Mittwoch, 30. Juni 2010

Mégane raucht:
Renault Irland, wir haben ein Problem

Manche Männer finden Autos sexy. Viele Männer in Irland finden Autos super-sexy. Das Auto heißt auf der Insel "die Auto", es ist tatsächlich eine Sie ("She is powerful"). Sie wird vielleicht nicht so oft gewaschen und gewienert, weil der irische Regen das erledigt, aber sie wird dennoch heiß und innig geliebt.

Der Wanderer hat ein eher distanziertes Verhältnis zu Autos. Das Automobil soll ihn zuverlässig von A wie Ahakista nach B wie Ballydehoo bringen und dabei nach Möglichkeit nicht allzu großen Durst entwickeln und auch nicht allzuviel Dreck aus den Innereien blasen. Am Sonntag, dem 23. Mai, wurde schlagartig alles anders. Der Wanderer lernte seine Auto von der innigst heißen Seite kennen – und er lernte, seine Auto zu geringschätzen. Sie hatte versagt. Komplett versagt.

Sie heißt Renault – ist eine geräumige Dame aus dem vornehmen Hause derer von Baguette, immer noch knackig, wenn auch nicht mehr ganz jung, Jahrgang 2004, Vorname: Mégane Scenic. Am Abend des 23. Mai beschloss Mégane Scenic während der Fahrt, eigenmächtig die "elektronische Parkbremse", vulgo Handbremse, in Betrieb zu nehmen. Drei mal vollautomatischer Brems-Service ohne Anlass. Das Ergebnis: Die Hinterräder blockierten, die Bremsscheiben erhitzten sich wie elektrische Herdplatten, das Hinterteil der Französin hüllte sich schlagartig in große weiße Wolken. Die Dame rauchte und dampfte aus den Rockgeschößen, dass dem Filius auf dem Rücksitz angst und bange wurde.



Der Wanderer konnte sich in seinem Autofahrerleben schon mit automatischen Getrieben und automatischen Schein-Werfern arrangieren. Mit der automatischen Handbremse von Mégane hatte er allerdings seine Problemchen. Und spätestens, als die hitzige Französin auf freier Strecke bei Tempo 70 das Bremsen begann, war klar: Er hatte ein hand-festes Problem. Mensch, Mégane, was tust Du uns an? Auch wenn der Rat eines alten Freundes in den Ohren klang: "Hüte Dich vor Autohändlern, sie sind die Rosstäuscher der Moderne" – es half alles nichts: Der Weg zum Autohändler war vorgezeichnet.

Um nicht langweilig zu werden, hier nur die Kurzfassung der folgenden zwei Wochen: Händler: "Du hast ein Problem. Ein großes Problem". Mietwagen. Kostenvoranschlag. Wut. Weigerung. Brief an Renault, Direktion Irland: "Sie haben das Problem. Handbremsen sollten sich während der Fahrt zurückhalten". Und dann das Zauberwort: "Zeit für eine nationale Rückrufaktion?". Volltreffer: Renault kommt in Fahrt. Renault repariert. Renault bezahlt. Alles. 1000 Euro. Mietwagen kostenlos. Großzügig. Alles gut.

Alles gut? Großzügig? Nichts ist gut. Der lokale Renault-Reparateur verbuchte die "Großzügigkeit" auf seinem Konto, gab zu verstehen, dass man sich auf dem dünnen Eis der Interpretation und der  Kulanz bewege, froh sein könne . . . Händlers Ansage: Renault Dublin ist weit weg. Renault Dublin zahlt, aber: Wahrscheinlich sei Mégane einmal unzulässigerweise in einer typisch irischen Straßenflut baden gegangen. Kulanz also, große, große Kulanz.

Von der Renault-Direktion Irland in Dublin hat der Wanderer bis heute - außer einem lakonischen formalen Zwischenbescheid - keine Antwort auf seinen Brand-Brief. Fünf Wochen später, gestern, am 29. Juni, meldete der Österreichische Rundfunk ORF, dass weltweit 700.000 Exemplare der bremsfreudigen Französin in die Garagen zurückgerufen werden. Renault ruft zurück, Renault benachrichtigt die Eigentümer, Renault bezahlt. Zumindest in der Alpenrepublik. Wir warten weiter auf Post aus Dublin. Nein, Autos sind nicht sexy. Französische Baguettes schon gar nicht.

PS. Die Losung des Tages: "Was dem Henry seine Hand, ist der Mégane ihre Hand-Bremse."

Dienstag, 29. Juni 2010

Irlands kleine Wunder: Ohne Rauch gehts auch

Das Rauchverbot in Irland wirkt auch sechs Jahre nach seiner Einführung wie ein kleines Wunder: Seit dem April 2004 darf in Pubs, Restaurants und öffentlichen Einrichtungen in Irland nicht mehr geraucht werden – und es funktioniert. Im ach so regelkonformen Deutschland bereitet die Umsetzung des Rauchverbots bis heute gravierende Probleme. Das oft beschriebene anarchische Rebellentum der Iren allerdings hat vor dem staatlichen Rauchverbot bedingungslos kapituliert, erschöpft sich darin, dass betrunkene Schwarz-Raucher bisweilen den Feuermelder auf dem Pub-Klo hochgehen lassen. Ansonsten gilt: Ohne Rauch gehts auch. Ein kleines Wunder.


Jetzt, da die Urlaubswochen bevorstehen, liest man in den Medien wieder die schlauen Warnungen für reisende Raucher: "Rauchen schadet ihrer Gesundheit - und mancherorts auch dem Geldbeutel. Wer in den Sommerferien nach Irland in Urlaub fährt, sollte sich ein paar Schachteln mitnehmen."


Tatsächlich kostet eine 20-er Schachtel der Referenz-Marke "Marlboro" auf der Insel derzeit 8,50 Euro, das ist der zweithöchste Preis in Europa, nur in Norwegen müssen Nikotinsüchtige noch tiefer in die Tasche greifen. Während die organisierte "Recht-auf-Rauchen"-Bewegung die hohen Preise und die rigide No-Smoke-Politik Irlands für das Pub-Sterben, das Erstarken der organisierten Kriminalität und alles Elend dieser Welt verantwortlich macht, wird sich der rauchende Irland-Reisende in der Regel seien Reisevorrat mitbringen. Bis zu 800 Zigaretten pro Person sind erlaubt.


Der Wanderer empfiehlt dagegen die sanfte Irland-Schock-Therapie: Schneiden Sie ein paar Schockbildchen von Raucherrachen und Raucherlungen aus und führen Sie diese griffbereit im Geldbeutel mit sich. Vertrauen Sie auf die abschreckende Kraft der irischen Zigarettenpreise und mehr noch – auf die positive Wirkung der irischen Frischluft und der sie umgebenden Ruhe. Der Irland-Urlaub abseits der Städte und des Alltags ist der ideale Ort und die beste Gelegenheit, um das Rauchen aufzugeben. Atemzug um Atemzug dem neuen Leben als Nichtraucher entgegen. 


Die Preise 2009:Zum Vergrößern Grafik bitte anklicken. Quelle: Dt. Zigarettenverband 2009

Montag, 28. Juni 2010

Endlich Regen - Irland freut sich über die Sonnenpause

Das Wetter hat sich gedreht. Irland bat um Regen, und Irland bekommt Regen. Seit gestern Nacht regnet es endlich – und diese Woche soll der Insel mehr lebens- und grün-erhaltendes Nass bescheren. Es wirkt wie Skurrilität, wenn die Menschen im "Land des Regens" nach Regen betteln. Es wirkt aber nur so: Denn das Vorurteil vom "immer verregneten Irland" ist falsch, auch wenn es wie ein Mantra ständig wiederholt wird.

Das erste Halbjahr 2010 wird als eines der regenärmsten in die Wettergeschichte der Grünen Insel eingehen. Seit Monaten hat es - zumindest im Südwesten der Insel - nicht mehr anhaltend und ausgiebig geregnet. Statt dessen: Sonne, Hochdruckwetter, Sommerstimmung. Die Kehrseite: Die Landwirtschaft lechzt nach Wasser, die Gärtner verfluchen den Gießkannen-Marathon der vergangenen Wochen – und mancher Brunnen im Land ist in den vergangenen Tagen bereits versiegt.

Nun regnet es endlich. Die Temperaturen bleiben angenehm – bei 17 bis 20 Grad.

Sonntag, 27. Juni 2010

Der nette Bernard von nebenan hat 1,5 Milliarden € Schulden

Bernard McNamara ist das Gesicht der Immobilien-Katastrophe in Irland, die das Land wirtschaftlich in die Vergangenheit zurück katapultiert hat. Bernard McNamara, der stets bescheidene Immobilien-Tycoon aus dem County Clare zählte bis vor kurzem zur Top 5 der reichsten Iren. McNamara´s Milliarden-Projekte - Hotels, Geschäftshäuser, öffentliche Gebäude und Einkaufszentren – wurden von den seriösesten irischen Zeitungen in den höchsten Tönen gepriesen. Sein Reichtum - ein Palast in Dublin 4´s Diplomatenviertel und Häuser in Lahinch, Marbella, Manhattan – wurden bestaunt und beneidet. 


