Sonntag, 31. Januar 2010

Das Wort zum Sonntag:
Die Anonymität und der Mob im Internet

Auch geniale Internet-Visionäre ändern bisweilen ihre Meinung. Der New Yorker Informatiker und Cyber-Pionier Jaron Lanier (49, Foto) hatte das Web jahrelang als ideales Experimentierfeld menschlicher Kommunikation und Kooperation beschrieben. In dieser Woche erklärte er im Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL, warum er heute eher negativ über das Internet denkt (und wie er dies in seinem neuen Buch "You are not a Gadget" beschreibt). Lanier spricht das Problem Cyber-Mobbing an, er macht den "Niedergang" des Netzes am Kommerz fest und er fragt sich, warum Millionen Menschen zulassen, dass ihre gesamte Kommunikation Konzernen wie Facebook oder Google gehört (wie dieser Blog beispielsweise) oder dass das Netz Ihnen ihre Würde nimmt. Vor allem aber geht Jaron Lanier auf die verheerenden Folgen der Anonymität ein und behauptet, dass sich ganz normale, vernünftige Menschen im Internet allzu leicht in einen Mob verwandeln:
"... erst heute habe ich ein anonymes Forum gelesen, in dem die Leute das Ansinnen der New York Times kommentierten, künftig Geld für Online-Artikel zu verlangen. Die ersten Kommentare waren noch in Ordnung. Doch bald wuchs sich das Ganze zu einem teuflischen Gemetzel aus. Das ist keine Ausnahme, sondern ein typisches Muster im Netz.... Die Anonymität spielt eine große Rolle. Wer anonym ist, muss keine Konsequenzen fürchten und erhält dennoch unmittelbare Genugtuung . . . Das ist die Dynamik der Meute."   
Laniers Kritik erinnert mich an eigene Erfahrungen auf einschlägigen Diskussions-Plattformen wie dem Irland-Forum. Im vergangenen Jahr drohte die anonyme Mobberei auch auf diesen Blog überzuspringen, worauf ich den folgenden Beitrag schrieb, der hier noch einmal zitiert wird. 
"Hier im Irland-Blog kann jeder seine Meinung frei äußern und unsere Einträge kommentieren. Wir sind allerdings der Meinung, dass diese Freiheit dort endet, wo sie die Freiheit anderer beeinträchtigt. Es ist in diesem Blog möglich, anonym zu kommentieren. Wir ermöglichen dies für all diejenigen, die es bislang zu kompliziert finden, sich eine Online-Identität zuzulegen. Wir bitten im Kommentarfeld darum, dass die "Anonymen" ihre Kommentare mit dem eigenen Namen unterzeichnen. Denn zur Freiheit der Meinung gehört untrennbar die Pflicht, dieser Meinung einen erkennbaren Absender zuzuordnen.
Die Wirklichkeit ist eine andere: Viele Nutzer lieben die dunklen Nischen der Internet-Existenz. Im Schutz der Anonymität bewegen sie sich sicher, selbstbewusst, oft großmäulig … meist aber so, wie sie Face-to-Face oder auf offener Straße niemals auftreten würden. Sie sondern wortstark "Meinung" ab, ohne sich dazu zu bekennen und ohne dafür Verantwortung zu übernehmen. Im wirklichen Leben nennt man das Feigheit.
Die Anonymen im Internet spielen gerne mit Identitäten, schlüpfen in phantasierte Rollen, verbergen sich hinter scheinidentitäts-stiftenden Kunstfiguren (Avataren) und nehmen Namen aus einstigen Lieblings-TV-Serien an. Kennt Ihr zum Beispiel Cosmo Kramer? Hinter der virtuellen Seinfeld-Figur, die im Irlandforum stets überlegen besserwisserisch "Rat-Schläge" austeilt, steckt ein Mensch, den man im wirklichen Leben in seinem kleinen deutsch-irischen Alltag im County Galway wohl nicht wiedererkennen würde. Immerhin hat sich "Cosmo" schon auf eine virtuelle Figur festgelegt, anstatt gänzlich anyonym zu agieren. Aktueller Nachtrag: Cosmo Kramer heißt jetzt nur noch Cosmo-Punkt und versucht sich erfolgreich in Mäßigung. Kennt ihr vielleicht auch den wilden Nenad in seinen vielen virtuellen Häutungen, oder all die anderen Doppel- und Tripel-Trolle, denen es enormen Spaß macht, andere im Irlandforum vorzuführen und Diskussionen gezielt an die Wand zu fahren? 
Die Parallelwelt des Internet wird gerne als Abbild der realen Welt bezeichnet. Tatsächlich aber unterschiedet sie sich in vielem und verändert die "reale Welt" nach ihren eigenen Regeln. Die Gier des ins Internet drängenden Kommerzkapitals hat beispielsweise den Schutz geistigen Eigentums fast komplett ausgehöhlt. Um möglichst viele Nutzer auf Webangebote zu ziehen, wurden ihnen die Inhalte 15 Jahre lang bereitwillig kostenlos zum Konsum vorgeworfen und damit grandios entwertet (Die Krise der Zeitungen spricht eine deutliche Sprache). Die gefräßigen Digitalscanner von Google beschädigen das Urheberrecht massiv und bedrohen die Existenz von Buchautoren und Verlagen weltweit. Millionen Menschen laden sich kostenlos und doch illegal Musik und Filme auf ihre Rechner und eignen sich damit auf Kosten der Kreativen an, was ihnen nicht zusteht.
Genauso hat das wilde Streben nach Online-Nutzern und Reichweite für weitgehende Akzeptanz der Anonymität in Online-Diskussionen gesorgt. Zumindest nehmen es selbst Qualitätsangbote von Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen hin, dass Nutzer anonym und ohne Preisgabe des Namens in ihren Foren mitdiskutieren. Vor zehn Jahren, und zum Teil noch heute, verweigerten dieselben Verlage anonymen Leserbriefschreibern zu Recht den Weg in ihre Blätter.
Die Unkultur der Forums-Disussionen anonymer virtueller Existenzen folgt eigenen Gesetzen: Wie leicht es ist, selbst halbgare Gedanken abzusondern, wenn man nicht fürchten muss, beim Wort genommen zu werden; wie traumhaft einfach, einen anderen zu verunglimpfen, ein bisschen rufzumorden, hinterrücks zu mobben oder ihm mal eben ungestraft ans virtuelle Bein zu pinkeln – wenn man keine Konsequenzen fürchten muss. Nutzer, die sich offen zu erkennen geben, sind systematisch im Nachteil. Sie sind in der asymmetrischen Kommunikation mit den getarnten Anonymen leicht angreifbar und verletzbar.
Oft allerdings feuert die vermeintliche Freiheit zur Meinung ohne Pflicht zur Verantwortung voll auf die Online-Foren und ihre Mitglieder zurück. Die Debatten verkommen schnell zu zynischen Schaugefechten, aus denen sich wohlmeinende und offen diskursfreudige Mitglieder längst zurückgezogen haben. Das Feld gehört dann den Anonymen, die sich auf ihre virtuelle Lufthohheit im Forum etwas einbilden, in Wirklichkeit aber heimlichen Puffgängern oder lichtscheuen Darkroom-Kunden gleichen, bestenfalls Pubertierenden, die im Schutz der Nacht Wahlplakate mit Parolen beschmieren.
Diese "Feigheit 2.0" beschädigt unser Zusammenleben. Sie untergräbt den offenen Diskurs. Sie zerstört Vertrauen. Diese Feigheit zu bekämpfen, die Anonymität zu bannen und Offenheit und Vertrauen an ihre Stelle zu setzen, muss deshalb allen Inhalteanbietern im Internet zur Aufgabe gemacht werden. Auch wenn wir davon noch weit entfernt sind: Es könnte durchaus sein, dass gute und funktionierenden Diskussionforen der Zukunft die Anonymität als prägendes Strukturmerkmal nicht akzeptieren werden.
Fangen wir einfach selber damit an: Jeder kann sich seine eigene Meinung leisten und mit seinem Namen dazu stehen. Es ist gut, dass wir dieses Recht in Anspruch nehmen können und wir alle müssen es verteidigen, indem wir es ausüben: Denn eine Meinung ohne den Menschen dazu, der sie verantwortlich vertritt, ist nichts wert. Nichts. Und worüber man nicht reden will, darüber kann man schweigen."
Abschließend noch einmal die Bitte an alle "Anonymen": Steht zu Eurer Meinung, setzt wenigstens Euren vollen Namen (den richtigen Vor- und Nachnamen) unter Eure Kommentare. Den Missbrauch können wir damit nicht ausschließen. Auch werden wir die Namen nie und nimmer - wie einmal unterstellt wurde - für das Marketing benutzen. Es ist schlichtweg der Versuch, auf einer kleinen Diskussionsinsel im uferlosen Internet fair und verantwortungsvoll miteinander umzugehen. Jeder kann für sich irgendwo anfangen, mit kleinen Schritten die große Kultur oder Unkultur zu verändern.  

Wer nun argumentiert, die Anonymität im Netz muss sein, um sich vor Big Brother Google oder dem Zugriff von Staat und Arbeitgeber zu schützen, dem sei erwidert: Dieser Schutz  beginnt woanders, manifestiert sich anders und äußert sich anders.

Ton aus - und der Irland-Genuss beginnt


Der Sendeplatz ist berühmt-berüchtigt: ZDF, Sonntagabend, 20.15 Uhr. Zeit für 90 Minuten Romantik aus der Medien-Konserve. Gerne wird zum Ausklang des Wochenendes ein wenig geträumt und gepilchert. Heute abend schauen wir wieder der irischen Schäfermaid Erin und ihrem Dr. Martin Winter zu. Geheiratet ist, der Bauch wird runder, auch auf dem idyllischen irischen Land leben Mann und Frau nicht frei von Problemen. Es läuft die fünfte Folge der ultimativen Mixtur aus Rosamundes rosaroter Welt, Landarzt-Soap, "Unsere kleine Farm" und "Ein Haus in Irland": Unsere kleine Farm in Irland.

