sind mikroskopisch kleine Algen, deren Gift während der Algenblüte ins Wasser, in die Muscheln, die Fische - und bisweilen auch auf unsere Teller gelangt.

Algenblüten sind ein natürliches Phänomen. Es gibt sie, seit es Algen gibt. Neu ist der dramatische Verlauf dieser Algenblüten, neu ist auch die geographische Verbreitung der Algen. Weltweit gibt es 200 bekannte Killeralgen – vielen der nur zehntausendstel Millimeter großen und damit unsichtbaren Einzeller sind im Zeitalter globaler Schiffahrt weit herumgekommen. Im Ballastwasser der Transport-Schiffe wurden sie über die Meere der Welt verteilt.

So erkrankten im Jahr 1995 holländische Muschelesser an Muscheln aus Killary Bay im County Galway, und keiner wusste trotz umfangreicher Untersuchungen, woran. Nach jahrelangen komplizierten Tests fanden Wissenschaftler schließlich heraus, dass das Gift in den Muscheln von einer Mikro-Alge stammt, die es bis dahin in Irlands einzigem Fjord gar nicht gegeben hatte. Das hoch-toxische Lebewesen war offensichtlich eingeschleppt worden.       

Im Grunde kämpft Irlands Multimillionen Euro schwere Muschelindustrie nun an jedem Tag des Jahres mit den Killeralgen. Tägliche aufwendige Wasserkontrollen durch geschulte Biochemiker sollen garantieren, dass die Muschelesser in Frankreich, Deutschland oder Galway das irische Muschelmahl "pumperlgsund" überstehen. Immer wieder sind die Muschelzuchtanlagen beispielsweise in der Bantry Bay wochenlang gesperrt, weil die veranwortlichen Wissenschaftler die Ernte von toxischen Schalentieren stoppen. Diese Kontrollmechanismen gelten als sicher - vor dem Ernsten auf eigene Faust allerdings muss eindringlich gewarnt werden: Was naturwüchsig wirkt, geht leicht in die Hose.

Bleibt noch zu erklären, warum die Algenblüten in Frequenz und Heftigkeit in den vergangenen Jahrzehnten massiv zugenommen haben: Die Algen profitieren von ungeklärten Abwässern, von künstlichen und natürlichen Düngemitteln, die hunderdtausendtonnenweise in die Meere gespült werden. Die Überdüngung der Felder hinterlässt genauso ihre Spuren in den Muschelzuchtbuchten an der irischen Westküste wie das Fehlen von Kläranlagen. 

Ganz dramatisch wird es dort, wo Fischzuchtanlagen angesiedelt werden: Das Fischfutter, das zum schnellen Fischwachstum ins Wasser gegeben wird, füttert auch die Algen – mit katastrophalen Auswirkungen für die Umwelt: Fischfarmen schaffen um und unter sich am Meeresboden sogenannte "Todeszonen", in denen nichts mehr lebt und nichts mehr wächst. Die Bakterien, die die abgestorbenen Algen abbauen benötigen für diesen Prozess Unmengen von Sauerstoff, den sie der Umwelt entziehen. Die Folge sind tote Meeresböden. 

Die Fischer in der Dunmanus Bay, in der Bantry Bay und im Kenmare River haben einen weiteren triftigen Grund, sich gegen die Pläne norwegischer Fischereimultis (Silverking Seafoods,  Marine Harvest) zu wehren, in den schönen Buchten des Südwestens gigantische Lachszuchtfarmen zu installieren.

Informationen zum Thema: Der NDR sendete gestern abend die Dokumentation "Die Killeralgen" (in der Reihe 45 Minuten). Der Beitrag, der jetzt im Internet angesehen werden kann, erklärt die Zusammenhänge sehr gut. Hier geht es zur NDR-Mediathek.  

Fotos unten: NDR. Sie zeigen die Muschelzucht von Simon Kennedy in Killary Harbour. 
    

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