Nun ist Bernard McNamara pleite, fertig und am Ende: Er hat 1,5 Miiliarden Euro Schulden aufgehäuft, die Gläubiger sitzen ihm im Nacken und der Ex-Lokalpolitiker aus dem County Clare, der das kleine Bauunternehmen seines Vaters zur Milliardenmaschine ausbaute, haftet mit seinem Privatvermögen. In den vergangenen Tagen bekam Bernard McNamara laut Irish Independent Besuch von Brendan Walsh, dem Stadt-Sheriff von Dublin. Der Sheriff und seine Gehilfen betraten das Haus des gefallenen Tycoons in der Funktion des Gerichtsvollziehrs: Sie nahmen die Kunstsammlung von den Wänden, sammelten Wertgegenstände ein. Die Vermögenswerte sollen verkauft werden, um zumindest einige der Schulden McNamaras zu begleichen. Ein Tropfen auf den heißen Stein, gewiss, aber immerhin eine symbolische Handlung, um den Baulöwen auf der Insel klar zu machen: Das süße Leben ist vorbei.


Bernard Macnamara (im Foto links, mit Ex-Ministerpräsident Bertie Ahern) hat in den Jahren des irischen Immobilienwahns eines der größten Räder gedreht – und er merkte lange nicht, dass er auf Sand gebaut hatte: "Ich wurde unterwegs von dieser Sache getroffen, die niemand kommen sah", sagte Bernard vor kurzem. Er räumte bereitwillig ein, dass er bankrott und persönlich ruiniert sei, und er sprach Sätze wie: "Mein Kopf liegt auf dem silbernen Tablett", oder "Ich werde den Dingen ins Auge sehen, ich werde nicht abhauen. Alles, was ich nun noch tun kann ist, mich anständig zu verhalten." Bernard McNamara wurde von den Iren dafür geschätzt und bejubelt, dass er "bescheiden blieb", das er "einer der ihren blieb", weil er lokale Fußballfunktionäre im Hubschrauber nach Dublin flog, weil er "ein paar Biere im Pub einem Fünf-Gänge-Menü vorzog". 


Dass der Größenwahn, die Gier und die  Allmachtsphantasien der irischen Baulöwen maßgeblich zum Quasi-Bankrott Irlands beigetragen hat und dass die Bürger nun die Zeche für den Baurausch zahlen müssen, das wird mit jedem Haushaltplan der irischen Regierung klarer. Bernard McNamara scheint sich derweil im Mittleren Osten eine neue Existenz  aufzubauen. Seine Arabian McNamara Contracting ist laut Irish Independent in Quatar beim Ausbau des Flughafens von Doha schon wieder ganz dick im Geschäft.      

Samstag, 26. Juni 2010

Welcome to Cork, Irland, Mister President

Barack Obama muss nicht nur die Welt und sein Land retten, er hat auch so manch andere repräsentative Aufgabe zu bewältigen. Wir sehen den US-Präsidenten nachdenklich vor dem Spiegel stehen – und er könnte sich fragen: "Mensch Barack, wie komme ich bloß um diesen Termin in Cork, Irland, herum?" Hochbedeutende Wichtigtuer in Irlands heimlicher Hauptstadt haben sich nämlich an der selbstgestellten Aufgabe festgebissen, den US-Präsidenten nach Cork zu holen. Wichtige Leute in Irlands eigentlich wichtigster Stadt bekommen Besuch von noch wichtigeren Leuten, gar dem wichtigsten Menschen der westlichen Welt aus dem wichtigsten Land auf dem Globus. Das macht doch Sinn, oder? Die Köder sind jedenfalls ausgelegt, die Kampagne "Welcome to Cork, Mr. President" ist angelaufen.


Die "Obama-for-Cork"-Kampagne ins Rollen gebracht hat der irische Autor und Medienproduzent Don Mullan. Er hatte herausgefunden, dass Frederick Douglass im Jahr 1845 Irland besuchte und einen von sechs Monaten in Cork verbrachte. Der Schwarz-Amerikaner Douglass (Foto, *1818 - 1895) wurde als Kind von schwarzen Sklaven in die Sklaverei geboren, konnte sich aufgrund seiner großen intellektuellen Fähigkeiten aber befreien und wurde zum einflußreichen Großvater der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in Amerika. Douglass, eine Ikone des afrikastämmigen Amerikas, hielt in Irland mehrere Reden gegen die Sklaverei und wurde unter anderem von Corks Säulenheiligen Father Matthew und Daniel O'Connel unterstützt. Frederick Douglass - und so schließt sich der Kreis – ist eines der großen Vorbilder von Barack Obama. In gewisser Weise wurde der Kampf für die Rechte der Schwarzen, den Douglass im 19. Jahrhundert aufnahm, mit der Wahl Obamas zum ersten schwarzen US-Präsidenten vollendet.  


Nun aber beansprucht auch Cork einen Anteil an dieser großen Erfolgsstory für sich:  Immerhin hatte Frederick Douglass vor über eineinhalb Jahrhunderten in Cork seine Gedanken geordnet und atmete die belebende und inspirierende irische Luft hier ein. Deswegen soll Douglass 155 Jahre nach seinem Besuch am Lee auf dem Gelände des University College Cork ein Denkmal erhalten – und wer ein Denkmal aufstellt, braucht einen wichtigen Festredner, der den bedeutenden Ehrenmann auf dem Sockel mit seiner eigenen Bedeutung noch bedeutender erscheinen lässt – und die ganze Festversammlung dazu. Barack Obama soll diesen Job übernehmen. Klare Sache, immerhin hat auch der US-Präsident irische Wurzeln, ist eigentlich ein Kearney (aus Dublin), und hat deshalb allen Grund, nach Irland zu reisen, und um ganz genau zu sein, Cork zu besuchen.


Ob wir Barack Obama also bald die Patrick Street in Cork herunterspazieren sehen? Es ist angesichts des Corkonischen Geltungsdrangs nicht auszuschließen. Wahrscheinlich aber wird zuerst noch eine andere Größe aus dem globalen Show-Geschäft der Grünen Insel Ihre Aufwartung machen: Elisabeth II, Königin von Großbritannien und Nordirland,  will der Republik Irland "vor Ablauf des Jahres 2011" einen Staatsbesuch abstatten. Die einst mit heißem Herzen verachtete Lizzy von der Themse soll dem Jahrhunderte alten anglo-irischen Lied von Liebe und Hass  eine weitere Strophe hinzufügen - eine versöhnliche, liebliche, schwesterliche. Doch davon später mehr.


Fotos: Wikipedia, The White House, The British Monarchy

Freitag, 25. Juni 2010

Ist das der Todesstoß für Irlands Pubs?

Gegen den Widerstand der Alkohol-Wirtschaft hat das Parlament Irlands die Promille-Grenze für Autofahrer von 0,8 auf 0,5 gesenkt. Das neue Gesetz, mit dem Irland mit anderen  europäischen Ländern gleichzieht,  soll schon in wenigen Wochen in Kraft treten und Irlands Straßen sicherer machen. Anders als in Deutschland werden Alkoholfahrer mit einem Blutalkohol-Gehalt zwischen 0,5 und 0,8 Promille aber kein Fahrverbot erhalten sondern ein Bußgeld und drei Punkte im Verkehrsregister.  Für junge Fahrer und Berufsfahrer gilt künftig die 0,2-Promille-Grenze. Bei Verkehrsunfällen werden Alkohol-Tests nun zur Pflicht.

Pünktlich zur Verabschiedung der strengeren Verkehrsregeln meldete sich gestern Richter Michael Pattwell aus Nord-Cork zu Wort und attackierte die Regierung und die irische Polizei. Des Richters Lamento: Eigentlich hat niemand in Irland wirklich Lust und Mut, das Alkohol-am-Steuer-Problem zu lösen und Alkis hinterm Lenkrad konsequent zu bestrafen. Richter Pattwell hatte wieder einmal über einen Wiederholungstäter zu urteilen, der zur Tatzeit eigentlich eine viermonatige Haft wegen mehrerer Trunkenheitsfahrten hätte verbüßen sollen, der aus unerklärlichen Gründen aber schon nach einer Woche Knast wieder betrunken mit dem Auto unterwegs war.

Dass Polizei und Gerichte es weiterhin locker nehmen mit den Verkehrsregeln, darauf setzen die Wirte Irlands. Die Pub-Funktionäre schimpften gestern in allen Medien, die neue Promille-Grenze würden den Pubs auf der Insel endgültig den Todesstoß versetzen. Das Gesetz sei der letzte Nagel im Sarg des Irish Pubs. Auf dem Land, wo es keinen öffentlichen Nahverkehr gibt, gilt die Heimfahrt mit drei Pints Bier als völlig normal, zumindest wenn man der Wirtevereinigung glauben darf: Wirte-Lobbyist Con Dennehy sagte dem Evening Echo: "Ein erfahrener Trinker kann doch mit drei Pints Bier problemlos Auto fahren". Alkoholkontrollen werden von diesem Lager als zerstörerischer Angriff auf die dörfliche Gemeinschaft gebrandmarkt.