Irland-Fans kommen sicher auf Ihre Kosten, wenn SIe sich von der Handlung des Filmchens nicht zu sehr ablenken lassen: Die ZDF-Serie wurde vor der wunderbaren Kulisse West-Corks gedreht, in Rosscarbery, am Galley Head, in Lisselane Gardens, Baltimore und natürlich im Glengarriff Harbour und den Caha Mountains. Die Filminsel "Abbey Island" ist in Wirklichkeit die Garteninsel Garnish Island in der Bantry Bay. Im wirklichen Leben feiert Garinish Island in diesem Jahr den 100. Geburtstag als Garteninsel. Im Jahr 1910 wurde der nackte Felsen im Glengarriff Harbour von Violet und Annan Bryce gekauft und in den Folgejahren in einen einzigartigen Pflanzen- und Baumgarten verwandelt. Davon demnächst mehr. Für heute abend um 20.15 Uhr im ZDF empfiehlt sich: Ton ausschalten und die Konzentration auf den Hintergrund und die Seitenschwenks lenken. Es lohnt sich.

Samstag, 30. Januar 2010

Ein gutes Jahr, um aus Irland-Plänen eine Irland-Reise zu machen

Irland hat im vergangenen Jahr eine ganze Menge Negativschlagzeilen produziert: Die große Immobilienblase war geplatzt, die Wirtschaft liegt am Boden, die öffentlichen wie viele privaten Kassen sind leer, der Staat taumelt am Rande des Bankrotts: Der Traum vom ewig boomenden Wirtschaftswunderland war nach 15 Jahren Wachstum ausgeträumt. Als erstes Land in der EU-Zone war Irland in die Rezession geschlittert, und ein Ende der Talfahrt ist noch immer nicht in Sicht.

Was in den Nachrichten überwiegend negativ dargestellt wird, hat allerdings auch seine positiven Seiten: Der allgegenwärtige Baulärm ist verschwunden, mit ihm der überbordende Verkehr und die gefräßigen Bagger, die das Land an allen Ecken und Enden planlos und profitgetrieben annagten. Die Zerstörung eines wunderschönen Landes ist gestoppt, es herrscht wieder viel Ruhe auf der Insel.

Der Tourismus steht nun wieder hoch im Kurs. Die Menschen auf der Insel denken um, viele besinnen sich auf die alten Stärken. Gastfreundschaft zählt plötzlich wieder zu den irischen Tugenden, Gäste werden wieder als Menschen erkannt – und nicht nur wie Umsatzbringer behandelt.

Erfreulich auch die Preisentwicklung: Im einst zweitteuersten Land Europas purzeln die Preise munter dem Normalniveau entgegen: Urlauber zahlen für Ihre Übernachtung in Hotels, Hostels und B&Bs deutlich weniger als noch vor zwei Jahren, die Waren in den Supermärkten sind spürbar billiger geworden, auch in den Restaurants findet man wieder preiswürdige Gerichte. Selbst das geliebte Pint im Pub ist nun ein paar Cents billiger zu haben.

Die Flugpreise vom Kontinent nach Irland sind in den vergangenen Jahren dank der Billigflieger ohnehin deutlich preiswerter geworden. Wer seine Reise umsichtig plant, wird auch in diesem Jahr den Transport per Flugzeug, Mietwagen oder Fähre zu vernünftigen Preisen buchen können.

Irland wird damit noch lange nicht zum Billigland, doch der Eindruck vieler Urlauber, dass sie für einen tollen Urlaub in einem der landschaftlich schönsten Länder der Welt einen sehr hohen Preis bezahlt haben, wird in diesem Jahr deutlich korrigiert.

470.000 Deutsche haben im Jahr 2008 Irland besucht, im Krisenjahr 2009 waren es acht Prozent weniger. Wetten, dass die Zahl der deutschen Irland-Fans, die ihre Pläne in die Tat umsetzen und ihr Traumland besuchen, im Jahr 2010 wieder steigt? Es gibt viele gute Gründe dafür.


PS: Dieser Beitrag erschien zuerst als "Zwischenruf" in der Februar-März-Ausgabe der "Irland-Edition". Foto: Peter Zoeller, www.peterzoeller-photo.com

Freitag, 29. Januar 2010

Ein Magazin macht Lust auf Irland

Erinnert sich jemand an die Frankfurter Rundschau? Das war noch vor wenigen Jahren eine ernst zu nehmende linkslibarale Zeitung. Und kennt jemand die Frankfurter Fressgass? Die zählte vor wenigen Jahren noch zu den den angenehmen Kontrasten im ansonsten bonusbesoffenen Schillerstraßen-Bankfurt. Und nun?


Seit dieser Woche beherrscht der angeberische Flagship-Store von Apple die ohnedies prächtig aufgemantelte Einkaufsstraße – und die Frankfurter Rundschau widmet am Donnerstag ihre ersten drei Seiten (!) der Vorstellung von Apples neuer Digital-Flunder "iPad". Weil sich die Zeitungen, diese papiernen Mediensaurier, nicht mehr selbst retten können, soll Apple das tun – mit dem iPad als künftiger Vertriebs- und Kommunikationsplattform für Zeitungen, Artikel, Kommentare. So erscheint die Maßlosigkeit und Hemmungslosigkeit, mit der die deutschen Medien einem Computerkonzern und dessen Chef huldigen als seien sie Religion und Erlöser, in einem etwas milderen Licht.


Ja, es wird einem mittlerweile schwer gemacht, die emotional hochgehypten Apple-Produkte unvoreingenommen zu schätzen. Sie sind ja so cool, so puristisch, so begehrt, so main-streamig und allzu verführerisch. Die noch ältere Liebe des Wanderers zum bedruckten Papier allerdings rostet nicht – bei aller Neigung zum Internet, zum mobilen Internet und zu den elektronischen Medien. Zurück in Irland beenden wir deshalb die nachrichtenkarge Zeit auf diesem Blog mit einem Zeitschriften-Lesetipp: Unweit von Frankfurt, im schönen Taunus, publiziert Jan O. Deiters im zweiten Jahr die "Irland Edition". Das Magazin macht Lust auf die Grüne Insel. Es erscheint alle zwei Monate und präsentiert ausschließlich Themen aus und über Irland. 


Die Februar-März-Ausgabe kommt jetzt an die gut sortierten Kioske  mit Beiträgen über die irische Piratenkönigin Grace O´Malley, über Irish Dancing, den Bunratty Park, mit einem Porträt des Kerry-Städtchens Portmagee und allen Details zur neuen Irland-Autofähre zwischen Swansea, Wales, und der Süd-Metropole Cork. Wer am Kiosk nicht fündig wird, kann auch Probehefte oder ein Abonnement am schicken Apple Computer oder am schnöden PC im Internet bestellen: Es lohnt sich für Alle, die Interesse an Irland haben - dem spannenden kleinen Land am westlichen Rand Europas. 

Samstag, 23. Januar 2010

Vom B&B ins "Fremdenzimmer"


Andere Länder, andere Bilder: Der Wanderer besichtigt nach längerer Abwesenheit die alte Heimat – dort, wo die Mädchen in alten Zeiten den Bollenhut trugen, dort, wo sie heute zur Freude der Touristen so tun, als wäre der rot-schwarze Kopfputz zumindest fester Bestandteil der Festtagsgarderobe; dort, wo die jungen Männer in der wilden Zeit vor den mageren 40 Fastentagen in Tierkostüme steigen und als Waldschrate die alten Alpträume der Altvorderen nachstellen. Es ist das Land fernab der Metropolen, wo Menschen noch so schöne Vokabeln kennen wie "Fremdenzimmer", Kostgänger" oder "Dissi" und "Chilbi" - Reminiszenzen an den Wortschatz einer fast vergessenen Zeit. Wo die Projektionsflächen für die Sehnsucht des Wanderers selten geworden sind, weil es dafür keine Symbole in den Flächennutzungsplänen gibt.


Es ist auch das Land, wo Menschen Hochgeschwindigkeitszüge stoppen, indem sie - wie man jetzt sagt - "den Robert Enke machen", um ihre tieftraurige Existenz zu beenden; es ist das Land, wo schwarze Lungen die Rauchverbote in den Gaststätten Zug um Zug weiter aushöhlen.  Das Land, wo das Nichteinhalten der Schnee-Kehrwoche wüste Nachbarschaftskriege auslöst und wo das einzig Nachhaltige einer schwarz-gelben "Wunschpartner"-Politik deren Hang zur Lächerlichkeit und zur eigenen Klientel ist.

In diesem Deutschland halten sich in vielen Köpfen hartnäckig die überkommenen Bilder von der "Grünen Insel". Gerade in den Gehirnarealen, wo eigene Anschauung keine Spuren hinterlassen konnte, herrscht noch immer Religions-Krieg in Irland, diesem Land hoch im Norden, in dem es immer nur regnet, wo deshalb die Bewohner, wenn sie nicht gerade zur Kirche gehen im Whiskey- und Guinness-Rausch lustige Geschichten erzählen und dazu der Harfe, der Blechflöte und der Volks-Geige lauschen.

Interessanterweise haben sich diese angeblich so rebellischen Iren dem Rauchverbot in den Pubs ohne großen Widerstand unterworfen. Auch legen sie sich, in Ermangelung derselben, fast nie unter Züge – obwohl die Selbstmordrate junger Männer rekordverdächtig ist. Sie sind dem persönlichen Empfinden nach weit friedlicher als die friedensweichgespülten hindukuschelnden Deutschen – und die Uhren in Dublin und Cork gehen genauer als jene auf manchem verwahrlosten deutschen Bahnhof.

Von wegen Zeit: Weil sich der Wanderer auf Reisen nicht dazu entschließen kann, mit Daumentechnik vom Handy aus zu bloggen, und auch nicht, die Welt in Hot Spots und Versorgungslücken zu teilen, werden die Leserinnen und Leser für einige Tage gebeten,  das Anrecht auf "tägliche Berichte" auf diesem Blog nach irischem Verständnis und nicht nach der deutschen Kehrwochenarithmetik zu deuten. An ihren Plänen sollt ihr sie erkennen . . .

Mittwoch, 20. Januar 2010

Gewerkschaft legt irische Flughäfen lahm


Am Flughafen Dublin bleiben heute nicht nur diese beiden Kunstfiguren sitzen. 13.000 Passagiere können aufgrund eines spontanen Streiks in Irland ihren Flug nicht antreten.

