Sonntag, 14. November 2010

Irland und die Kartoffel – eine Art Liebesgeschichte

Potatobrone Dolmen bei Derrycreigh, Co. Cork :-)
Die Iren gelten nicht nur als Weltmeister im Teetrinken, die globalen Legenden sehen Irland auch noch immer als die Champions des Kartoffelkonsums. Tatsächlich lag der Pro-Kopfverbrauch im 19. Jahrhundert, als das Nahrungsangebot sich auf der verarmten Grünen Insel sehr in Grenzen hielt, bei sagenhaften 2.000 Kilogramm. Damals stand auf dem Speiseplan des einfachen Volkes nur eines: Kartoffel, Kartoffel, und noch mal Kartoffel. Als deshalb ab 1845 mehrere Jahre die Kartoffelernte ausfiel, war die Katastrophe da: Eine Million Menschen starben an den Folgeerkrankungen des Hungers, 1,5 Millionen wanderten notgedrungen aus, die Bevölkerungszahl fiel innerhalb weniger Jahrzehnte von 7 auf 3,8 Millionen.

Das Trauma der großen Hungersnot ("Famine") ist auch heute noch gegenwärtig in Irland. Die Kartoffel allerdings hat Ihre zentrale Bedeutung verloren – was eng mit dem hohen Lebensstandard der zu Wohlstand gekommenen Irinnen und Iren zusammen hängt. Heute konsumiert der Durchschnitts-Insulaner noch gut 100 Kilogramm Erdäpfel, weit mehr als Deutsche, Italiener und Franzosen, deutlich weniger allerdings als Polen, Russen, Rumänen oder Ukrainer.

So gesehen bleibt Irland ein Kartoffel-verrücktes Land in Westeuropa – und die Aussichten, in einem echt irischen Restaurant eine Lasagne garniert mit Kartoffelsalat, Kartoffelbrei und ein paar Pommes zu bekommen, sind noch immer ganz gut. Auch als Chips (hier: Crisps) werden die Erdknollen in degenerierter Form tonnenweise konsumiert. Die Love Story hält auch dem Wohlstand stand. Der irische Wohlstand dokumentiert sich übrigens auch in Kleinigkeiten: Die großen preiswerten 10- und 20-Kilogramm-Kartoffelsäcke mit der erdigen Rohware sind aus der Mode gekommen. Iren kaufen heutzutage bevorzugt die kleinen Zwei- oder Fünf-Kilo-Beutel mit gewaschenen und kochfertigen Knollen.

In diesem Jahr freute sich Irland aufgrund des guten Wetters übrigens über eine außergewöhnlich gute Kartoffelernte und erstmals seit Menschengedenken exportierten irische Farmer wieder beachtliche Mengen ihrer Krummbirnen ins Ausland: Roosters und Kerr Pinks für die Welt. Irland jammert in diesen Jahren viel über den Zustand im eigenen Land. Wer einmal in etwas längeren Zeitläuften denkt, beispielsweise von der Einführung der Patate in Irland im Jahr 1588 bis zur Gegenwart, der kommt ohne Umschweife zum Schluss: Diesem Land und seinen Einwohnern geht es prächtig. Besser als den meisten anderen Menschen weltweit und so gut wie fast nie zuvor. Darauf einen Poitin – destilliert aus Kartoffeln!

Kommentare:

  1. Der Potato Dolmen ist echt süß ;-)

    Könnte in einem früheren Leben in Irland gelebt haben, denn die Vorstellung, von Kartoffeln leben zu müssen hätte für mich nichts Schreckliches! Ich frage mich nur immer, wenn ich in Irland bin, wo diese vielen Kartoffelfelder sind, müssen wo sein, wo ich nie hinkomme.
    Diese destillierte Sache hab ich noch nie gekostet, wie schmeckt das?

    Grüße
    Elisabeth

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  2. Die Kartoffel als Beilage kann aber auch seltsame Blüten treiben. Als Kontinentaleuropäer musste ich schon sehr schlucken, als mir in der Uni-Mensa Galway zum Hauptgericht Kartoffelgratin die Frage gestellt wurde "What would you like with it - mash or chips?"

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