Wie auch immer: Künftig gilt in Irland auch für Touristen die 0,5 Promille-Grenze. Das entspricht ungefähr einem Pint Bier oder einem Glas Wein, und während Ausländer bislang gelassen ihr Guinness trinken konnten, weil die Strafpunkte ihren Weg nach Flensburg oder in andere Verkehrssünderregister gar nicht finden konnten, so soll sich das nun ändern: Das neue Gesetz sieht vor, dass die Koordination mit den Behörden anderer EU-Länder  verbessert wird. Ob´s mehr ist als eine weitere nette Absichtserklärung?

Donnerstag, 24. Juni 2010

Heute ist schreib-frei: "An Irland gefällt mir . . ."



Heute ist der letzte Donnerstag im Juni. Der Wanderer nimmt schreib-frei, geht in Gedanken wandern und bittet die Blog-Leser/innen um eigene Beiträge, heute zum Thema:

"An Irland gefällt mir . . ."

Was gefällt Dir/Ihnen an Irland? Was fasziniert Euch an der Grünen Insel und warum?  Warum macht Ihr hier Urlaub oder lebt gar hier? Warum wollt ihr hierher kommen? Bitte die eigene Antwort einfach in das Kommentarfeld unten schreiben. Danke im Voraus. Der Wanderer dankt hier auch einmal allen Mit-Schreibern, die immer wieder eigene Gedanken, Tipps und interessante Kommentare beisteuern. 


PS: In diesem Sommer zeigt der Irland Blog in lockerer Reihenfolge interessante Irland-Photos: Schnappschüsse, Landschaftsaufnahmen, Lieblingsphotos von Lieblingsorten. Wer eine eigene Irland-Aufnahme beisteuern will, ist herzlich eingeladen. Bitte das selber gemachte Lieblings-Photo mit einer kurzen Beschreibung an info@wanderlust.ie schicken. 


Das Foto zeigt Schwitzhüttenleiter Donal O`Sullivan aus Cork hoch oben auf dem Westgipfel der Paps in County Kerry.

Mittwoch, 23. Juni 2010

Irland feiert Niederlagen wie andere Nationen Siege

"Da ist Gras drüber gewachsen",  sagt eine deutsche Redensart, wenn eine böse alte Geschichte sich aus dem Gedächtnis geschlichen hat. Eine böse Geschichte für Irland ereignete sich im Juni 1602, als englische Truppen Dunboy Castle, die Haupt-Burg von Donal Cam O'Sullivan Bere, auf der Südseite der Beara Halbinsel, stürmten und sie dem Erdboden gleichmachten. Da Irland seine Niederlagen feiert, wie andere Nationen ihre Siege, wurden die Zerstörung Dunboys und der anschließende Große Rückzug ("The Great Retreat") Donal O`Sullivan´s (Foto unten) ins 400 Kilometer entfernte Leitrim von den Iren immer in bester Erinnerung gehalten. Bis heute ist bekannt, wo und wie die fast 1000 Menschen, die sich auf den großen Marsch gemacht haben, auf der Strecke blieben: Donal erreichte sein Ziel im Norden mit nur 35 Getreuen. 

2002 wurde der  400. Jahrestag der Niederlage, die den "letzten Prinz von Irland" um Macht, Reichtum und Wohnsitz brachten, noch pompös gefeiert. Die Ruine von Dunboy Castle präsentierte sich zum Jubiläum aufgeräumt und mit Gedenkplaketten aufgehübscht. Der große Clan der O'Sullivans trug das seine dazu bei, dass Donal, der letzte unabhängige gälische Stammesführer, nicht in Vergessenheit geriet.

Heute allerdings, acht Jahre später, bietet Dunboy Castle ein trauriges Bild: Eines der wichtigsten Denkmäler der irischen Geschichte scheint heute ein vergessener Ort. Wohl dient er noch als Kulisse für ungestörte nächtliche Feten und Gelage. Ansonsten aber ist nun wohl endgültig Gras über Dunboy Castle gewachsen. Die restaurierten Grundmauern des Burg-Kellers verschwinden zusehends unter der munter wuchernden irischen Vegetation. Wilhelm Busch hatte einst gescherzt:

"Wenn über eine dumme Sache
Mal endlich Gras gewachsen ist,
Kommt sicher ein Kamel gelaufen,
Das alles wieder runterfrisst."

Fragen wir die O'Sullivans von Beara, ob sie dem alten irischen Motto, die Niederlagen zu feiern, als wären es Siege, nicht treu bleiben wollen. Fragen wir sie, ob sie nicht die Kamele oder deren irische Freunde aussenden wollen, um die Erinnerung an die alte Geschichte vor 400 Jahren wach zu halten. Immerhin waren all diese verlorenen Schlachten am Ende nur Stationen auf dem Weg zu einem gewonnen Krieg – und immerhin hat der letzte Prinz von Irland es verdient, dass man seinen ehemaligen Hauptwohnsitz jetzt nicht dem Vergessen preisgibt. 

Dienstag, 22. Juni 2010

Es war einmal: "Wir Iren fühlten uns sehr, sehr reich"

Ein alter Witz macht sich über das schlechte Wetter in Irland lustig: "Was soll´s? Im Pub ist das Wetter immer dasselbe." Was für das Pub gilt, gilt für viele irische Schulen leider nicht mehr. Ein aktueller Bericht des Schweizer Fernsehens über die wirtschaftliche Lage im Post-Celtic-Tiger-Irland lässt Schüler über ihre Schulen erzählen:  Die Schulräume sind zu kalt im Winter, zu heiß im Sommer, es regnet rein, und immerhin: sie bieten auch Mäusen und Ratten Unterschlupf. Geld für Reperaturen allerdings fehlt im rezessionsgeplagten Land. Hier der Bericht, in dem auch der schreibende irische Senator Shane Ross zu Wort kommt: "Wir fühlten uns sehr, sehr reich". Mit dem vielen schönen gepumpten Geld – das nun leider weg ist.

10vor10 vom 21.06.2010

Irland und "die Idioten, die es überall gibt"


Der Wanderer betreibt hobbymäßig ein wenig Irland-Marktforschung, fragt Gäste, Freunde und Bekannte regelmäßig, was Ihnen an Irland besonders gefällt oder missfällt. Hier ein paar nachdenklich stimmende Antworten aus den vergangenen Wochen:

An Irland gefällt mir . . .
. . .  dass die Natur weitgehend intakt und das Land wenig besiedelt ist.
. . .  die kraftvolle Weite der Landschaft.
. . .  das weite, wilde Land.
. . .  dass es kein muslimisches Land ist und man sich sicher fühlen kann.
. . .  dass man hier zur Ruhe kommt.

An Irland missfällt mir . . .
. . . dass sich die Einheimischen nicht um ihr schönes Land bemühen.
. . . dass man in der schönen Natur fast nirgendwo reiten darf.
. . . die Idioten, die es überall gibt.
. . . die Esskultur.

Interessant findet der Wanderer an diesen Aussagen:

1. dass die Grüne Insel trotz der Bau-Orgie der vergangenen zehn Jahre auf Menschen aus dem dichtbesiedelten Mitteleuropa immer noch unverbraucht, wenig bebaut, weit und intakt wirkt.

2. dass das Image vom ewig freundlichen Iren ein wenig leidet und offen vorgetragene Ressentiments gegen Fremde immer wieder einmal hörbar werden.  Einzelfälle gewiss, aber eben doch Fälle, unter denen Menschen dann zu leiden haben. Die anhaltende Wirtschaftskrise verändert manche Einstellungen.

3. dass Menschen, die touristisch das meiste in Europa abgegrast haben, sich verstärkt dem "unverbrauchten" Irland zuwenden.

4. dass sich alte Vorurteile hartnäckig halten – weil sie teilweise stimmen. Wer will, kann heute auch im ländlichen Irland gut essen gehen. Wenn er bereit ist, zu fahren, Zeit zu investieren und einen anständigen Preis zu bezahlen.

Foto: Blaue Stunde am Inch Strand, County Kerry, von Eoghan Kavanagh.

Montag, 21. Juni 2010

Irland umarmt die Welt: Kommet heim und kaufet

Ja, ist denn schon Weihnachten? Mindestens 70 Millionen Menschen weltweit dürfen sich demnächst ein Zertifikat des irischen Staates rahmen lassen, das ihnen die irische Abstammung amtlich bescheinigt. Ob da nun "Echt irisch" oder "garantiert irischer Abstammung" oder "Proud to be a tiny bit Irish" drauf stehen wird, muss noch besprochen werden. Tatsache ist: Das Außenministerium wird der irisch-stämmigen Diaspora das Angebot machen, gegen eine Gebühr "die kleine Staatsbürgerschaft" zu erwerben.