Mindestens 13.000 Menschen müssen heute in Irland ihre Spontaneität unter Beweis stellen und den Tag neu planen: Die Gewerkschaft "Impact" wird am Nachmittag die Flughäfen von Dublin, Cork und Shannon lahmlegen, um Streikdruck auf die Irische Luftfahrtbehörde IAA auszuüben. Aer Lingus hat für heute 64 Flüge gestrichen, Ryanair 48.

Die Gewerkschaft "rächt" mit Streik damit die Entlassung von 15 Mitarbeitern der Luftsicherheit. Diese hatten sich geweigert, für Ihre Arbeit neue Computersysteme zu akzeptieren und erhielten die Kündigung. Während die Gewerkschaft den Arbeitskonflikt mit einer Auseinandersetzung über neue Technolgien stilisiert, sieht der Arbeitgeber, die Irish Aviation Authoritiy, nur die geöffnete Hand der Mitarbeiter, die offensichtlich für  "komplexere Arbeiten" sechs Prozent mehr Gehalt forderten.

Die Arbeitsverweigerung der Fluglotsen inklusive "Mehrhabenwollen"-Attitüde wird jedenfalls gravierende Auswirkungen haben. In ähnlichen Konflikten hatte bislang eine staatliche Vermittlungsstelle interveniert, um nach Kompromissen zu suchen. Die Sozialpartnerschaft von Regierung und Gewerkschaften ist jedoch seit Monaten aufgekündigt, weil sich die beiden Seiten im rezessionsbedingten Verteilungskampf unversöhnlich gegenüberstehen. Das National Implementation Board wird deshalb heute nicht vermitteln und eine Lösung in letzter Minute ist nicht in Sicht. Auch weitere Streiks der Fluglotsen in den kommenden Tagen sind nicht ausgeschlossen, weil heute weitere Entlassungen von Luftsicherheitsmitarbeitern anstehen, die die Arbeit mit den neuen Systemen verweigern.

Dienstag, 19. Januar 2010

Der Smart Shopper hat Irland erreicht:
Die reuigen Sünder kaufen nun clever

Sie erinnern sich noch: Vor zwei Jahren galt Irland als "zweitreichstes Land Europas", manchmal auch als "wohlhabendstes Land Europas", seine Bürger als führend in der Welt, wenn es um Bares und Materielles ging. Die über zehnjährige Sause auf der Insel – befeuert vor allem mit Geld aus Grundstücksverkäufen und Phantasie-Gehältern –  kreierte einen ganz eigenen irischen Konsumstil: Shop `til you drop. Kaufen, bis der Arzt kommt. Die 365 Tage im Jahr währende Kauforgie im Celtic-Tiger-Irland provozierte ihrerseits Phantasiepreise: Das Geld saß locker, und der Wert von Produkten bemaß sich am Preis: Je teurer, je besser, je lieber.


Was sehen Sie?
a) Drei smarte Shopper diskutieren in North Main Street über die billigste Zahnpasta.
b) Drei schuld-getriebene Iren präsentieren ihre neuen bei Lidl erstandenen Anzüge.
c) Drei Marktversteher von PwC, kurz bevor sie den Iren die Story vom cleveren Konsumenten erzählen.


Dann kam die tiefe, bittere Rezession. Sie traf Irland härter als alle anderen Länder Europas. Der Ikarus-gleiche Absturz aus Höhen unweit der absoluten Wohlstandssonne geriet umso tiefer. Seitdem schließt ein Komsumtempel nach dem anderen. Doch auch nach dem großen Kater geht das Leben weiter. Ein bisschen weniger großspurig, ein wenig bescheidener, auch überlegter und souveräner, wenn es um das Anschaffen geht. Vorbei die Zeiten, da Joe gleich vier Jumbo-Kühlschränke nebeneinander in seine Küche stellte, vorbei auch die Jahre, da die Wagenflotten vor geräumigen Einfamilienhäusern suggerierten, jeder zweite Ire sei ein Händler von Jahreswagen.  Wieder einmal bestätigt sich die alte Bauernregel: "Hat der Farmer wenig Geld, besser er sein Feld bestellt."

Zur Konsumlage der irischen Gesellschaft müssen natürlich auch die unvermeidlichen Martkforscher und Unternehmensberater ihren interessegeleiteten PR-Senf geben. Ganz im Trend recycelten die Prüfungsberater von PricewaterhouseCoopers (PwC) nun einen Halunken-Typ, der schon in zahlreichen Rezessionen weltweit auftauchte: Den Smart Shopper, den Clever-Käufer.

PwC will erkannt haben, das sich die irischen Konsumenten "niemals von den Schuldgefühlen erholen werden, die ihr Konsumverhalten der Boomjahre verursacht hat". Klingt pathetisch und hat Folgen: Aus der Asche der verbrannten Millionen steigt der smarte Konsument, der klug abwägende Käufer, der Schreck aller Händler. Erinnern Sie sich? "Morgens bei Aldi einkaufen und nachmittags Champagner saufen am Gänsemarkt" -  derselbe Kerl, der seit 15 Jahren in den Einkaufsstraßen von Deutschland sein Unwesen treibt, quält nun auch arme irische Verkäufer: Er greift zielstrebig und mit sicherem Auge nach der guten Qualität zum kleinen Preis, er kauft clever und schämt sich dabei heimlich, dass er für denselben Krempel vor zwei Jahren noch das Doppelte bezahlt hat. Es ist der Smart Shopper der Sub-Species "Reuiger Sünder".

Vor allem aber spielen die stets schuld-getriebenen Irinnen und Iren (zumindest laut PwC) virtuos auf der Klaviatur hybriden Konsumverhaltens: Für profane Gebrauchsgegenstände zahlen sie nun gnadenlos den Minimalpreis, nur um sich dann diesen und jenen luxuriösen Herzenswunsch zu gönnen. "Scrimping and splurging", so suggerieren die smarten Konsum-Therapeuten von PricewaterhouseCoopers, gibt nun für alle Zukunft den Takt in den Konsumzonen der Grün-bunten Insel an: "Knausern und Prassen". Auf Deutsch: Man gönnt sich ja sonst nichts.

So vollendet sich die Aldisierung und Lidlisierung Irlands mit dem Segen der Marktversteher. Und auch auf der kleinen Insel am westlichen Rand Europas gelten Erichs Worte für die Ewigkeit: Den Konsumismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf.

* Photo: PricewaterhouseCoopers Ireland. Pictured launching the 2010 Checkout conference 'React, Recharge, Refocus' happening on Monday 18 December are (l-r): David McGee (Director, PwC Retail and Consumer Practice), John Ruddy (Editor, Checkout) and Conor Kilduff (MD, Unilever Ireland). Die Konferenz fand gestern in Dublin statt. Die Irish Times berichtete hier.

Montag, 18. Januar 2010

Endspurt:
Wir suchen das lustigste Irland-Foto



Ein Irland-Schnappschuss von Susanne Stocker

Unsere Gute-Laune-Offensive geht in die Schlussphase. Wir suchen das witzigste, das lustigste Irland-Foto. Alle Leser des Irland Blogs können mitmachen und ihr Foto mit Irland-Bezug einschicken. Wer noch nicht in Irland war, kann auch gerne den Schnappschuss aus dem Irish Pub oder ein anderes Motiv mit "Irland-Bezug" senden. Der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt.

Heute wieder eine kleine Kostprobe: Susanne Stocker aus der Schweiz sandte uns einen Irland-Schnappschuss vom Galway Arts Festival 2009. Die beiden gefederten Jungs präsentieren die neuste Unterwäschemode, oder? Danke, Susanne.

Einsendeschluss für unseren Wettbewerb ist nun endgültig der 20. Februar 2010. Also, liebe Leserinen und Leser des Irland-Blogs, sendet uns Eure Foto gewordene gute Laune. Helft mit, diese schöne Insel aus der Krise zu lächeln.

Zu gewinnen gibt es dies: eine kostenlose Teilnahme an der Wanderwoche 2010 in Irland* * * . Wer teilnehmen will, schickt das Foto per E-Mail an info@wanderlust.ie und ist einverstanden, dass es hier veröffentlicht wird. Der Gewinner nimmt kostenlos an der Wanderwoche vom 1. bis 8. Mai in Glengarriff, West Cork teil*. Mehr Informationen gibt es hier: Wanderwochen 2010 mit dem Wanderer. Einsendeschluss ist der 20. Februar 2010. Also: Alle Bilder bitte direkt per E-Mail senden an: info@wanderlust.ie

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* * * "Mit erfahrenen Guides und Erzählern die Berge und Strände Irlands kennen lernen. Eine Woche Berg- und Strand-Wandern. Irland von seiner schönsten Seite erleben. Aktivferien im faszinierenden Südwesten: Beara Way, Sheeps Head, Mizen Peninsula, Kerry und Caha Mountains und am Atlantik. Eine Woche Bewegung, Entspannung, Natur pur. Kompetente Führung in deutscher Sprache." Die Termine 2010:
1. bis 8. Mai 2010
31. Juli bis 7. August 2010
4. bis 11. September 2010

Die Teilnahme an der Wanderlust-Wanderwoche in Irland kostet bei Bezahlung 399 Euro. Der Gewinner mit dem besten=lustigsten Irland-Motiv nimmt umsonst teil. (Dem Gewinner bleiben als Kosten An- und Abreise nach Glengarriff, West Cork und ein Eigenanteil an den subventionierten Unterkunftkosten im Doppelzimmer von 25 Euro pro Nacht. Der Gewinn hat einen Gegenwert von 224 Euro). Der Gewinner wird aus den zehn besten Motiven ausgelost. Alles streng neutral. Einsendeschluss ist der 20. Februar 2010. Die Teilnahme gilt für die Wanderwoche vom 1. bis 8. Mai 2010.

Sonntag, 17. Januar 2010

Mit Lumpi auf großer Reise nach Irland


Dass Hunde für viele Menschen die besseren Lebensgefährten sind, ist eine Binsenweisheit – und gut so. Die Vierbeiner sind stets gehorsam ("braaav"), sie widersprechen nicht ("sitz") und sie sind meist soo dankbar ("jauuul"). Folgerichtig hat sich die Tierliebe bei manchen ZeitgenossInnen stärker ausgeprägt als die Menschenliebe, und wo Lumpi die Lücke füllt, die der fehlende Partner oder der versagte Kinderwunsch gerissen hat, teilt Mensch mit Tier nicht nur besonders gerne Küche und Bett sondern auch gemeinsame Reiseerlebnisse.

