Sonntag, 8. August 2010

Geschichten aus dem Glen: Der alte Redakteur

Eine Landspitze im Süden Irlands. 23 Grad, Sonne. Ein Sommertag wie aus dem Bilderbuch. Die Welt auf der Landspitze, die nach einem erdnahen Körperteil benannt wurde, ist in Ordnung. Ein Bauer sieht nach seinen Vollblütern, der Ferienhaus-Besitzer aus England verbrennt seine Gartenabfälle. Die Kühe verdauen beim Dösen. Der alte Redakteur ist zufrieden. Das Gras um sein Haus ist sauber geschnitten, die Hauswände strahlen in makellosem Weiß. Er hat seinen Frieden gemacht.

Gerade hatte er den Herrn Botschafter aus dem fernen Dublin zu Gast. Die Nachbarn nehmen Anteil: Der Whiskey und der Weißwein flossen reichlich, fröhlich wars. Die Nachbarn wissen Bescheid, ohne dabei gewesen zu sein. Mit seinem großen Widersacher aus den Zeiten vor der Jahrtausendwende fährt der alte Redakteur heute regelmäßig fischen. Und über die alten Geschichten, die "Headlines from Headlands" ist fast schon das Gras gewachsen. Das Leben ist gut.

Früher hatte der Redakteur aus Deutschland von seinem Ferienhaus auf den Klippen das Leben auf der Landspitze akribisch nach wahren Geschichten abgesucht. Er fand sie zur Genüge und er berichtete über das süße Leben der irischen Farmer und die fetten Fördertöpfe der EU in Brüssel, die nur darauf warteten, fachgerecht geleert zu werden. Der Redakteur hielt den listigen Farmern von Irland gerne den Spiegel vor. Den Bauern aber gefiel nicht, was sie darin sahen: beutegierige Raffzähne.

Die Bauern fingen an, dem Redakteur zuzusetzen, denn der störte mit seinen Indiskretionen den ruhigen Gang der Dinge im Dorf – und er kannte keine Grenzen: Seine Jagdleidenschaft trieb ihn gerne auf fremde Felder, wo er zum Entsetzen der Nachbarn auf Hasen, Kaninchen, Enten und Füchse ballerte. Auf alles, was sich bewegte, so sagte man. Harmonie sah anders aus. Am Ende musste sich die Regierung sogar mit der Angelegenheit beschäftigen, der irische Landwirtschaftsminister  fluchte auf den armen Redakteur – und der  Botschafter im fernen Dublin hatte alle Hände voll zu tun, um die Wogen zu glätten.

Das waren die Zeiten, als ein deutscher CDU-Minister ("Die Rente ist sicher") auf der Landspitze in Irlands Süden während einer feucht-fröhlichen Sause zur Begeisterung seiner Begleiter auf dem Autodach tanze. Es waren die Zeiten, als zwei junge Menschen aus Berlin an den Klippen des Headlands spurlos verschwanden und bis heute nicht mehr auftauchten.

Es ist Sommer auf den Headlands im Süden Irlands. Stille. Nur dann und wann der Ruf eines Rindviehs, das Geräusch eines Urlauberautos, das den Weg hinauf zum alten Turm sucht. Es ist Sommer. Das Leben ist gut.

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