Wie "klein"? Das Irishness-Zertifikat, das ein vom Staat derzeit gesuchtes Privatunternehmen ausgeben soll, berechtigt zu nichts und macht all die Amerikaner mit irischen Wurzeln oder irischem Lebensgefühl nicht zu Iren mit allen Bürgerrechten. Die windelweiche Abstammungsurkunde wird den Besitzern allenfalls diverse Touristen-Rabatte bescheren, wenn sie "heim auf die Insel" kommen.

Außenminister Micheál Martin sagte am Wochenende, die Regierung würde den Begriff der irischen Community großzügig auslegen.Die Irland-Diaspora beschränke sich nicht auf die im Ausland lebenden Irischen Staatsbürger. Martin: "Sie umfasst auch all jene, die glauben, irischer Abstammung zu sein und die ein Gefühl der Zugehörigkeit zu Irland haben." Horcht, horcht: Wenn dies die Auswahlkriterien sind, werden bald auch einige tausend deutsche Irland-Fans ihre Irland-Urkunde im Wohnzimmer hängen haben.

Die Liebeserklärung an die auf 70 Millionen Menschen weltweit geschätzte irische Diaspora ist leicht zu durchschauen: Alleine 45 Millionen US Amerikaner berufen sich - meist mit inbrünstigem Stolz – auf ihre irische Herkunft. "Nur" drei Millionen US-Iren haben auch die irische Staatsbürgerschaft – viele der über 40 Millionen anderen Iren-Amis würden ein "Certificate of Irish Heritage" inklusive Rabatt-Karte deswegen stolz in ihrem Portemonnaie tragen – und viele würden sie auch auf "Heimat"-Urlaub ("at home") einsetzen wollen.

Der neue Paddy-Pass könnte an alte Traditionen anknüpfen: Er muss die verarmende Heimatinsel retten. Einmal mehr beschwört Irland seine Diaspora, wie immer in schweren Zeiten. Manche Träumer sehen das weltweite Netzwerk der Iren und Irischstämmigen schon als die aufstrebende Wirtschaftswundermacht ("The Pan Celtic Snow Leopard") in einem post-europäischen Zeitalter.  

Der Wanderer geht jetzt mal am Stammbaum schütteln: Da hängen deutsche Gene dran, italienische, schweizerische, selbst französische. Vielleicht findet sich ja irgendwo in dunkler Vergangenheit noch ein Hinweis, aus dem sich ein Tropfen grünen Blutes quetschen ließe? Aber laut Minister reicht ja der Glaube daran. "Proud to be Irish? "Ich bin stolz, ein Ire (ein Deutscher, hoppla) zu sein?" Mit Volldampf zurück in die Zukunft? 


Foto: Die Weihnachtsbaumkugeln "Modell Patriot" gibt es hier: Kaufmich

Darum Irland!
Natur, schummelnde Kelten, nix Kultur

Unter Irland-Auswanderern und Irland-Reisenden wird gerne und regelmäßig die Frage aufgeworfen: "Warum eigentlich Irland"? Da kaum jemand, der in Irland gelandet ist, zufällig hierher gekommen ist, da kaum jemand Island gesucht und sich kolumbus-ähnlich nach Irland verflogen hat –  weil also jeden Irlandfahrer ganz bestimmte Gründe, Motive oder Träume auf die Insel geführt haben, ist die Frage nach dem "Warum" immer eine reizvolle, relevante und interessante.



Was zu beweisen war: Auf die Frage "Warum Irland?" antworteten 46 Prozent der Umfrage-Teilnehmer auf diesem Irland Blog mit "Natur!" 41 Prozent nannten als Grund für das Reise- oder Lebens-Land Irland die "Kelten!". Neun Prozent votierten fatalistisch "Warum nicht!", zwei (!) Prozent für "Kultur!" und ein Prozent für "Ist nicht Deutschland!" (Die Umfrage lief in den vergangenen drei Tagen auf der Seitenspalte, rechts.) 

Der Wanderer gibt Kommentaren völlig recht, die diese Umfrage als "unsinnig" bezeichneten. "Nobody" etwa schrieb: "Interessante Ausgangsfrage. Aber so wie die Umfrage aufgebaut ist, ist das Ergebnis völlig wertlos. Ähnlich wie bei einer Umfrage nach dem Geschlecht der Leser, wenn diese wie folgt aufgebaut ist: a) männlich b) nicht weiblich. Aus der Verteilung der Stimmen irgendwas abzuleiten, würden wohl nur Politiker wagen."

Und doch sagt die Umfrage eines aus: Vegetarier gehen nicht zum Metzger einkaufen. Oder: Wer Irlands Natur mag, liest Blogs, die Irlands Natur beschreiben und würdigen. Wem Natur eher egal ist, liest eben andere ehrenwerte Blogs. Warum auch nicht! Wie bitte?

Vor zwei Wochen hatte Blogger-Kollege Bernd genau diese Online-Umfrage "Warum Irland?" auf seinem Irland Inside Ketzer-Blog veröffentlicht: Nur 13 Prozent von 60 Antworten nannten "Natur!" als Hierseins-Grund. 13 gegen 46 Prozent. Das macht den kleinen Unterschied. 28 Prozent stimmten bei Bernd für den Grund "Kelten!", und 41 Prozent antworteten: Irland? "Warum nicht!"  – die Antwort der Fatalisten, die auch der Fragesteller favorisierte.

Die Vorlieben der jeweiligen Blog-Leser werden durch den direkten Vergleich der Umfrage-Antworten ganz gut sichtbar: Leserinnen und Leser dieses Irland Blogs wissen, was ihnen an Irland gefällt. Sie schätzen und mögen Irland der Natur* wegen. "Warum nicht!" wäre möglicherweise ein zu schwaches Motiv, um sich Richtung Grüne Insel aufzumachen oder dort zu bleiben. Doch zugegeben: Letzteres ist schon viel Interpretation.   

Dass 38 von 92 Stimmen auf die ziemlich unsinnige Antwort "Kelten!" entfielen, legt übrigens die Vermutung nahe, dass sich auch ein, zwei Schelme mit zuckendem Zeigefinger und dem Wissen, wie man die Blockaden gegen widerholtes Abstimmen umgeht, an der Umfrage beteiligt haben. 

Den Lesern, die sich ernsthaft mit der Frage "Warum Irland?" auseinandersetzen wollen und die auch die berufliche Dimension der Frage berücksichtigt sehen wollen, sei versprochen, dass das Thema demnächst wieder kommt. Dann ganz ernsthaft.


* Nennen wir die von Menschen maßgeblich geprägte Kulturlandschaft Irlands in diesem Fall vereinfacht "Natur".

Sonntag, 20. Juni 2010

Irland aktuell:
Eine neue Partei unzufriedener Hinterbänkler

Das politische Establishment Irlands präsentiert sich in diesen Monaten wie ein schwer angeschlagener Preisboxer: stehend k.o. Die verbleibende Energie steckt die politische Elite von Regierung und Opposition in den persönlichen Machterhalt. Zumindest dies gelingt bislang bestens: Fianna-Fail-Ministerpräsident Brian Cowen (Foto), der als Finanzminister die schwere Wirtschaftskrise Irlands maßgeblich mitverursacht hat, indem er die Bauwirtschaft mittels Steuersparmodellen maßlos überhitzte, sitzt fast gemütlich im Kapitänssessel und betrachtet amüsiert, wie die Fine Gael-Opposition ein Blutbad in den eigenen Reihen anrichtet.

Nachdem der parteiinterne Aufstand gegen Fine Gael-Chef Enda Kenny in dieser Woche gehörig daneben gegangen ist, scheint klar, dass auch die Regierung aus Fianna Fail und Grünen bis zum bitteren Ende der Legislaturperiode im Jahr 2012 weiter "regieren" wird. Keine schöne Aussicht.

Nun allerdings tut sich doch etwas: Das Geraune um die Gründung einer neuen Partei wird lauter. Mit ihren führenden Vorturnern vollends unzufriedene Hinterbänkler von Fianna Fail und Fine Gael führen Gespräche über einen neuen Machtfaktor in der irischen Politik: Die Partei soll  in der Mitte oder leicht rechts der Mitte angesiedelt werden. Gesucht wird schon nach einem Parteichef – und der soll über drei interessante Qualifikationen verfügen: Er sollte unternehmerische Erfolge nachweisen können, möglichst Seiteneinsteiger sein, also ein Nicht-Politiker, und zudem ein "soziales Gewissen" haben.

Das klingt gut, ist aber schlicht die Bankrotterklärung der politischen Kaste, wenn dieses Chef-Profil von Politikern als Gegenentwurf zum eigenen Profil postuliert wird. Das erste, was ein solcher Parteichef neuen Zuschnitts tun müsste: Er müsste sich neue Parteimitglieder suchen. Mit den alten Köpfen aus den alten Parteien lässt sich keine neue Politik machen. Auch die meisten Dissidenten aus den etablierten Zentrum-Rechts-Parteien Irlands stecken schon zu lange im politischen Sumpf, um sich nun plötzlich als Kräfte der Erneuerung verkaufen zu können. Eher schon scheint die Zeit für die linke Labour Party und für eine politische Reformbewegung jenseits des alten Parteien-Establishments anzubrechen.

