Montag, 31. Mai 2010

Tage zwischen Himmel und Hölle

Ganz schlechte Nachrichten für all die irischen Priester und Brüder, die ihren pädophilen Neigungen in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten freien Lauf ließen: Monsignore Charles Scicluna, der oberste kirchliche Strafverfolger im Vatikan, hat den Kinderschändern in Priesterroben die größtmögliche Strafe angekündigt: "Sie werden auf ewig in der Hölle brennen". Ewige Verdammnis und nicht endende Höllenqualen – das klingt nicht schön, wird aber mutmaßlich für zahlreiche Pädo-Pfarrer in Irland die einzige Möglichkeit sein, ihre Schuld zu sühnen.

Ganz in der anderen Richtung unterwegs, im siebten Himmel nämlich, schwelgt derzeit das Kollektiv namens Deutschland. Angepeitscht von freiwilllig gleichgeschalteten Medien – selbst besonnene Blogger verschließen sich dem medialen Unfug nicht  – schwebt das öffentliche Deutschland auf "Wolke Lena." Na klar hat das Mädchen aus Hannover seinen Job gut gemacht. Aber muss sich jetzt gleich eine ganze Nation an der Gewinnerin eines Schlagerwettbewerbs aufrichten? Es ist die Zeit von "Brot und Spielen" in höchster Vollendung. Was brauchen wir mehr, wenn wir medial perfekt eingeseift und weichgespült werden? Lena for Präsident vielleicht? (Da wurde gerade eine Stelle frei . . .)

... und vor uns haben wir das wochenlange "Sommermärchen-Teil 2-Gequatsche" namens Fußball-WM. Armes (öffentliches Medien-) Deutschland.

Samstag, 29. Mai 2010

Das kleine Glücksgefühl: Zehn Jahre in Irland


Im vergangenen Herbst verließ ein deutscher Freund mit seinen Kindern Irland und kehrte nach Deutschland zurück. Er konnte das Leben hier auf der Insel nicht mehr ertragen. Das Wetter, die Einsamkeit, die Menschen – alles war ihm zur Last geworden. Die Lösung schien in der Umkehr zu liegen.

Am Donnerstag dieser Woche kehrte ein anderer deutscher Freund nach einem einwöchigen Besuch aus Deutschland dorthin zurück, wo er seit fast 20 Jahren lebt: An die Atlantikküste von West Cork, Irland. Auf der Fahrt vom Flughafen Kerry über die Caha Mountains nach Hause empfand der Mann tiefe Gefühle: Hier gehöre ich hin, das ist der richtige Platz für mich. Hier ist es schön und lebenswert. Der Freund empfand Glück.

Gestern, am 28. Mai, erinnerte sich der Wanderer an den Sonntag vor genau zehn Jahren: Morgens um sieben Uhr fuhren vier Menschen und zwei Katzen in einem blauen Kastenwagen von der Fähre in Rosslare hinaus in einen neuen Lebensabschnitt. Es war ein sonniger und friedlicher Morgen. Er sollte der Beginn von zehn guten Jahren sein. Heute leben wir noch immer in Glengarriff, West Cork, in der Bantry Bay, am westlichen Rand Europas. Wenn ich vermessen sein darf: Ich wünsche mir zehn weitere gute Jahre in Irland – dem Land, in dem wir uns immer wohl und manchmal sogar ein wenig glücklich fühlen.   

Warum wir uns in Irland gut fühlen? Es gibt viele Gründe, ich werde sie in den kommenden Tagen einmal zusammenfassen. Einer davon ist dieser:


Freitag, 28. Mai 2010

Irischer Sommer – alle reden vom Wetter

Das Wetter bestimmt nicht nur das ländliche Leben in Irland, es dominiert auch die täglichen Gespräche, den Smalltalk. Die eher rhetorische Gruß-Frage: "Wie geht es?" (How are you?"), wird meist kurz beantwortet mit "Good" oder "Not too bad" und dann mit einem Kommentar zum Wetter gekontert: "Nice morning". Der Konter widerum wird erwidert mit einer Bestätigung des Wetterkommentars, etwa mit "Glorious morning". Danach wird dann das Wetter im Detail diskutiert, und so geht das eine ganze Weile hin und her, bis man endlich zur Sache kommt.

In diesen Tagen geht es im zwischenmenschlichen Austausch auf der Grünen Insel immer um den Sommer. Kein Wunder: Das Wetter ist anhaltend prächtig, wir genießen Sommerwetter vom Feinsten. Die einen äußern deshalb, dass ihre Erwartungen endlich eingetroffen seien: "Der Sommer ist nun endlich da" – wobei er eigentlich schon einige Zeit die Wetterlage bestimmt. Andere freuen sich einfach: "Das ist nun unser Sommer". Und Dritte treibt die Sorge um: "Hoffentlich ist das nicht schon unser Sommer". Diese Wetterdeuterfraktion plädiert für einen sommerlichen Juli und August, will einen Sommer im wahren Sommer und keinen "vorgezogenen" im Mai. Denn traditionell erwartet man in Irland alles Sommerliche vom August – dann, wenn  das Meer am wärmsten ist, wenn die Kinder noch Ferien haben und die Eltern auch.

Erstaunen jedenfalls löst das 2010er-Wetter derzeit bei vielen Inselbewohnern aus. So fragen sie sich und Gäste aus dem Ausland: " Hey, ist das wirklich Irland?" Soviel Sonne und soviel gutes Wetter am Stück gab es selten in den vergangenen Jahren. Ja, hey, das ist Irland.

Foto: Irland zieht blank, und die Pflanzen haben Durst. Das Vorgarten-Foto wurde gestern in Bantry, Co. Cork, aufgenommen.

Donnerstag, 27. Mai 2010

Irlands Eircom spielt den Internet-Sheriff

Hand aufs Herz: Haben Sie auch schon mal fremdes Eigentum an sich genommen? Also geklaut? Natürlich nicht, werden Sie denken. Wie kommt der bloß drauf? Zumindest manche Menschen, sie zählen weltweit einige Millionen, würden niemals einem anderen einen Gegenstand widerrechtlich wegnehmen. Wenn es aber um das fremde Eigentum in digitaler Form geht, sind die Hemmschwellen deutlich geringer: Die unsichtbaren, gewichtslosen und ziemlich schlanken Bits und Bytes etwa, die sich in Massen zu netten Musikstücken kombinieren: Wer hätte davon nicht auch schon einmal ein paar Millionen in Form von wohlklingendem Ohrenschmaus aus dem Web gesaugt?

Kostenlose Musik-Downloads gelten zwar als illegal, und doch immer noch weitgehend als Kavaliersdelikt. Das Filesharing hat auch nach über zehn Jahren Kampf und einigen großen Prozessen noch immer starke Standbeine im Internet. Das soll nun endlich anders werden, und ausgerechnet Irland, das Land in dem Gesetze besonders geduldig sind, will den weltweiten Vorreiter spielen. Die Eircom, mit 40 Prozent Marktanteil größter Internetprovider auf der Grünen Insel, wird der irischen Musikindustrie ab sofort die Steigbügel halten und Jagd auf die Musikpiraten im Land machen.

Ganz freiwillig geht die ehemalige Staats-Telekom nichts ans Werk, nach mehreren Gerichtsverfahren knickte Eircom schließlich gegenüber der "Irish Recorded Music Association (Irma) ein und liefert den hinter der INRA stehenden "Schallplattenfirmen" nun illegale Musik-Downoader ans Messer. Um sich nicht das Mäntelchen des gänzlich doofen Internet-Sheriffs umhängen zu lassen, spricht Eircom derweil von einer "rein pädagogichen Maßnahme": Die musikklauenden Übeltäter werden drei mal verwarnt, erst dann folgen ernsthafte Konsequenzen:  Ein Jahr Internetsperre soll jeder uneinsichtige Musikpirat bekommen. Auch wenn Internetzugang mittlerweile als Grundrecht des Menschen gilt – das Eigentumsrecht soll auf der Insel nun Vorrang bekommen.

Ob das was wird? Wer den traditionell inkonsequenten irischen Gesetzesvollzug kennt, mag es bezweifeln. In Kreisen der musikproduzierenden Industrie immerhin wird Irland nun als Musterknabe und als Künder einer neuen Zeit gefeiert. Voreilig wahrscheinlich.

Mittwoch, 26. Mai 2010

Irland - Land der Monster, der Riesen und der Mythen



"Tourism Ireland" hat heute ein neues Irland-Werbevideo online gestellt: "Irland - ein Land der Mythen und Legenden". Man merkt: Die Grüne Insel besinnt sich ihrer Wurzeln – nicht nur im Alltag, auch im Selbstverständnis und in der Selbstdarstellung. Dabei gelingt das Werben mit den alten Mythen und Fabeln mit einem fröhlichen Augenzwinkern.

