Montag, 18. Oktober 2010

Triste Tage im Dickicht der Papierberge

Heute beginnen die drei tristesten Tage im Jahreszyklus des Wanderers im Dickicht von Papierbergen und Zahlenkolumnen. Die Jahressteuererklärung für das vergangene Jahr muss bis Ende Oktober unter Dach und Fach gebracht werden. Zwar hatte Irlands "Tax Return" lange viel mit der berühmten Steuererklärung auf dem Bierdeckel gemein und war wesentlich einfacher zu erledigen als eine deutsche Steuererklärung – und doch bleibt es eine ungebliebte Steuererklärung. Zudem geben sich Irlands Politiker alle Mühe, das Steuer-Regelwerk aufgrund der Ebbe in der Staatskasse zu verkomplizieren und von den Bürgern an allen Ecken und Enden mittels Abgaben und versteckter Steuern zusätzliches Geld einzutreiben. Die 50 Milliarden Euro für die Rettung der quasi-bankrotten irischen Zocker-Banken müssen ja irgendwo aufgetrieben werden.


Jedes Jahr zur Steuererklärungszeit wundert sich der Wanderer aufs Neue über die unausrottbaren kontinentalen Vorurteile, man ziehe gewöhnlich nach Irland, um dort leckere Steuervorteile zu genießen. Nein, Arbeitnehmer und Freiberufler haben gar nichts von den immer wieder zitierten irischen Billigsteuersätzen. Von der Corporation Tax profitieren nur Unternehmen, sie zahlen auf ihre Gewinne 12,5 Prozent Steuer. Der Rest der Bevölkerung darf sich mit 20 Prozent und 40 Prozent Steuersatz am Gemeinwohl beteiligen, plus der nun üblichen Krisenabgaben auf Einkommen oder zur Stützung des maroden Gesundheitssystems. Und nein, Autoren und Journalisten leben in Irland nicht steuerfrei. Die eingeschränkte Steuerfreiheit bis 250.000 Euro Jahreseinkommen genießen lediglich Schriftsteller, und dies nur für den Erlös ihrer fiktionalen Werke, also für Romane, Dramen oder Gedichtbände. Ein Sachbuch zählt da nicht dazu.

Kommentare:

  1. Doch, Sachbücher zählen auch dazu. Aber nur, wenn man Bertie Ahern heißt und seine Autobiografie schreiben lässt. Vermutlich wird das aber auch als fiktionales Werk betrachtet - Bertie ist ja ohnehin ein fiktionales Gesamtkunstwerk.

    Mein Argument damals, dass mein Reisebuch über Irland ja so gesehen eigentlich auch ein fiktionales Werk sei, ganz im Sinne von Board Failte und "Unserer Farm in Irland", und zudem einen wichtigen kulturellen Beitrag zu Irland darstellt, jedenfalls wichtiger als Berties Autodingsbums, rief bei der Dame im Büro für Künstlersteuerangelegenheiten nur schallendes, aber verständnisvolles Gelächter hervor...

    Ausnahmen bei Sachbüchern sind übrigens Werke, die zum historischen und kulturellen Verständnis des Landes beitragen. Aber was das sein soll, bleibt im Dschungel der irischen Interpretation verborgen.

    Freie wie unsereins haben übrigens eine Frist bis Ende November für die Steuererklärung. Falls das nicht schon wieder verändert wurde.

    Petra (macht Steuererklärung auf den allerletzten Drücker)

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  2. Hast Du denn die Seuerbefreiung dafür bekommen, Petra, oder nur Verständnis? EIn bekannter Sachbuch-Autor hat sich an dem Thema die Zähne ausgebissen. Am Ende handelte er immerhin die behauptete Steuerschuld auf 10 % der Ursprungsforderung herunter. Das ist ein immenser Ermessensspielraum. Der Autor drohte, das Land zu verlassen, das half.

    Der allerletzte Stichtag für die Steuer ist wohl der 16. November, wenn Du bereit bist, die Steuererklärung online per ROS abzugeben. Oder gibt es da noch weitere Bestimmungen, die mir noch ein paar Tage Zeit einräumen würden???

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  3. Nee, habe keine Steuerbefreiung bekommen, auch keinen Nachlass. So berühmt bin ich dann doch nicht ;-)

    Ich mache die Steuererklärung immer über ROS. Da ist der Stichtag wohl 30. November, meines Wissens. Zahlen tu ich dann irgendwann mal, wenn Kohle da ist. Meistens kommt im Januar dann ein Schreiben, ich solle doch mal und so. Ist aber nie viel. Bin arm. Und du weißt ja, was Schreiberlinge-für-Irland so an Ausgaben haben, gell? Die ganzen Recherchereisen und dergleichen. Das kann ganz schnell fast bis zu Senatsangehörigendimensionen reichen. Fast.

    Petra

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  4. @Petra: Schade. Ja, Reisen ist anstrengend und teuer, Aber immerhin verbraten wir unser eigenes Geld und nicht das der Steuerzahler. Bevor wir jetzt allzu insiderisch werden, würde ich Dich gerne etwas direkt fragen: markus@wanderlust.ie

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