Freitag, 30. Juli 2010

Irlands Erde birgt viele alte Geheimnisse

Ein Sammler und Jäger aus dem Fürstentum Liechtenstein verliebte sich kürzlich aus besonderem Grund in die Grüne Insel: In Irland gibt es noch so viel Unentdecktes und zu Entdeckendes. Im Schatten der Fürstenburg, aber auch in Deutschland, der Schweiz oder in den Niederlanden wurde mittlerweile jeder Quadratmeter Land mindestens dreimal ausgeforscht, kultiviert, betoniert, asphaltiert, verwandelt oder umgegraben.

In Irland gibt es dagegen viele Orte, die seit dem Unabhängiskeitskrieg vor neun Jahrzehnten, seit der großen Hungersnot vor 165 Jahren, seit der Wende zur Neuzeit oder sogar seit einigen 1000 Jahren von Menschenfuß weder betreten noch von Menschenhand verändert wurden. So kam es in den vergangenen Jahren fast regelmäßig vor, dass beim Bau einer neuen Straße oder eines Hauses die Zeugen vergangener Jahrtausende ausgebuddelt wurden.

Auch wer alte Steine mag - Steinkreise, Steinreihen, Hünengräber, Ringforts oder befestigte Kochstellen aus prähistorischer Zeit, kann im modernen Irland noch immer mit einer gewissen Leichtigkeit auf Funde stoßen, die in keinem archaeologischen Verzeichnis registriert sind. So entdecken Hobby-Forscher im südwestlichen Landstrich von West-Cork regelmäßig neue Monumente.

In dieser Woche freute sich der Wanderer, dass ihn ein befreundeter Farmer auf die Höhen seines Landes mitnahm und ihm einen prächtigen stehenden Stein, zahlreiche Steinformationen und alte Feldeinfriedungen zeigte, die um die 4000 Jahre alt sein dürften und die dort im Berg stehen wie sie immer schon standen : alleine, unberührt, allenfalls von einer Kuh einmal als Rückenbürste benutzt. Die Steine sind übrigens in Fachkreisen bekannt und gelten als wichtige Funde.

Nicht bekannt - beziehungsweise nur dem kleinen Kreis der Ortsansässigen bekannt ist, was der Farmer am Ende der Tour offenbarte: "Das Fort". Tatsächlich entpuppte sich die unscheinbare Anhöhe nach dem Besteigen als hochinteressante Befestigungsanlage. Der Hügel, gelegentliche Heimat von zwei Eseln, ist von einem unterirdischen System von Gängen durchzogen. Die Hügelspitze wird gesäumt von einer alten kaum noch erkennbaren Befestigungsmauer. Im Zentrum der Hügelspitze befindet sich das Einstiegsloch in die unterirische Anlage, auf halber Höhe befinden sich weitere Zugänge.

Die Sorge des freundlichen Farmers gilt immer wieder einmal der Frage, ob sich nicht einer seiner Hunde in den Gängen verirren könnte – und er äußert sein Bedauern, dass das Fort noch nicht einmal "im Book" , im umfangreichen archaeologischen Verzeichnis von West Cork verzeichnet ist. Das allerdings lässt sich leicht ändern.




Donnerstag, 29. Juli 2010

Fünfjähriger erhält Schmerzensgeld von Lidl

Irland gilt in vielerlei Hinsicht als das Land in Europa, das den USA am ähnlichsten ist. Wenn es um die Liebe zum Fast Food und zu großen nutzlosen Autos geht, oder um Prüderie und Political Correctness, dann mag der Vergleich zutreffen – und auch die Lust, mit skurrilen Schadensersatzklagen Geld zu machen, eint manche Amis und Paddys.

Den Vogel hat nun ein Gericht im County Dublin abgeschossen: Es billigte einem zur "Tatzeit" Fünfjährigen 7.500 Euro Schadensersatz zu, weil der zu Unrecht beschuldigt worden sei, eine Packung Chips gemopst zu haben.  Der Vorfall ereignete sich um Juni vergangenen Jahres in einem Lidl-Markt in Balbriggan. Was immer der kleine Tadgh mit den Chips auch im Sinn gehabt haben mag: Eine Lidl-Verkäuferin zeterte "Er hat die Chips genommen" (geklaut?) und packte den Kleinen am Arm. Das trug Lidl Irland eine Klage wegen übler Nachrede, Körperverletzung und Freiheitsberaubung ein – letztere in Tateinheit vollbracht, als die Ladenhüterin den Buben am Arm festhielt.

Der kleine Ire, mittlerweile sechs Jahre alt, ist nun gezeichnet fürs Leben, traumatisiert und schlecht beleumundet (etwas hängen bleibt ja immer . . . ), aber auch um 7.500 Euro reicher. Und damit die klagende Mutter Rachel die schöne Kohle nicht durchbringt, ordnete der Richter an, dass das Gericht das Schmerzensgeld verwaltet, bis der arme reiche Tadgh 18 Jahre alt sein wird.

Mittwoch, 28. Juli 2010

Muschel-Essen als russisches Roulette

Mögen Sie Muscheln? Dann sind Sie im Muschelzucht-Land Irland eigentlich am richtigen Fleck. Aber . . .

Es gilt in Leckerschmecker-Kreisen als schick, sich an den steinigen Stränden der Grünen Insel selber einen Eimer Miesmuscheln zu sammeln und dann ein leckeres kostenloses Muschel-Gericht (im Weißweinsud natürlich) zuzubereiten. Die altbekannte Regel klingt einfach: "Muscheln kannst Du in den Monaten, in deren Namen ein "R" vorkommt, problemlos ernten." Will heißen: In den heißen Sommermonaten von Mai bis August lässt man die Finger von den Schalentieren, weil . . .

Die altbekannte R-Regel ist so simpel wie falsch. Die eigenhändige Muschelernte mit anschließendem Verzehr gleicht auch in Irland mittlerweile einem russischen Roulette. Das Risiko, an vergifteten Muscheln ernsthaft zu erkranken, ist nicht an Jahreszeiten gebunden und unkalkulierbar geworden. Auch im Herbst und Winter können die Giftstoffe in den Muscheln lebensbedrohlich sein. Der Grund sind mikroskopisch kleine Algen, deren Gift während der Algenblüte ins Wasser, in die Muscheln, die Fische - und bisweilen auch auf unsere Teller gelangt.

Algenblüten sind ein natürliches Phänomen. Es gibt sie, seit es Algen gibt. Neu ist der dramatische Verlauf dieser Algenblüten, neu ist auch die geographische Verbreitung der Algen. Weltweit gibt es 200 bekannte Killeralgen – vielen der nur zehntausendstel Millimeter großen und damit unsichtbaren Einzeller sind im Zeitalter globaler Schiffahrt weit herumgekommen. Im Ballastwasser der Transport-Schiffe wurden sie über die Meere der Welt verteilt.

So erkrankten im Jahr 1995 holländische Muschelesser an Muscheln aus Killary Bay im County Galway, und keiner wusste trotz umfangreicher Untersuchungen, woran. Nach jahrelangen komplizierten Tests fanden Wissenschaftler schließlich heraus, dass das Gift in den Muscheln von einer Mikro-Alge stammt, die es bis dahin in Irlands einzigem Fjord gar nicht gegeben hatte. Das hoch-toxische Lebewesen war offensichtlich eingeschleppt worden.       

Im Grunde kämpft Irlands Multimillionen Euro schwere Muschelindustrie nun an jedem Tag des Jahres mit den Killeralgen. Tägliche aufwendige Wasserkontrollen durch geschulte Biochemiker sollen garantieren, dass die Muschelesser in Frankreich, Deutschland oder Galway das irische Muschelmahl "pumperlgsund" überstehen. Immer wieder sind die Muschelzuchtanlagen beispielsweise in der Bantry Bay wochenlang gesperrt, weil die veranwortlichen Wissenschaftler die Ernte von toxischen Schalentieren stoppen. Diese Kontrollmechanismen gelten als sicher - vor dem Ernsten auf eigene Faust allerdings muss eindringlich gewarnt werden: Was naturwüchsig wirkt, geht leicht in die Hose.

Bleibt noch zu erklären, warum die Algenblüten in Frequenz und Heftigkeit in den vergangenen Jahrzehnten massiv zugenommen haben: Die Algen profitieren von ungeklärten Abwässern, von künstlichen und natürlichen Düngemitteln, die hunderdtausendtonnenweise in die Meere gespült werden. Die Überdüngung der Felder hinterlässt genauso ihre Spuren in den Muschelzuchtbuchten an der irischen Westküste wie das Fehlen von Kläranlagen. 

Ganz dramatisch wird es dort, wo Fischzuchtanlagen angesiedelt werden: Das Fischfutter, das zum schnellen Fischwachstum ins Wasser gegeben wird, füttert auch die Algen – mit katastrophalen Auswirkungen für die Umwelt: Fischfarmen schaffen um und unter sich am Meeresboden sogenannte "Todeszonen", in denen nichts mehr lebt und nichts mehr wächst. Die Bakterien, die die abgestorbenen Algen abbauen benötigen für diesen Prozess Unmengen von Sauerstoff, den sie der Umwelt entziehen. Die Folge sind tote Meeresböden. 

Die Fischer in der Dunmanus Bay, in der Bantry Bay und im Kenmare River haben einen weiteren triftigen Grund, sich gegen die Pläne norwegischer Fischereimultis (Silverking Seafoods,  Marine Harvest) zu wehren, in den schönen Buchten des Südwestens gigantische Lachszuchtfarmen zu installieren.

Informationen zum Thema: Der NDR sendete gestern abend die Dokumentation "Die Killeralgen" (in der Reihe 45 Minuten). Der Beitrag, der jetzt im Internet angesehen werden kann, erklärt die Zusammenhänge sehr gut. Hier geht es zur NDR-Mediathek.  

Fotos unten: NDR. Sie zeigen die Muschelzucht von Simon Kennedy in Killary Harbour. 
    

Dienstag, 27. Juli 2010

Irland feiert Sommer – und die Polizei kontrolliert

Das August- Bank-Holiday-Wochenende naht, der Höhepunkt der Sommerferien in Irland. Wenn ein einzelnes Wochenende irischen Sommer und Urlaub repräsentieren soll, dann ist es das verlängerte Wochenende um den ersten August-Sonntag und den anschließenden arbeitsfreien Montag – wenn ganz Irland auf den Beinen und Rädern ist, wenn die kollektiv konsumierten Promille auf Jahreshöchststand klettern, wenn es auf den Straßen gefährlicher als sonst zugeht und überall im Land Feste, Feiern und Events stattfinden. Am kommenden Wochenende also ist August Bank Holiday, ein gesetzlicher Feiertag – genauso wie der erste Montag im Mai und im Juni, sowie der letzte Montag im Oktober.