Dienstag, 25. Mai 2010

Der frühe irische Sommer nimmt eine Auszeit


Irland im Wetterglück: Das waren Tage vom Feinsten – mediterrane Verhältnisse, Sommer, Sonne, 25 Grad. Nun verabschiedet sich der frühe irische Sommer fürs Erste, ein Temperatursturz von gut 10 Grad katapultiert die sonnenhungrigen Inselbewohner zurück in die Normalität. In den kommenden Tagen nähern sich die Temperaturen noch einmal bedrohlich der Frostgrenze – örtlich soll es nachts sogar Bodenfrost geben ( und Regen . . .)

Montag, 24. Mai 2010

Augen-Blicke: Irland for Sale


Country for Sale - Land zu verkaufen: Der Ausverkauf in Irland hält an :-)

Foto: Gesehen bei Quills Woolen Shop in Glengarriff West Cork.


Sonntag, 23. Mai 2010

Irlands Jahre der Wahrheit

Irland 2008-201x: Diese Jahre der Krise sind auch die Jahre der Wahrheit: Mit fast manischer Fixierung fordern die irischen Medien von den politisch Veranwortlichen derzeit Schuldeingeständnisse ein. Dieselben Personen, die auf ihrem großen Trunkenheitsritt dem dem Celtic Tiger auch noch die Sporen gaben und ihn mit politischen Fehlentscheidungen in den tödlichen Herzinfarkt dopten, sind heute noch immer in der politischen Verantwortung (nur Bertie Ahern war schlauer, der Rest hat einen Hauch von nordkoreanischen Verhältnissen: Kim Cowen forever?)

Während Finanzminister Brian Lenihan sein persönliches Mea Culpa mittlerweile abgeleistet hat, ziert sich der stets fehlerfreie Ministerpräsident Brian Cowen noch hartnäckig. Er räumte mittlerweile zwar ein, dass seine Partei dem Affen mächtig Zucker gegeben hat, er selber aber  – immerhin Finanzminister unter dem großen Vorsitzenden Celtic Tiger –  will eigentlich nichts falsch gemacht haben. Manchmal dauert es etwas länger, bis Märchen als solche entlarvt werden – und die Zeit der Wahrheit mag auch für Brian Cowen noch kommen.

Diese in der Geschichte des unabhängigen Staates Irland beispiellose Krise verändert den Blick der Menschen auf die Leistungen und Versäumnisse der sagenhaft anmutenden Wachstumsepoche, die als "Celtic Tiger" Geschichte geworden ist. Und dabei wird der Mythos vom keltischen Wirtschaftswunder und vom Modell Irland ("Vom Armenhaus Europas zum . . .") Stück für Stück neu bewertet. Einen beachtenswerten Beitrag zur Erklärung der Modell-Mechanismen lieferte jetzt die New York Times, die nachrechnete, dass die finanzielle Lage Irlands genauso schlecht ist wie die Griechenlands – wenn man nur ehrlich rechnet.

Um die Schuldenbelastung Irlands realistisch zu beschreiben, seziert die NY Times eine Herzklappe der Tiger-Wirtschaft: Das Jobwunder – neben dem Immobilienwunder der Motor der Boomwirtschaft – basierte zu einem beachtlichen Teil auf dem Prinzip einer geliehenen Wirtschaft. Irland lockte mit Billigsteuer und Privilegien erfolgreich Multinationals ins Land und bekam dafür Zigtausende Arbeitsplätze - leider aber kaum Steuereinnahmen.

Das rächt sich jetzt. Streng genommen sind 20 Prozent der irischen Wirtschaftleistung gar keine eigenen Leistungen, sie spielen sich in einem System im System ab, dessen Leistungs-Output jedoch fast komplett abfließt – vor allem in die USA. Der Staat nimmt kaum Steuern, die Profite fließen ins Ausland, nur die Arbeitsplätze sind real. Das Plädoyer, diese 20 Prozent von der Gesamtwirtschaftskraft des Landes abzuziehen, ist deshalb stichhaltig; und wer so rechnet, kommt zum nüchternen Ergebnis: Irland hat sich um den Aufbau einer eigenen mittelständischen Wirtschaft nie richtig gekümmert – und ist nun im Sturm der drohenden Staatsbankrotte von Schulden, denen kaum Einnahmen entgegenstehen, ganz besonders bedroht. Die protestierenden Griechen rufen gerne: "Wir sind nicht Irland". Möglicherweise haben sie unrecht.

Foto: Man nennt sie "den Schiss des Celtic Tigers" – die zigtausenden Bauruinen im Land, Häuser, die niemals fertiggestellt, niemals bezogen werden. Ruinensiedlung "Copper Point" in Schull. © Markus Baeuchle

Samstag, 22. Mai 2010

Irlands neuer Straßenatlas erhitzt die Gemüter

Der "Official Road Atlas Ireland 2010 - 2011" sorgt für Aufregung auf der Insel. Die Neuauflage der populärsten Landkartensammlung der Insel macht mit einigen derben und lokal-politisch hochinteressanten Fehlern auf sich aufmerksam:

West Cork mit den landschaftlich schönen Halbinseln Beara, Sheep´s Head und Mizen Head gehört dem neuen Straßenatlas zufolge zum County Kerry; das County Waterford hat kräftig ins Nachbar-County Kilkenny hinein expandiert und hat sich Inistioge oder Thomastown "unter den Nagel gerissen".

Im lokalpatriotisch hoch aufgeladenen Irland sorgten die Kartierungsfehler prompt für hitzige Diskussionen und für rote Backen beim Ordnance Survey, dem Herausgeber des Straßenatlas; zumal diese Fehler nicht gänzlich aus der Luft gegriffen  sondern Ausdruck diverser Wünsche und Begehrlichkeiten sind. Würde doch West Cork ganz gut ins Kingdom Kerry passen. Oder? Nicht?

Ein Sprecher der nationalen Kartographiebehörde versuchte die Fehler zwar als kleinere technische Mängel herunterzuspielen, die bei der nächsten Druckauflage  ausgebügelt würden, er räumte aber ein: "Das hätte uns nicht passieren dürfen, leider ist es uns durchgerutscht."

Zum Trost: Der Autofahrer, der den Atlas zum Navigieren benutzt, wird sein Ziel zumindest aufgrund der gebietspolitischen Unkorrektheiten nicht verfehlen. Und im Zeitalter von GPSen wird Papier ohnehin immer geduldiger. Und vielleicht werden die 100.000 verdruckten Atlas-Exemplare ja sogar begehrte Sammlerstücke - als kartographische Fehlfarben.
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Freitag, 21. Mai 2010

Wie fühlt es sich an, ein Katholik in Irland zu sein?

Heute frühmorgens aus einem fiebrigen Alptraum aufgewacht: Mir war, ich wäre katholisch – und meine Felle des Glaubens weit flussabwärts, davongeschwommen. 



Dieser Gedanke blieb: Wie fühlt es sich in diesen Tagen eigentlich an, ein irischer Katholik zu sein (oder ein deutscher)? Ist der Glaube erschüttert, sogar zerstört – oder nur der Glaube in die Institution Kirche. Schämt sich ein irischer katholischer Christ in diesen Tagen für seine Kirche, leidet die Katholikin unter inneren Verheerungen, ist ihr Seelenfrieden bedroht?

Die katholische Kirche, einst mächtigste Bastion im Land, die die meisten Menschen im eisernen moralischen Würgegriff hielt, ohne sich an die propagierten Regeln zu halten – diese katholische Kirche hat in Irland ihre besten Tage hinter sich. Und doch: Für lange Zeit wird sie auf der Insel ein wichtiger Machtfaktor bleiben. Die dem Gestrigen verpflichteten schwarzen Netzwerke funktionieren weiter, die institutionalisierte Macht lässt sich nicht einfach abstellen. Selbst der Erzbischof von Dublin bekommt bisweilen Angst vor seiner eigenen Institution: Er sprach kürzlich von "starken Mächten" innerhalb der Kirche, die die ganze Wahrheit über klerikale Verbrechen unterdrückten.

Wie fühlt man sich als Katholik in Irland, ein Jahr, nachdem die neuen Enthüllungen des Ryan-Reports über vielfältige, systematische institutionelle Verbrechen an Kindern der Kirche einen entscheidenden Schlag versetzt haben? Wie nimmt man die Reaktionen der an ihren gepolsterten Stühlen klebenden Kirchenfürsten auf, wie die Verteidigungsversuche des nicht zu Verteidigenden?

Wie kommt an, dass die Kirche nicht davor zurückschreckt, die Gemeinden um die Begleichung der Rechnung zu bitten, wie wirkt es, wenn Priester einen Teil der Entschädigungszahlungen für Opfer der von Priestern und Brüdern begangenen sexuellen Gewalt von Liam und Leanne eintreiben wollen?

