Dienstag, 2. November 2010

Beim Zahnarzt am Wühltisch in Irland

Wer in Irland zum Zahnarzt geht, erlebt gerne den berühmten Wartezimmereffekt: In den 20 Minuten Ansitzen vor der Behandlung erfährt man in komprimierter Form, was man in den letzten Monaten aus den Parallellwelten so alles verpasst hat: Warum das Zitronentörtchen Victoria Beckham vor einem halben Jahr beschlossen hat, ein Kilo zuzunehmen. Wo sich Lindsay Lohan damals gerade daneben benahm, oder warum Irlands Lord of the Dance, Michael Flatley, jetzt doch wieder arbeiten muss (Er hat ein "High-Maintenance-Wife"). Der Höhepunkt des Zahnarztbesuchs kommt immer gleich am Anfang: Es ist der etwas willkürliche Griff am Wühltisch - in den Berg der zerfledderten, mehrfach ausgelesenen und drei Monate bis drei Jahre alten Zeitschriften im Wartezimmer.

Als die irische Gesundheitsministerin Mary Harney gestern Opfer eines Farbbeutel-Anschlags wurde, als sie in ihrem drallen Schwarzen so hilflos dastand und ihr das Kunstblut über Hals, Arme und Hände lief, als Mary Mitleid heischend in die TV-Kameras blinzelte und wie ein angestochenes Schweinchen wirkte – in diesem Moment haben viele Iren für einen Moment tiefe Befriedigung empfunden. Sie sind mächtig sauer auf das drittklassige Gesundheitssystem, das nun mit weiteren Milliarden-Einschnitten endlich auf das Niveau Nord-Koreas gebracht werden soll.

Während den Wanderer Ausflüge in irische Krankenhäuser schon immer an Horror-Trips in einem Hospital im Senegal erinnerten, löst der Zahnarztbesuch in Irland nicht den Hauch eines Kulturschocks aus. Im Gegenteil: Die Behandlung wirkt stets professionell, auf der Höhe der Zeit und verläuft in der Regel erfolgreich. Gestern war es mal wieder so weit – und der Höhepunkt, gleich nach Betreten des Wartezimmers, am Grabbeltisch, war dieses Mal ein echter Höhepunkt.

Weil Zahnarzt Mark ein belesener und gebildeter Mann ist, fand der Wanderer auf dem Wühltisch tatsächlich eine Ausgabe des Time Magazine vom 23. August 2010. Auf dem Titelbild: Jonathan Franzen, Great American Novelist. Im Heft eine Titelgeschichte vom Feinsten über den großen amerikanischen Romancier, der gerade seinen Roman "Freiheit" vorgelegt hat.  So wurde die etwas heikle Zahnbehandlung zur Nebensache, und einmal mehr war der Nachweis erbracht: Lesen erleichtert das Leben, auch und gerade in schweren Stunden.

Franzen hat in der Time-Story wie gewohnt eine Menge schlaue Sachen gesagt, vor allem bricht er erneut eine Lanze für das Lesen und argumentiert so:
Es gibt eine Reihe guter Gründe, warum der Roman (als Kulturform) überleben sollte. Bücher können einiges ausrichten, was andere Medien nicht vermögen, Bücher sind sozial nützlich. Die Menschen leben heute in in einem Zustand ständiger Geschäftigkeit und Ablenkung, der ihnen erlaubt, der harten Realität aus dem Weg zu gehen und die Selbsttäuschung zu pflegen. Mit Hilfe der modernen Technologien, mit Handies, E-Mails und Computerspielen ist es leichter denn je, geschäftig zu sein. 
Das Lesen, ín seiner Stille und seiner andauernden Konzentration, ist das Gegenteil dieser Geschäftigkeit. Wo uns eine ungebändigte Informationsflut dauernd von uns selbst ablenkt, wird die Versenkung in ein Buch zum sozial nützlichen Akt. Am Ort der Stille, an dem Ort, wo sie lesen, können Menschen auch heute noch verantwortungsvolle Entscheidungen treffen und sich produktiv mit einer ansonsten Angst einflösenden und unbeherrschbaren Welt auseinandersetzen.


Die Time-Titelstory ist hier auch online verfügbar.

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