Die neue Mitte-Rechts-Partei soll bis zum Herbst arbeitsfähig sein. Eine aktuelle Umfrage des Sunday Independent  ergab übrigens, dass 51 Prozent der 500 Befragten eine neue Partei für notwendig halten und 49 Prozent dagegen sind.

Foto: Büro des Taoiseachs.

Lesetipp: Geo Saison zeigt Irlands schöne Seiten

Lesefutter für Irland-Fands: Das gerade erschienene Juli-Heft von Geo Saison schmückt sich mit einer 32-seitigen Titelstrecke über Irland. Die Reportagen und Geschichten der Hamburger Reise-Redaktion beschreiben Irlands Norden, natürlich Dublin, und die 200 Kilometer lange Atlantikküste. Auch eine Doppelseite über Glengarriff, West Cork – unserem bevorzugten Ort auf der Insel - ist dabei. Der Verlag kündigt die aktuelle Ausgabe so an: "Mit dem Frieden entdeckt Nordirland seine Kultur- und Naturschätze neu: Wir bestaunen die 200 Kilometer lange Atlantikküste, Glens und Fischerdörfer. Dazu wandern wir in den Hügeln des Donegal und knöpfen Einheimischen ihre besten Tipps für Dublin ab." 

Lesenswert ist übrigens auch die Juni-Juli-Ausgabe der Irland-Edition, die derzeit im gut sortierten Zeitschriftenhandel oder beim Verlag direkt erhältlich ist. Verleger Jan O. Deiters hat wieder eine bunte Mischung interessanter Irland-Themen zusammengestellt, unter anderem eine Geschichte über die sagenumwobenen irischen Hochkönige und über den Trendsport Wellenreiten im irischen Atlantik. Ein kühles Vergnügen. Der Wanderer kommentiert in der Irland-Edition-Kolumne die Invasion der mächtigen Lachszucht-Konzerne an Irlands Südwestküste.    

Samstag, 19. Juni 2010

Irland lacht: England strandet am Kap der Angst

Im Interesse der eigenen Gesundheit sollte der Mensch bekanntlich grundsätzlich positiv denken und sich von Affirmationen leiten lassen. Was aber, wenn es keine positiven und bejahenden Identitikationsfiguren gibt? Was, wenn das eigene Fußball-Team die WM in Südafrika vor dem Bildschirm begleitet wie man selbst? Tja, da hilft dann doch das Unglück der geliebten Feinde über das Schlimmste hinweg - wie ich gestern am Beispiel der Franzosen beschrieben habe. Schon in der Bibel steht geschrieben, ihr sollt auch Eure Feinde lieben. Zumindest, solange sie nicht im Fußball siegen.

Gestern nun blamierte sich - neben Löws Gelbekartenklosesundpoldis  - auch Irlands geliebter Erzfeind England aufs Beste. Beeindruckend aufspielende Algerier trotzten der weltgrößten Fußballnation England ein Unentschieden ab. Wie süß Schadenfreude sein kann, dokumentiert heute morgen die Irish Times mit einer herrlichen Titelzeile. Sie kommentiert das Match am Kap der Guten Hoffnung: "England stranded in Cape Fear" - England strandet am Kap der Angst.

Und nein. Der Irland Blog wird nicht zum Fußball-Blog umfunktioniert, wie Bloggerfreund Harald dies für die Zeit der WM vorbildlich praktiziert. Mit den beiden Bemerkungen zu "Fußball und die irische Psyche" sollte das Thema erschöpfend behandelt sein.

Foto: FIFA

Freitag, 18. Juni 2010

Genugtuung für Fußball-Irland: Adieu Les Bleus

Gestern abend ballten sich vor irischen Fernsehgeräten viele Hände zur Siegerfaust, Erinnerungen an die Zeit der San Patricios wurden wach: Stellvertretend für Irland fegten die alten Freunde aus Mexiko das Star-Ensemble aus Frankreich souverän vom Rasen - die französischen Fußballer  können bei der WM in Südafrika fast schon die Koffer packen. Thierry "die Hand" Henry saß derweil eingemummelt und depressiv auf der Ersatzbank. Der Mann, der Irland mit einem doppelten Handspiel um die Teilnahme an der Fußball-WM brachte, musste zusehen, wie die gallische Gurkentruppe sich auseinandernehmen ließ.

In Irland werden Fußball-Triumphe derzeit unter doppelt negativem Vorzeichen herbeigehofft: Paddy Soccer hat in Abwesenheit von Trappatonis Green Squad nur zwei emotionale Ventile, um sich Genugtuung zu verschaffen: Das eine öffnete sich gestern abend weit, als die Franzosen untergingen und die auf einem Foulspiel aufgebaute WM-Mission frühzeitig endete (ja, eine klitzekleine rechnerische Chance haben die tief zerstrittenen "Les Bleus" noch . . .).

Das andere Ventil zum Frust Ablassen ist die traditionell gepflegte Feindschaft gegenüber dem Team von England. Zwar lieben alle irischen Kids die Soccer-Helden von Manchester United, von Chelsea oder Liverpool – wenn es aber um Länderspiele geht, dann wünscht Paddy den Gerards, den Lampards und Rooneys nur das Schlechteste, nämlich ein möglichst frühes Ausscheiden und fette Niederlagen. Nach dem ersten mediokren WM-Spiel der Engländer zu urteilen, könnte auch diese irische Rechnung aufgehen.

Der Kolumnist Declan Lynch warf vor kurzem in der Irish Times die spannende Frage auf, ob es nicht an der Zeit sei, sich endlich mit Englands Fußballern und so auch mit der schwierigen gemeinsamen Geschichte auszusöhnen. Er erinnerte sich an seine unschuldige Kindheit, als er  völlig unbefangen England-Fan war und die Glücksgefühle eines Fans erlebte. Erst später lernte er, dass er als Ire die verhasste Vaterfigur England nicht unterstützen sollte. Declan Lynch jedenfalls meint angesichts der vielen Gemeinsamkeiten von Engländern und Iren: "Es ist an der Zeit, dass Paddy den alten Feind als Freund umarmt". Recht hat er. Wir als Deutsche dürfen uns trotzdem auch in Zukunft über Englands Elfmeterschützen und ihre glücklosen Torwarte lustig machen.

Foto: FIFA. Thierry Henry (oben), der zweitberühmteste Handspieler der Fußballgeschichte, wird bei der WM in Südafrika nicht glücklich. Der berühmteste Fuß-Handballer, die "Hand Gottes" Maradona, steuert mit Argentinien derweil auf Erfolgskurs.

Donnerstag, 17. Juni 2010

Warum eigentlich Irland – warum eigentlich nicht?

Mal ehrlich: Gehen Sie zum Metzger, um Blumen zu kaufen? Oder würden SIe zum Erwerb einer Mischbatterie in die Baumschule fahren?

Unter Irland-Auswanderern und Irland-Reisenden wird gerne und regelmäßig die Frage aufgeworfen: "Warum eigentlich Irland"? Da kaum jemand, der in Irland gelandet ist, zufällig hierher gekommen ist, da kaum jemand Island gesucht und sich kolumbus-ähnlich nach Irland verflogen hat –  weil also jeden Irlandfahrer ganz bestimmte Gründe, Motive oder Träume auf die Insel geführt haben, ist die Frage nach dem "Warum" immer eine reizvolle, relevante und interessante.

Ein Blogger-Kollege aus Nord-Irland, der die Natur Irlands* mehr vom Internet oder von Photos kennt als aus eigener Anschauung, hat sich gerade wieder der großen Frage "Warum eigentlich Irland?" gewidmet. Der Bernd macht das regelmäßig, auch um das Thema (und manche, die sich mit ihm auseinandersetzen) dann gerne als irrelevant und marginal abzumeiern.

Vergangene Woche hat der bloggende Irlandkenner die Online-Umfrage "Warum Irland?" steigen lassen – und siehe da: nur 13 Prozent von 60 Antworten nannten "Natur!" als Hierseins-Grund. 28 Prozent kamen demnach der Kelten wegen, und 41 Prozent antworteten: Irland? "Warum nicht!"  – die Antwort, die auch der fragende Bernd favorisiert, wenngleich sie als Gegenfrage nichts begründet und eher die Denkfaulheit befördert.

Gehen Sie zum Metzger, um Blumen zu kaufen? Oder anders: Zieht der Metzger Kunden an, denen der Sinn nach Vegetarischem steht? Um dieser Frage ein wenig intensiver nachzuspüren, läuft die Umfrage "Warum Irland?" in den nächsten Tagen spaßeshalber originalgetreu (und hoffentlich mit freundlicher Genehmigung aus Dalys Brücke) hier auf dem Irland Blog eine Ehrenrunde. Der Wanderer ist gespannt, wie es die Leser hier mit Kultur, Natur, Kelten und Fatalismus halten. Die Umfrage wird in der rechten Seitenspalte erscheinen, sobald Google es will und das Umfrageprogrämmchen wieder mitspielt.