Wie fühlen sich Mütter und Väter, wenn sie ihre Kinder morgens zur Grundschule fahren und sich bewusst sind, dass 92 Prozent der 3000 National Schools in Irland bis heute vom Bischof kontrolliert und vom örtlichen Pfarrer geführt werden? Was dachten diese Eltern wohl gestern, als bekannt wurde, dass diese katholische Kirche von den Grundschulen künftig pro Jahr zwei Millionen Euro für Verwaltungsdienste kassieren will?

"Vogelseidank" bin ich aus dem katholischen Traum rechtzeitig aufgewacht – und weiß nun nicht, wie ich mich als Katholik bei all dem gefühlt hätte. Als bekennendes Nicht-Miglied abseits der christlichen Clubs allerdings denke ich: Die institutionelle Macht der katholischen Kirche in Irland muss systematisch an Gesellschaft und Staat übergeben werden, um der Kirche den Raum zu gewähren, sich auf die Erneuerung ihres spirituellen Kerns zu konzentrieren und die Diktatur der alten lebensfeindlichen Männer von innen heraus zu beenden.  


Das heißt zum Beispiel: Anstatt die Kirche für die Verwaltung der Schulen im Land zu bezahlen, sollte eine schnelle Trennung von Kirche und Schulen angestrebt werden. Die Zeit ist reif, um die Schulen endlich aus dem Klammergriff der Agenten einer ausländischen Diktatur mit Sitz in Rom zu befreien. Immerhin sind die Schulen die wichtigste Resource für die Zukunft Irlands, und die sollte man nicht leichtfertig auch nur einen Monat zu lange den Rückwärtsgewandten ausliefern.

Donnerstag, 20. Mai 2010

Irische Demokratie live: Wenn der Blow-in mit dem Local

In der schönen Dunmanus Bay im Südwesten Irlands soll eine große Lachsfarm entstehen. Wie in diesem Blog ausführlich berichtet, versucht sich ein norwegischer Fischereimulti in den Buchten von Cork und Kerry festzusetzen, um dort in riesigen Containern "original irischen Lachs"  für die Feinschmecker-Mägen dieser Welt zu züchten.

Seitdem die Pläne von Marine Havest bekannt wurden, regt sich Widerstand am Sheep's Head und am Mizen Head, in Durrus, Kilcrohane und in Ahakista. Denn Lachszucht ist ein schmutziges Geschäft.  Ökonomisch wie ökologisch. Das Internet macht es möglich: Die Menschen im ländlichen Irland sind gut informiert, welche Schäden Umwelt, lokale Wirtschaft und Menschen erleiden können, die breite Ablehnung verwundert deshalb nicht und gipfelt in ganz zeitgemäßen Protest-Methoden: Wer die Kampagne gegen das Lachszucht-Projekt unterstützen will, kann auf der Website www.dunmanus.com diese Online-Petition unterzeichnen:

"Please sign to indicate your support for preserving and protecting the Dunmanus Bay as a natural habitat for marine life, sustainable fishing, and enjoyment by locals and tourists as a place of natural beauty."

Auf der Website kann man die Ernsthaftigkeit seines Protests auch mit einer Spende unterstreichen und sich ausführlich über die Diskussion in der Dunmanus Bay informieren. Auch Urlauber, Irland-Fans oder Sympathisanten aus dem Ausland können die Petition zeichnen. Soweit so gut, aber: Im Lager der Lachsfarm-Gegner wird an einer zweiten Front gekämpft. Es geht um die Frage, wer das Recht hat, den Protest zu führen, zu begleiten und zu unterstützen. Es geht auch darum, ob Blow-ins die gleichen Rechte haben wie Locals, ob ein Zugereister genauso eine Stimme hat wie ein Einheimischer. Der schwelende Konflikt rührt an die alte demokratie-theoretische Frage, ob sich das Recht auf Mitsprache an einem bestimmten Ort von der jeweiligen Verweildauer an diesem Ort ableitet.

Hat also ein alteingesessener Dunmanus-Ire, dessen Familie seit 30 (100?) Generationen am Ort lebt, dort mehr zu sagen und zu bestimmen als einer, der erst seit 2 Generationen dort lebt – und dieser mehr als ein zugereister Dubliner, der seit 10 Jahren dort lebt, und dieser widerum mehr als ein zugereister Holländer, der erst seit 2 Jahren dort lebt? Und der mehr als ein deutscher Ferienhausbesitzer?

Die theoretische Antwort ist einfach und klar: Nein. Nein. Nein. Wir alle haben gleiche Rechte. Doch interessanterweise ist das Leben auch auf dem Land in Irland so herrlich untheoretisch. Eine anschauliche Lektion in praktischer Lebensführung erteilte dem Wanderer vor Jahren eine irische Bäuerin: Sie ereiferte sich über die "Frechheit" ihrer irischen Nachbarin, ihre Meinung so offen kund zu tun. Warum das nicht geht, wusste die Bäuerin klipp und klar zu begründen: "Die da kam erst vor 38 Jahren hierher. Ich aber bin schon seit 42 Jahren hier." Dem Wanderer, Aufenthaltsdauer damals 2 Jahre, wurde schlagartig die Nichtigkeit seiner Existenz vor Augen geführt.  

Hat also der Local mehr Rechte als der Blow-in? Theoretisch: Nein. Praktisch: Schon. Und muss der Blow-in das akzeptieren? Muss er natürlich nicht. Es kommt nur darauf an, wieviel Ärger, Arbeit, Anfeindung und Unannehmlichkeit er sich aufladen will. Den Blow-in-Status kann übrigens schon jemand für sich beanspruchen, der vor 25 Jahren aus dem nächsten Dorf zugezogen ist. Tendenziell aber verschärft sich der Status umgekehrt proportional zur Verweildauer und recht proportional zum Grad der Verschiedenheit.

Deutsche Auswanderer in Irland (genauso wie Schweizer und Österreicher) bemühen gerne Sätze wie: "Wir haben uns da nicht einzumischen", "Die Veränderung muss von innen kommen, die Revolution auch", oder "Das ist doch eine interne Angelegenheit der Iren". Diese gemütlich-resignative Geisteshaltung lässt dreierlei außer acht:
1. Theoretisch: Wir alle haben - zumindest als Europäer - formal gleiche Rechte. Praktisch: Für gleiche Rechte muss man sich tagtäglich neu einsetzen – sie sind nicht gottgegeben, auch andernorts übrigens nicht.
2. Meistens ist es vor allem eine Frage des Stils, ob die Platzhirsche den Fremden Raum gewähren und sie akzeptieren. Das faire Gespräch auf Augenhöhe hilft zumeist. Gutsherrenart, Egomanie und Jägerzaunbauerei kommen genauso wenig an wie Arroganz, Besserwesserei und Übermenschentümelei ("I am made in Germany").
3. Der Blow-in hat einen großen strategischen Vorteil: Er ist wenig bis gar nicht in das System der örtlichen sozialen Kontrolle eingebunden und genießt dadurch großen Freiraum, auch Narrenfreiheit genannt. Es ist auch vielen Locals im Zeitalter der Mobilität nicht verborgen geblieben, dass der Weg zur Veränderung oft über die Außenseiter, die "Narren" führt: Diese können an Dingen rühren, an die sich kein Hiesiger trauen würde. Deshalb: Lasst Euch mit Verstand gebrauchen und benutzen!

Am Ende muss jeder, ob Einheimischer oder Hereingeschneiter, für sich entscheiden, ob er oder sie sich mit den Zielen und den Methoden einer "Bewegung" oder "Bürger-Initiative" identifiziert, welche Mittel man zur Hand hat und wie groß der eigene Einsatz sein kann.

In Fragen des Umweltschutzes und des ökologischen Verständnisses jedenfalls rückt die Welt immer enger zusammen. Imformation hilft: Wo sich ortsfremde "Öko-Krieger" vor 15 Jahren noch vollkommen erfolglos aufrieben und sich allenfalls den kollektiven Zorn der Bevölkerung einhandelten, da verfügt dieselbe Bevölkerung heute über viele gute Informationen und macht sich längst ein eigenes Bild.