Schon seit Tagen warnt die irische Polizei und appelliert an das Verantwortungsgefühl der Irinnen und Iren für ihre Mitmenschen. Die "Garda", wie die Polizei in Irland heißt, hat strengste und umfangreichste Kontrollen angekündigt: Ob Sitzgurte, Fahrzeugzustand, Geschwindigkeit oder Alkoholgehalt des Fahrers - alles, alles, alles soll kontrolliert werden am Feier-Wochenende Nummer eins. Auch wenn diese Ankündigungen immer ein wenig nach der Devise "Einschüchtern hilft" erfolgen, die Penetranz der Ordnungshüter hat nicht zum Ziel, den Inselbürgern die Sommerlaune zu verderben. Immerhin gilt das Augustwochenende als eine besonders gefährliche Zeit in Irland: Unfälle und Unfalltote auf den Straßen sind dann besonders hoch, die Einlieferungen von Alkohol-Leichen in die Krankenhäuser schießen nach oben, nicht zu reden von den Begleiterscheinungen: Schlägereien, Ruhestörung, Badeunfälle.

Während in den Pubs und Restaurants, in Städten und Dörfern der Bär – oder der Esel – tanzt, kann man der Feierzone in der Regel mit wenigen hundert Schritten problemlos entkommen. In den Bergen, auf den Wiesen, an der einsamen Küste (abseits der Sandstrände) oder in den Wäldern der Insel werden der Wanderer und seine Begleiter wahrscheinlich weitgehend für sich sein.

Ob auch das Wetter sommerlich sein wird? Kann sein. Derzeit ist es auf der Insel trocken, teils heiter, teils sonnig, mit Tagestemperaturen gut über 20 Grad. Und die Aussichten: Es geht weiter so.

Montag, 26. Juli 2010

Der Traum vom gemütlichen Cottage in Irland

Ein Cottage in Irland – drei Generationen deutsche Irlandfahrer waren von diesem Wunsch beseelt, und wenn man der irischen Werbeindustrie glauben darf, träumen nun auch Stadt-Iren aus Dublin diese Ruhestandsphantasie: Ein Cottage im Westen, heißt es dann – getreu der alten Arbeitsteilung: Im Osten der Insel wird gearbeitet, im Westen regiert die Muße.

Eines der ewigen Vorzeige-Cottages steht an Ellen´s Rock, eine Meile außerhalb von Glengarriff in West Cork. Das weiß getünchte Häuschen, das an einem ruhigen Seitenarm der Bantry Bay gebaut wurde, diente in den vergangenen Jahrzehnten zuverlässig als romantisches Postkartenmotiv – zumal es von den Eigentümern stets gut in Schuss gehalten wurde. Nun ist der Mann schon Jahre tot, die alte Dame lebt mittlerweile im Altenheim. Das unbewohnte Cottage bleibt - zumindest für eine Weile noch.

Irlands alte Cottages sehen niedlich aus, kuschelig, gemütlich, heimelig gar – man würde gerne einen deutschen Gartenzwerg in den Vorgarten stellen. Die Wirklichkeit hinter dicken feuchten Steinmauern ist oft eine andere . . .

Foto: Das Cottage an Ellen´s Rock auf einer Postkarte aus den 60er Jahren. Oben im Blog-Titel eine fast aktuelle Aufnahme von Irland-Fotograf Peter Zoeller.

Sonntag, 25. Juli 2010

Ist Irland endgültig auf dem Weg in den Bankrott?

Irlands Star-Ökonom David McWilliams hat in dieser Woche wieder einmal vorgerechnet, dass die irische Regierung und die Medien den Inselbürgern die Wahrheit systematisch vorenthalten. Während die Regierung sich und den Bürgern die wirtschaftliche Lage im Land schön redet und Zeichen der Erholung erkennen will, während die Medien jede kleine Unternehmenserweiterung wie den Beginn eines neuen Booms feiern, besteht McWilliams darauf: Irland bewegt sich unweigerlich auf die Pleite zu, Irland wird bankrott gehen.

Warum der erklärungsbegabte Ökonom so beharrlich darauf besteht, der bitteren Wahrheit endlich ins Auge zu sehen, begründet er mit dieser schlüssigen Analyse:

* Die Bedingungen: Irland hat derzeit 450.000 Arbeitslose. In den vergangenen 18 Monaten sind 100.000 Menschen bereits ausgewandert, in den kommenden 18 Monaten werden 120.000 weitere das Land verlassen.

* Der Staat kann mit seinen Einnahmen nur noch 70 Prozent seiner Ausgaben decken – die Sonderausgaben zur Rettung der maroden Milliarden vernichtenden Anglo Irish Bank nicht eingerechnet.

* Die nationale Verschuldung Irlands bewegt sich aufgrund der hohen Kreditzinsen in Richtung der Höhe des Bruttoinlandsprodukts, will heißen: Die Schulden entsprechen bald schon der Wirtschaftsleistung eines gesamten Jahres.

* Um die Schuldenspirale unter diesen Bedingungen zu stoppen, müsste die Rate des Wirtschaftswachstums höher sein als der Satz der Schuldzinsen: Die allerdings liegen bei sechs Prozent und ein Wachstum von sechs Prozent wird Irland wohl in den kommenden Jahrzehnten nicht erreichen. Deshalb lässt sich die Verschuldung nicht stoppen.

* Welcher Gestaltungsspielraum bleibt dem Staat? Dramatisch sparen und/oder drastische Steuererhöhungen. Beide Maßnahmen aber bremsen das Wachstum und würgen die Wirtschaft weiter ab. Ein Weg aus der Schuldenfalle gelänge nur, wenn die Wirtschaft die Produktivität stark steigern oder die Preise stark senken könnte. Da aber die Produktivität nicht vom Himmel fällt sondern das Ergebnis von Investitionen ist, und da Euro-Irland an der Preisseite nicht drehen und die Währung nicht einseitig abwerten kann, ist eine Alternative zum Bankrott nicht in Sicht.

David McWilliams hält den Schuldzinssatz für eine der wenigen ehrlichen Aussagen in der Diskussion der wirtschaftlichen Lage Irlands:  Die Schuldzinsen für Irlands Staatsanleihen liegen bei drastischen sechs Prozent, weil die Finanzmärkte das Land für die schlechten ökonomischen Aussichten abstrafen. Die Schuldzinsen klettern parallel mit dem Risiko, dass das Land finanziell zusammenbricht.

Keine schönen Aussichten also. So scheint es nur eine Frage der Zeit, bis der Internationale Währungsfonds und die EU die Zügel auf der Insel in die Hand nehmen. Ist Irland doch Griechenland?

Samstag, 24. Juli 2010

Kampf um Irland: Der Krieg der Pflanzen

Irland ist nur auf den ersten Blick ein friedliches Land. Im dichten Grün der Insel tobt ein lautloser Kampf um Raum, Luft, Licht und Überleben: Jahrzehntelanger Stellungskrieg, Verdrängungskampf um jeden Preis, Territorial-Schlachten, Invasion der Außer-Insularen: Der ewige Krieg der Pflanzen ereignet sich vor unser aller Augen, und wir sehen und hören ihn nicht. Oder nur selten.  


Irland war für die Großmachts-Briten in Zeiten des Empires der exotische Vorgarten Nummer eins. Im milden Klima Hibernias sammelten sie weltweit alles, was sich ausgraben ließ und drängten es, in der alten Welt erfolgreich Wurzeln zu schlagen. Im Viktorianischen Zeitalter karrte der anglo-irische Landadel die internationale Pflanzenwelt nach Irland und schuf die hervorragendsten Gärten im westlichen Europa. 


Viele deportierte Grünlinge starben ab, andere kümmerten sich durch die Jahrzehnte, die meisten aber gediehen im milden Klima der Grünen Insel prächtig – und einige fühlten und fühlen sich in Irland noch wohler als zuhause in Chile, in Kalifornien oder in Japan. Sie haben nach einigen Dekaden der Eingewöhnung ihre Eroberungsfeldzüge in die Fläche angetreten und  würden, wenn sie Menschen wären, regelmäßig Bulletins mit den neusten Erfolgen und Errungenschaften herausgeben.    


Sie tragen illustre Namen: Montbretie (Südafrika), Rhododendron Ponticum (Georgien und Spanien), Japanischer Riesenknöterich (Japan), Chilenische Myrte oder Mammutblatt (Gunnera). Sie kamen nach Irland, um zu bleiben und sie nutzen im Kampf der Pflanzen ein subtiles Waffenarsenal, das ihnen Jahr um Jahr beträchtliche Geländegewinne beschert. Diese invasiven Pflanzen breiten sich auf Kosten der heimischen Flora aus  - es ist die grüne Variante der  Globalisierung.   


Irlands Menschen haben sich in den vergangenen Jahren wohlstandsgetrieben weitgehend aus der Fläche verabschiedet. Die Weiden wachsen zu, die Pflanzen übernehmen. Ab und an allerdings stört es Menschen, dass sich die Landschaft auf der Insel rapide verändert. Während manche meinen, dass man auch dem heimischen Ginster, dem Gagelstrauch und dem Adlerfarn Einhalt gebieten sollte, fokussieren sich andere auf die Eindringlinge (ob sie deshalb insgesamt fremdenfeindlich sind, ist nicht ausgemacht) und fordern, dass die Grüne Front zurückgedrängt wird. 


In Cork und Kerry arbeitet vor allem der Rhododendron Ponticum daran, das Bild der irischen Landschaft nachhaltig zu verändern. Auf Achill Island im nordwestlichen County Mayo übernimmt derweil der Chilenische Riesen-Rhabarber Gunnera Tinctoria Hektar um Hektar.  Die als Einzelexemplar beeindruckende Pflanze mit den riesigen Blättern ist den Bewohnern von Achill längst unheimlich geworden: Vor Jahren schon versuchten sie in einer gemeinsamen Kraftanstrengung, das expansive Mammutblatt mit Einsatz von Traktoren loszuwerden – und verbreiteten die Samen der Gunnera mithilfe der Traktorräder unfreiwillig über die gesamte Insel.