Verstärkt erhält der Wanderer in den vergangenen Monaten Anfragen, wie Frauchen am geschicktesten und am besten mit ihrem treuen Vierbeiner nach Irland reisen kann und ob er dort auch willkommen sei – was aufgrund der Allgemeinheit der Fragen zumeist schwer zu beantworten ist. Versuchen wir es dennoch, mit ein paar wichtigen Hinweisen:

Die dem Agrarzeitalter noch nicht allzu lange entwachsene irische Gesellschaft pflegt ein anderes Verhältnis zu Tieren, als wir es aus Mitteleuropa kennen. Man mag es als nüchterner oder distanzierter bezeichnen. Das Tier wird noch immer mehr als Nutz- denn als Kuscheltier betrachtet, auch wenn es das oft nicht mehr ist.  Ob der Hund deshalb überall willkommen geheißen wird? Manche Transportgesellschaften auf der Insel geben dem Vierbeiner Zutritt zu Bussen und Bahnen, andere wie Dublins DART aber nicht – es sei denn, es handelt sich um einen Blindenhund.

Ob man in B&Bs mit Hund übernachten kann? In manchen ja, in anderen keinesfalls. Die Präferenzen der Vermieter entscheiden. Man muss es einfach versuchen. Ob man den kläffenden Kameraden ins Restaurant mitnehmen kann? Viele Wirte werden auf die "strengen Gesetze"pochen und dem Hund einen Platz vor der Tür anweisen, andere sehen es gelassener. Auch hier gilt; Man muss es ausprobieren und sich durchfragen.

 Kann man mit dem Hund in Irland wandern gehen? Jein. Auf öffentlichen Straßen ist ein angeleinter Begleiter wohl geduldet. Sobald es aber ins Gelände geht, sei es querfeldein oder auf einem ausgewiesenen Wanderweg, ist der Hund nicht mehr gerne gesehen. Große Wanderwege wie der "Beara Way" oder der "Sheeps Head Way" führen fast zu 100 Prozent über privates Farmland – und die meisten irischen Bauern kultivieren "aus Sorge um ihre Schafe" eine aufgeblasene Hunde-Paranoia. Wanderer mit vierbeiniger Begleitung werden deshalb vielerorts mit eindeutigen Schildern konfrontiert: "No dogs allowed". Keine Hunde, zu keiner Zeit, und ohne Ausnahmen – selbst für ordentlich angeleinte Vierbeiner nicht. Das ist die Realität auf dem Land, und dennoch: Wer sich die Zeit nimmt, die Bauern besucht und mit ihnen spricht, kann Vertrauen aufbauen und möglicherweise doch eine Ausnahmegenehmigung erhalten.

 Die höchsten Hürden hat allerdings der Gesetzgeber aufgestellt. Sie stehen an den Grenzen, werden wirksam bei der Einreiseund sollen die Insel vor Tollwut und anderen Tierkrankheiten schützen: Zwar müssen sich nach Irland einreisende Hunde seit dem Jahr 2004 nicht mehr durch eine sechsmonatige Quarantäne quälen, doch die Vorbereitungen sind noch immer immer anspruchsvoll: Hunde aus der EU müssen vor allem gegen die Tollwut geimpft sein. Ein Bluttest muss dokumentieren, dass das Tier durch die Impfung mindestens sechs Monate vor Anreise Antikörper gegen Tollwut aufgebaut hat. Das heißt: Die Impfung muss mehr als sechs Monate vor Einreise erfolgt sein.

Zudem muss der Hund unter seinem Fell einen kleinen Chip tragen, der ihn eindeutig identifiziert. Dieser subkutane Animal-Ausweis wird vom Tierarzt programmiert und verpflanzt. Die Impfergebnisse – gefordert wird zudem eine Behandlung gegen Bandwürmer und Zecken 24 bis 28 Stunden vor Einreise – werden in einem standardisierten EU-Tierpass festgehalten. Der gute Tierarzt kennt die Regeln und weiß auch über Details bescheid. Wer diese Vorbereitungen für Rex und Lumpi nicht rechtzeitig trifft, hat das Nachsehen – und nur noch eine illegale Chance: Schmuggeln. Das aber ist nicht empfehlenswert und geht unter Umständen schief.

Wer mit dem Hund reist, fährt in der Regel mit dem eigenen Auto und reist mit der Fähre über Kanal und Irische See – eine Transportart, die dem Hund wohl am ehesten gerecht wird. Während die meisten Fähren vorschreiben, dass das Tier entweder im Auto bleibt oder auf dem Autodeck der Fähre in einem Zwinger untergebracht werden muss, geht die neue Südfähre zwischen Swansea und Cork neue Wege: Sie hat Unterkünfte für Tiere auf dem Passagierdeck eingerichtet, was für kurze Wege von Mensch zu Tier und für bessere Betreuungsmöglichkeiten sorgt.

Die prinzipielle Frage, ob ein Hund 4000 Kilometer Autofahrt als erstklassiges Ferienerlebnis in Erinnerung behalten wird, müssen Herrchen und Frauchen selbst beantworten. Stellvertretend für ihren Canis lupus familiaris, weil der doch so ungern widerspricht.

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PS: Der Lumpi auf dem Foto heißt Tommy und ist trotz seines Namens ein waschechter Ire vom Clan der O´Collies. Er muss nicht auf der Insel einreisen, weil er sie nie verlassen hat. Er komplettiert die Wanderer-Familie, ist sehr gehorsam (wenn er nicht gerade mal wieder wegläuft), widerspricht nie (zumindest nicht verbal) und ist die Dankbarkeit auf vier Beinen. Am Tisch darf er allerdings nicht Platz nehmen und schlafen muss er vor der Tür. 


Und übrigens: Die zitierten Bestimmungen für die Einreise gelten auch für Katzen.

Samstag, 16. Januar 2010

AA Roadwatch: Irlands Datenbank der überfluteten und gesperrten Straßen


Eisschmelze und starke Regenfälle führen den randvollen Flüssen und Bächen in Irland große Wassermengen zu. Vielerorts auf der Insel ist deshalb Vorsicht geboten, die Straßen sind überschwemmt. Vor allem die Counties Wicklow, Wexford, Cork, Kilkenny, Carlow und Waterford sind betroffen. Mit den Überschwemmungen des vergangenen Novembers sind die aktuellen Fluten allerdings nicht vergleichbar.


Wer in Irland mit dem Auto unterwegs ist, kann sich online genau über den aktuellen zustand der Straßen informieren: Die Verkehrswacht-Abteilung des Automobilclubs AA – vergleichbar dem deutschen ADAC – veröffentlicht sämtliche Verkehrsinformationen für die Insel zeitnah auf der Website www.aaroadwatch.ie . Eine digitale Landkarte weist auf die jeweiligen Brennpunkte, die gesperrten Straßen, die Staus und Verkehrsbehinderungen hin. Verlinkte "Sprechblasen" informieren über den Grund der jeweiigen Behinderung. Diese Datenbank ist eine feine Sache für online-affine Autofahrer, sie hilft, die kritischen Straßenabschnitte weiträumig zu umfahren. Gute Fahrt!


Freitag, 15. Januar 2010

Tipps zum Wandern in Irland (10):
Das Winter-Wandern folgt eigenen Regeln



Wanderer können in Irland während des ganzen Jahres unterwegs sein – auch in den meist kälteren und nässeren Wintermonaten. Das Winter-Wandern hat jedoch seine eigenen Regeln und erfordert besondere Vorbereitung und höchste Aufmerksamkeit, vor allem, wenn die Touren abseits der Wege in die Berge und in anspruchsvolles Terrain führen.

Dass Wanderer die saisonalen Unterschiede oft nicht ernst nehmen, spiegelt sich leider in den jährlichen Auszeichnungen der Irischen Berg-Rettung.  November, Dezember und Januar sind für die Irish Mountain Rescue Association Jahr für Jahr die geschäftigsten Monate. Die zwölf Bergwacht-Teams auf der Insel weisen deshalb immer wieder darauf hin, die irischen Berge nicht zu unterschätzen – alleine im Jahr 2008 forderten die Berge neun Tote – sie zu respektieren und sich gut vorzubereiten.

Hier in Irland sagt man unter Bergwanderern: Wer sich nicht vorbereitet, bereitet sich auf sein Scheitern vor. Was also ist wichtig, wenn man sich entschließt, in den Wintermonaten bergwärts zu ziehen?



:: Die Ausrüstung ist im Winter besonders wichtig: Die Berge können rutschig, glatt, schlammig, verschneit, vereist, sowie besonders nass und kalt sein. Gutes Schuhwerk, gute Kleidung, auch zum Tauschen, Verpflegung plus Notration, eine Erste-Hilfe-Box, sowie die üblichen Orientierungsinstrumente verstehen sich von selbst.

:: Darüber hinaus ist es wichtig, besonderes Augenmerk auf das Wetter und die Wetterprognose, das Terrain der Tour und den eigenen körperlichen Zustand zu legen. Der Ehrgeiz, im Winter ähnlich lange Tagestouren zu laufen wie im Sommer, ist völlig unangebracht. Es empfiehlt sich deshalb, kürzere und auch weniger ambitionierte Touren zu gehen, denn:

--> Die Tage im Winter sind kurz. Ein Zeitpuffer schützt davor, von der Dunkelheit überrascht zu werden.

--> Die Geschwindigkeit ist im Winter meist geringer, weil das Terrain schwieriger zu bewältigen ist.

--> Die Kräfte sind auf tiefem oder vereisten Boden schneller aufgebraucht als unter guten Verhältnissen.

--> Das Risiko auszurutschen und sich zu verletzen ist im Winter ungleich höher – auch mit perfektem Schuhwerk.



:: Die Bergwacht rät allen, auch den sehr erfahrenen Winter-Wanderern, niemals alleine loszugehen, sondern immer mindestens zu zweit – und moderne Kommunikationsmittel zu benutzen: Das Handy hat schon manchen Wanderer in Bergnot gerettet.