Im Fall "Dunmanus Bay" – und das macht Hoffnung – wird der beschriebene Konflikt deshalb bereits auf einer Meta-Ebene ausgetragen. Es geht auch darum, wer den Umweltschutz in der Bucht "erfunden" hat. Der Wanderer hatte sich mit folgender Passage bei einigen Alt-Dunmanianern unbeliebt gemacht, weil sie den Erfolg früherer Öko-Kämpfe für sich beanspruchen:

"Die Dunmanus Bay jedenfalls hätte den Schutz der dort heimischen Menschen nötig. Bislang, so sagt ein Engländer in Kilcrohane hinter vorgehaltener Hand, waren es vor allem die "Zugereisten" ("Blow-ins"), die sich für die Natur in der Dunmanus Bay stark gemacht haben. Dieses Mal aber habe er das Gefühl, dass das Lachszucht-Projekt vielen "Locals" unter die Haut gehe. Und tatsächlich ziehen Einheimische schwer über "die Eindringlinge" her, die "den armen Fischern im Dorf" die Lebensgrundlagen zerstören wollen. Ob aus dem Klagen organisierter Protest wird?"


Der Wanderer gesteht: Er freut sich sehr, wenn der zitierte Engländer Unrecht gehabt hat; und er freut sich umso mehr, wenn der sich organisierende Protest ein gemeinsames Lager formt und an einem Strang zieht, um erfolgreich zu sein. Man hat allen Grund dazu, der Gegner ist stark genug. Hier geht es zur Petition: Wie gesagt, jeder hat das Recht, sie zu unterzeichnen.


PS: Das Foto zeigt Woody Allen als Zelig in der Metamorphose eines Indianers (Zelig, 1983).

Mittwoch, 19. Mai 2010

Der "Paddy-Rabatt": Irland wirbt um die Diaspora

Nationalismus und Patriotismus haben in wirtschaftlichen unruhigen Zeiten Hochkonjunktur – jetzt will die irische Regierung mit der Auslösung patriotistischer Reflexe auch noch richtig Geld machen und den Tourismus auf der Insel einen gewaltigen Push nach vorne geben: Irischstämmige Touristen sollen bald einen "Irish Discount" erhalten, wenn sie die alte Heimat besuchen.

Der "Paddy-Rabatt" ist kein Scherz: Außenminister Micheál Martin lässt gerade Pläne für die Einführung einer Rabattkarte für Touristen mit irischen Banden ausarbeiten. Wer also irische Wurzeln sein eigen nennt und diese auch noch nachweisen kann (Vorsicht, Bürokratie!), soll künftig an den Cliffs of Moher, in King John´s Castle (Limerick, Foto) oder in Bunratty Castle einen ansehnlichen Iren-Rabatt bekommen – gewissermaßen als Ausgleich dafür, dass er oder sie keinen irischen Pass und keine Bürgerrechte bekommen kann. Vielleicht auch als Ablass dafür, dass die Grüne Insel ihre Söhne und Töchter wieder vermehrt in die Welt schicken muss, damit sie "in der Fremde" eine Lebensgrundlage suchen, die ihnen die Heimat nicht bieten kann.

Die Liebeserklärung an die auf 80 Millionen Menschen weltweit geschätzte irische Diaspora ist leicht zu durchschauen: Alleine 45 Millionen US Amerikaner berufen sich - meist mit inbrünstigem Stolz – auf ihre irische Herkunft. "Nur" drei Millionen US-Iren haben auch die irische Staatsbürgerschaft – viele der über 40 Millionen anderen Iren-Amis würden eine "Irish Disount Card" deswegen stolz in ihrem Portemonnaie tragen – und viele würden sie auch vor Ort ("at home") einsetzen wollen.

Der irische Touristen-Pass könnte an alte Traditionen anknüpfen: Er rettet die verarmende Heimatinsel. Einmal mehr beschwört Irland seine Diaspora, wie immer in schweren Zeiten. Dass es künftig Touristen erster und zweiter Klasse auf der Insel geben soll, ist dabei nur ein hässlicher, kleiner Nebeneffekt, der sich hoffentlich unter all den Gästen, die das grüne Band der Abstammung nicht flechten können, nicht herumspricht.

Also: Psst! Oder mal nachschauen, ob sich im eigenen Stammbaum nicht doch irgendwo noch grünes Blut auftreiben lässt.

Dienstag, 18. Mai 2010

Deutscher Alptraum – und der Ire ist an allem schuld

Der Untergang des Celtic Tigers in Irland hat nicht nur irische Opfer gefordert. Auch manche Deutsche, die in den fetten Jahren auf die Insel zogen, um hier ein besseres, reicheres oder beruflich lohnenderes Leben zu finden, betrachten sich heute als gestrandet – die einen ohne Job mit einem bedrohlich hohen Hypothekenkredit auf dem Buckel, die anderen mit sinkenden Einkommen, einem Leben im Mietshaus, mit Monster-Jeep, Boot und manch anderem einst teurem Schnickschnack. Hier und dort hat sich der Ausflug ins Auswandererleben nicht ausgezahlt und nicht gerechnet.

Dass Auswandern nicht immer die gewünschten Ergebnisse bringt,  spricht nicht gegen das Auswandern. Leben ist immer lebensgefährlich – und vielen Deutschen, die brav daheim geblieben sind, blieb ein derartiges Schicksal auch in Bochum oder Ibbenbüren nicht erspart. Interessant ist allerdings, wie besagte Aus-Wandervögel nun mit dem Schicksal hadern und die Welt an ihrem Leid teilhaben lassen. So liest man im Internet derzeit manche selbstmitleidige Zeile, die die Schuld für das Scheitern bei allem und jedem sucht - nur nicht in den eigenen Motiven und Entscheidungen. Foren, Blogs und Facebook-Einträge sind voll davon.

Mal sind es die Iren und Irinnen, die sich ständig derart "daneben benehmen", dass die Autoren des Scheiterns sie am liebsten kollektiv außer Landes schicken möchten. Mal ist es dieses grässliche Land Irland, diese Insel des Grauens, auf der das eigene Leben einfach nicht gelingen mag. Manchmal sind es sogar die ungeliebten Mit-Deutschen, denen der ganze Zorn der Frustrierten gilt. So deuten die geplagten Seelen mit dem Zeigefinger auf andere – und gleichzeitig mit drei Fingern auf sich selbst.

Dass wir diesen Psycho-Exhibitionsimus heute auch als völlig Unbeteiligte miterleben, ist dem Internet und diversen Push-Diensten zu "verdanken", sowie zwei modernen Phänomenen der überbordenden Mediengesellschaft:

1. Wer kann, der darf – und wer nicht umso mehr.
2. Jeder blamiert sich selber so gut er kann.

Die Schwäche des Internets macht aber zugleich seine Stärke aus: Die nächste Webseite ist immer nur einen Klick entfernt.

Montag, 17. Mai 2010

Der Wind über Irland hat sich gedreht


Crows don´t need a weatherman to know from where the wind blows. Diese Krähe will trotzdem ganz sicher gehen und konsultiert den Windzeiger auf dem Turm von Parknasilla, Kerry. Das Wind-Pferdchen trabt nordostwärts – dorthin wird nun auch die Vulkan-Aschewolke getrieben, die sich gestern abermals über Irland und Teile Großbritanniens geschoben hat. Für die nächsten 48 Stunden sollte der irische Lufttraum zumindest offen bleiben.

BMW-Fahrer galten als Straßen-Rüpel Nummer eins


Deutsche Männer gelten einem wahren Vorurteil zufolge als traditionell auto-verrückt bis auto-bekloppt. Ein guter Teutone, der keine emotionale Bindung zu seinem Heiligsblechle aufbauen kann, gilt schnell als verhaltensgestört. Doch auch in Irland hat die Automobil-Hysterie in den vergangenen Jahren dramatisch zugenommen. Mit dem Geld kam die Auto-Verliebtheit. Seit dem Milleniumswechsel war ein ständig zunehmender Run auf nagelneue und möglichst teure Autos zu beobachten. Autoseiten hielten Einzug in die Zeitungen, Auto-Magazine wurden zu Verkaufsrennern auf der Insel. Dann kam die Rezession und der Automarkt brach fast zusammen– das Auto lieben Irinnen und Iren dennoch heiß und innig.

Über das Wochenende diskutierten die mobilen Insulaner im Pub mit Inbrunst eine britische Umfrage, die mit der Absicht aufgelegt worden sein muss, den Wort-Krieg an den Theken aufzuheizen: Diese von den Medien genüsslich ausgebreitete Studie eines britischen Online-Gebauschtwagenhändlers fand heraus: "BMW-Besitzer sind die schlechtesten Autofahrer". Sie gelten beim fahrenden Publikum auf der großen Nachbarsinsel als unkonzentriert, unaufmerksam, als aggressiv, rüde, als zu dicht auffahrend. BMW-Fahrer genießen also das Image des perfekten Verkehrs-Rowdies. Platz zwei und drei des Rankings "Schlechteste Fahrer" geht an Ford- und Volvo-Piloten.

Doch auch hier gilt der alte Satz: "Andere Länder, andere Straßen-Rüpel". Wie sonst wäre zu erklären, dass die ungeduldigen Audi-Raser und die lichthupenden Mercedes-Drängler auf den Britischen Inseln keinen der vorderen Plätze für sich beanspruchen können?