Edit: Google Polls schläft noch immer. Die Umfrage gegenüber läuft deshalb seit Donnerstag nachmittag über den Dienstleister PollDaddy.

* Nennen wir die von Menschen in knapp 10.000 Jahren gestaltete Kulturlandschaft Irlands der Einfachkeit halber Natur. 

Mittwoch, 16. Juni 2010

16. Juni, Bloomsday: Der Tag, an dem James zum Mann wurde

Am 16. Juni 2009 schrieb ich an dieser Stelle: "Zeit für ein Geständnis: Seit dem 16. Juni 1959 ist es dem Wanderer trotz zahlreicher Anläufe bis heute nicht gelungen, den Ulysses von James Joyce in einem Rutsch komplett zu lesen. Eine Aufgabe also für das neue Bloomsyear. Vielleicht gelingt dies mit Hilfe eines Struktur- und Orientierungsschemas, das Joyce Freunden überließ und das jedem Kapitel ein Symbol, eine Farbe, ein Organ und andere Merkmale zuordnet."

Nun, ein Jahr später, noch ein Geständnis: Es ist wieder nicht geschehen. Ulysses samt Sekundärliteratur blieben ein weiteres Jahr ungelesen, ja unangerührt im Bücherregal stehen. So bemessen sich Lebensjahre mittlerweile an der verpassten Chance, Literatur-Klassiker zu lesen. Deshalb: Keine literarischen Selbstverpflichtungen mehr, nur ein kurzes Nachsinnen über die Gründe des Nicht-Gelingens.

Um den Ulysses komplett zu lesen, muss man nicht ein moderner Odysseus, wohl aber ein zeitgenössischer Herakles sein: Die Lektüre darf als 13. heraklische Großtat gelten. Manche Zeit-Diagnostiker meinen, wir verlören angesichts der Dominanz der omnipräsenten und ständig fordernden Onlinemedien die Fähigkeit zur Langstrecke auf Papier: Geduldiges Bücherlesen, das Aufbohren dicker Schwarten sei eine aussterbende Kulturtechnik, mahnen Lauscher am Puls der Gesellschaft, wie zum Beispiel der Trendlhorcher und FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher. 

Der Sog der zeit- und energie-absorbierenden Onlinemedien, besonders des Social Web: Er verändert unser Leben dramatisch und im Eiltempo. Wer sich entzieht, gewinnt Freiheit und verliert . . . den Anschluss? Die Zeitgenossenschaft? Durchschnittlich 151 Facebook-"Freunde"?

Kommen wir zum eigentlichen Thema: Heute war (und ist noch immer) Bloomsday. Ein Tag, der in Irland und anderswo gerne zelebriert wird. Ich zitiere mich ausnahmsweise einfach einmal selber: 

"Über den 16. Juni 1904 soll Nora Barnacle später geäußert haben: "Das war der Tag, an dem ich einen Mann aus Jim gemacht habe". Was sich genau am 16. Juni 1904 im Leben von James Joyce ereignete, bleibt im Dunkel der Geschichte. Historisch gesichert ist, dass er an jenem Tag seine spätere Frau Nora zum ersten Mal ausführte, und dass er den 16. Juni 1904 deshalb als Datum für seinen Roman "Ulysses" (Odysseus) verwendete. Dieser fundamentale und schwer zugängliche Roman beschreibt einen einzigen Tag im Leben des Anzeigenakquisiteurs Leopold Bloom und seiner Frau Molly, einen Tag in Dublin, den 16. Juni 1904.

Ulysses erschien erstmals 1922 in einer zensierten Version in Paris. Die kolossale literarische Beschreibung von Dublin und einiger seiner Bewohner wurde damals als "obszön" verschrien. Das hat sich im Lauf der Jahrzehnte gändert. Bis heute allerdings gilt Joyce´s Hauptwerk als große Herausforderung an Generationen von Lesern: Wo beginnen, wo enden? Weil der Ulysses extrem komplex gestrickt ist und weil ihm ein traditioneller chronologischer Handlungsstrang fehlt, verschließt er sich dem schnellen Konsum – und wurde wohl gerade deswegen Kult.

Seit dem Jahr 1954 wird der 16. Juni von Literaten, Lesern und Nichtlesern als Bloomsday (nach dem Namen des Protagonisten Leopold Bloom) gefeiert. Damals zog eine kleine Gruppe irischer Schriftsteller zum Martello-Tower von Sandymount, einem im Ulysses beschriebenen Schauplatz, um ein großes Trinkgelage zu feiern. Die Literaten beriefen sich auf den 16. Juni 1929: Denn heute vor 80 Jahren lud James Joyce einige Freunde, darunter seine Verlegerin Sylvia Beach und den Schriftsteller Samuel Beckett ("Warten auf Godot") in das Hotel "Leopold" in der Nähe von Paris zu einem "Déjeuner Ulysses" ein. Der Abend und die spätere Rückkehr nach Paris gerieten zu einer fürchterlichen Sauftour, in deren Verlauf der sturzbetrunkene Beckett auf dem Klo einer Kneipe vergessen und zurückgelassen wurde.

Seit Jahren feiert sich auch die Stadt Dublin - die Joyce im übrigen nicht sonderlich mochte - am Bloomsday. Auf den mit Bronzeplaketten ausgeschilderten Touren besuchen heimische Fans und Horden von Touristen die im Ulysses verewigten Schauplätze, lesen ein paar Seiten des Romans am Joyce Tower von Sandycove, nehmen dort ein Bad oder geben sich am Strand von Sandymount "unanständigen Sachen hin", essen wie im Roman beschrieben ein Gorgonzolabrot, trinken ein Glas Burgunder (ursprünglich bei Davy Byrne´s in der Duke Street) oder kaufen in der Apotheke (Sweny´s) ein Stück Zitronenseife."



Die Fotos zeigen: Ausschnitt aus dem Filmplakat zu "Nora", Nora und James Joyce (links, mitte) mit einer dritten Person und James Joyce (von oben nach unten).

Das Wetter: Besuch von den Azoren lässt Irland träumen


Irland freut sich über einen begehrten Sommerbesucher vom Atlantik: Das Azorenhoch hat sich stabil über der Grünen Insel eingerichtet und lässt die Iren nun von einem Super-Sommer träumen. Die Wetterprognostiker von Met Eireann jedenfalls versprechen "auf absehbare Zeit" wunderschönes Sommerwetter.

Das atlantische Hochdruckgebiet, das nach den westlichsten Inseln Europas benannt wird,  liegt derzeit genau richtig: Nördlich vom Jetstream. Diese Großwetterlage hatte zu den irischen Rekordsommern in den Jahren 1976 und 2005 geführt. In den vergangenen drei Jahren hatte sich das Azorenhoch über Irland nicht blicken lassen und setzte die Insel gnadenlos den vom Atlantik hereinziehenden Schlechtwetterfronten aus. Drei erbarmungswürdig regnerische Sommer waren das Ergebnis.

Dieses Jahr könnte alles anders werden, auch wenn die Bevölkerung dem blauen Himmel noch nicht traut. Viele Irinnen und Iren sind der festen Überzeugung, dass Ihnen im Jahr nur einige wenige Wochen schönes Wetter zustehen – und das hätten sie dann gerne im Sommer. Weil das Jahr 2010 aber seit Monaten schon mit prima Wetter verwöhnt hat, könnte das auch heißen, dass der Schönwetter-Kredit aufgebraucht ist?

Da hilft nur die Langzeitbetrachtung: Wer das in den vergangenen drei Jahren von Petrus und seinen Gehilfen spendierte Schönsommerwetter zusammen rechnet, könnte auf die Idee kommen, dass Irland einer traumhaften zweiten Jahreshälfte entgegensieht. Heute jedenfalls genießen wir im Südwesten der Insel einen strahlend blauen Himmel und Temperaturen um 22 Grad – und morgen auch.

Dienstag, 15. Juni 2010

Abschlussprüfungen in Irland:
Das Wissen aus Socke und Internet

Seit der vergangenen Woche finden die Abschluss-Prüfungen an Irlands Schulen statt, und wie fast jedes Jahr, wird auch das 2010er Leaving Cert von einem netten Skandal begleitet, der das mediale Irland in heftige Erregungszustände versetzt. Im vergangenen Jahr sorgte die vorzeitige Veröffentlichung von Prüfungsfragen im Internet für Prüfungschaos, nachdem ein schnarchsäckiger Aufseher den Prüflingen einer Schule die falschen Aufgaben ausgeteilt hatte.

In diesem Jahr hält erneut die anarchische Kraft des Internets den irischen Lehrkörper bis hinauf zum Erziehungsminister in Atem: Am Wochenende erzielte in Irlands größtem Web-Forum boards.ie eine Dikussion über aktuelle Mogelpraktiken in den bisherigen Prüfungen Rekord-"Einschaltquoten". Ein Abschlussschüler berichtete dort über die Spickereien und Mogeleien von Mitschülern, die er selber beobachtet hatte. Danach wandte sich der geplagte Denunziant auch direkt an die staatliche Prüfungskommission.