Nun soll der Kampf der Menschen gegen die eindringenden Pflanzen, die von ihresgleichen vorerst nicht mehr gestoppt werden können,  erfolgreicher geführt werden: Auf Achill werden in der kommenden Woche freiwillige "Krieger" die Blätter und Stiele der Zehntausende zählenden Gunneras abschneiden. Danach wird das Pflanzengift Glyphosphat in die Wurzeln gespritzt. Und keiner weiß wirklich, welche Hintertür die südamerikanischen Eindringlinge dieses Mal nehmen, um sich weiterhin im irischen Nordwesten zu vermehren.  Wir werden sehen.

Donnerstag, 22. Juli 2010

Irland-Impressionen (3): Das Leben der Seehunde

Seehund müsste man sein in diesen irischen Sommertagen: Keine Sorgen um Geld und Arbeit, keine Angst vor Steuererhöhungen und Leistungskürzungen, keine Gefahr, Irland verlassen und auswandern zu müssen, um der Arbeit hinterher zu ziehen. In der Sonne auf einem Felsen dösen, nur dann und wann ein paar leckere Makrelen aus dem Wasser ziehen, im Halbschlaf ein Auge auf die lustig aussehenden Touristen in den kleinen weiß-blauen Booten werfen – so lässt es sich sein, so kann es bleiben. 

Foto: Hafenrobben-Kolonie in Glengarriff Harbour. Im Hintergrund die Harbour Queen-Fähre nach Garinish Island und das Haus der Hollywood-Legende Maureen O'Hara.

Mittwoch, 21. Juli 2010

Irland rüstet auf: Kameras gegen Schmutzfinken

London gilt als die am schärfsten überwachte Stadt der Welt: Überall in der City sind Kameras installiert, Bewohner wie Besucher werden auf Schritt und Tritt gefilmt. Nichts scheint dem Auge der Ordungshüter zu entgehen. Nun allerdings wirken die Briten überwachungsmüde: Die totale Kontrolle - die im übrigen wenn es ernst wird gar nicht funktioniert - soll abgebaut werden. So will es die neue Regierung. Just in diesem Moment rüsten die Nachbarn in Irland auf: Iren wollen immer wieder die besseren Engländer sein. Der anhaltende Nachahmungsdrang hat ihnen den wenig schmeichelhaften Beinamen "West-Brits", die West-Briten, eingetragen. Nun also soll Big Brother seine elektronischen Augen auf die Grüne Insel richten, um - man glaubt es nicht – Schmutzfinken dingfest zu machen.

Dass manche Iren ein recht unverkrampftes Verhältnis zur Natur haben und diese bevorzugt als Müllkippe verwenden, ist eine bekannte Tatsache. Warum Geld für die Müllabfuhr bezahlen, wenn es auch gratis geht? So landen überall im Land Woche für Woche  zehntausende prall gefüllte schwarze Plastiksäcke irgendwo am Straßenrand, am Strand, im Wald oder an Flussufern. Etwas sorgfältigere Müllfrevler machen im Hinterhof ein Feuerchen und lassen ihre gesammelten Abfälle in einer Giftgasewolke gen Himmel steigen.

Doch damit soll nun endlich Schluss sein: Das Cork County Council, immer schon Vorreiter im theoretischen Umweltschutz, will den Müllfrevlern ab sofort mit einem Netz von Überwachungskameras nachstellen. Überall an den Hot Spots des wilden Abmüllens will das Council CCTV-Kameras installieren und die Schmutzfinken live der Tat überführen.  Damit nicht genug: Künftig sollen auch Hubschrauber eingesetzt werden, um das böse Treiben aus der Luft zu beobachten und zu unterbinden.

Es klingt wie ein Scherz, ist aber keiner: Die Behörde, die es bis heute nicht geschafft hat, eine flächendeckende Müllabfuhr zu organisieren, die keinerlei Kontrolle darüber hat, wie und wo die Menschen ihren Müll "entsorgen", sie will nun mit Kanonen auf Spatzen schießen. Im County Cork ist es jedem freigestellt, was er mit seinem Müll tut. Für die Anwohner der Hauptstraßen gibt es zwar ein modernes Abfuhrsystem, das den Müll sogar nach Gewicht abrechnen kann, teilnehmen muss an dieser Müllabfuhr aber keiner.

Wie hilflos die Behörden den sich auftürmenden Müllbergen im Land gegenüberstehen, offenbarten erst gestern wieder erregte Diskussionen im County Kerry: Dort soll sich das County Council nun endlich Gewissheit  darüber verschaffen, wie die Bürger ihren Hausmüll loswerden. Ob per Tonne, Privattransport zur Kippe, wildem Abkippen oder Verbrennen? Eine Umfrage soll es nun richten. Die erste Stichprobe ergab, dass jeder 20. Haushalt mit keiner zufriedenstellenden Antwort aufwarten konnte.

Eine solche Umfrage in jedem Haushalt, sollte sie wirklich ernsthaft durchgeführt werden, könnte zu einem bösen Erwachen bei den Behörden führen, oder dazu, dass man in der Regionalverwaltung endlich auch weiß, was alle anderen längst wissen: Das Müllkonzept selber ist großer Müll. In der Nachbarschaft des Wanderers jedenfalls beträgt die durchschnittliche Teilnahmequote an der öffentlichen Müllabfuhr zehn Prozent: Von zehn Haushalten hat einer eine Mülltonne und zahlt Müllgebühren (alle anderen fahren brav zur Mülldeponie und zum Recyclinghof und geben ihre Altlasten persönlich ab).

Foto: Die Einen sammeln wieder ein, was die Anderen in die Landschaft geschmissen haben: Müllsammelaktion von Freiwilligen an einem Strand im County Cork.

Dienstag, 20. Juli 2010

Irlands Sommer 2010 schockt die Wetterfühligen

Whingeing" und "Whining" sind zwei schöne Tätigkeitswörter der englischen Sprache, die ihren semantischen Gehalt vorauseilend lautmalerisch andeuten. Englische Jammerlappen werden von taffen Australiern gerne als "Whingeing Poms" verspottet, als die jammernden Briten. Die Disziplin des Jammerns und Quengelns wird selbstverständlich auch von Deutschen gut beherrscht – vor allem wenn es ums Wetter geht. Whingeing and Whining beim Wining and Dining oder beim Trinken im Pub: Manche Urlauberseele taumelt in diesen Tagen des deftigen Sommerregens bei durchschnittlich 16 Grad zwischen tiefer Depression und der Hoffnung auf ein sonniges Übermorgen. Aktuell einreisende Irlandfahrer fallen aus 35 oder 38 Grad heimischer Rekordhitze in Dublin, Kerrry und Cork aus dem Flieger und direkt hinein in die irische "Klimakatastrophe". Von Klimaschock ist die Rede und "Whingeing and Whining" sind bevorzugte Mittel, diesen Schock zu kompensieren. 

Auch Paudy und Mary lamentieren gerne, wenn der Sommer mal wieder nicht hält, was er immer aufs Neue verspricht. Es gibt allerdings auch Iren der fatalistischen Art, die Worte reden wie: "What´s the fecking ould weather got to do with me?" – sinngemäß: Was geht mich das verfluchte Wetter an? 

Die kurze Geschichte nach dieser langen Vorrede: Ein wetter-resistenter Ire und ein in seinem Ego zutiefst erschütterter Urlauber, der auf die Dauerschauer persönlich beleidigt reagierte und seinem Unmut mit weinerlichem Lamento Luft verschaffte, trafen sich im örtlichen Pub. Sie sprachen nur kurz, dann zog der Ire einen Zettel aus der Tasche und reichte ihn hinüber.  Der verzweifelte Sonnensucher schaute kurz drauf, dreht sich um und stürmte zornesrot aus der Tür. Der Ire aber hatte die Lacher auf seiner Seite. Der Zettel - es war der Flugplan "Cork-Teneriffa".  

Montag, 19. Juli 2010

Irland-Impressionen (2): Die Trinkfreudigkeit

Die ebenso legendäre wie zweifelhafte Trinkfreudigkeit der Inselbewohner ist die Mutter vieler schöner Geschichten. Die Iren konsumieren - statistisch nachgewiesen - nicht nur weltmeisterlich viele Kartoffeln und Tee; sie sind auch beim Picheln ganz vorne mit dabei. Wer über Irland redet, redet deshalb irgendwann auch über das Pub. Das Pub - von manchen ganz korrekt und doch gehörgangbeleidigend als der Pub ausgesprochen  - ist jene öffentliche Einrichtung ("Public House") an jeder x-beliebigen irischen Kreuzung, die man besucht, wenn man - was auch immer: reden will, Langeweile hat, trinken will, sich informieren will, nichts besseres zu tun hat, oder ins Pub geht, weil man täglich ins Pub geht.

Zum Therma Trinkfreudigkeit und Pub heute der Kurzbeitrag eines treuen Irland-Blog-Lesers, der uns seinen Lieblingswitz geschickt hat: "Zwei Iren gehen an einem Pub vorbei".  Sláinte, zum Wohl. Eine gute Woche wünscht der Wanderer.

Sonntag, 18. Juli 2010

Irland-Impressionen 2010: Die Straßen

Irland-Urlauber, die mit dem Mietwagen auf der Insel unterwegs sind, haben seit drei, vier Jahren ein neues Lieblings-Thema. Unterhielt man sich früher bevorzugt über die emotionalen Achterbahnfahrten im Linksverkehr, so hat sich nun die Beschilderung der irischen Straßen in den Mittelpunkt der Gespräche gedrängt. 


Seit Irlands Straßenverwaltung die jeweils zulässige Höchst-Geschwindigkeit an jeder Ecke mit einem Verkehrsschild kenntlich macht, reißen die hitzigen Debatten – auch bei den Einheimischen übrigens - nicht mehr ab. Immerhin ist es - wie Fußball oder das Wetter - ein dankbares Thema: Jeder kann mitreden, sich ereifern, sich aufregen, jeder ist Experte. 