Sonntag, 16. Mai 2010

Die glücklichen Kühe vom Toe Head, Irland


"West Cork Gold": Wenn Kühe Glück empfinden könnten – diese Kühe am Toe Head bei Skibberreen, Irland, müssten heute glücklich gewesen sein. Ein warmer, sonniger, fast windstiller Maitag, mit der Großfamilie auf der saftigen Weide hoch über dem Atlantik mit Blick auf  die Stags und den sich sachte biegenden Horizont. Was will kuh eigentlich mehr?

Das Wort zum Sonntag – eine Frage nur . . .


Der Evangelist Johannes wird mit dem Satz zitiert: "Gott ist ein Geili" (Joh. IV.24, siehe Kirchenportal). Weiß jemand, was dies bedeutet? Wir mussten lernen, dass allzu viele irdische Stellvertreter des großen Chefs  – besonders die in Irland, Deutschland oder Amerika –  allzu geili sind. Aber Gott? Mein Gott?!?

Samstag, 15. Mai 2010

Camping in Irland – preiswert und trendy

Steht das Camping in Irland angesichts stagnierender und abnehmender Real-Einkommen vor einer Renaissance? Die Campingplätze auf der Insel klagten in den vergangenen Jahren über ständig abnehmende Gästezahlen. Campsites im Südwesten berichten von einer Halbierung innerhalb weniger Jahre, Schuld sei wohl das Wetter meint man. Tatsächlich weist die Statistik von 2000 bis 2008 für die Republik Irland die Halbierung des Geschäfts mit Camping-Gästen aus dem Ausland aus. 2009 allerdings stieg die Zahl der Camper und Caravan-Urlauber im Jahresvergleich gegen den allgemeinen Trend wieder um fast 20 Prozent an (gerechnet in Übernachtungen).
Stärkt die Wirtschaftskrise nun den jungen Trend zu Zelten, Wohnwagen und Wohnmobilen? Eingefleischte Camper würden das glatt verneinen, halten sie Camping doch für einen Lebensstil – und nicht für das Synonym von Billig-Urlaub.

PS: Wer einen Camping-Urlaub in Irland plant, ist auf Camping Ireland richtig.

Freitag, 14. Mai 2010

Sind wir nicht alle Che oder JFK in einem Film namens Wirklichkeit?

Vor ein paar Tagen stürmte ein Grüppchen linker Iren das Tor des irischen Parlaments in Dublin und lieferte sich in eine Schlägerei mit Polizisten. Aufstand? Revolution? Das nahende Ende des Kapitalismus? Der Kolumnist John Waters hat sich in der Irish Times seine Gedanken über das Phänomen gemacht und gibt dem Gewalt-Theoretiker Slavoj Zizek Recht: Der Ausbruch der Gewalt auf der Straße ist eine Antwort auf die versteckte Gewalt, die die Gesellschaft zusammenhält, so etwas wie die Dramatisierung der Ohnmacht.

John Waters sieht die politische Kultur des Landes (und wahrscheinlich der westlichen Welt) eingefroren auf dem Stand der späten 60er Jahre. Er-leben wir derzeit, einem Filmpublikum gleich, die schale Wiederholung einstmals inspirierender Augenblicke des vergangenen Jahrhunderts? Waters zumindest beschreibt sinnlose Medienrituale und Simulationen, die am Ende nur sicher stellen, dass "systemweise" alles beim Alten bleibt:


"I have this odd feeling of late that everything is being acted out as a reprise of some inspirational moment from deep in the last century. Half of those who address us want to be Che, and the remainder JFK. Each development in the public lives of our societies becomes like a movie in which everyone becomes infused with a sense of what “should” happen, ie what would happen if it really was a movie. The media whip this up for all its worth, unleashing massive collective disappointment when it emerges that, actually, it’s the same plot as last time and drifting again in the same direction.
Laut Waters sind wir alle entweder "Che" oder "JFK". Helden in einer Filmwiederholungsschleife.

Although we live in an advanced capitalist society, in which psychology is far more important than ideology, our political culture remains frozen somewhere short of 1970. Although the real divisions are now to be located within the torn, paradox-ridden heart of the individual, we still describe things in terms of “us” and “them”. Although our market culture conditions us to lionise and covet private property, our public discussions seem simultaneously to hold that wealth somehow rightly belongs to everyone. And, although welfare and other radical forms of redistribution have unleashed a statist monster that now threatens to throttle the life out of the individual, we find, while the “have-nots” are utterly uninterested in left-wing ideas, a ludicrous pseudo-socialism persists among the “haves”, more and more of whom employ the “most vulnerable” as human shields to protect their own stashes of loot."

Der "Gegen-den-Stromschwimmer" Waters teilt auch gegen die eigene Zunft, die Medien und Journalisten aus: Eigentlich müsste die Wirklichkeit dieser Jahre den Medien hoch-interessantes Material liefern, sie müssten beschreiben, was sich wirklich ereignet. Statt dessen aber sieht John Waters nur Versagen: "Drehbuchschreiberei der allerschlechtesten Qualität".

Könnte sein, dass der Kolumnist Waters den Geist der Zeit ganz gut erfasst?  In Zeiten rapiden Wandels haben wir Menschen nicht viel mehr im Arsenal als die alten Antworten und Strategien, mit denen wir allzu wenig ausrichten.




Quelle:http://www.irishtimes.com/newspaper/opinion/2010/0514/1224270369918.html

Donnerstag, 13. Mai 2010

Ein Tag in Bildern – Photos of a Day vom 12. Mai in Irland

Irland im Mai. Heute ist der 12. Tag des Frühlings-Monats. Menschen aus vielen Teilen der Welt fotografieren immer am Zwölften 12 Motive aus ihrem eigenen Alltag und veröffentlichen die Fotos auf ihren Blogs. "12 aus 12", oder "12 of 12" wurde von Chad Darnell, einem Drehbuchautor aus Los Angeles, USA, im Jahr 2006 erfunden und in dessen Blog hochgepäppelt. Die Idee ist einfach und nett: Wer mitmachen will, zeigt zwölf Motive aus seinem Tag, in diesem Fall dem 12. Mai. Danke, Chad, für die Idee und den Einsatz.
Chad, thanks again for this great idea and for parenting the baby so successfully. I would love to see you not giving it up.
Die Casita im italienischen Garten von Garinish Island - Gerüchten zufolge soll sie im Jubiläumsjahr renoviert und für Besucher geöffnet werden.
The Casita in the Italian Garden of Garinish Island - rumor has it the Casita will be refurbished and opened for the public soon.


Mein Tag stand im Zeichen von Garinish Island, der Garteninsel in der Bucht von Glengarriff, die in diesem Jahr 100. Geburtstag als Garten feiert. Die Recherchen zur Sozial-Geschichte der Insel im englisch-irischen Spannungsfeld des frühen 20. Jahrhunderts dauern an.
My working day was dominated by Garinish Island, the famous Garden Island in Glengarriff Harbour, Ireland. The Island is celebrating Centenary as a garden in 2010.  


Heute genoss ich das Vergnügen, im offenen Boot die Bucht zu erkunden. Kevin Ger O'Sullivan nahm mich in der Lady Ellen mit auf Tour und zeigte mir die historischen Stätten von und um Garinish Island.

Today I enjoyed a boat trip with Glengarriff boatman Kevin Ger O'Sullivan. He took me out in the "Lady Ellen" to show me the historic places of interest around Garinish Island.


Kevin ist seit 50 Jahren Bootsmann in Glengarriff. Im Alter von zwölf Jahren fing er an, seinen Vater Eamon im Fährverkehr zwischen Festland und Insel zu unterstützen. Damals war alles einfach – heute geht auch in Irland ohne komplizierte Sicherheitsbestimmungen nicht mehr viel: Ohne Schwimmweste kein Fährbetrieb. Im Hintergrund Garinish Island.

Kevin has been working as a boatman for 50 years. At the age of twelve he joined his father Eamon ferrying people between mainland and island. 


Die frisch gestrichene Lady Ellen - sie wurde vor 18 Jahren in Caherdaniel gebaut – nimmt Kurs auf Garinish Island. Schon vor 100 Jahren, als die karge Felseninsel kultiviert und bebaut wurde, fuhren die Boote vom Ellen´s Rock an der Straße nach Castletownbere ab.

Freshly painted Lady Ellen - built 18 years ago in Caherdaniel - is approaching Garinish Island from Ellen´s Rock at the Castletownbere Road.


