Mittwoch, 10. November 2010

Ein kleines Plädoyer für das Leben in Irland

"Sie schreiben immer so kritisch über Irland. Wie können Sie überhaupt noch dort leben, bei all den Problemen im Land?" Das fragte vor ein paar Tagen - halb interessiert, halb besorgt – ein deutscher Leser des Irland-Blogs. Und der Wanderer fragte sich: Warum nicht?

Der Irland Blog berichtet und kommentiert aus Irland. Wir wollen unseren Leserinnen und Lesern ein Land nahebringen, das wir mögen und in dem wir gerne leben. Der Irland Blog ist kein Kuschel Blog und auch keine Projektionsfläche für Träume, die nur die schönen Seiten Irlands spiegelt. Auch jetzt, da das Land in einer anhaltenden und tiefen wirtschaftlichen und kulturellen Krise steckt, halten wir es für wichtig, ein realistisches Bild von Irland und den Iren zu zeichnen.  Dazu gehört es, neben den schönen und guten Themen auch weniger erquickliche anzuschneiden. Und trotzdem gilt: Irland ist ein herrliches Land, in dem es sich auch heute gut leben lässt – wenn, ja:

Wenn man nicht gerade in der Bauindustrie (un)tätig ist.
Wenn man sich nicht gerade mit einem fetten Hauskredit in die Enge manövriert hat.
Wenn einem finanziell nicht gerade die Felle davon schwimmen.
Wenn man nicht alt und krank ist.

Es ließen sich noch einige Wenns hinzufügen. Allerdings gilt auch: Wer in Deutschland finanziell in der Tinte sitzt, kommt wahrscheinlich nicht auf die Idee, den Ort, Deutschland, dafür verantwortlich zu machen, wie es umgekehrt scheiternde Auswanderer gerne tun. Vielleicht lässt es sich im vertrauten heimatlichen Umfeld auch leichter arbeitslos sein?

Wir leben in Irland, und wir leben seit zehn Jahren gerne hier. Warum? Ich habe es vor einiger Zeit einmal so formuliert:


Wahl-Insulaner, die an den westlichen Rand Europas ziehen, um dort einen Lebensentwurf zu verwirklichen, schätzen oft die grandiose Natur Irlands, den Raum, den das Land aufgrund seiner geringen Besiedelung bietet – und natürlich den politisch-gesellschaftlich-kulturellen Freiraum.

Dieser oft zitierte Freiraum, schlicht und ergreifend als "Freiheit" bezeichnet, ist einerseits dem Luxus von räumlicher Weite auf dem irischen Land geschuldet: Links kein Nachbar, rechts keiner, vorne das Meer und hinten die Berge. Das hebt sich wohltuend von den klaustrophobischen Erfahrungen in einer Mietskaserne, in einer Reihenhaussiedung, ja selbst in einem "gehobenen" Wohngebiet ab, wo der Hund den entfernten Nachbarn zum Wahnsinn treibt und der Choleriker in der übernächsten Straße gerne die Kinder vergiften würde.

Erlebter Freiraum hat jedoch auch viel mit der Kultur des Zusammenlebens zu tun: Das irische "Leben und leben lassen" kommt zugewanderten Individualisten entgegegen – und solange sie nicht zum sozial streng kontrollierten inneren Zirkel der Community gehören, geht die Freiraum-Rechung umso besser auf.

Wer von der großen Freiheit auf der Grünen Insel redet, meint jedoch vor allem die Staatsferne des Lebens: Der irische Staat ist groß, der Apparat der öffentlich Bediensteten unanständig aufgebläht, doch er ist gleichzeitig schwach. "Der Staat", der das Zusammenleben regeln und für sozialen Ausgleich sorgen soll, wird gerne mit Raffinesse ausgenommen und auch dort in die Pflicht genommen, wo eigentlich Eigenverantwortung angebracht wäre. Ansonsten aber, auf der Seite der Rechte, soll sich der Staat aus dem Leben gefälligst heraushalten. Was er auch zumeist tut.

Das Bedürfnis der Iren nach "Privacy" ist ausgeprägt, und dem schließt sich der Kontinentaleuropäer, den es auf die Insel zog, meist gerne an. Die Rede ist nicht von den Legionen von Wirtschaftsflüchtlingen, die in den vergangenen Jahrzehnten auf der Insel sesshaft wurden, um sich "Jottwede" dem Zugriff des eigenen Staates zu entziehen. Die Rede ist davon, dass der Staat nicht das gesamte Leben durchreguliert und die Bürger nicht auf Schritt und Tritt verfolgt – und dass er sich im Übermaß zurückhält. Sei es aus Prinzip oder aus Unfähigkeit.

Kein Zweifel, die Gesetzesmaschinerie produziert auch im Irland eines vereinigten Europas einen gewaltigen Ausstoß. Doch im Zweifelsfall ist das Papier und sind die Gesetze auf der Insel um Klassen geduldiger als anderswo. Wer glaubt, dass die Verabschiedung eines Gesetzes in Irland automatisch auch dessen strikte Einhaltung verlangt, ist dem grundlegenden Missverständnis bereits erlegen: Irische Gesetze sind oft Absichtserklärungen, um deren Einhaltung sich im Zweifelsfall niemand kümmert – ein Umstand, der gesetzestreu denkende Deutsche, die die große Freiheit rühmen, an genau derselben Freiheit verzweifeln lässt. Gesetze, Richtlinien, Staatsbudgets in Irland sind eher so etwas wie tendenziell unerfüllbare Pläne . . ."

Die Aussagen haben auch eineinhalb Jahre nach Niederschrift ihre Gültigkeit. Noch deutlicher hinzuzufügen ist: DIe einzigartige und weitgehend intakte Natur macht das Leben im Südwesten Irlands äußerst lebenswert. Direkt am Meer, direkt an den Bergen und ganz in der Nähe von alten Wäldern zu leben, das ist ein großes Privileg, für das wir dankbar sind. (Noch mehr gute Gründe für das Hier-Sein gibt es hier in den kommenden Tagen.)

Kommentare:

  1. nach dem studieren von vielen zeitungsbeilagen muss ich auch sagen: weil in irland vieles billiger ist (schon immer oder mittlerweile)!!!! allerdings: der (norwegische) bio-lachs ist hier in münchen preiswerter als der konventionelle und verseuchte irische lachs!!!
    ich schätze auch die zeitigen frühlingsboten wie die leuchtenden kamelienblüten ab februar und die endlosen narzissen-streifen an den straßenrändern. und natürlich die vielen palmen (und scheinpalmen) überall

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  2. Ich schmunzele ja immer wenn ich in so eine Auswanderer-Soap hineinzappe, in der irgendwelche ambitionierten Hartz IV'ler ein Luxuscafe in Spanien eröffnen wollen und sich dann beschweren, dass die Spanier nur Spanisch sprechen um sie zu sabotieren.

    Information gehört halt dazu - gut, wenn man auch die Schattenseiten kennt.

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