Natürlich hat die Beliebtheit des Themas auch einen Grund: Wer auf einer Straße, die wir als besseren Feldweg beschreiben würden, ein Tempolimit-80-Schild entdeckt, fühlt sich fast schon genötigt, statt der angmessenen 25 km/h das Tempo mindestens zu verdoppeln. Wer dann auf einer gut ausgebauten Überlandstraße dasselbe Schild findet, fühlt sich ganz sicher zum sinn-freien Langsamfahren genötigt. Und wer mit 60 km/h durch eine vielbegangene Ortsdurchfahrt rauschen darf, wünscht sich, dort kein Fußgänger zu sein. An jeder 2. Ecke das Gefühl: Wer hat diesen Unsinn verbraten? Die irischen Straßenmöblierer, die zehntausende Tempolimit-Schilder streng nach Theorie in die Straßenränder rammen ließen, haben sich unsterblich gemacht: als die keltischen Verwandten der Leute von Seldwyla, als die Schildbürger von der Grünen Insel. (N.B: Die Schweiz beging vorgestern den 120. Todestag von Gottfried Keller, dem Autor der "Leute von Seldwyla" und anderer entzückender Geschichten)  


Übrigens: Jetzt ist die Gelegenheit da für alle, die den täglichen Irland-Blog gerne lesen (oder auch total ungern lesen), etwas Eigenes beizusteuern und den Blog über den Sommer am Laufen zu halten. Geben und Nehmen: Schickt uns ein Foto oder ein paar Zeilen, die mit Irland zu tun haben: 


* Euer Lieblingsphoto von Irland
* Euren irischen Lieblingswitz
* Eine in Irland erlebte Geschichte  
* Ein Photo von Eurem Irish Pub daheim
* Eine Schimpftirade oder eine Lobeshymne an den Wanderer.


Was auch immer. Was Euch gefällt. In diesem Sommer zeigt der Irland Blog dann in lockerer Reihenfolge Eure Irland-Impressionen: Schnappschüsse, Landschaftsaufnahmen, Lieblingsphotos von Lieblingsorten, Geschichten. Wer etwas beisteuern will: info@wanderlust.ie. Der Wanderer freut sich drauf.


Das heutige Foto schickte uns Rainer Schüle, der erfolglos versuchte, das Tempolimit auf kurviger Strecke zu knacken. 

Freitag, 16. Juli 2010

Lieben Sie Folk(s)musik? Oder alte Steine?

Lieben Sie Volksmusik? Die Kastelruther Spatzen und Hansi Hinterseer? Oder eher Hannes Wader und Zupfgeigenhansel? Oder bevorzugen Sie Folk Music? Irish Folk etwa? Clannad, Planxty, Dubliners, die Wolftones?

Die Deutschen, die in den vergangenen 40 Jahren nach Irland reisten, sie kamen nicht zuletzt der Musik wegen auf die Grüne Insel. Volksmusik war eben nicht Volksmusik – und wer die Nase über die deutsche Volksmusik rümpfte, der war vielleicht der erste, der im Irish Pub begeisert mitklatschte, wenn Fiedel, Quetschkommode und Blechflöte zum Einsatz kamen.

Volksmusikverächter gab und gibt es freilich nicht nur in Deutschland. Im wohlhabenden Irland der vergangenen 20 Jahre kamen zunehmend Werte und kulturellen Instanzen des "alten Irland" unter die Räder. Wer modern war und hipp war, der rümpfte die Nase über den Irish Folk, den Diddly-dit,  den Krempel aus grauer Vorzeit. Die Geschichte des modernen Irland beginnt bekanntlich im Jahr 1960, und der Reflex, alles Alte aus der Zeit davor reflexhaft als rückständig, ranzig und reaktionär abzulehnen, war ausgeprägt bei den Zeitgenossen auf der Insel. Das galt für Werte, für Kleidung, für den Lebensstil gleichermaßen wie für die Musik, das Story-Telling, das Geschichtsbewusstein. Womit wir endlich beim Thema wären: Wr interessiert sich schon für alte Steine?

Hätte man vor fünf Jahren auf dem Höhepunkt der nie endenden grünen Wohlstandssause zu einem Vortrag über "Frühhistorische Siedlungen und Denkmäler in West Cork" eingeladen, der Referent hätte ein Selbstgespräch vor leeren Rängen führen müssen, und Paddy Newrich hätte sich bei Koks und Schampus belustigt gefragt, ob man die alten Steine nicht zum Bau seiner neuen Nobelvilla verwenden könnte.

Der Wind hat sich gedreht, die Zeiten haben sich geändert. Die Zukunft in Irland ist ungewiss, die Vergangenheit deshalb wieder gefragt. Wo Orientierung fehlt, richtet sich der Blick suchend rückwärts. Die Meinungen ändern sich und die Bedürfnisse. War wohl doch nicht so schlecht damals, was? Zumindest nicht alles. Veranstaltungen über Heimat, Heimatgeschichte, alte Steine und die alte Musik des Volkes sind im Irland des Jahres 2010 jedenfalls wieder "in". Sie locken die Besucher in Massen. Gestern noch war "Verändern" angesagt, heute nun íst es "Bewahren".

Foto: Standing Stone und Steinkreis von Uragh, Beara Peninsula. 

Donnerstag, 15. Juli 2010

Der Keltische Tiger und sein Weißer Elefant

Der Keltische Tiger ist lange tot, doch im November dieses Jahres wird er einen Tag lang Auferstehung feiern. An jenem nicht allzu fernen Tag wird in Dublin "T2" eingeweiht, das unstrittige Kronjuwel des großen Bauwahns, der Irland bis zum Jahr 2007 befallen hatte. Nach 29 Monaten Bauzeit wird das Terminal 2 des Flughafens von Dublin (Bild) in Betrieb gehen. 600 Mllionen Euro kostet das Prestigeprojekt der Regierung, insgesamt 1,2 Milliarden Euro steckte sie in den Ausbau des Hauptstadt-Flughafens. Das Dumme daran: Das Terminal wird gar nicht benötigt.

T2 kann pro Jahr 15 Millionen Fluggäste durchschleusen, das bestehende Terminal mindestens 20 Millionen: Macht 35 Millionen Passagiere pro Jahr.  Die Fluggastzahlen an Irlands größtem Airport befinden sich allerdings im freien Fall: 2008 erreichten sie mit 23,5 Millionen Gästen den Spitzenwert – und Beobachter bezeichneten den hoffnungslos überlasteten Altflughafen damals als "das schwarze Loch von Kalkutta". Doch während das Monster T2 aus dem Boden wuchs, schrumpfte der Verkehr auf Dublin Airport rezessionsbedingt zusammen: 2009 benutzten 20,5 Millionen Reisende den Flughafen, in diesem Jahr geht es weiter bergab: 17 oder 18 Millionen werden es Ende 2010 sein.

Regierung und Flughafenbehörde DAA stehen deshalb im Gegenwind der Kritik und rechtfertigen das XXL-Projekt mit luftigen Argumenten: Man baue schießlich nicht für heute oder morgen. Man baut für die nächsten 50 Jahre, sagt DAA-Chef Declan Collier trotzig. Na dann kann man ja getrost zusehen, wie die landesweit drastisch gesunkenen Flugpassagierzahlen in den kommenden Jahren weiter talwärts rauschen. Irlands Regierung jedenfalls tut ihr Bestes, um den Abwärtstrend kräftig zu beschleunigen: Die Flughafengebühren für Dublin Airport steigen in den kommenden vier Jahren um 41 Prozent, von der unsinigen Touristen-Ablfugsteuer von 10 Euro pro Pax gar nicht zu reden.

Der größte Gegener von T2 ist übrigens Ryanair-Chef Michael O`Leary. Er nennt T2 einen "Weißen Elefanten", der zur Abwicklung an den staatlichen Schrott-Immobilien-Aufkäufer NAMA überführt werden muss. O'Leary wirft der Regierung auch vor, mit falschen Zahlen zu spielen: Dublins Flughafen habe in Wahrheit ab November eine Kapazität von 45 Millionen Fluggästen – das bestehende Terminal kann laut O'Leary - einen neuen Flugsteig D eingerechnet - 30 Millionen Passagiere befördern.

Der Großsprecher mit  der Hassliebe zum eigenen Land trägt in inniger Feindschaft zur Fianna-Fail-Seilschaft in Regierung und Flughafenbehörde ordentlich dazu bei, dass sich  die Schere zwischen Angebot und Nachfrage noch weiter öffnet: Für den Winterflugplan hat Ryanair erneut einen starken Abbau des Flugvolumens nach Irland in Aussicht gestellt. Treffen wird es vor allem Shannon, doch auch Dublin, Cork und Kerry werden von den Streckenstreichungen von Ryanair  betroffen sein.

Mittwoch, 14. Juli 2010

Die Iren wandern wieder massenweise aus

Was unterscheidet Irland von Deutschland oder Frankreich in wirtschaftlich schlechten Zeiten? Arbeitslose Deutsche und Franzosen gehen zum Arbeitsamt, arbeitslose Iren gehen zum Flughafen und wandern aus, dorthin, wo es Arbeit gibt. Zugegeben, Ausnahmen bestätigen diese Regel, die Auswanderung ist jedoch im kollektiven Bewusstsein Irlands eine bevozugte Option in Krisen. Generationen von Iren wussten sich in vergangenen Jahrhunderten nicht mehr anders zu helfen, als ein neues Leben im Ausland, in den USA, in Australien, Neuseeland oder Großbritannien zu versuchen.

Irland renommiertes Forschungsinstitut ESRI stellt heute morgen seine neuen Prognosen zur Lage der irischen Wirtschaft vor. Ein Befund: In den Jahren 2010 und 2011 werden rund 120.000 Iren emigrieren, jeden Monat gehen derzeit 5.000 Menschen  – das sind Ende 2011 immerhin 2,6 Prozent der Gesamtbevölkerung in der Republik. Der Wanderungssaldo dreht deshalb nach einigen guten Jahren wieder stark ins Negative – und Besserung ist nicht in Sicht: Das ESRI  teilt zwar die Auffassung, dass die irische Wirtschaft in kommenden Jahr wieder moderat wachsen wird, am Arbeitsmarkt wird dieser fragile Aufschwung - der zudem von erneuter Rezesssionsfgefahr bedroht wird - komplett vorbeigehen.

Noch eine Horrorzahl beschäftigt seit heute morgen die Medien und die internationalen Finanzmärkte: Das Staatsdefizit Irlands wird im Jahr 2010 fast 20 Prozent betragen, das ist mit Abstand die größte Deckungslücke aller EU-Staaten. Ursprünglich ging man von 14,3 Prozent Defizit aus, diese Zahl war allerdings durch einen Buchhaltungstrick künstlich "niedrig" gehalten worden: Die Regierung hatten die staatlichen Milliardenopfer zur Rettung der maroden Anglo Irish Bank als "Investitionen" ausgewiesen. Die EU-Verwaltung hatte Irland die frisierten Zahlen allerdings nicht durchgehen lassen und darauf bestanden, dass die Banken-Miliarden schnöde Ausgaben sind, die die Neuverschuldung drastisch nach oben treiben.