An diesem Ort, bekannt als "Out from the Duck" wurden traditionell die Arbeiter zur Überfahrt nach Garinish Island abgeholt. In den Gründerjahren 1911 bis 1914 arbeiteten über 100 Iren auf der Insel, um Gebäude und Gärten anzulegen. Später waren es immer acht bis zehn Mann, die täglich mit dem Boot zur Gartenarbeit nach Garinish fuhren.

"Out from the Duck" was the traditional location where workers entered the boats to be ferried over to the island. In founding years 1922 - 1914 more than 100 Irish people worked on the island to create gardens and buildings for the british Bryce family, who bought the island from the British War Office in 1910.


Dieser heute vom Ginster vollends eroberte Streifen Land auf dem Festland gegenüber von Garinish Island zählt bis heute zur Insel, die nach der Schenkung durch die Familie Bryce im Jahr 1954 dem irischen Volk gehört. Vor Jahrzehnten weideten dort die Kühe, in den Büschen ist noch der alte Stall zu erkennen. Die Kühe wurden auch zur Weide nach Garinish Island gebracht – dafür mussten sie hinter dem Boot herschwimmen.

Gorse has taken over what once was pasture land on the mainland, belonging to the island estate. Cows had to swim across to enjoy weeks of grazing out on Garinish. 


Wir betrachten das von Harold Peto entworfene Medici House im italienischen Garten von Garinish aus ungewohnter Perspektive.

A view of Harold Peto´s Medici House in Garinish´s Italian Garden.


Wir sehen die alte Anlegestelle im Nordosten der Insel - dem Teil, der den Besuchern heute leider vorenthalten wird. In diesem Teil der Insel befindet sich das in der Bildmitte erkennbare Cottage, das zur Zeit der Volkszählung 1911 - neben einer Wehranlage mit Turm – das einzige Wohnhaus der Insel war. In dem Cottage wohnte die Familie Sullivan, die Witwe Mary mit vier Söhnen. Was mit ihnen geschah, als das britische Ehepaar Bryce im Jahr 1911 die Insel übernahm, ist noch nicht gänzlich geklärt.

We approach the old pier in the northeast of the island. This part is closed off for the public. In this part the old cottage of an Irish family, the Sullivans, is situated. In 1911 widow Mary Sullivan and her four sons lived in this farm house. What happened to them, after the Bryces had arrived in 1911 and declared the island their paradise?


So sah das Cottage der Sullivans im Jahr 1905 aus. Rechts davon ließen die Bryces bald den Ostgarten anlegen, der als der schönste Garten der Insel galt. Er ist genauso abgesperrt, sich selbst überlassen und fast verschwunden.

An early photo of the Sullivan Cottage taken in 1905 - above it the Martello Tower that had been built in 1810. To the right of the cottage the Bryces soon would build the East Garden, what was said to have been the most beautiful garden of the island.


Dort sieht es heute leider sooooo aus. Keine Spur mehr vom alten Garten.

Today you may well find some traces of the lost beauty . . .


Im abgeriegelten Nordostteil liegt auch das alte Gärtner-Cottage (Archivbild), das die Bryces eigentlich für die leitenden Angestellten bauen ließen, in dem sie am Ende aber selber wohnten, nachdem Ihnen im ersten Weltkrieg ein Großteil des Vermögens abhanden gekommen war. Das Gardener´s Cottage ist ein wichtiges Kulturdenkmal der Bantry Bay  – das Office of Public Works, das Garinish Island verwaltet, hält es allerdings eisern unter Verschluss und verbietet jeglichen Zugang ("Nooo Way!"). Es verdichten sich die Anzeichen, dass das Gebäude in seiner Substanz stark gefährdet ist und dass wichtige zeitgeschichtliche Dokumente im Haus bald unwiderbringlich verloren sein werden.

In the closed off northeastern area of Garinish Island you could find the old gardener´s cottage (archive photo above), an important part of the local heritage of Bantry Bay. The Office of Public Works (OPW), who is administrating the island takes great care in keeping visitors away from the cottage. There are indications that the house and its remarkable interiors are in decay, maybe soon lost forever. The cottage was home to remarkable free spirited Violet Bryce, her son Roland L' Estrange Bryce, to famous head gardener Murdo Mackenzie and the island´s last inhabitant, caretaker Maggie "The Island" O'Sullivan.


Und so sieht Garinish Island, die Insel, die den Menschen von Irland gehört, von oben aus - die Aufnahme hängt im Schaufenster eines Gebrauchsgrafikers in Bantry, West Cork. Gut sichtbar rechts oben der gesperrte Bereich im Nordosten.

This is an aerial view of Garinish Island - seen today in a shop front in Bantry. Hope you all come to Garinish Island to celebrate "100 Years A-Growing"

Mittwoch, 12. Mai 2010

Angriff auf Parlament und Irlands bankenfreundliche Politik

Wenn aufgebrachte Griechen in Athen die Fetzen fliegen lassen, rufen sie manchmal "Wir sind nicht Irland". Das irische Volk gilt derzeit als vorbildlich im Ertragen und Akzeptieren der ihm auferlegten Lasten. Gerne wird Irland derzeit als Musterknabe unter den Finanzschurkenstaaten der PIIGS-Gruppe gelobt und gehätschelt. Tatsächlich aber klingt es wie Pfeifen im Walde, wenn die Vernunft der Irinnen und Iren überschwänglich beschworen wird.

Gestern nacht nun platzte auch einigen Inselbürgern der Kragen. Aus einer Demonstration gegen die bankenfreundliche Regierungspolitik heraus starteten sie eine Attacke auf das irische Parlament in Dublin und versuchten das große Tor zum Leinster House (Foto: Wikipedia) zu stürmen. Es kam zu Schlägereien mit der Polizei, einige Beteiligte wurden offensichtlich verletzt (Foto unten: RTE)

Der Gewaltausbruch vor dem Parlament wird von den irischen Medien bislang auffallend klein gespielt. Ist es verantwortungsvolle Berichterstattung oder die Angst vor einer Eskalation der Gewalt? Wie groß die Wut der Menschen auf die Banken und auf eine Regierung ist, die nutzlose und tatsächlich system-irrelevante Banken wie die Anglo Irish Bank mit etlichen Milliarden füttert, um gleichzeitig für 2011 weitere drei Milliarden Euro EInsparungen im Staatshaushalt anzukündigen –  wie große diese Wut ist, lässt sich schwer einschätzen. Schon jetzt geht wenig im Staate Irland, wenn man vom Staat redet. Wieviel mehr lassen sich die geduldigen Insulaner noch aufbürden und abknöpfen? Die Stimmung ist schlecht, manche sagen, sie ist gereizt.

Vorbeigeschaut: Die neue Facebook-Seite von Garinish Island, Irland

Dienstag, 11. Mai 2010

Mizen Head: Erste Photos vom Brücken-Neubau


Waghalsige Arbeit über dem Abgrund und Ingenieurskunst vom Feinsten: Die Bogenbrücke am Mizen Head, das Wahrzeichen Südwest-Irlands, wird pünktlich zum 100. Geburtstag komplett erneuert. Die Arbeiten zum Bau einer neuen Brücke zur alten Signalstation laufen auf Hochtouren. Noch in diesem Jahr, zum 100. Geburtstag, soll die Brücke fertig werden. Die Konstruktion wird der bestehenden Brücke gestalterisch nachempfunden, sie soll aber breiter gebaut werden. Genau genommen werden die neuen Träger außerhalb der bestehenden Brücke gebaut, bevor die altersschwache Konstruktion abgerissen wird.


Die 52 Meter lange weiße Bogenbrücke, die über einen 45 Meter tiefen Abgrund hinwegführt und die für nicht schwindelfreie Besucher immer eine Herausforderung darstellt, war in den letzten Jahren zunehmend baufällig geworden und musste mit einem Gerüst gestützt werden. Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts galt der Bau dieser Konstruktion als Sensation: Es war eine der ersten Stahlbetonbrücken in Irland und die längste auf den Britischen Inseln. Die gefährlichen Bauarbeiten dauerten von 1908 bis 1910.


Der Mizen-Head-Kooperative, der 600 lokale Anteilseigner angehören, ist es mit einem großen Kraftakt nach mehren Anläufen gelungen, die Finanzierung für das Brückenprojekt zu sichern: Die Rede ist von einer Million Euro Baukosten. Angesichts der Höhe der Investition bangte das Besucherzentrum am Mizen Head einige Jahre lang um seine Zukunft. Denn ohne Brücke wären die Signalstation, das Leuchtturm-Museum und die herrliche Aussichtsplattform auf den offenen Atlantik und die bizarre Felsenküste, nicht mehr erreichbar.


Die Bauarbeiten liegen im Zeitplan, im November wird die neue Brücke fertig sein. Im Dezmber und Januar wird am Mizen Head aufgeräumt, und früh im Jahr 2011 wird das neue Bauwerk mit einem großen Fest eingeweiht. 