:: Wer Kinder auf dieTour mitnehmen willl, sollte eine leichtere und kürzere Tour im Flachland planen. Wie man es nicht macht, demonstrierte vor einigen Jahren ein Engländer, der seine vier Kinder auf eine Tour zum Hungry Hill auf der Beara Peninsula mitnahm. Die Gruppe startete an einem kurzen Dezembertag nachmittags um 14 Uhr  zu der Wanderung, die nach allgemeiner Einschätzung mindestens sechs Stunden dauern würde, Bei Einbruch der Dunkelheit hatte die Familie noch nicht einmal den Gipfel erreicht. Das Mobiltelefon rettete die Fünf aus größter Not in einer eiskalten Nacht. Der öffentliche Spott blieb den armen Engländern aber nicht erspart: Ihre Geschichte wurde in den irischen Zeitungen unter Angabe aller Namen samt Wohnort genüsslich ausgebreitet.

:: Nach den Erfahrungen der Bergrettung gibt es neben Naivität und Gedankenlosigkeit einen Hauptgrund für Wanderunfälle: den übertriebenen Ehrgeiz. Wer sich zu viel vornimmt, verfängt sich leicht in einer Eskalationsspirale: Er merkt irgendwann, dass sein Tourenplan nicht aufgeht, er geht schneller, er wird müde, die Dunkelheit setzt ein, er entschließt sich, eine "Abkürzung" zu nehmen – er verläuft sich. . .

Damit all dies nicht passiert, benötigt die Winter-Wanderung eine gute Vorbereitung – und/oder erfahrene Guides mit  guter Ortskenntnis. Dann kann man die herrliche Landschaft Irlands auch in der kälteren Jahreszeit genießen.

Donnerstag, 14. Januar 2010

Mein Leben in Irland (6):
Ron Krüger, Immobilienmakler

Auswandern, Ortswechsel, Neubeginn: Warum zieht es Deutsche (auch Schweizer und Österreicher) ausgerechnet nach Irland? Wie leben sie dort? Wurden ihre Erwartungen erfüllt, was gefällt ihnen, womit haben sie Probleme? Wir stellen Menschen vor, die den Sprung gewagt haben und auf der Insel leben.




Ron Krüger (27) lebt seit fünf Jahren in Irland. Nach vier Jahren in Dublin zog er im letzten Jahr nach Kinsale in County Cork. Ron ist gelernter Betriebswirt mit Spezialisierung auf Finanzwirtschaft und arbeitet jetzt als selbstständiger Immobilienmakler und Geschäftsführer von Engel und Völkers in Cork auf der Insel. Seine aktuelle Tätigkeit gibt ihm die Möglichkeit, den traumhaften Südwesten Irlands, insbesondere West Cork und Kerry, sowie viele Menschen unterschiedlicher Nationalität jeden Tag aufs Neue kennen zu lernen. Zudem ermöglicht ihm seine Tätigkeit, die schönsten Immobilien, insbesondere in den Küstenregionen des Landes, kennen zu lernen.



Ron´s Immobiliengeschäft in Kinsale.

:: Ron, warum lebst Du in Irland? Was hat Dich hierher geführt?
Schon während meiner Schulzeit wusste ich, dass ich eines Tages in einem englischsprachigen Land leben und arbeiten wollte. Ursprüngliche hatte ich jedoch eher Großbritannien oder die Vereinigten Staaten auf der Rechnung. Nach einem innerbetrieblichen Studium in einer deutschen Bank, welches 2004, während einer wirtschaftlich angespannten Zeit in Deutschland, zu Ende ging, ergab sich jedoch die Möglichkeit bei einer Bank in Irland einen interessanten Arbeitsplatz zu erhalten. So begab ich mich 2004 mit nur einem Koffer auf nach Dublin, um die ersten Wochen in einem B+B zu verbringen und mich in mein neues Leben einzufinden. Die Entscheidung pro Irland war ursprünglich also eher von beruflichen Überlegungen getrieben als von der Schönheit der grünen Insel.

:: Ist Dein Aufenthalt zeitlich begrenzt?
Während ursprünglich geplant war, dass der Aufenthalt auf nur ein oder zwei Jahre begrenzt ist, gibt es momentan keine Zeitvorgaben. Dies heißt jedoch nicht, dass sich eines Tages die Lust auf etwas Neues nicht wieder einstellt und es mich weiter zieht in andere interessante Länder.



Häuser aus Ron Krügers Verkaufs-Portfolio (1): Vale Cove, Glengarriff.

:: Haben sich die Erwartungen an das Leben in Irland erfüllt?
Die Entscheidung für Irland kam damals relativ kurzfristig so dass kaum Zeit blieb, darüber viel nachzudenken. In jedem Fall ist ein Start in einem neuen Land immer verbunden mit vielen neuen Erfahrungen. Die Erwartung, in einem kulturell sehr bunten Land mit einer Vielzahl von Nationen zu leben, hat sich auf jeden Fall erfüllt und ich empfinde es als Bereicherung täglich sowohl beruflich als auch privat mit so vielen Menschen aus unterschiedlichsten Nationen zusammen zu kommen.
 

Natürlich gab es auch die Erwartung an das „ursprüngliche“ Irland. Während meine erste Zeit in Dublin eher von einem Großstadtbild geprägt gewesen ist, haben die ersten Ausflüge an die West- und Südküste schnell bewiesen, dass das Bild der grünen Insel sehr berechtigt ist. Heute möchte ich die Insel nicht mehr missen, auch wenn es sicherlich Dinge gibt, die man tagtäglich aufs Neue wieder ändern würde.



Häuser aus Ron Krügers Verkaufs-Portfolio (2): Ulusker House, Adrigole.

:: Wie lebt es sich als Deutscher auf der Insel? Wie kommst Du mit der Irischen Mentalität und mit den Menschen zurecht?
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es in Irland wesentlich besser läuft, wenn man sich ab und zu von der Gelassenheit der Iren anstecken lässt. Einen Gang runter zu schalten, passiert hier in Irland ganz automatisch und man sieht viele Dinge gelassener. Dies immer mit der uns nachgesagten deutschen Effizienz zu vereinigen ist allerdings nicht immer ganz einfach, so dass Gelassenheit der Iren Fluch und Segen zugleich sein kann.



Häuser aus Ron Krügers Verkaufs-Portfolio (3): Cottage in Glenbeigh.

:: Hast Du irische Freunde, einen Freundeskreis, gute Bekannte?
Mein Freundes- und Bekanntenkreis hier in Irland setzt sich aus vielen verschiedenen Nationen inklusive Iren zusammen.

:: Was magst Du besonders an Irland?
Die traumhaften Küstenlandschaften im Südwesten (und ihre tollen Immobilien), einen schöner Pubabend mit Freunden – und jeden Tag ein neues Abenteuer auf den Straßen Irlands.



Häuser aus Ron Krügers Verkaufs-Portfolio (4): Haus am Meer bei Sneem.

:: Was magst Du nicht an Irland?
Mein Verständnis von Sommer beinhaltet auch, an dem ein oder anderen Tag etwas Sonne… leider ließen sich ja die Sonnentage im vergangenen Jahr ja an zwei Händen abzählen. Der ein oder andere zusätzliche Sonnenstrahl wäre der Laune sicherlich nicht abträglich.

:: Was aus der alten Heimat vermisst Du hier?

Es sind eigentlich nur kleine Dinge, die man ab und zu vermisst. Ein schönes, kühles, frisches Pils aus Sachsen wäre manchmal klasse. Deutsche „Delikatessen“, wie etwa ein gutes Landbrot und Hackepeter, und bei meinen Touren durch den Südwesten ganz besonderes die deutsche Infrastruktur.

:: Würdest Du den Schritt noch einmal tun?
Ich habe den Schritt, in einem anderen Land zu leben und zu arbeiten nie bereut und würde mich jeden Tag wieder dafür entscheiden, egal ob Irland oder ein anderes Land.

:: Sonst noch was auf dem Herzen?
Wanderer, ich freue mich, dass ich hier die Gelegenheit habe, über meine Erfahrungen in Irland zu berichten… man sieht sich ja bekanntlich immer zweimal im Leben… ;) Dafür vielen Dank.


Zur Website von Engel und Völkers in Cork, dem irischen Regionalbüro des international tätigen Maklers von Qualitäts-Immobilien, geht es hier: www.engelvoelkers.com/cork/de/

Das Comeback der Schlaglöcher auf Irlands Straßen


Wer die Straßenarbeiter vom Kerry County Council in den Frosttagen einmal beobachtet hat, wie sie versuchten, kalt gewordene Teerklumpen in tief vereisten Schlaglöchern unterzubringen – wer das gesehen hat, weiß, dass der Winter kein ständiger Gast auf dieser Insel sein kann.

Die Frostschäden an Irlands Straßen nach drei ungewöhnlich strengen Winterwochen jedenfalls sind beträchtlich. Sie gehen in die Millionen. Schweizer-Käse-Look in dunkelgrau und schwarz ist angesagt. Viele große, vor allem aber die kleinen, ohnehin nur mäßig gewarteten Landstraßen sind nun mit massiven Schlaglöchern übersät – und angesichts der Ebbe in den öffentlichen Kassen kann es Jahre dauern, bis die Schäden behoben sind. Jahrzehnte vielleicht, wenn sich das Dont-Know-how der Straßenjungs vom Kerry County Council (die mit dem kalten Teer und den eisigen Löchern) durchsetzt.

Schon versuchen erste zu Schaden gekommene Autofahrer, den irischen Volkssport auf die Straßenverhältnisse umzumünzen und den Staat für kaputte Reifen, verbogene Achsen und verzogene Chassis zur Rechenschaft zu ziehen. Der allerdings lehnt Schadensersatzklagen mit leerer Hand ab: Einem nackten Staat greife man nicht in die Tasche. Zudem: Die vielen Löcher in Irlands Straßen seien von höherer Gewalt gemacht. Jeesuz Christ. Es muss der Saint Peter gewesen sein, der Gebieter über alle Wetter. Ob es sich um eine von ganz oben angeordnete Strafe handelt?

Mittwoch, 13. Januar 2010

Gesucht wird das Symbol für Irland

Der Rock of Cashel - das Icon für die Grüne Insel?