Dienstag, 13. Juli 2010

Exodus auf Irlands kleinen Inseln

Irland ist bekanntlich eine Insel, die drittgrößte in Europa. Wer in Irland von "den Inseln" spricht, meint die vielen Inseln vor der Küste der Hauptinsel. Wer die vielen Inselchen und Felsen im Meer mitzählt, kommt schnell auf ein paar hundert Inseln, die zu Irland gehören. Etwa 80 davon haben eine nennenswerte Größe – und 65 waren in den vergangenen 50 Jahren bewohnt und sind es immer noch. Allerdings: Irlands Inseln erleiden in der anhaltenden großen Wirtschaftskrise  einen Substanzverlust, wie es ihn seit der großen Hungersnot vor 165 Jahren nicht mehr gab: DIe Bevölkerung wandert ab.

Die ohnehin kleinen Inselgemeinden schrumpfen, die Inseln werden entvölkert. Auf mehr als zehn Prozent wird der Bevölkerungs-Rückgang in den letzten zwei Jahren geschätzt - dabei hatte es vor zehn Jahren erstmals seit der Hungersnot eine Trendwende gegeben: In den Wohlstandsjahren zogen viele Neu-Insulaner auf "ihre Insel", lange unbevölkerte Eilande wie Horse, Foynes oder Deer Island wurden von Menschen, die es sich leisten konnten, wieder bewohnbar gemacht. Auch viele Ausländer lebten ihren Insel-Traum.

Das Leben auf den Inseln war schon immer härter, schwieriger und fragiler als auf dem Festland. Zwar haben sich die Transport- und Kommunikationsverhältnisse in den vergangenen Jahrzehnten  dank staatlicher Unterstützung stark gebessert, doch nun scheint die Krise des Tourismus, der Landwirtschaft und der Fischerei viele Menschen zum Verlassen der Inseln zu bewegen.

Irlands Inseln sind ein nationaler Mythos, ihre Bewohner werden gerne zu Helden des Alltags stilisiert, und die öffentlichen Mittel, die zur Stabilisierung der Inselgemeinden in den vergangenen Jahrzehnten flossen, sind enorm. Die größten Gemeinden leben heute laut Census auf Achill (2620 Einwohner), Gorumna (1015) und Aran (543). Auf vielen anderen Inseln leben nur ein, drei oder sechs Einwohner, wie etwa auf Deer oder Dursey.

Auf Garinish Island, in der Bantry Bay, lebte übrigens bis zum Jahr 1999 eine alleinstehende Frau: Margaret O'Sullivan, genannt "Maggie The Island". Sie war die letzte Bewohnerin der Garteninsel – von einst acht oder zehn. Doch davon ein andermal mehr.

Foto: Warentransport nach Inisheer, Aran Islands, 1979.

Montag, 12. Juli 2010

Aer Lingus legt mehr Verbindungen nach Irland auf

Hier mal eine gute Nachricht für Urlauber und Pendler von Irlands Ex-National Carrier: Mit Beginn des Winterflugplans 2010/11 am 31. Oktober fliegt  Aer Lingus wöchentlich 53 Mal von Deutschland nach Irland. Nach vier Jahren Pause gibt es auch wieder Flüge ab Hamburg. (Die Meldung wurde ungeprüft von DMM, siehe unten, übernommen. Deshalb ohne Gewähr.)

Im Vergleich zum Winterflugplan 2009/10 können sich Aer Lingus-Passagiere in diesem Winter gleich über elf zusätzliche Frequenzen nach Dublin freuen. Außerdem fliegt Aer Lingus nach vier Jahren auch im Winter wieder von Hamburg nach Dublin. Darüber hinaus wurden die Flugtage auf der Strecke München-Cork so geändert, dass Reisenden günstigere Abflugszeiten für einen Wochenendausflug zur Verfügung stehen. Aer Lingus bietet für die Strecke von Berlin-Schönefeld nach Dublin im Vergleich zum Vorjahr zwei zusätzliche Flüge an. Neben den täglichen Abflügen können Passagiere ab dem 31. Oktober 2010 auch mittwochs und freitags mit einem Abendflug in die irische Hauptstadt reisen. Passagiere, die von München nach Dublin fliegen, starten ab dem 31. Oktober 2010 täglich um 20 Uhr und erreichen die irische Hauptstadt um 21.40 Uhr.  Darüber hinaus bietet Aer Lingus jeden Montag, Mittwoch, Freitag und Sonntag einen Mittagsflug (Abflug um 11.15 Uhr, Ankunft um 12.45 Uhr).

Auf der Strecke von München nach Cork hat die irische Fluglinie ihre Flugtage geändert. Damit auch Wochenend-Urlauber bequem in den Südwesten Irlands gelangen, bietet Aer Lingus montags, freitags und sonntags einen Abendflug an. Um 21.30 Uhr heben die Fluggäste ab und landen um 23.10 Uhr im Verwaltungssitz der Grafschaft Cork. Die Verbindungen von Frankfurt nach Dublin stockt Aer Lingus mit Beginn des Winterflugplans 2010/11 um zwei zusätzliche Flüge auf. Täglich fliegen Passagiere um 10.50 Uhr von der deutschen Finanzmetropole nach Dublin (Ankunft um 12 Uhr). Zusätzlich stehen an sechs Tagen in der Woche (außer samstags) Abendflüge zur Verfügung. Abflug ab Frankfurt ist dann um 20.30 Uhr; die Ankunft in der größten Stadt Irlands um 21.35 Uhr.

Für Passagiere ab Düsseldorf bietet Aer Lingus während des Winterflugplans 2010/11 täglich – jeweils um 10.20 Uhr – einen Vormittagsflug, der um 11.15 Uhr in Dublin landet. Auch abends kommen Reisende in die irische Landeshauptstadt: An sechs Wochentagen (außer samstags) fliegt Aer Lingus um 20.35 Uhr von Düsseldorf nach Dublin (Ankunft um 21.30 Uhr). Damit stockt die irische Fluggesellschaft ihr Angebot von der Landeshauptstadt Nordrhein-Westfalens um zwei zusätzliche Frequenzen auf.

Ab 31. Oktober 2010 nimmt Aer Lingus nach vier Jahren Pause die Strecke Hamburg-Dublin wieder in den Winterflugplan auf. Insgesamt vier Flüge pro Woche – jeden Montag, Mittwoch, Freitag und Sonntag – stehen den Aer Lingus-Passagieren zur Auswahl. Der Abflug aus der Hansestadt erfolgt jeweils um 16.10 Uhr. Ankunft in Dublin ist um 17.10 Uhr.

Irland genießen – statt nur darüber zu schreiben

Irland genießen – statt nur drüber zu schreiben: "Warum bloggen wir?" hatten wir im vergangenen Jahr an dieser Stelle einmal diskutiert. Heute ist der 12. Juli – und der Wanderer stellt sich die Frage erneut. Hier nur ein paar Hinweise: Ich blogge, weil ich gerne schreibe, weil der Blog so etwas wie ein geistiger Steinbruch ist, in dem das Rohmaterial für meine Geschichten gefördert wird. Ich blogge, weil ich Interesse für Irland wecken und das Verständnis für das Land ein wenig fördern will. Ich blogge, weil ich hier für mein Lieblingsthema Wandern in angemessener Weise werben kann. Vor allem aber: Ich blogge, weil ich Irland, die Menschen und das Leben auf der Insel mag – und dem Mögen (und manchmal auch weniger Mögen) so Ausdruck verleihen kann.


Die Kehrseite der Medaille ist diese: Tägliches Schreiben für den Blog ist zeitaufwendig und durchaus anstrengend.  Es funktioniert nach dem Prinzip der gepflegten Selbstausbeutung und führt die Autoren einmal durch blühende Landschaften der Kreativität, dann wieder durch die gelbsandigen Steppen der Ideendürre. Vor allem aber: Schreiben findet, so man sich nicht zu den flüchtigen Handy-Bloggern zählt, am Schreibtisch statt, einem behaglichen und einsamen Ort – einem Ort jedenfalls, der auch im Industriegebiet von Castrop-Rauxel oder in einem Hinterzimmer in Lhasa liegen könnte. 


Die große Kunst, unser Leben in den 10-er-Jahren des 21. Jahrhunderts zu meistern, besteht darin, die Balance zu finden. Die Balance zwischen Arbeit und Freizeit, zwischen Schaffen und Konsumieren, zwischen Geben und Nehmen, ja auch zwischen Erfahren und Verarbeiten, zwischen Erleben und Schreiben in diesem Fall. Der langen Vorrede kurzer Sinn: Es ist Zeit rauszugehen, Irland zu erleben, in die Berge, ans Meer, auf die saftig grünen Wiesen, in die alten Eichenwälder, an die Flüsse – dorthin, wo ich weiß, dass ich nicht in Castrop-Rauxel, nicht in Lhasa und nicht in München, Frankfurt oder Mannheim bin. In einer Woche geht es wieder los, raus, in die Weite.   


In dieser Zeit wird wenig Zeit für den Blog übrig bleiben. Es ist die Gelegenheit für alle, die den täglichen Irland-Blog gerne lesen, etwas Eigenes beizusteuern und ihn am Laufen zu halten. Geben und Nehmen: Schickt uns ein Foto oder ein paar Zeilen, die mit Irland zu tun haben: 


* Euer Lieblingsphoto von Irland
* Euren irischen Lieblingswitz
* Eine in Irland erlebte Geschichte  
* Ein Photo von Eurem Irish Pub daheim
* Einen Beschimpfungs-Brief oder eine Lobeshymne an den Wanderer


Was auch immer. Was Euch gefällt. In diesem Sommer zeigt der Irland Blog dann in lockerer Reihenfolge Eure Irland-Assoziationen: Schnappschüsse, Landschaftsaufnahmen, Lieblingsphotos von Lieblingsorten, Geschichten. Wer etwas beisteuern will: info@wanderlust.ie. Der Wanderer freut sich drauf.

Sonntag, 11. Juli 2010

Irland will Sommer – und zwar sofort

Seit fast zwei Wochen prägt nun der Regen das Wetter in Irland, bei Temperaturen knapp über 15 Grad. Das Jammern ist groß. Viele Iren fühlen sich schon um ihren Sommer gebracht, Wahl-Iren schauen neidisch nach Deutschland, wo mal wieder Sommermärchen bei 35 Grad im Schatten gefeiert wird. Über Nacht vergessen ist das erste Halbjahr, das uns auf der Grünen Insel fast nonstop schönes Hochdruckwetter mit Sonne und gravierender Trockenheit beschert hatte.