PS: Das Mizen Head Besucherzentrum mit Ausstellung, Cafeteria und Shop ist trotz der Bauarbeiten täglich geöffnet – lediglich auf den Gang hinunter zur alten Signalstation müssen Besucher derzeit verzichten.

© Alle Photos: Mizen Head Coop / Steven O' Sullivan. 

Montag, 10. Mai 2010

Irland – die von der Sonne verwöhnte Insel


Der euopäische Kontinent stöhnt nicht nur über die sich verschärfende Finanzkrise, auch das Wetter macht den Menschen zu schaffen. Kein Sommer nirgends. Nirgends? Im vermeintlich regengeplagten Irland herrscht seit vielen Wochen der Hochdruck. Abgesehen von einer paar bitter nötigen Regen-Intermezzos freuen sich die Bewohner der Grünen Insel über viel Sonne und trockene Tage.

Der Wanderer war eine Woche lang mit Gästen in den Bergen, auf den Inseln und an den Stränden Südwestirlands unterwegs. Die Besucher kehrten mit dem Eindruck nach Deutschland, in die Schweiz und nach Österreich zurück, Irland sei ein vom Wetter verwöhnter Ort. Ein paar Tropfen Regen gab es nur am letzten Tag - ein Schauer gewissermaßen zum Test der mitgebrachten Regenkleidung. Der Wanderer ist zurück. Ab heute gibt es hier im Irland Blog wieder tägliche News aus Irland.

Samstag, 8. Mai 2010

Der Mizen Head gehört derzeit den Silbermöwen


Diese stil-bewusste Silbermöwe stelzt Ton in Ton auf den Autodächern am Mizen Head, dem südwestlichsten Ort Irlands. Nichts ist wie sonst am Mizen Head: Die 100 Jahre alte Brücke hinüber zur berühmten Signalstation an der gefährlichsten Küste Irlands wird in diesen Monaten abgerissen und originalgetreu neu aufgebaut, der Besucheransturm hält sich sehr in Grenzen und die Betreiber der Mizen-Kooperative fiebern der Neueröffnung ihrer Touristen-Attraktion im Jahr 2011entgegen. Die Möwe genießt die relative Ruhe am Mizen und nutzt die Autos der Bauarbeiter als Ausguck.

Freitag, 7. Mai 2010

Die Aschewolke behindert auch heute Irlands Flugverkehr


Die Aschewolke des isländischen Vulkans lässt heute morgen erneut zahlreiche Flüge nach und von Irland ausfallen. Die Weltbörsen fahren Achterbahn, die irische Regierung kündigt noch tiefere Einschnitte und Sparmaßnahmen an, der Radio-Moderator Gerry Ryan hat seine Ruhe gefunden. Der Wanderer ist unterwegs in den Bergen von Beara und Iveragh. Deswegen gibt es im Irland Blog derzeit Photos.

Donnerstag, 6. Mai 2010

Irlands Vergangenheit – vom Winde verweht


Die eigenen Kulturgüter zu erhalten, sie vor dem Verfall zu bewahren, um sich der eigenen Vergangenheit und Herkunft zu versichern, ist ein menschliches Bedürfnis. Das Anrennen und sich Stemmen gegen die eigene Endlichkeit, gegen das Faktum, dass am Ende nichts bleibt, ist den westlichen Gesellschaften jedes Jahr Milliardensummen wert.

Jetzt allerdings, im Zeitalter der Weltfinanzkrise und der dramatischen Staatspleiten droht die Moral hinter das Fressen, die Kultur hinter den Kampf um die nackte Existenz zurückzufallen. In Irland zieht sich der Staat weitgehend aus seinen ohnedies überschaubaren Aufgaben zurück: Selbst die Wartung von Straßen wird neuerdings wieder den Bewohnern aufgebürdet – und wo das Geld so knapp ist wie auf der Spar-Insel, da bleibt für den Erhalt der nationalen Kulturgüter nicht viel übrig.

Kilcathrine Church etwa, eine der bemerkenswerten frühchristlichen Kirchen im Land, fällt derzeit geradezu in sich zusammen. Die Ruine aus dem 8. Jahrhundert, die im Zentrum eines Friedhofs auf der Kilcathrine Halbinsel auf Beara, West Cork, steht, hat den strengen Winter nicht gut überstanden: Die Gibelwände stürzen ein, und den Arbeitstrupps vom County Council fällt nicht mehr ein, als einen Schutzzaun um die Steinhaufen zu ziehen. Auf diesem Friedhof steht eines der ältesten christlichen Kreuze, die jemals gefunden wurden, diese Kirche, Standort eines frühen Nonnenklosters, hat große lokalhistorische Bedeutung, und doch: Am Ende sind es Steine, die nicht aufeinander liegen bleiben.

Auch Dunboy Castle, die Burg des letzten gälischen Chieftains Donal Cam O'Sullivan Bere, auf der Südseite der Beara Halbinsel, bietet ein trauriges Bild: Im Jahr 2002 zum 400. Jahrestag des "Großen Rückzugs" noch pompös gefeiert, zeigt sich das ober-irische Denk-Mal heute als vergessene, vermüllte und zugewachsene Kulisse für nächtliche Feten und Gelage. Man fragt sich, ob die O'Sullivans von Beara mit ihrer Geschichte endgültig abgeschlossen haben . . .

Mittwoch, 5. Mai 2010

Seien wir ehrlich: Auch Tiere leben lebensgefährlich

Wir vernunftbegabten und ewig lernenden Menschen halten das Leben der Tiere für einfacher als das eigene: Der Instinkt richtet es. Der Esel tut, was er tun muss: Er atmet, er frisst, er bockt und scheidet aus. Die Kuh grast, verdaut zweimal und lässt die Fladen fallen. Was für ein Leben! Auch glauben wir, dass sich Tiere instinkt-sicher und deswegen sicher durch ihr Leben bewegen.

Tatsächlich aber bewegen sich auch Tiere nicht fehlerfrei. Es können zivilsatorische Fallen sein, die ihnen zum Verhängnis werden: Wir kennen den Hirsch, der sich mit seinem Geweih im Zaun heillos verfangen hat. Tiere können aber wie wir Menschen auch an den natürlichen Bedingungen scheitern: der Fuchs der aus Unachtsamkeit in den Fluss fällt, der Schäferhund, der sich im Moor überschlägt, die Schafe, die von Felsen und Klippen stürzen:

Wer in den Bergen Irland unterwegs ist, findet  regelmäßig die Kadaver oder die verstreuten Überreste von Schafen. Bauern können ein Lied davon singen, wie sich ihre Herde dezimiert, wenn die Tiere etwa an einem ungesicherten Abgrund weiden. Profitieren tun dagegen die Krähen und der Fuchs: Die machen sich gerne über den anstrengungsfrei erworbenen Gratis-Schmaus her.

Dienstag, 4. Mai 2010

Irland – eine tiefe Verbundenheit mit der Landschaft


Heimat, Wahl-Heimat, innere Heimat. Heimat kann sein: Eine tiefe Verbundenheit mit der Landschaft, ein sich hingezogen Fühlen zu deren Formen, Farben und Gerüchen, ein völliges Einverstanden Sein mit dem Sein an diesem Ort.

Wandern ist hier sein. Im Hier sein. Kein Tribut an gestern oder morgen. Schritt für Schritt im Jetzt. Jenseits der Sorgengrenze.

Irland überrascht die Besucher in diesen Tagen als Schönwetter-Land. Dauerregen und Kälte in Frankfurt, München, Wien. Die Insel leuchtet in der Frühlingssonne. Draußen am Leuchtturm das Spiel der Farben hoch über dem tiefblauen Atlantik. Dort oben stehen. Das muss Glück sein.

Sonntag, 2. Mai 2010

Irland update: Gegen Fernweh hilft nur das Heimweh


Wer mag sie nicht, die Aphorismen, die Sinnsprüche, die Instant-Einsichten, die kleinen "Weisheiten in einer Nuss-Schale" (wie der Amerikaner sagt)? Der Wanderer liebt Kalendersprüche innig - doch nur, um sie schnell wieder zu vergessen. Er hat kein Gedächtnis für Witze und Aphorismen, und dennoch faszinieren sie ihn. Hier also der Wochenrückblick in gelesenen und gesprochenen schlauen Worten.

Der SPIEGEL sezierte in der vergangenen Woche den Apple-Erfinderchef Steve Jobs und zitiert ihn mit diesem Satz, den er sagte, nachdem ihm die Diagnose "Krebs, unheilbar" übermittelt worden war:

"Wenn Du jeden Tag lebst, als sei es Dein letzter, wirst Du irgendwann recht haben."  