Manche Wissenschaftler haben die Aufmerksamkeit bereits zur neuen Universalwährung in einer postkapitalistischen Wirtschaftsordnung geadelt. Ohne übertreiben zu wollen: Die Aufmerksamkeit ist heute ein knappes Gut – und in der sich stets beschleunigenden Informationsgesellschaft wird sie zur knappsten und wertvollsten immateriellen Ressource. Wer sich künftig keine Beachtung verschaffen kann, wer nicht die Aufmerksamkeit anderer auf sich ziehen kann, der wird vergessen, ausgelassen, ignoriert – und hat verloren. Das gilt für Menschen, Unternehmen, Institutionen und auch für Länder.

Die Marketingleute von Tourism Ireland müssen ihr Produkt, das Reiseland Irland, Jahr für Jahr erneut ins Licht der welweiten Aufmerksamkeit rücken – und sie setzen sich im Kampf um die Aufmerksamkeit der Reisepublikums mit ständig zunehmenden konkurrierenden Informationen, Kampagnen und Aktionen auseinander. Da aber die eigenen Mittel nicht automatisch mitwachsen, um die eigene Stimme im zunehmenden Getöse möglichst hörbar zu erheben, müssen sie so geschickt wie möglich eingesetzt werden – und wie das geht, ermitteln bevorzugt die Marktforscher. Gerade erhielt Tourism Ireland einige hoch interessante Aufschlüsse. Die groß angelegte Marktuntersuchung "3-D" stellte fest, dass die Irland-Vermarktung an einem weit verbreiteten Phänomen leidet: An einem Zuviel, das ein Zuwenig bewirkt. Nur Bahnhof verstanden? Kein Wunder. Also:

Jedes Land kreiert Images und Assoziationen von sich. Wer den Eifelturm sieht, denkt an Paris und Frankreich. Wer an das Kollosseum denkt, möchte nach Rom und Italien, das Opera House assoziiert Sydney und Australien, die Statue of Liberty (oder Ground Zero?) New York und die USA. Dann gibt es die Tower Bridge, das Brandenburger Tor, das . . . Das alles sind zu Symbolen verdichtete Orte, Icons, ikonische Abbildungen, die stellvertretend für das ganze Land stehen.

Was aber steht für Irland? Die 40 Schattierungen des Grün? Die Schafe, der Lachs, Tara, Newgrange, Dublins Needle, die Cliffs of Moher, der Rock of Cashel, der Giant´s Causeway, Garinish Island, der Fastnet Rock, Glendalough, Dun Angus, das Dublin Post Office – oder doch das Kleeblatt? Wir wissen es nicht, und die Marktforscher wissen es auch nicht – weil es das starke Icon für Irland nicht gibt. Es gibt viele schöne Assoziationen zu Irland, nicht aber die eine starke oder die wenigen starken, mit denen die Irlandwerber gezielt auf Aufmerksamkeits-Fang gehen könnten.

Nun rauchen die Köpfe in Dublin und den Auslandsvertretungen von Tourism Ireland: Welche starken Bilder, welche ikonischen Orte sollen künftig stellvertretend für ein ganzes Reiseland Aufmerksamkeit erregen? Was meinen Sie? Welcher Ort, welches Sujet repräsentiert Irland am besten? Was ist das Irland-Icon der Zukunft?

Dienstag, 12. Januar 2010

Irland kämpft mit Wassermangel und mit Wassermassen zugleich


Die nächsten wetterbedingten Probleme ziehen auf: Es klingt paradox – und doch ist es harte Realität: Während viele Menschen in Irland wegen eingefrorener oder geplatzter Leitungen mit eklatantem Wassermangel kämpfen, rüsten sich andere in County Cork bereits zum Kampf gegen neue Überschwemmungen.

Im Süden des Landes setzte gestern als erstes das Tauwetter ein – und in der Nacht auf heute brachte ein Sturmtief Wind und viel Regen aus Südosten. Die Folgen: Das Wasser kann auf dem noch gefrorenen Böden nicht versickern und sammelt sich schnell an der Oberfläche: Teile der Stadt Cork sind bereits überflutet, in Bandon und Skibberreen in West Cork bereiten sich Armee und Bürger auf das drohende Hochwasser vor, das am Freitag den Scheitelpunkt erreichen soll.

Derweil herrscht im Großraum Dublin sowie in den Counties Wexford, Clare, Cork, Sligo, Leitrim, Tipperary und Galway extreme Wasserknappheit: Experten sprechen von massiven Wasserverlusten in den vergangenen Wochen, weil aus zerstörten Wasserleitungen viel Wasser versickert ist. Zudem ließen viele Haushalte nachts die Wasserhähne auf, um das Einfrieren der Leitungen zu verhindern. Dies führte dazu, dass der Druck in den Leitungen vielerorts stark gesunken ist, dass Wasservorräte zur Neige gehen, dass viele Reservoirs so leer sind wie nach wochenlangem Hochsommerwetter und dass viele Haushalte bereits gestern unversorgt blieben: Man dreht den Wasserhahn auf – und es kommt nichts.

Die Regierung hat die Bevölkerung aufgefordert, Wasser zu sparen, kein Wasser zu verschwenden – und sich darauf einzustellen, dass die Wasserversorgung vorübergehend ausfallen kann.

Die Anforderungen an die Menschen und Behörden auf der Insel, sich vorausschauend, verantwortungsvoll, vorsorgend und planvoll zu verhalten, sind in den vergangenen Monaten extrem gestiegen. Gerecht werden diesen Anforderungen allerdings längst nicht alle Insulaner. Der laxe Umgang mit dem Wasser zeugt genauso davon wie die allzu große Bereitschaft, die Schulen mal eben für eine Woche zu schließen, oder "wegen des Wetters" nicht zu arbeiten.

Montag, 11. Januar 2010

Sex, Geld, Macht und Iris – Nordirlands Regierung wackelt



Na, auch ruhige Feiertage gehabt, Gentleman, fragt der Pförtner die beiden Spitzenpolitiker Gerry Adams und Peter Robinson in der Karikatur des Belfast Telegraph, heute bei Ihrer Rückkehr in den politischen Alltag in Nordirland.

Das Gegenteil ist natürlich der Fall. Ein brisanter Cocktail aus Sex, Geld und Macht hält Nordirland in Bann – und das Publikum auf der ganzen Insel inhaliert jedes neue Detail des Skandals begierig.

Der katholische Spitzenpolitiker Gerry Adams und der protestantische Regierungschef Nordirlands, Peter Robinson, traten beide während der Feiertage mit dramatischen privaten Enthüllungen an die Öffentlichkeit, die das politische Klima im nur halbwegs stabilen Nordirland nun maßgeblich prägen: Der Chef der republikanischen Sinn Fein-Partei, Gerry Adams, teilte einer erstaunten Öffentlichkeit mit, dass sein eigener Vater, ein hochrangiger Sinn-Fein-Funktionär, mehrere eigene Kinder sexuell mißbraucht habe. Währenddessen wurde Adams Bruder von der Polizei gesucht, weil er die eigene Tochter vor Jahren ebenfalls sexuell missbraucht haben soll. Damit war die irische Mißbrauchs-Debatte von der Katholischen Kirche auch auf die Politik übergeschwappt.

Der nordirische Regierungschef Peter Robinson, Spitzenpolitiker der Großbritannien-treuen
Unionisten von der DUP, gab derweil unter dem Druck von journalistischen Recherchen der BBC Details aus seinem Eheleben und dem Liebesleben seiner Frau Iris preis. Die 60jährige First Lady, die in Belfasts Politik bis vor wenigen Wochen ebenfalls kräftig mitmischte, bis sie mit der Begründung einer angeschlagenen Gesundheit von ihren Ämtern zurücktrat, hatte ihren Peter mehrfach und am Ende auch spektakulär betrogen. Sie hatte unter anderem ein Verhältnis mit einem örtlichen Metzger – und nach dessen Tod bandelte die damals 59jährige mit dessen 19jährigem Sohn an.

Na und, möchte man ausrufen, ganz schön heiß drauf, diese Mrs. Robinson. Soll sie doch treiben, was sie will. Wenn Iris nur nicht ein paar Monate zuvor Homosexuelle als abnormal beschimpft hätte – und wenn sie nur dem 40 Jahre jüngeren Lover kraft Ihrer politischen Ämter nicht Startkapital in Höhe von 50.000 Pfund zugeschanzt hätte und einen Teil davon nach dem Ende der Liaison für sich zurückgefordert hätte, um ihre eigenen Schulden zu begleichen.

So haben die beiden einst tief verfeindeten Parteien in Nordirland, die jetzt in einer gemeinsamen Regierung aneinandergeschweißt sind, ein gewaltiges Sexualität-bedingtes Problem in ihren eigenen Reihen zu bewältigen. Die pro-irische Sinn Fein und die pro-britische DUP bemühen sich, die mühsam austarierte Provinzregierung im Stormont nicht über diese Krisen stürzen zu lassen und gehen vergleichsweise behutsam miteinander um.

Während sich Iris Robinson depressionsbedingt in die Psychiatrie zurückgezogen hat, versucht Mann Peter seine politische Karriere mit einer sechswöchigen Auszeit und der Behauptung, er hätte von allem nichts gewusst, zu retten. Und Gerry Adams ist mit seiner Version von den innerfamiliären Ungeheuerlichkeiten zumindest politisch schon so gut wie über dem Berg. Es bleibt trotzdem spannend in Nordirland.


Digitale Irland-Karten: Die Vermessung der persönlichen Welt hat begonnen


Gleich fährt der Wanderer im Südwesten Irlands an die Kreuzung N 51° 45' 00'' W 9° 33' 06'', um dort Brötchen im Spar-Laden zu holen: Es ist die Ortsmitte von Glengarriff im County Cork. Weil er den Ort kennt, benötigt er kein GPS-Gerät, um ihn zu finden. Zahlreiche Besucher Irlands sind jedoch bereits mit einem GPS unterwegs, um sich zu orientieren und zurecht zu finden.