Der Juli, so steht es im Regelbuch des routinierten Konsumbürgers, ist ein Sommermonat. Also hat es gefälligst auch Sommer zu sein. Her mit dem blauen Himmel, her mit der Hitze, runter mit den Klamotten, Sommer-Feeling pur, aber subito. Ist doch egal, wenn die Brunnen austrocknen, die Ernte verdorrt und die Pflanzen eingehen.

Das Wetter in Irland ist ein ewiges Thema. Es ist meistens besser als sein Ruf. Wir können es nicht ändern. Wer es nicht mag, kann immerhin seine Einstellung dazu ändern, seinen Lebensmittelpunkt verlegen oder seine Urlaubsplanung revidieren. Und Jammern macht Spaß. Gut, ab und an einen triftigen Grund zu haben.

Samstag, 10. Juli 2010

Die Vuvuzela erobert selbst Irland

Irland im Vuvuzela-Fieber. Kapstadt in Kildare. Nein, es gibt jetzt nicht noch ein Tröten-Bashing, keine weitere Betrachtung des Elefefantenfurz-Phänomens und keine moralisierenden Appelle, den armen Süd-Afrikanern doch bitte ihr be-täubendes Vergnügen zu gönnen. Nur eine kleine Randnotiz aus Irland.

Die südafrikanische Tröte hat die Grüne Insel erreicht und treibt gerade zahlreiche Besucher des Oxegen Musik-Festivals in den Wahnsinn. Die Vuvuzelas gehen beim größten Musik-Event Irlands für zehn Euro weg wie Gummistiefel (ein Händler verkaufte im Dauerregen von Kildare an einem Tag 1.500 Wellingtons für 25 Euro das Paar), und sie bringen die gut 35.000 Besucher, die auf dem Festivalgelände von Punchestown übernachten, um den Schlaf: "Wir haben wegen der Vuvus heute nacht kein Auge zugetan", sagte Besucher Chris McBeth dem Indo.

Gegen den markigen Sound von den Bühnen können die Tröten allerdings nichts ausrichten. Ihre Zeit ist nachts, wenn das dreitägige Live-Programm mit den großen Namen der Musikszene sich eine Pause gönnt. Oxegen hat sich einen Namen unter den best besetzten Musikfestivals der Welt gemacht und folgt auch 2010 zuverlässig dem Motto: "Tropfnass und halbtaub: Irland tanzt im Dauerregen".

Freitag, 9. Juli 2010

Hoffnung für den alten Baumpark von Ardnagashel

Lieblingsorte. Der alte anglo-irische Baumpark von Ardnagashel in West Cork, Irland, gilt bei Pflanzenliebhabern als Grünes Juweel. Die lebenden Zeitzeugen aus dem frühen 19. Jahrhundert, die im Arboretum der Familie Hutchins versammelt sind, sie könnten viele schöne und noch mehr tragische wahre Geschichten aus dem Leben der Iren, der Engländer und der Anglo-Iren in der Bantry Bay erzählen. Wenn sie denn reden könnten. Weil sie aber stumm sind,  können die alten Bäume sich auch nicht wehren  – auch nicht gegen die Ignoranz, Gier und Rücksichtlosigkeit ihrer Eigentümer.

Seit Jahren liegt das alte Arboretum, das nach Irlands erster Botanikern, Ellen Hutchins benannt ist, im Dornröschenschlaf und verwildert. Brombeeren, Efeu und tausende Myrten wuchern – der wertvolle alte Baumbestand wird Jahr um Jahr  unumkehrbar mehr beschädigt und zerstört. Die alten Spazierwege und Pfade sind längst verschwunden, prächtige Bäume, die zu den ältesten, schönsten und größten in Irland zählen und deshalb in den Rekordlisten von Baum-Gesellschaften als "Champion Trees" registriert sind, sterben langsam ab. Ihnen fehlt Luft und Licht zum Weiterleben. Wir haben die Geschichte von Ardnagashel auf einer eigenen Blog-Seite beschrieben, sie ist hier nachzulesen.


Das Arboretum mit Ferienhausanlage gehört heute zum Schuhschachtel-Imperium von "Rent an Irish Cottage" aus Limerick, das widerum eng mit Limericks größtem Immobilienmakler "O´Connor Murphy Gubbins" verbandelt ist. Diese Gesellschaft hat die Grüne Insel in den vergangenen 15 Jahren mit hunderten von immergleichen Ferienhäusern ("Shoe Boxes") überzogen. Im Jahr 2004, auf dem Höhepunkt des irischen Bau-Booms, beantragte "Rent an Irish Cottage" den Bau einer weiteren Ferienhausanlage im alten Arboretum – das ganze nach einem der üblichen Steuersparmodelle und ohne jegliche Rücksicht auf den wertvollen alten Baumbestand.

Die Baulöwen aus Limerick hatten die Rechnung ohne den Ur-Enkel von Gründervater Samuel, Richard Hutchins gemacht. Dieser führte im Alter von damals schon fast 90 Jahren einen erfolgreichen Kampf für den historischen Baumpark. Auf sein Betreiben kam ein Kompromiss zustande, der aus drei wesentlichen Punkten bestand:

1. Das alte Arboretum bleibt unbebaut und unberührt.
2. Die Ferienhausgesellschaft "Rent an Irish Cottage" darf auf der ehemaligen Pferdewiese in der Nachbarschaft acht weitere Ferienhäuser bauen.
3. Die Ferienhausgesellschaft stellt für das alte Arboretum einen Management-und Pflegeplan auf. Sie legt diesen der County-Regierung von Cork vor; sie unterhält und pflegt den alten Baumpark diesem Plan gemäß zunächst für zehn Jahre.


Die acht Häuser sind natürlich längst gebaut – auf Pflegeplan und tatsächliche Plege für das Ellen Hutchins Arboretum allerdings wartet man seit fünf Jahren vergebens. Nun endlich, und das ist die gute Nachricht, hat die Planungsbehörde vom Cork County Council auf anhaltenden Druck von verschiedenen Seiten die Nase ganz offiziell gestrichen voll: Die Regionalregierung schrieb den Eigentümern in Limerick einen "Warnbrief" und forderte sie auf, endlich ihren Pflichten nachzukommen. Und siehe da: Die Immobilien-Händler aus dem Westen haben einen Plan eingereicht. Der wird gerade vom Heritage Departement auf seine Tauglichkeit geprüft – und dann soll es endlich losgehen mit den Pflegearbeiten in Ardnagashel. Wir bleiben am Ball – genauer gesagt: am Baum.


Donnerstag, 8. Juli 2010

Irland-Schnipsel: Willkommen in der Wirklichkeit

Bevor wir uns dem Blog-Thema Irland zuwenden, ein paar Zeilen des Trosts für alle Trauernden: "Aus! Aus! Der Traum ist aus!" titelte SPIEGEL online gestern nacht und heute morgen und schickt dem Aufmacher-Artikel drei weitere "Fußball-Deutschland-Sommermärchen-zuende-Stories" hinterher. Fußball total - auch in der Niederlage. Der veröffentlichten Meinung in Deutschland ist jedes Gespür für Maßstäbe und Angemessenheit abhanden gekommen. Wir waten im Meer aus Tränen. Doch Besserung naht.

Nach dem großen Kater heute morgen wird manchem Künder vom vierten Stern klar: Das war tatsächlich nur ein Spiel. In einem fernen Land. Von Menschen, denen wir nie begegnen werden. Völlig unwichtig für unser eigenes Leben. Willkommen in der Wirklichkeit. Feiern wir ein Sommermärchen, weil es Freunde gibt. Schwenken wir ein Fähnchen, weil die Arbeitslosenzahlen gesunken sind. Freuen wir uns auf eine Runde Fußball mit den Kindern.

Irlands Sommermärchen sieht anders aus. Es steht den beiden Spitzenkräften des politischen Betriebs auf der Grünen Insel ins Gesicht geschrieben, wie auf dem Schnipsel aus der Irish Times vom Mittwoch zu sehen ist. Der Linke, Ministerpräsident Brian Cowen, entging gerade wieder ganz knapp seinem politischen Ende, der andere, Finanzminister Brian Lenihan, muss fürchten, dass ihm (und uns) die Staatsfinanzen und das ganze schöne Konstrukt  der Rettung schlechter Banken demnächst um die Ohren fliegt. Den Wanderer erinnerten die beiden Helden spontan an . . . (Assoziationen sind erwünscht).

Mittwoch, 7. Juli 2010

Sprachkurs Irland: Von knackigen Chips und Crisps

Mehr halb-nackteTatsachen aus Irland: Gerne bestellen sich Irland-Urlauber im Pub zum Pint ein Tütchen "Chips" – nur um vom Barman zu hören, dass es das, was da vor ihren Nasen hängt, gar nicht gibt. Wer "Chips" bestellt und "Chips" erwartet, wird enttäuscht, denn "Chips" sind in Irland (und Britannien) "Fritten" (Pommes). Wer also Fish&Chips ordert und die Chips vermisst, weiß jetzt warum. Wer im Pub aber erfolgreich eine der kleinen Dickmacher-Tütchen mit den dünnen frittierten Kartoffelscheiben kaufen will, der fragt nach "Crisps". Wer "Crisps" sagt, bekommt "Chips". Zuverlässig.

"Crisps" sind in Irland Hoch-Kultur, um nicht zu sagen Religion. Der kontinentaleuropäische Blick auf das irische Chips-Sortiment bei SuperValue oder Tesco führt leicht zum Verlust von Überblick und Orientierung. Die eigene Wahl aus zahlreichen Marken, Sorten und Geschmacksrichtungen gerät zur Qual und ist gewissermaßen auch ein Glaubens-Bekenntnis: Bin ich so bieder wie "Mister Tayto" oder so sexy wie "Hunky Dorys"? Seit April nämlich wissen die Iren, dass Crisps auch eine ganze Menge mit Sex zu tun haben.

Seit der irische Chips-Hersteller Largo Foods stramme Damen in Anzeigen für die Chips-Marke "Hunky Dorys" auf dem Rugby-Feld aufmarschieren ließ. Der Sponsor des heiligen Irischen Rugby-Teams griff tief in die Werbetrickkiste und verpasste der neuen Chips-Kampagne einen auf lüsterne Couchpotatoes zielenden Aufmerksamkeitsmix aus Sport und nackter Haut. Was will das allzu schlichte Männerhirn mehr? (Ok, vielleicht könnte das Girl sich ja auf einer gut lackierten Kühlerhaube räkeln . . .)

