Mittwoch, 7. Juli 2010

Sprachkurs Irland: Von knackigen Chips und Crisps

Mehr halb-nackteTatsachen aus Irland: Gerne bestellen sich Irland-Urlauber im Pub zum Pint ein Tütchen "Chips" – nur um vom Barman zu hören, dass es das, was da vor ihren Nasen hängt, gar nicht gibt. Wer "Chips" bestellt und "Chips" erwartet, wird enttäuscht, denn "Chips" sind in Irland (und Britannien) "Fritten" (Pommes). Wer also Fish&Chips ordert und die Chips vermisst, weiß jetzt warum. Wer im Pub aber erfolgreich eine der kleinen Dickmacher-Tütchen mit den dünnen frittierten Kartoffelscheiben kaufen will, der fragt nach "Crisps". Wer "Crisps" sagt, bekommt "Chips". Zuverlässig.

"Crisps" sind in Irland Hoch-Kultur, um nicht zu sagen Religion. Der kontinentaleuropäische Blick auf das irische Chips-Sortiment bei SuperValue oder Tesco führt leicht zum Verlust von Überblick und Orientierung. Die eigene Wahl aus zahlreichen Marken, Sorten und Geschmacksrichtungen gerät zur Qual und ist gewissermaßen auch ein Glaubens-Bekenntnis: Bin ich so bieder wie "Mister Tayto" oder so sexy wie "Hunky Dorys"? Seit April nämlich wissen die Iren, dass Crisps auch eine ganze Menge mit Sex zu tun haben.

Seit der irische Chips-Hersteller Largo Foods stramme Damen in Anzeigen für die Chips-Marke "Hunky Dorys" auf dem Rugby-Feld aufmarschieren ließ. Der Sponsor des heiligen Irischen Rugby-Teams griff tief in die Werbetrickkiste und verpasste der neuen Chips-Kampagne einen auf lüsterne Couchpotatoes zielenden Aufmerksamkeitsmix aus Sport und nackter Haut. Was will das allzu schlichte Männerhirn mehr? (Ok, vielleicht könnte das Girl sich ja auf einer gut lackierten Kühlerhaube räkeln . . .)

Das großflächig plakatierte Motiv mit der tief ausgeschnittenen Rugby-Kelly (Foto) jedenfalls  darf schon heute als eines der meist beachteten Werbeplakate der irischen Konsumgeschichte gerühmt werden. Und als eines der umstrittensten. Neben viel freudigem Zuspruch wurde auf der Insel von einschlägig interessierten Kreisen ein Sturm der Entrüstung los gebrochen. Unterstützt von aufgebrachten Bürgern wurde schnell das Verbot der Hunky-Dory-Werbung gefordert. Beim den irischen Werbewächtern gingen mehr als 300 Beschwerden über die spärlich bekleidete Kelly und ihr Damen-Team ein.

Bei Largo Foods lachte man sich dagegen ins Fäustchen und zog die Plakate schon vor Wochen aus dem Verkehr (Im Internet läuft die Kampagne weiter). Das Ziel war längst erreicht. Gestern nun hat der Irische Werberat die Beschwerden angenommen und die Werbemotive verboten. Mit der üblichen Begründung: Sexistisch, ausbeuterisch, Frauen als Sex-Objekte missbraucht, Verächtlichmachung und Diskriminierung von Frauen. Es stimmt und man hat es alles schon so oft erlebt und ist geneigt zu gähnen. In Irland allerdings werden diese gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um sexualisierte Werbung noch mit heißem Herzen geführt.

Zurück zum fröhlichen Chips-Essen im Pub: Die Hunky- Dory-Kelly fragte auf den Werbe-Plakaten frech: "Are you staring at my crisps?" – frei übersetzt: "Starrst Du etwa auf meine Fritten?" Gemeint sind natürlich Chips, um das Durcheinander komplett zu machen. Vom allzu losen Gebrauch des Wortes "Crisps" allerdings darf schon einmal gewarnt werden. Irland mausert sich gerade zum politisch korrektesten Land Europas, und im Land, wo sich ein Universitäts-Dozent wegen sexueller Nötigung verantworten muss, weil er einer Kollegin einen wissenschaftlichen Artikel über "Das sexuelle Verhalten der Fliegenden Hunde" gezeigt hatte, ist deshalb Vorsicht geboten. Und lassen SIe im Gespräch mit einer Ihnen nicht allzu vertrauten Dame besser die Finger von den Crisps. Sicher ist sicher.


Fotos: Largo Foods

Kommentare:

  1. Nicht die Proteste sind zum Gähnen, sondern dass den so genannten CREATIVE Directors in den Werbeagenturen immer nur wieder Frauenbrüste und -hintern einfallen, um Hingucker zu erzeugen. An anderer Stelle hat sich die deutschsprachige Bloggergemeinde über die übertrieben sexualisierte Bekleidung der jungen Irinnen aufgeregt - was bleibt den Mädchen übrig, wenn sie auch im Jahr 2010 vermittelt bekommen, dass SO eine Frau auszusehen hat, die Aufmerksamkeit erregen will? Ich find's armselig, dass sich ein Markenfabrikat bloß wegen des Aufsehens eines Stereotyps bedient, das schon genug Schaden angerichtet hat.

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  2. Ob es vertretbar ist, den Leuten ein "so soll das aussehen"-Bild zu vermitteln, sei mal dahin gestellt. Ich selbst habe mal eine ganze Weile in einem Kontak-Chat gearbeitet und muss leider sagen, dass die Zielgruppe der Männer in damit bestimmt erreicht wird. Der Grossteil der Männer will genau das, was da so nett zur Schau gestellt wird, wie die Besucherzahlen und Formulierungen verheitrateter Männer in den Chats beweisen ^^. Und damit ist der Auftrag erfüllt...

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