Die Vermessung der persönlichen Welt ist die nächste große Demokratisierungswelle, die den Spezialisten ihr Spezialgebiet entreißt: Sie begann damit, dass sich Menschen mit erschwinglich gewordenen digitalen satellitengestützten Positionierungsgeräten einen neuen Begriff von ihrem jeweiligen Aufenthaltsort machten. Sie nutzten GPS-Geräte im Flugzeug, auf der Jacht, beim Wandern in den Bergen. Heute nun vertrauen schon mehr reisende Westeuropäer dem kleinen digitalen Begleiter, den sie Navi rufen, als sich selbst.



Die Amteurs-Navigation hat längst Einzug in unserLeben gehalten: Wenn wir etwas ausgefressen haben, so lernen wir, müssen wir unser Handy wegwerfen, sonst werden wir geortet, Wenn wir unser iPhone verloren haben, können wir es per eingebauter GPS- Software orten, rufen und sperren. Neue Handies verfügen über GPS-Funktionalität. Schon sind preiswerte Digital-Kameras im Handel, die jedes gemachte Foto mit den genauen Koordinaten verorten – in Bogen-Grad, Minuten und Sekunden, in der Länge und in der Breite. Und Geo-Caching ist die moderne Variante der Schnitzeljagd mit GPS-Gerät und Onlineanschluss.

Einhergehend mit der Vermessung der eigenen Welt machen sich mehr und mehr Menschen mit der Nutzung digitaler Landkarten vertraut. Google Earth und Google Maps kennt fast jedes Kind, und Computer-Landkarten leisten viele nützliche Dienste bei der Vorbereitung von Reisen.


Der Ordnance Survey, das staatliche Vermessungsamt von Irland, bedient die Nachfrage nach digitalen Landkarten schon seit Jahren vorbildlich. Alle Straßen- und Wanderkarten für Irland gibt es auf DVD oder mittlerweile als Downloads. Nun hat der Ordnance Survey auch eine nützliche und interessante Sammlung aktueller und historischer Irlandkarten online gestellt. Der interaktive Kartendienst ist kostenlos. Wer ins Detail gehen und die Karten auch auf seinem Computer oder auf dem Handy nutzen will, kann die digitalen Karten im OSI-Onlineshop kaufen.

Sonntag, 10. Januar 2010

Irischer Winter: Erste zarte Zeichen der Wetter-Normalisierung

Erste Zeichen der Normalisierung in Irland: Die arktischen Temperaturen steigen seit gestern nacht langsam an, die eiskalten Rekordnächte mit Temperaturen bis minus 13 Grad (in County Carlow) scheinen fürs Erste überwunden. Das Wetteramt Met Eireann kündigt für kommende Woche steigende Temeperaturen an – das wärmere Wetter mit Temperaturen zwischen null und sieben Grad soll sich von Südwesten und Süden her nordwärts verbreiten. Neigt sich der strengste Winter seit fast 50 Jahren dem Ende zu?

Für eine Entwarnung ist es zu früh: Vielerorts, nun auch im Süden der Insel, haben neue Schneefälle eingesetzt. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt droht nun erneut weiträumig Glatteis – das allerdings im Laufe des Morgens schmelzen könnte. Die Straßenverwaltung gab sich dennoch optimistisch: Die meisten Hauptverkehrsstraßen blieben befahrbar, auch Busse und Bahnen verkehren weitgehend normal, und die Flughäfen – mit Ausnahme von Cork – sind geöffnet, verzeichnen allenfalls Verspätungen.

So kann es sein, dass die Menschen auf der Insel ihre eilig angelegten häuslichen Warenlager gar nicht antasten müssen. Vorrats- und Panikkäufe hatten dem irischen Lebensmittelhandel in der ersten Januarwoche einen fabelhaften Einstieg ins Jahr 2010 beschert. Die Supermarktleiter berichten von Umsatzzuwächsen zwischen 15 und 20 Prozent gegenüber der ersten Geschäftswoche im Jahr 2009.

Große Freiheit Irland


Deutsche, die nach Irland ziehen, haben dafür immer ihre Gründe – und oft gute Gründe. Sehen wir einmal von einer besonderen Spezies der Arbeits-Migranten ab, Leuten, die sich "für ein paar Euro mehr" ein Leben in einem Land zumuten, das sie im besten Fall nicht interessiert, im häufigsten Fall aber schnell frustriert. Wahl-Insulaner, die an den westlichen Rand Europas ziehen, um dort einen Lebensentwurf zu verwirklichen, schätzen oft die grandiose Natur Irlands, den Raum, den das Land aufgrund seiner geringen Besiedelung bietet – und natürlich den politisch-gesellschaftlich-kulturellen Freiraum.

Dieser in Gesprächen oft zitierte Freiraum, schlicht und ergreifend als "Freiheit" bezeichnet, ist einerseits dem Luxus von räumlicher Weite auf dem irischen Land geschuldet: Links kein Nachbar, rechts keiner, vorne das Meer und hinten die Berge. Das hebt sich wohltuend von den klaustrophobischen Erfahrungen in einer Mietskaserne, in einer Reihenhaussiedung, ja selbst in einem "gehobenen" Wohngebiet ab, wo der Hund den entfernten Nachbarn zum Wahnsinn treibt und der Choleriker in der übernächsten Straße gerne die Kinder vergiften würde.

Erlebter Freiraum hat jedoch auch viel mit der Kultur des Zusammenlebens zu tun: Das irische "Leben und leben lassen" kommt zugewanderten Individualisten entgegegen – und solange sie nicht zum sozial streng kontrollierten inneren Zirkel der Community gehören, geht die Freiraum-Rechung umso besser auf.

Wer von der großen Freiheit auf der Grünen Insel redet, meint jedoch vor allem die Staatsferne des Lebens: Der irische Staat ist groß, der Apparat der öffentlich Bediensteten unanständig aufgebläht, doch er ist gleichzeitig schwach. "Der Staat", der das Zusammenleben regeln und für sozialen Ausgleich sorgen soll, wird gerne mit Raffinesse ausgenommen und auch dort in die Pflicht genommen, wo eigentlich Eigenverantwortung angebracht wäre. Ansonsten aber, auf der Seite der Rechte, soll sich der Staat aus dem Leben gefälligst heraushalten. Was er auch zumeist tut.

Das Bedürfnis der Iren nach "Privacy" ist ausgeprägt, und dem schließt sich der Kontinentaleuropäer, den es auf die Insel zog, meist gerne an. Die Rede ist nicht einmal von den Legionen von Wirtschaftsflüchtlingen, die in den vergangenen Jahrzehnten auf der Insel sesshaft wurden, um sich "Jottwede" dem Zugriff des eigenen Staates zu entziehen. Die Rede ist davon, dass der Staat nicht das gesamte Leben durchreguliert und die Bürger nicht auf Schritt und Tritt verfolgt – und dass er sich im Übermaß zurückhält. Sei es aus Prinzip oder aus Unfähigkeit.

Kein Zweifel, die Gesetzesmaschinerie produziert auch im Irland eines vereinigten Europas einen gewaltigen Ausstoß. Doch im Zweifelsfall ist das Papier und sind die Gesetze auf der Insel um Klassen geduldiger als anderswo. Wer glaubt, dass die Verabschiedung eines Gesetzes in Irland automatisch auch dessen strikte Einhaltung verlangt, ist dem grundlegenden Missverständnis bereits erlegen: Irische Gesetze sind oft Absichtserklärungen, um deren Einhaltung sich im Zweifelsfall niemand kümmert – ein Umstand, der gesetzestreu denkende Deutsche, die die große Freiheit rühmen, an genau derselben Freiheit verzweifeln lassen.

Gesetze, Richtlinien, Staatsbudgets in Irland sind eher so etwas wie tendenziell unerfüllbare Pläne, weil es an der der Kontrolle, an der Durchsetzung, an der Realisierungskraft und am Durchsetzungswillen fehlt. Einige Beispiele aus dem täglichen Leben des Wanderers illustrieren vielleicht, was den schwachen Staat so liebenswert wie angreifbar macht:

* Der Bau von Ferienhäusern am Rand eines Naturdenkmals wird nach öffentlichem Protest von der Baubehörde nur unter Bedingungen genehmigt. Der Bauherr erhält einen ganzen Katalog strengster Auflagen, der ihm nicht nur auferlegt, das Naturdenkmal zu schonen, sondern es auch für die Zukunft aktiv zu bewahren. Die Bilanz nach fünf Jahren: Die Häuser sind gebaut, das Naturdenkmal verfällt, der Bauherr baute und blieb ansonsten völlig untätig. Es gibt keinen Beamten, keine Behörde, die die Einhaltung der Auflagen jemals nachgeprüft hätte.

* Der Boden und das Wasser auf dem irischen Land sind vielerorts von menschlichen Fäkalien verunreinigt. Der Grund: Öffentliche Kläranlagen fehlen, die privaten Hauskläranlagen sind alt, funktionieren schlecht oder gar nicht mehr. Die Gesetze sind eindeutig und prangern diese Missstände an – doch wen kümmert´s? Die zuständigen Umweltbehörden meist nicht. Sie wissen um die besch . . . Lage im Land, werden jedoch allenfalls im Einzelfall aktiv, wenn Beschwerden oder Anzeigen von Nachbarn eingehen. Wer will es sich schon freiwillig mit so vielen Cousins und Cousinen vom eigenen Clan verderben?

* Der Polizist, der den Raser gestoppt hat, erweist sich als netter Mann. Nach einem ausgiebigen Schwätzchen und gegenseitigen Sympathiebekundungen spielt es doch keine Rolle mehr, dass der Verkehrs-Rowdie gerade mal 40 Stundenkilometer zu schnell gefahren war, im Überholverbot überholt und dabei eine markierte Sperrfläche überfahren hatte. Der freundliche Polizist entlässt den Straßen-Rambo mit dem dezenten Tadel: "Junge, ich geb Dir noch mal eine Chance". Der Rambo hat nun eine Geschichte fürs Leben zu erzählen. Was die irische Polizei so "menschlich" macht, lässt den Staat gleichzeitig alt aussehen.