Das großflächig plakatierte Motiv mit der tief ausgeschnittenen Rugby-Kelly (Foto) jedenfalls  darf schon heute als eines der meist beachteten Werbeplakate der irischen Konsumgeschichte gerühmt werden. Und als eines der umstrittensten. Neben viel freudigem Zuspruch wurde auf der Insel von einschlägig interessierten Kreisen ein Sturm der Entrüstung los gebrochen. Unterstützt von aufgebrachten Bürgern wurde schnell das Verbot der Hunky-Dory-Werbung gefordert. Beim den irischen Werbewächtern gingen mehr als 300 Beschwerden über die spärlich bekleidete Kelly und ihr Damen-Team ein.

Bei Largo Foods lachte man sich dagegen ins Fäustchen und zog die Plakate schon vor Wochen aus dem Verkehr (Im Internet läuft die Kampagne weiter). Das Ziel war längst erreicht. Gestern nun hat der Irische Werberat die Beschwerden angenommen und die Werbemotive verboten. Mit der üblichen Begründung: Sexistisch, ausbeuterisch, Frauen als Sex-Objekte missbraucht, Verächtlichmachung und Diskriminierung von Frauen. Es stimmt und man hat es alles schon so oft erlebt und ist geneigt zu gähnen. In Irland allerdings werden diese gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um sexualisierte Werbung noch mit heißem Herzen geführt.

Zurück zum fröhlichen Chips-Essen im Pub: Die Hunky- Dory-Kelly fragte auf den Werbe-Plakaten frech: "Are you staring at my crisps?" – frei übersetzt: "Starrst Du etwa auf meine Fritten?" Gemeint sind natürlich Chips, um das Durcheinander komplett zu machen. Vom allzu losen Gebrauch des Wortes "Crisps" allerdings darf schon einmal gewarnt werden. Irland mausert sich gerade zum politisch korrektesten Land Europas, und im Land, wo sich ein Universitäts-Dozent wegen sexueller Nötigung verantworten muss, weil er einer Kollegin einen wissenschaftlichen Artikel über "Das sexuelle Verhalten der Fliegenden Hunde" gezeigt hatte, ist deshalb Vorsicht geboten. Und lassen SIe im Gespräch mit einer Ihnen nicht allzu vertrauten Dame besser die Finger von den Crisps. Sicher ist sicher.


Fotos: Largo Foods

Dienstag, 6. Juli 2010

Nackt Baden in Irland – ja, das gibt es!

Wo ist Spencer Tunick? Über 200 nackte Menschen stürzten sich gestern morgen um 11 Uhr am Dunmoran Strand im County Sligo komplett nackt – oder nur mit Ohrringen oder einer Federboa bekleidet – in die Kühlen Wellen des Atlantik. Komplett nackt. An einem Strand in Irland. Und nein - es handelte sich nicht um eine Gruppe verrückter Ausländer. Die weißen Hintern gehörten zweifelsfrei zu waschechten Irinnen und Iren. Tut sich da was im ober-prüden Irland, wo Traditionalisten noch heute bis zum Hals bedeckt ins Meer steigen?


"Dip in the Nip", übersetzt "Frostbad", nannte sich der Massenauflauf von nackten Menschen im County Sligo – und die vielen Frauen und wenigen Männer entblößten sich für einen guten Zweck: Das nackte Vergnügen fand zugunsten der  Irischen Krebsgesellschaft statt, bereits bei der Premiere im vergangenen Jahr hatten die "Naturalisten" über 50.000 Euro Spenden eingesammelt. Dass viele der Kurzzeit-FKK´ler die gute Sache aus voller Überzeugung unterstützten erkannte, wer genau hin schaute (oder die Reportage in der Irish Times las): Man sah Frauen mit zwei, mit einer und ohne Brust, viele auch mit Narben am Bauch. 


Die Veränderungen jedenfalls kommen oft auf leisen Sohlen. Nacktbaden in Irland galt lange als "schwarzer Schimmel", als "Sünde", als nicht existent. Nudist, Naturalist oder FKK´ler wollte in einer hochgradig verklemmten Gesellschaft niemand sein – galt das Nacktwandeln an Stränden doch als egozentrisch bis pädophil und pervers. Nur ein kleines Häufchen Aufrechter sammelt sich seit über 40 Jahren in Vereinen wie der "Irish Nudist Association" und versucht, den Iren auf dem Weg in eine freiere Gesellschaft auf die Sprünge zu helfen. Noch immer exisitieren zahlreiche einschlägige Gesetze auf der Insel, die das nackte Auftreten in der Öffentlichkeit einschließlich des Nacktbadens diskriminieren und kriminalisieren. Allerdings gilt in Irland mehr noch als anderswo in Europa: Gesetze sind geduldig, vor allem, wenn sie keinen kümmern? 


Als Wohltätigkeits-Geste ist das Nacktbaden nun also akzeptiert und etabliert. Es wird nicht lange dauern, bis die Nackten von Sligo Nachahmer in anderen Teilen des Landes finden – und bis die Freikörperkultur als solche mehr Akzeptanz findet. Die Zeit ist reif. Irland bewegt sich - auch ohne Kleider.


PS: Die irischen Naturalisten fröhnen ihrem Hobby bislang eher unauffällig. Die FKK-Freunde kennen die irischen Strände. Von diesen gibt es viele und viele schöne – und die meisten sind meistens einsam und verlassen. Vor allem, wenn der berühmte irische Regen sie vor zu vielen Besuchern schützt. Die Liste, die auch für Freunde des textilen Badens interessant ist, gibt es hier

Foto unten: Irish Cancer Society. Mehr zum Event "Dip in the Nip"

Montag, 5. Juli 2010

Garinish Island steht vor dem großen "Projekt 200"

Lieblingsorte: Garinish Island, die berühmte Garteninsel in der Bucht von Glengarriff, West Cork, Irland, feiert in diesem Jahr Jubiläum: Vor 100 Jahren kaufte das britische Ehepaar Bryce das wilde kleine Eiland und verwandelte es innerhalb weniger Jahre in einen der bemerkenswertesten botanischen Gärten Europas. Genau gesagt: Die Bryces legten – bevor sie finanziellen Schiffbruch erlitten – mit einer gärtnerischen und landschafts-architektonischen Großtat die Grundlagen für das artenreichste Pflanzenparadies Irlands.

In diesem Jubiläumsjahr wird naturgemäß viel über die glorreiche Vergangenheit von Garinish Island geredet und geschrieben. Das ist gut und wichtig, zumal sich die Geschichte von Garinish Island einmal deutlich anders lesen wird, wenn man die ausgeblendeten, die unterdrückten und die fast vergessenen Aspekte des Insellebens hinzufügen wird.

Wichtiger allerdings – zumindest für kommende Generationen – erscheint der Blick in die Zukunft: Wird es Garinish Island auch in 100 Jahren noch geben? Wird der staatliche Betreiber der Insel den Pflanzenreichtum auf Dauer erhalten können? Wird er die dekorativen Gebäude des Gartenarchitekten Harold Peto in Schuss halten? Wie entwickelt sich das Klima am Golfstrom? Vor allem aber: Wird es genügend Neu- und Nachpflanzungen geben, damit sich auch in 50, 70 oder 100 Jahren Pflanzenliebhaber auf der kleinen Insel in der Bantry Bay wie im Paradies vorkommen können?

Ein Pflanzengarten, zumal ein Baumpark, wächst und entsteht langsam, über Jahrzehnte. Was Besucher in drei oder fünf Dekaden bestaunen sollen, will heute oder morgen gepflanzt werden. Auch manche Fehler, Unterlassungen und Schludrigkeiten, die heute begangen werden, wird man erst in Jahrzehnten erkennen. Gärten haben ihren ganz eigenen Zeit-Duktus. So keimt im Jubiläum "Garinish Island 100" bereits das Projekt "Garinish Island 200".

Es gibt zumindest ein paar gute Nachrichten* für diese Langzeitaufgabe "Garinish Island 200": Die Insel soll für Besucher offener werden. Dass 50 Prozent der Fläche von Garinish Island derzeit gesperrt oder nicht zugänglich sind, könnte sich bald ändern. Das alte, historisch hoch interessante "Gardener´s Cottage, soll innerhalb der nächsten zwei Jahre restauriert und für Besucher geöffnet werden – als kleines Museum mit  Cafeteria und Kunstgalerie. Auch das italienische Teehaus, die Casita, wird für die Besucher in diesem Jahr  erstmals wieder zugünglich sein, wenn auch nur für einige Wochen. Dort in der Casita wohnte und malte George Russell (auch bekannt als Æ) , der große Schriftsteller und Maler, wenn er zu Besuch auf der Insel war.

Mehr noch: Das Office of Public Works (OPW), das die Insel verwaltet, hat im Jubiläumsjahr trotz leerer öffentlicher Kassen offensichtlich einige Mittel im Budget, um die Geburtstagsinsel zu pflegen: Der grandiose Uhrenturm (Foto) wird derzeit renoviert, die Casita soll folgen, ganz in der Nähe des Turms entsteht zudem ein kleiner Jubiläumsgarten mit besonders wärmebedürftigen Pflanzen, der an den 100. Inselgeburtstag erinnern soll.

* Die Informationen stammen von OPW-Park-Manager Cormac Foley, einem der großen Kenner von Garinish Island. Das OPW ist seit 1954 mit der treuhänderischen Pflege von Garinish Island betraut, nachdem Eigentümer Roland Bryce die Insel dem irischen Volk geschenkt hatte.

Sonntag, 4. Juli 2010

Hartz-IV-Tricksern in Irland auf der Spur

In der 15. Woche dieses Jahres übergab sich in Island der Vulkan mit dem unaussprechlichen Namen. Auf Irlands Flughäfen ging in der gesamten Woche gar nichts. Der Flugverkehr in Europa legte eine Atempause ein. In der 15. Woche dieses Jahres gingen in Irland 3515 Arbeitslosenhilfe-Empfänger nicht wie gewohnt zu ihrem örtlichen Postamt, um sich die Stütze auszahlen zu lassen. Beamten im Sozialministerium fiel der Zusammenhang auf – und nun haben viele der 3500 "vergesslichen" Arbeitssuchenden ein Problem. Der Verdacht, über den der Irish Independent gerade berichtete: Der Stütze-Tourismus aus Osteuropa und Großbritannien floriert und kostet den fast bankrotten irischen Staat im Jahr einen ansehnlichen zweistelligen Millionenbetrag.