Wunderbar. Bleibt nur hinzuzufügen: Recht haben ist nicht zwangsläufig lebensverlängernd. Rechthaberei schon gar nicht. Jobs hat den erfolgreichen Kampf gegen seine Krankheit übrigens nach dem Kampfruf geführt:

  "Folgt Eurem Herzen und Eurer Intuition . . .Bleibt hungrig, bleibt tollkühn". 


Gisbert zu Knyphausen, der größte Songpoet  deutscher Zunge seit Hannes Wader und Franz-Josef Degenhardt, hat vor Tagen eine neue CD in die Regale geschoben: "Hurra! Hurra! So nicht." Feinster Gedankenstoff und schöne Musik. Sechs Worte Zitat:

"Gegen Fernweh hilft nur das Heimweh"


Eine alte Hollywood-Schauspielerin wurde in dieser Woche damit zitiert:

"Die Männer bemühen sich, die Frau zu verändern und beklagen sich dann, dass sie nicht mehr die alte ist." 

Barbra Streisand hat das natürlich unter umgekehrten Geschlechter-Vorzeichen intoniert. Es ist jedenfalls eine Variation des Themas "Gern zerstört man, was man liebt". Dies scheint nicht nur das Prinzip der Beziehungen zwischen Männern und Frauen, es ist auch die widersprüchliche Triebfeder des Tourismus. Er zerstört, wo er auftaucht, stets seine eigenen Grundlagen.

Wer kennt nicht den eifrig vermarkteten "Geheim-Tipp", das "total unberührte Tal X" und die "völllig un-erschlossene Halbinsel B"? Sobald die Zeilen formuliert sind, ist es irgendwann um die unberührte und intakte Landschaft geschehen. So sagte jemand am Freitag über die Beara Peninsula im Südwesten Irlands:

"Die Stärke der Beara Peninsula ist deren Schwäche."

Beara ist wenig erschlossen, kaum vermarktet. Faszinierend, Doch das Getöse hebt an und will in Bahnen gelenkt sein. Irgendwann, in einigen Jahren wird jemand den Satz zu Protokoll geben:

"Die Schwäche der Beara Peninsula ist deren Stärke."

Kerry=Ring=Beara: Der Wanderer ist in diesen und den kommenden Tagen auf der Beara Peninsula unterwegs. Wandern natürlich. Die Einträge auf dem Irland-Blog bleiben deshalb überschaubar. Kommentare sind umso mehr erwünscht. Eine gute Woche - auch dort, wo die Sonne nicht scheint.

Samstag, 1. Mai 2010

Beltaine – Irland feiert das Fest des mächtigen Feuers

Ein Beitrag von Nicola.
Photo by Peter Zoeller.

Beltaine (auch Beltane, Bhealltainn oder Bealtaine), das große keltische Feuerfest des Frühlings, ist da! Es beginnt am Abend des 30. April und geht bis zum Abend des 1. Mai, denn die Kelten zählten die Tage von einem Sonnenuntergang bis zum nächsten.

Der Name stammt von den Licht-Gottheiten Beli/Belenus und Belisama, wird zuweilen aber auch mit "bel-tene", "mächtiges Feuer" übersetzt. Alle Symbolik ist dem Feuer und der Fruchtbarkeit gewidmet, auch sollen sich die Tore zur Anderswelt für ein paar Tage öffnen. Nach den beiden ersten Frühlingsfesten am 1. Februar (Imbolc) und am 21. März ist das Frühjahr nun in vollem Schwange. Bei diesem Fest spielte die Druidenkaste die Hauptrolle - sie beschwor die Kräfte der Flammen mit ihren Anrufungen. "Die heilbringende Flamme ist ein Feuer, welches die Druiden durch ihre Magie oder ihre großen Zaubergesänge machten", zitieren LeRoux und Guyonvarc'h das Cormacglossar. Neun Männer entzündeten mit neun Hölzern eine Flamme, die zum Entfachen der Feuer verwendet wurde.

Der Hügel von Uisnech war von jeher der Ort in Irland, an dem das zentrale Fest zu Beltaine stattfand. 20 Kilometer westlich von Mullingar an der Straße nach Athlone gelegen, wurde er lange als der "Nabel" Irlands, das geografische Zentrum angesehen. Man betrachtete ihn auch als Sitz der Göttin Eriu, die Irland der Sage nach den Namen gab: Eire. Nahebei findet sich eine Bridgid-Quelle... Auf jeden Fall ist der Hügel ein alter Feuerkultort, Ausgrabungen fanden jahrhundertealte Aschereste vor.  Er ist mit seinen 183 Metern nicht gerade hoch, aber trotzdem weithin sichtbar. Angeblich war das Feuer auf seinem Gipfel in einem Viertel der Insel zu sehen - das Beltaine-Feuer der Königsburg in Tara wurde erst entzündet, wenn sie von dort aus in der Ferne das Uisnech-Feuer erblicken konnten.

Das Vieh wurde zwischen zwei großen Feuern hindurch getrieben, um es nach dem langen Eingesperrtsein während des Winters zu "reinigen" und gegen Krankheiten zu schützen. Die Menschen sprangen über das Feuer direkt hinweg, besonders die, die sich ein Kind wünschten oder viel Glück für eine Unternehmung. Am Vortag waren alle Herdfeuer gelöscht worden; nun wurde neuer, frischer Brand von den Beltaine-Feuern in alle Häuser getragen und das Jahr über bewahrt. Die Asche der Beltaine-Feuer wurde später auf den Feldern verteilt.

Es war auch eine Feier der Vereinigung des männlichen und des weiblichen Prinzips, des Herrn und der Herrin des Landes, die zu einer reichen Ernte führen sollte. Die feiernden Männer und Frauen begaben sich – gleich ob verheiratet oder nicht - singend in die Landschaft und vergnügten sich. Ab Beltaine zogen auch die Fianna, die Krieger des irischen Heeres, aus dem Winterquartier wieder durchs Land und wollten während des Sommerhalbjahrs von der Bevölkerung versorgt sein. Alle bedeutsamen Invasionen neuer Bewohner der Insel scheinen immer zu dieser Jahreszeit stattgefunden zu haben, wenn man den Sagen Glauben schenkt.

Beltaine feierte einiges, was der christlichen Kirche verdächtig vorkam: Sexualität, ungestümes Tanzen und Singen, den Beginn der Zeit der hellen langen Abende, die kommende Wärme des Sommers. Der Heilige Patrick sorgte prompt für Ärger: er wartete nicht, bis die Druiden die Beltaine-Feuer entfachten, sondern zündete einfach vorher sein eigenes an – zu Ostern. Die christliche St. Bridgid soll aber ausgerechnet auf dem Hill of Uisnech den Schleier genommen haben... In der katholischen Kirche ist der Mai bis heute als "Marienmonat" immerhin dem heiligen Weiblichen gewidmet.

Auf den britischen Inseln soll es Beltaine sein, das von allen keltischen Festen heute noch am liebsten gefeiert wird. Fast überall gibt es örtliche Mairituale und Bräuche. Am Maitag wird um den (phallischen) Maibaum getanzt, um die Fruchtbarkeit des Landes zu feiern, eine Maikönigin wird als Herrin des Landes gekrönt. Auf Irisch-Gälisch heißt der ganze Monat Mai "bealtaine". Im schottischen Gälisch gibt es immer noch den Ausdruck "heißer als die Feuer des Bel". Auch in der französischen Bretagne gibt es noch viele passende Traditionen.

In Mitteleuropa und Nordeuropa entspricht Walpurgis dem Feuerfest. Die Hexen feiern und sind ebenfalls im Kontakt mit der Anderswelt. Heute wird mancherorts auch der zahllosen weiblichen und männlichen Opfer der Hexenverfolgungen gedacht. Bis heute gibt es Maifeste, Maifeuer, Tanz in den Mai, auf den Dörfern spielt man sich gegenseitig Streiche. Mairegen, Maitau und vor Sonnenaufgang geschöpftes Maiwasser werden als heilend, segnend und schützend angesehen. An Walpurgis soll man auch Gurken und Kürbisse stecken, da sie dann nicht mehr erfrieren können und gute Ernte bringen.

Der "Tag der Arbeit" ist nur zufällig durch bestimmte politische Ereignisse auf diesem Datum gelandet und hat mit spirituellen Hintergründen nichts zu tun. Aber sogar in der angelsächsischen Weltliteratur ist der erste Mai besonderen Festen vorbehalten: Im "Herrn der Ringe" von J.R.R. Tolkien findet an diesem Tag im Jahre 3019 DZ – der Ringkrieg ist glücklich beendet - Aragorns prachtvolle Krönung zum König Elessar statt, und ein Jahr später heiraten Samweis Gamdschie und Rosie Hüttinger im Auenland. Womit wir wieder bei der Fruchtbarkeit wären...

IMPRESSUM

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