Freitag, 24. September 2010

Wolfe Tone erlebt einen Dienstagabend in Bantry

Hier stehe ich nun seit gefühlten 214 Jahren. Als Säulenheiliger von Bantry, als Held des gesamten republikanischen Irlands. Ich betrachte den Himmel. Tag ein, Tag aus. Ich hätte mir gewünscht, der Himmel wäre im Dezember 1796 genauso herrlich, so frei und offen gewesen wie gerade jetzt. Vielleicht wäre alles anders gekommen, vielleicht würden wir auf der Insel jetzt alle Französisch sprechen. So aber kennen die meisten nur das Wort "Cul de Sac". Ja, unsere Sache war zunächst eine Sackgasse, aber dann, 1916, 1919, 1921 hat es dann ja doch noch halbwegs geklappt. Halbwegs.

Übrigens, ich heiße Wolfe Tone. Theobald Wolfe Tone. Ich stehe hier seit gefühlten 214 Jahren auf meiner Säule auf dem großen Platz von Bantry, der meinen Namen trägt, und blicke in den Himmel und über die Bucht, in der 1796 alles schief lief für uns Vereinigte Iren. Aber ich wiederhole mich. Wenn nur diese Franzosen ein bisschen bessere Seeleute gewesen wären . . .

Genug damit. Das ist lange vorbei. Hier unter mir, zu meinen Füßen, ist es meistens geruhsam. Friedlich. Dumpf. Das Leben in diesem verschlafenen Hafenstädtchen Bantry nimmt seinen Lauf ohne Hast, ohne Hektik und ohne große Aufregung. Manchmal ist mir richtig langweilig hier oben auf meiner Säule. Das Volk da unten wirkt träge und duldsam wie eh und je. Früher wurde es von den Briten in den Dreck getreten, heute sind es die Finanzkriminellen und ihre Steigbügelhalter in der Politik, die den braven Leuten Staub zu fressen geben. Es ist ein Jammer, diese ausgeprägte Bereitschaft zu leiden . . . Ach, wahrscheinlich bin ich mit meinen Gedanken aus dem 18. Jahrhundert nicht mehr zeitgemäß, zu altmodisch, beim ewigen Stehen aus der Zeit gefallen.

Vor drei Nächten dachte ich für einen Moment, dass die alten Zeiten wieder kommen. Es war so gegen 6 PM, ich sinnierte gerade ein wenig über meine alte Heimat im County Kildare, als sich plötzlich eine Meute zusammenrottete. Sie kamen aus allen Richtungen, sie waren fröhlich, kämpferisch, sie trugen rot-weiße Fahnen, und es wurden mehr und mehr. Am Ende versammelten sich zu meinen Füßen, na, ich schätze mal, 25 Hundertschaften. Ihr würdet sagen: 2500 Leute. Sie schrien im Chor "Up da Rebels" und ich brüllte begeistert mit. Es war fast wie damals. Wofür sie wohl kämpften, und wogegen? Gründe hätten sie genug, Gegner auch.

Bald kletterte der Führer der Rot-Weißen auf ein Podest. Er hielt eine große Schüssel in den Armen, die ein klein wenig an die Form einer Toilette erinnerte, und er sprach gesalbte Worte des Dankes an seine Anhänger. Offensichtlich war die Schlacht bereits zu Ende. Die Menge schrie "Graham, Graham" und "Canty, Canty", "Up Cork" und wieder "Up, the Rebels." Die Redshirts da unten tranken Porter aus Blechkannen und winkten dem Anführer mit Wimpeln und kleinen Bannern zu. Irgendwann löste sich die Menge wieder auf. Alle schienen zufrieden, viele wirkten stolz. Echte Patrioten. Es muss eine große Schlacht gewesen sein, die sie gewonnen haben . . .


The Homecoming: Captain Graham Canty und das Cork Gaelic Football Team kehren nach gewonnenem All Ireland Finale gegen Down im Siegeszug heim in Canty´s Heimatstadt Bantry.

1 Kommentar:

  1. ha, ha, ha. Kann mich gut erinnern, Ende Juli an dem verschlafenen Platz gesessen zu haben.
    Von Fußball versteh ich nicht viel, aber hört sich so ähnlich an, als wenn Pauli gegen HSV spielt. Wie neulich. Zum Glück gab´s ein Unentschieden, sonst wäre die Klopperei noch heftiger ausgefallen.Mein Mann hat das Spiel als Zuschauer zum Glück heil überstanden..
    LG Heidi

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