Die staatlichen Prüfer ließen eilfertig verlauten, dass man die Internetforen und sozialen Netzwerke genau beobachte und dass in diesem Jahr erstmals Untersuchungen aufgenommen wurden: Die im Internet geschildertern Fälle "möglicherweise gravierender Betrügereien" will die Prüfungkommission aus eigener Initiative eingeleitet haben, noch bevor der jetzt im Web gerne als "der Spitzel" beschimpfte Informant seinem Beichtdruck nachgab. Man merkt: Der Feind liest mit – er hat sich auch mit Facebook, Boards und YouTube angefreundet.

Es sind die üblichen Methoden, die Generationen von Schülern praktiziert und verfeinert haben, ergänzt um den Einsatz zeitgemäßer Strategien mittels iPhone und Google-Handy. Prüflinge verstecken Spickzettel in Mützen und Socken oder unter Toilettensitzen, müssen wegen "schwacher Blasen" zum Telefonieren auf die Toilette, checken Wikipedia oder simsen Ergebnisse via Mobiltelephon.

Im kleinen Irland, wo die Abschlussprüfungen für das gesamte Land zentral gesteuert werden, ist nun sogar der Erziehungsminister gefordert. Er kann Mogler nach eigenem Ermessen von den Prüfungen ausschließen und sie mit einem Prüfungsbann belegen. Traurige Berühmtheit erlangte vor zehn Jahren der damalige Schulminister Willie O'Dea. Er spielte sich als oberster Sittenwächter auf und verbot den kultverdächtigen irischen Film "Wie man in den Abschlussprüfungen erfolgreich mogelt". Der wenig vorbildliche Minister O´Dea ist mittlerweile Geschichte, er stürzte über einen unappetitlichen Politskandal. Die Spicker und Schummler wird es dagegen auch in den Leaving-Cert-Prüfungen in zehn Jahren noch geben.

PS: A propos Stürzen in der Politik: Ministerpräsident Brian Cowen muss sich in dieser Woche wieder einmal einem Misstrauensvotum im Parlament stellen. Seit Monaten ist die Fianna-Fail-Regierung am Ende, hält sich dank der devoten Koalitionspartner von den Grünen und dank einer zerstrittenen Opposition aber schwankend im Amt. Ob diese Woche alles anders wird? Nun scheint eher realistisch, dass Fine-Gael-Chef Enda Kenny diese Woche politisch nicht überleben wird. Die Opposition jedenfalls hat ein veritables Problem mit sich selbst. Führer Kenny wird sich am Donnerstag dem Votum seiner gespaltenen Fraktion stellen müssen. Immerhin: Die Labour Party ist Umfragen zufolge mittlerweile unumstritten stärkste Partei im Land; der Wandel im politischen Irland kommt auf leisen Sohlen. 


Bild: ARDSCOIL LA SALLE, Dublin 5

Montag, 14. Juni 2010

Stell Dir vor, du kommst heim und es brennt


Das Gefühl, das Dich bei diesem Anblick überfällt, ist wenig erbaulich. Es riecht nach Katastrophe, nach Bedrohung und nach Ohnmacht. Gedanken an Flucht, an Fluchtwege und die Rettung der Habseligkeiten rasen wild durch den Kopf. Am Wochenende war es wieder einmal soweit: 

Wir kehren nach einem Abend im Pub nach Hause zurück und werden schon von weitem vom Feuerschein alarmiert. Es ist Mitternacht. Auf den Wiesen hinter unserem Haus, direkt am Grundstück eines Freundes, wütet ein riesiges Feuer.

Wir haben Glück, Wind kommt auf und treibt die Feuersbrunst in die andere Richtung, nach Osten. Bevor die Flammen dort das Heim einer Amerikanerin erreichen können, bekommen es die Feuerwehrleute unter Kontrolle. Keine zehn Meter beträgt der Sicherheitspuffer zu Öltank und Haus am Ende,  vielleicht 300 Meter blieben zum Haus des örtlichen Feuerwehrchefs. Auch das unser Glück: Der Feuerwehr-Kommandeur zog alle Feuerwehren der Gegend im Eiltempo zusammen.  
  
Die Flächenbrände haben in Irlands Südwesten eine lange Tradition. Ginster, Farn und Gagelstrauch werden von den Bauern mit Feuer gebannt. Im Winter, bis in den späten April hinein brennen die Berge und die Weiden. Ein Skandal für sich. Dass aber so spät im Jahr und so spät in der Nacht noch gezündelt wird, kann nur eines bedeuten: Es war das Werk von Brandstiftern. Dafür spricht, dass das Feuer an mehreren Stellen gleichzeitig ausbrach. Es gehört leider auch zu dieser alten Tradition, dass die Täter nicht gefunden werden – aus welchen Gründen auch immer.  

Fotos: Peter Nutt

Sonntag, 13. Juni 2010

Mit Paddy's Welcome über den Sound von Dursey

Das ist Paddy Sheehan, der "Kapitän" von Irlands einziger Seilbahn. Täglich drei mal sitzt Paddy in seiner Kabause am Dursey Sound, verkauft Tickets für den zehnminütigen Seilbahn-Trip und legt den Hebel um, damit sich die blau gestrichene Kiste am Stahlseil in Bewegung setzt.

Paddy betreibt die Seilbahn für das Cork County Council und lässt keinen Zweifel daran, für wen die Seilbahn zuerst fährt: für die Inselbewohner. Eigentlich sollte das Infrastrukturprojekt, das nun in allen Irlands-Reiseführern als "The Only One" gefeiert wird, dazu beitragen, die Bevölkerungzahl auf Dursey Island zu stabilisieren und die Gemeinde am Leben zu erhalten. Das Ansinnen ist gescheitert. Heute leben auf Dursey am westlichen Ende der Beara Peninsula gerade noch eine Handvoll Menschen - im Sommer sind es ein paar mehr.

Bahnwärter Paddy wird grummelig, wenn morgens um 10.30 Uhr immer noch Menschen mit Tagesrucksäcken an der Seilbahn anstehen, um über den Sund auf die Insel transportiert zu werden. Er fordert den Touristen im allgemeinen auf, gefälligst früher aufzustehen, und die 9-Uhr-Bahn zu nehmen. Dann scannt er die Umgebung genau ab, ob er nicht noch einige Einheimische erspäht, denen er den Vorzug geben könnte: "Locals first."

Die jungen Frauen aus Cork City freuen sich auf die Tageswanderung auf der  einsamen Insel im äußeren Westen des Counties Cork. Sie nehmen Platz in der mit acht Passagieren formal schon überfüllten Seilbahn-Kabine und sind guter Laune: Gut, dass sie die letzte Bahn des Morgens gerade noch geschafft haben, gut, dass weder Einheimische, noch Güter, noch Rindviecher bevorzugt transportiert werden mussten.

Während die Kiste über den Dursey Sound schwankt und schwebt, wundert sich das Mädchen aus Cork: "Gäste werden hier nicht gerade mit Jubel begrüßt". Sagt Ihre Freundin: "Wir sind hier in West Cork. Wäre das hier County Kerry, wäre diese Seilbahn längst die größte Touristen-Attraktion." Womit sie recht hat. "Willkommen" in West Cork. The Real Thing.

Freitag, 11. Juni 2010

In eigener Sache:
Design-Spielerei auf dem Irland Blog

Schwupp, klick – und schon hat der Irland Blog ein anderes Gesicht. Blogger-Googles neuer Vorlagen-Designer, der gerade eingeführt wurde, ermöglicht nun umfangreiche Layout-Anpassungen in Minutenschnelle und ohne dass die Benutzer HTML oder CSS schreiben müssen. Da die Seitenspalte auf diesem Blog von Beginn an auf der falschen Seite angebracht war, kommen die neuen bequemen Designfunktionen auch dem Wanderer gelegen. Die Spalte wanderte nun von links nach rechts.

Darf ich an dieser Stelle um Eure Kommentare bitten: Wie kommt Ihr mit diesem Layout zurecht? Ist es gewöhnungsbedürftig? Sind die Fotos vielleicht zu groß und laden zu langsam? Ist die Seite zu vollgestopft oder übersichtlich genug? VielenDank dafür!

Donnerstag, 10. Juni 2010

Die Gärtner Irlands zählen die Verluste des Winters

Subtropisches Pflanzenparadies Irland

Es ist Sommer in Irland, doch viele Gartenfreunde haben noch immer den vergangenen Winter nicht überwunden. Vorsichtig untersuchen sie täglich aufs Neue ihre Pflanzen-Juweelen und fragen sich ängstlich: Geht da noch was, treibt aus dürrem braunem Geäst vielleicht nicht doch noch neues Grün? Die Inventur über die Frost-Schäden ist in vollem Gange, es wird nach Kräften nachgepflanzt.