* Der Mann der die 150 drastisch unterfrankierten Werbebriefe seiner zahlen-legasthenischen Frau zur Post bringt, verlässt das Postamt freudestrahlend. Nein, das wäre ihm in Deutschland nicht passiert: Der freundliche Postbeamte weist den Mann darauf hin, dass auf den Briefen zu wenig Porto klebt, der Mann erwidert: "Das wird meine Frau ganz schön ärgern, sie war so froh, dass die Briefe leicht genug für das preiswerte Porto sind". Worauf der freundliche Postbeamte seine ganze geballte Nettigkeit ausspielt: "Na, dann wollen wir Ihre Frau mal nicht enttäuschen". Nimmt die 150 Briefe und wirft sie neben sich in den Postausgangskorb.

* Der erkältungsgeschwächte Mensch, der im irischen Supermarkt zwei Packungen Paracetamol-Schmerzmittel kaufen will, wird von der Kassiererin gleich doppelt gerüffelt: Einmal dafür, dass er nicht weiß, dass man nicht gleichzeitig zwei Packungen der gerne für Selbstmoderversuche benutzten Chemikalie kaufen kann – und dann für seinen naiven Legalismus, weil er eine Packung widerstandslos ins Regal zurücklegen will. "Pass auf", sagt Kassen-Sheila, "Du zahlst erst die eine Packung, und danach kaufst Du die andere. Das macht dann zwei Einkäufe, und das ist nicht verboten." Na also, geht doch.

Wollen Sie mehr von diesen wahren Geschichten? Wer kennt mehr von diesen "true stories" über Freiheit, Ungleichheit und Brüderlichkeit, von den Alltags-Epen aus der Reihe "Legal, Illegal, Scheißegal"?

Samstag, 9. Januar 2010

Irland im Notstand: Kalt wie Kanada, malerisch wie Martinique



Nein, das sind keine Fotos aus der Karibik, sondern Schnappschüsse aus Nachbars Garten in West Cork. Während sich das öffentliche Leben in Irland im Kriechgang durch den Schnee- und Eisnotstand quält, bietet zumindest die Sonne in Teilen des Landes vereinzelte Lichtblicke.

Die Sonnenuntergänge der letzten Tage, aus der warmen Wohnung heraus betrachtet, ließen viele Iren von karibischen Inseln träumen. Wie auf Curacao, Margarita oder Martinique muteten die dramatischen Sonnenuntergänge an – die im Südwesten Irlands gut gedeihenden Palmen, die nun bei Minusgraden ums Überleben kämpfen, nähren die Illusion zusätzlich.

Die Realität ist banaler: Weil die Wetterextreme offensichtlich nicht in den Griff zu bekommen sinde, bleiben nun alle 4000 Grund- und Hauptschulen des Landes zunächst bis kommenden Donnerstag geschlossen. Die Regierung bereitet die Bevölkerung auch darauf vor, dass die Straßenbehörden selbst wichtige Verkehrsadern schon an diesem Wochenende nicht mehr offen halten können, weil die Mittel dazu fehlen. Dem Staat gehen Salz und Streugut aus. Für die kommende Woche steht nach Aussagen des Krisenstabs der Regierung gerade noch die Hälfte des erforderlichen Materials zur Freihaltung der Straßen zur Verfügung.

Für morgen, Sonntag, werden starke Schneefälle vor allem im Osten und Südosten des Landes erwartet. MET Eireann kündigte für Teile der Insel fünf bis zehn Zentimeter Neuschnee an – Schneemengen, mit denen hier niemand wirklich umgehen könnte. Viele Menschen trauen sich nur aus den Häusern, um Vorräte und Heizmaterial einzukaufen. Vielerorts sind die nicht isolierten Wasserleitungen eingefroren, was zu einer starken Nachfrage nach Trinkwasser führte.

Fotos: Bodo J. Baginski


Freitag, 8. Januar 2010

Nationaler Notstand im eisigen Irland.
Was heißt eigentlich "Vorsorge" auf Irisch?


Hoppla, die Regierung in Dublin ist  – von der Opposition aufgeschreckt – aus dem Winterschlaf aufgewacht, und ruft gleich den Nationalen Notstand aus. Irland "versinkt" unter einer vier Millimeter dicken Eisschicht, und alle Räder stehen still, weil der strenge Frost es will, und weil das Enteisen von Straßen nicht zu den bevorzugten Stärken der irischen Behörden zählt. Der Schwarzwälder lächelt genauso in sich hinein wie der Alpenländer, der Nordamerikaner oder der Skandinavier.

Wohlwollende halten den sogenannten Führungskräften, die versuchen das Land zu regieren und zu verwalten, zugute, dass der nun seit 20 Tagen anhaltende strenge Frost mit Schnee und Eis auf der üblicherweise von milden Wintern gesegneten grün-weißen Insel eine meteorologische Ausnahmeerscheinung ist, die nur alle 50 Jahre vorkommt. Letztmals herrschte ein richtig langer und kalter Winter in Irland im Jahr 1962/63, also vor 47 Jahren. Allerdings: Das Risiko, dass ein solch harter Winter wieder einmal eintreten würde, war immer vorhanden. Einmal mehr bestätigt sich, dass das Land und seine frierenden Regierenden noch immer vor allem auf Spontanpolitik spezialisiert sind. Erst die lange Liste der Versäumnisse macht klar, dass auch das irische Schnee- und Eischaos überwiegend "home made" ist – hausgemacht.

Es kann noch wesentlich schlimmer kommen – die irische Eiszeit wird mindestens weitere zehn Tage anhalten. In wenigen Tagen aber werden das ohnehin knappe Streusalz und der Split ausgehen - die Vorräte sind erschöpft, und Ministerpräsident Brian Cowen redet sich damit heraus, dass "der große internationale Bedarf an Salz und Split" daran schuld sei. Hört sich gut an, stimmte aber im vergangenen Sommer nicht. Das eigentliche Problem verbirgt sich hinter solchen Aussagen: Das Prinzip "Vorsorge" ist ein Fremdwort auf der Insel, es fehlt an Vorsorge und Planung. Ob Siedlungen gebaut werden, in denen am Ende die Schule fehlt, ob versäumt wird, trotz voller Kassen die Straßen zu bauen, über den die entfesselte Wirtschaft rollen soll, oder ob vergessen wurde, in den fetten Jahren Rücklagen für magere Jahre zu bilden  – es haperte stets an der vorausschauenden Planung.

Fehlende Vorsorge prägt auch das marode Gesundheitssystem, das als schlecht funktionierendes Reparatursystem ausgelegt ist. Fehlende Vorsorge erst machte die große Flut im November zur Katastrophe für das Land, weil der Hochwasserschutz vielerorts fehlte; und fehlende Vorsorge ist nun der Grund dafür, dass 75 Prozent der Grundschulen im Land geschlossen bleiben, dass der öffentliche Verkehr in den Ballungszentren zum Erliegen kam, dass das öffentliche Leben stark eingeschränkt ist, dass den Bauern die Schafe wegsterben, weil sie keine Ställe und kein Wasser haben, dass Menschen wie Blogger Harald ihre Nächte im Büro verbringen müssen, weil sie nicht mehr nach Hause kommen, dass viele andere gar nicht erst zur Arbeit erscheinen, weil Busse, Bahnen und Flugzeuge ausfallen. Wir haben es nicht mit einem skandinavischen Winter und meterhohen Schneemassen zu tun – es gilt zunächst lediglich, vier Millimeter Eis zu entfernen. Die Wartung der spiegelglatten Straßen und Gehwege würde einen großen Teil der aktuellen Probleme schon lösen.

Wahrscheinlich werden sich die Niederländischen Antillen oder die Vereinigten Arabischen Emirate niemals um einen Vorrat an Streusalz und Split kümmern müssen, Irland allerdings ginge besser vorbereitet in den nächsten Winter, wenn die Regierung in Dublin und die County Councils die Wetter-Szenarien der Klimaforscher ernst nehmen und sich darauf planvoll einstellen würden – auch in Zeiten leerer Kassen.

PS: Dass das Leben auch im Winter ungerecht ist beweist, dass wir im Südwesten die klirrende Kälte und das helle, ganztags sonnige Hochdruckwetter genießen dürfen – weil wir von zuhause arbeiten und weil  unsere Versorgungsleitungen (toi toi toi) trotz Dauerfrost nicht eingefroren sind.

Foto: Der zugefrorene Loughrea, County Galway, von Robert Cannon.

Mittwoch, 6. Januar 2010

Väterchen Frost hält Irland fest im Griff



Väterchen Frost wird atlantischer Westeuropäer: Eis und Schnee halten Irland weiter fest im Griff. Für die kommenden 24 Stunden hat der irische Wetterdienst MET Eireann erneut eine Wetterwarnung herausgegeben: Vor allem die Ostküste von den Wicklow Mountains über Dublin bis hinauf in den Norden erwartet heftige Schneefälle: Bis zu fünf Zentimeter Neuschnee wurden für heute angekündigt, dazu weiter fallende Temperaturen bis minus zehn Grad. Am kältesten wird es in den Midlands.

Im County Cork sind es vor allem die vereisten, spiegelglatten Straßen, die das öffentliche Leben fast komplett zum Erliegen bringen. Die meisten Schulen haben – wie auch in Limerick, Clare und Donegal – die Weihnachtsferien verlängert und öffnen nicht wie geplant morgen, sondern erst am kommenden Montag wieder. Die meisten Vereinstermine hier auf dem Land wurden abgesagt, das Training fällt aus, Fußballspiele wurden storniert, Veranstaltungen verschoben. Auf den Straßen ist es einsam geworden – der Verkehr im Südwesten ist fast völlig verschwunden.

Ununterbrochen warnen der Wetterdienst und die AA Roadwatch in den Medien, dass die Menschen nach Möglichkeit daheimbleiben und ihre Autos stehen lassen sollen. Nachdem sich zu Beginn der Kälteperiode Mittte Dezember zahlreiche Unfälle ereignet hatten, sind die Straßen nun wie ausgestorben. Das macht Sinn ein einem Land, in dem Winterreifen nicht bekannt sind.


MET Eireann rechnet damit, dass sich am Wetter in den nächsten zehn (!) Tagen nichts ändern wird: Der Dauerfrost mit Kälterekorden und Schneefällen hält an.


Fotos: Auf eisglatten Straßen haben die Kinder ihren Spaß. Sie träumen von Bobbahnen, schlittern über das Eis und freuen sich über zusätzliche schulfreie Tage. Foto: Markus Baeuchle

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