Viele empfindliche Pflanzen, die vor im golfstrom-milden Südwesten Irlands gedeihen, haben den strengen Winter 2009/10 nicht überstanden. Die 60 Frosttage machten manchem Dauergast aus den Subtropen den Garaus: Die Fächerpalme, der Baumfarn, der Leptospermum-Busch, die Strauch-Veronika, die Schönmalve und der Papageienschnabel – was haben sie gelitten in diesem Winter, der kein Ende nehmen wollte. Chefgärtner, Hobby- und Gelegenheits-Gärtner auf der Grünen Insel beklagen deshalb so manchen Verlust. Die Orderbücher der Spezialgärtnereien sind gut gefüllt, für die erfrorenen Raritäten muss schnell Ersatz gepflanzt werden, um die Lücken zu schließen.

Viele Baumfarne erholen sich von den stressigen Frosttagen 

Noch immer aber haben manche Frostgeschädigte eine Chance: Experten raten, bis in den Herbst zu warten, bis das endgültige Urteil über das Ableben der Washingtonias und der Dicksonias gefällt und der Totenschein wirklich ausgestellt wird. Tatsächlich präsentieren sich manche Baumfarne, die im Frost ungewöhnlicherweise ihren gesamten Kopfschmuck eingebüßt haben und die wie abgestorben wirkten, erst seit zwei, drei Wochen mit neuen zart-grünen Trieben. Also heißt es Abwarten. Die Hoffnung stirbt zuletzt – auch die grüne Hoffnung des Gärtners.

Diese Washingtonia-Palmen dürften erfroren sein.

Auch im Winter 1986/87 verursachte strenger Frost bis minus 12 Grad in den Gärten des Südwestens einigen Schaden. Die Verluste wurden durch Nachpflanzungen jedoch bald kompensiert und gerieten schnell in Vergessenheit.

Mittwoch, 9. Juni 2010

Was macht der Deutsche in Irland bloß ohne . . . Frühstücksbeutel?

Was fehlt uns Deutschen, wenn wir gen Irland ziehen, um dort zu leben oder ausgedehnt Ferien zu machen? Generationen von Irlandfahrern haben dieses Thema bis zum letzten Brosamen durchgekaut. Von Maggi über guten Riesling bis zum Sauerkrautsaft, von kernigem  Schwarzbrot über den Quark bis hin zurrr deutschen Oberrrpünktlichkeit und Zuverrrlässigkeit: Es lässt sich lange über Verlangen und Verzicht klagen, wenn man will – und anhand der mehr als souveränen eigenen Einstellung zur deutschen Mischbatterie lässt sich sogar die eigene Superiorität trefflich herausstreichen.

Ein kleiner, unscheinbarer alltäglicher Gebrauchsgegenstand wird bei der kollektiven Vermisstenanzeige dagegen meistens vergessen oder schnöde übergangen. Dabei ist er so hilfreich, so praktisch und jeden Tag aufs Neue so unentbehrlich: Der Frühstücksbeutel. Dieser kleine transparante Tausendsassa aus feinstem hauchdünnen Kunststoff, der sich selbst im Halbschlaf an der Perforation perfekt leicht von der Tausenderrolle trennen lässt, um Sandwich, Nudelsalat und Schinkenbrot Schutz und Zuflucht zu bieten – dieser Frühstücksbeutel, der Generationen von deutschen Schülerinnen und Schülern geformt und geprägt hat, darf auf keiner Irlandreise und in keinem teuto-keltischen Haushalt auf der Insel fehlen.


Wie grässlich unappetitlich kommen dagegen die schmuddeligen irischen Brüder und Schwestern des guten deutschen Frühstücksbeutels daher? Die eklig durchgefettete Brown Bag? Bäähh. Die widerwärtig riechende Lunchbox mit den vergammelten Essensresten der letzten fünf Tage? Eeekel. Wir brechen deshalb an dieser Stelle eine große Lanze für den Frühstücksbeutel und zitieren den erfahrenen Reisenden Gunther Papperitz, einen tourenden Musiker und Frühstücksbeutel-Enthusiast. Bitte beachten: Am Ende des Zitats wird uns der Weg gewiesen, wie wir auch in der Fremde auf die guten Dienste des Frühstücksbeutels nicht verzichten müssen:

"Mein Lieblingsutensil. Mit Frühstücksbeuteln outet man sich nämlich als absoluter Könner im Tournee-Business. Üblicherweise fällt die komplette Reisegruppe nämlich bei einer ihrer Sanifair-Pausen völlig entkräftet über einen autobahnnahen Burgerbräter her wie ein Heuschreckenschwarm auf seinem Zug durch den Transvaal über das Maisfeld. Als Könner hingegen schmiert man sich am viel zu reichhaltigen Frühstücksbuffet einige Stullen. Die schmuggelt der Lunch-Agent in PAPIERSERVIETTEN eingewickelt in seinen Jackentaschen aus dem Hotelrestaurant. Schließlich hat man die Frühstücksbeutel wieder auf dem Zimmer vergessen. Dort wird dann aber schön in Zellophan umgepackt. Während der Rest der Reisegruppe sich also mittags stinkende Kartoffelspalten in die Figur drückt, dreht man sich einfach ein bis drei selbst gemachte Lachs-, Parmaschinken-, Etzetera-Brötchen aus dem Frühstücksbeutel. Das schmeckt doppelt. Denn man hat ja auch noch den zusätzlichen Genuß der neidischen Blicke der kompletten Reisegruppe. Herrlich! . . . Die ganz hartgesottenen Tourprofis sparen sich übrigens die Investition und zweckentfremden die Hygienebeutel aus ihrer Zimmertoilette."

Dienstag, 8. Juni 2010

Wo der Bauer mit dem Klingelbeutel auf Gäste wartet


Jeremy Rifkin beschrieb in seinem Bestseller "The Age of Access" eine hyperkapitalistische Welt, in der der Zugang zu jedwedem Ort, zu jeglichem Service und zu jedem Anlass vermarktet wird. Kein freier Zugang, nirgends. Für Zugang muss Eintritt bezahlt werden, überall. Das ziemliche Gegenteil, nämlich freien Zugang, schätzen die Fans der weiten Landschaft Irlands. Dort, wo die Mechanismen des schier allgegenwärtigen Marketings noch nicht greifen, dort, wo die alten Steinmonumente wie seit Jahrtausenden ungestört in der Landschaft stehen, dort, wo keine Profitgier die Lust am Landgang stört – dort sei die Welt noch in Ordnung, sagt man.

Tatsächlich? Auch Irlands Farmer haben die Zeichen der Zeit erkannt und stellen sich zunehmend gerne mit dem Klingelbeutel vor ihre mit alten Monumenten gespickten Ländereien. Der Trend zum "Heritage Park" oder zum "Landschaftspark",  den nur betreten darf, wer zuvor sein Eintrittsgeld für den Parkplatz oder für einen Rundgang entrichtet hat, dieser Trend hält an. Gerne schaut der Bauersmann in Irlands Westen und Südwesten heute nach, ob sich nicht ein paar bemerkenswerte Steine auf seinem Land befinden, die er gegen Bares herzeigen könnte.

So kostet die Besichtigung des Uragh Stone Circles mit Standing Stone auf Nord-Beara (Foto) nun zwei Euro Eintritt pro Person – dafür gibt es einige zusätzliche historische Kostbarkeiten wie eine alte Farmruine aus der Zeit der Hungersnot, ein Hünengrab (Boulder Burial) und ein vermeintliches Fulacht Fiadh, eine alte Kochstelle aus der Jungsteinzeit oder Bronzezeit, als Zugabe. Warum auch nicht? Warum soll der Bauer nicht davon profitieren, wenn er sein Privatland für Besucher öffnet, wenn er Wege baut und Parkplätze zur Verfügung stellt? Was meint Ihr dazu?

Der Wanderer denkt: Das geht angesichts der herrschenden Rahmenbedingungen in Ordnung. Schade nur, dass der irische Staat sich so wenig in der Pflicht fühlt, um das kulturelle Vermächtnis des Landes für künftige Generationen zu schützen und zu sichern. Schade, dass es bis heute nicht gelungen ist, diese historisch bedeutsamen Orte zum öffentlichen Raum zu erklären und den Zugang für die Öffentlichkeit sicherzustellen.  Schade auch, dass der Zugang in die irischen Berge bis heute in keiner Weise geregelt ist und vielerorts vom guten Willen der Landbesitzer abhängig ist – das in einem Land, wo auch der letzte Berggipfel Privateigentum ist.

Montag, 7. Juni 2010

Das Irish Pub ist tot. Es lebe das Irish Pub


Schlagzeilen macht das irische Pub in diesen Jahren eher negative und traurige: Viel ist die Rede vom Pub-Sterben, vom Verschwinden des traditionellen Irish Pubs auf der Insel. Vieles davon ist wahr, und doch: Es gibt sie noch, die alten heimeligen Kneipen Irlands. Am Bank Holiday kehrte der Wanderer in Teddy O`Sullivan´s in KIlmackillogue, Lauragh in Süd-Kerry ein. Das Pub auf der Nordseite der Beara Peninsula beeindruckt durch seine klassiche Schlichtheit, die Einladung zur Zeitreise "Back in Time" und die gut zubereiteten Miesmuscheln.

IMPRESSUM

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