Hartz-IV-Tricksereien auf Polnisch-Irisch: Offensichtlich reisen zahlreiche "Job-Sucher" regelmäßig aus ihren Heimatländern nach Irland, um sich hier Arbeitslosenhilfe abzuholen. Es geht immerhin um mindestens 784 Euro pro Monat. Der Einsatz, ein Billigflug mit Ryanair, zahlt sich da schnell aus. In jener fluglosen Woche im April aber flogen offensichtlich zahlreiche Stütze-Zocker auf. Sie müssen nun eine gute Geschichte parat haben, um doch noch an das Geld zu kommen und ihren Anspruch nicht zu verlieren.

Die irische Regierung stoppte die automatische Überweisung von Arbeitslosengeld vor zwei Jahren, um Betrügereien einzudämmen.  Seitdem müssen sich anerkannte Arbeitslose das Geld beim örtlichen Postamt abholen und sich dort ausweisen. Anspruch auf irische Arbeitslosenhilfe hat, wer Arbeit sucht und dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht. Wer längst in sein Heimatland zurückgekehrt ist und nicht mehr in Irland lebt, erfüllt diese Kriterien wohl weniger. Die Ausnahme: Maximal 13 Wochen kann sich ein Arbeitsloser in Irland die Staatsstütze in ein anderes EU-Land überweisen lassen, wenn er dorthin reist, um Arbeit zu suchen. Eine bekannte Praxis ist allerdings, in mehreren Ländern arbeitslos zu sein oder in einem Land zu arbeiten - gerne auch schwarz - und sich im anderen regelmäßig ein staatliches Zubrot aus dem Dole-Topf abzuholen.

Foto: Das Streckennetz von Ryanair.

Samstag, 3. Juli 2010

Irland, der Fußball und die Welt

Fußball galt lange als schönste Nebensache der Welt, als sehr unterhaltsam aber existentiell unbedeutend. Auf der Grundlage von weltweit wachsendem Wohlstand, von Globalisierung und hoher wirtschaftlicher Verflechtung hat sich die Rolle des Fußballs gewandelt. Einst ein Sport der britischen Imperialisten, dann einer der Europäer, rangiert "Soccer" heute unangefochten als Zuschauer-Sport Nummer 1 weltweit.

"Ein Kontinent in Tränen". Aus für Ghana. Heute trauert ganz Afrika, Ba-Ghana! Gestern schied die letzte afrikanische Mannschaft bei der Fußball-WM in Südafrika aus. Was Politik, Wirtschaft oder Religion nicht geschafft haben, bewirkte ein eigentlich simples Spiel: Fußball vereinte den Kontinent Afrika – erst in der Hoffnung, dann im Schmerz. Fußball gab vielen der eine Milliarde Afrikaner erstmals das Gefühl einer gemeinsamen Identität. Fußball geht ans Herz.

Heute trauert ganz Afrika. Ganz Afrika? Fast ganz Afrika, vielleicht. Zumindest aber ganz Fußball-Afrika.  Kein Europäer kann sich auch richtig vorstellen, wie Schmerz und Leid seit gestern nachmittag das große Brasilien regieren. Vorgestern schon trauerten Asien und Ozeanien. Und der heutige Samstag kann halb Südamerika oder Europa ins Unglück stürzen.

Der Chef des Weltfußballverbands FIFA, ein dubioser Machtmensch aus der Schweiz namens Sepp Blatter, stellt sich derweil auf eine Stufe mit den Politikern dieser Welt: Er droht Frankreich und Nigeria mit dem Ausschluss vom Weltfußball – nachdem sich Frankreichs Präsident Sarkozy und Nigerias Regierung massiv in die Angelegenheiten ihrer Fußball-Teams eingemischt hatten und Fußball damit zur Staatsaffäre beförderten.  Fußball ist Welt-Politik-Ersatz. Die FIFA regiert die Herzen – und heute nachmittag werden wir Buka Angela Merkel in der Kabine der deutschen Mannschaft sehen, um dort ein paar klägliche Sympathiepunkte abzustauben.

Fußball ist heute nicht nur Weltwirtschaftsmacht. In den Stadien Südafrikas wird mehr ausgetragen als sportliches Spiel. Bisweilen entsteht der Eindruck: Fußball ist die Fortsetzung des Krieges mit friedlichen Mitteln – ein Bonmot, das bislang auf die Politik gemünzt war. Die Fortsetzung des Krieges mit halbwegs friedlichen Mitteln jedenfalls. Erschossen werden allenfalls die Versager in den eigenen Reihen, wie man aus Südamerika weiß.

So gesehen darf Fußball auch beanspruchen, eine große befriedende Kraft der Gegenwart zu sein, der Friedensbringer schlechthin: Wer gegeneinander kickt, schießt nicht aufeinander; und wahrscheinlich haben die global zu vernehmenden Stadion-Appelle von Fußball-Helden gegen Diskriminierung und Rassismus mehr Wirkung auf die Menschen als das Gerede aller Politiker zusammen.

Was hat das alles mit Irland zu tun? Nichts. Eigentlich nichts.

Außer der Tatsache, dass Fußball-Irland schon seit Monaten trauert. Seit dem traurigen Wirken von Henry´s Hand. Andererseits haben die Fans auf der Insel noch immer ihren eigenen Top-Sport: Gaelic Football und Hurling regieren, danach kommt Rugby – und etwa gleichauf der Fußball, den manche Gaelic-Sports-geprägte Iren als etwas langsam, statisch und leicht langweilig wahrnehmen.

Freitag, 2. Juli 2010

Dursey Island: Irlands einzige Seilbahn hängt am seidenen Faden

Haben doch all die ängstlichen Gemüter recht, die Irlands einzige Seilbahn, den Dursey Cable Car, als Himmelfahrts-Kommando bezeichnen und sich jeder Fahrt über den Dursey Sound an der Westspitze der Beara Peninsula in West Cork schlicht verweigern?

Die Seilbahn hinüber nach Dursey Island jedenfalls ist im Moment außer Betrieb. Ein als "Mechanical Engineer" beschriebener Fahrgast hatte in dieser Woche offensichtlich "einen losen Bolzen"an der Konstruktion der gerade erst erneuerten Seilbahn entdeckt. Der "Maschinenbau-Ingenieur" hielt die Fahrt über das Meer in schwindelnder Höhe offensichtlich für gefährlich und teilte dies dem Betreiber mit – mit dem Ergebnis, dass die Seilbahn sofort stillgelegt wurde. Die verantwortlichen Ingenieure vom Cork County Council riefen zwar entrüstet, mit der Seilbahn sei alles in Ordnung, die Fahrt sei sicher, sie hatten aber nicht den Mut, auch die Verantwortung zu tragen. Der Betrieb wurde vorerst eingestellt. Demnächst wird sich der Betreiber, Cork County Council, mit der Seilbahn beschäftigen – und hoffentlich auch klare Entscheidungen treffen.

Bis heute gilt die mit öffentlichem Geld betriebene Bahn als Instrument, um die Bevölkerung auf der Insel zu unterstützen und das Leben dort zu sichern. Bevölkerung allerdings gibt es auf Dursey keine mehr - oder kaum noch: Einige wenige Menschen, fünf, oder sechs, verharren auf der Insel. Der Großteil ist abgewandert, gestorben. Die Gemeinden in den ehemals drei Dörfern sind keine Gemeinden mehr, sondern eine Ansammlung von Ferienhäusern, leerstehenden Häusern, Häusern, in denen ab und an jemand übernachtet, der das Vieh auf der Insel beaufsichtigt. Touristisch ist Dursey ein Höhepunkt jeder Reise durch Irlands Südwesten. Die einsame, verlassene Insel bietet eine tolle Kulisse für Wanderungen – und schon die Überfahrt mit der Seilbahn ist ein kleines Abenteuer. An der Küste des Dursey-Sunds werden Gäste allerdings eher geringschätzt - sie kommen in der Transport-Priorität erst an vierter Stelle: Nach den "Insulanern", deren Waren und auch nach dem lieben Vieh. Wo Schafe und Kühe im Denken Vortritt haben, da ist der Tourist schlicht der Esel.

Dursey und die  einzige Seilbahn Irlands hinüber zur Insel haben großes Potential - für den Tourismus, der Geld in die abgelegensten Gegenden am Rande Europas bringen kann – allerdings nicht als Lebensnerv für die Inselgemeinde. Die lebt nur noch in den guten alten Vorstellungen. Die gibt es nicht mehr. Die Dursey-Besucher aber kommen jedes Jahr erneut.

Gravitation: Warum man sich in Irland erdnäher fühlen darf

Faszination Irland: Das wohlige Gefühl ist von vielen Urlaubern vom Kontinent beschrieben worden. Sie kommen auf der Insel an, sie fühlen sich schwerer, ruhiger, erdnaher, besser geerdet als zuhause. Sie schlafen besser ("Wie ein Stein"), sie zentrieren sich, sie kommen zur Ruhe. Während manche Irlandfans aus diesem Körpergefühl den Mythos Irland entwickeln und ihre Zugehörigkeit zu diesem Land begründen, tun nüchterne Betrachter mit Ganzkörperhornhaut das Phänomen gerne als Unfug ab. Nun allerdings leistet die Wissenschaft der Fraktion der Sensitiven starke Argumentationshilfe.

In Irland ist die Erdanziehungskraft tatsächlich größer als in Zentral-Europa. Die Erd-Gravitation, die uns gen Boden zieht und uns vom Schweben abhält, ist nicht überall auf der Erde gleich groß. Die Erdregionen mit der höchsten Erdanziehungskraft sind der Nord-Atlantik und das Gebiet nordwestlich von Australien. Der Satellit "Goce", der im vergangenen Jahr von der Europäischen Raumfahrtagentur ESA in die Erdumlaufbahn geschickt wurde, errechnet die Erdanziehungskraft der gesamten Erde und verändert unser Welt-Bild. Irland und Großbritannien liegen demnach in der nordatlantischen Region mit der größten Erdanziehung weltweit - in der Goce-Erd-Simulation (im Bild "oben links") mit Rot gekennzeichnet.

Spiegel Online versucht die neuen Forschungs-Ergebnisse verständlich zu machen:



Die "Goce"-Karte zeigt die Gestalt, die die Erde hätte, wenn sie formbar wäre wie Knetmasse und wenn alle Berge und Ozeanbecken eingeebnet würden. Dann wäre die Erde trotzdem nicht rund - sondern kartoffelförmig. Denn je nachdem, wie stark die Schwerkraft in einer Region ist, würde sie die Erdoberfläche formen. Gebiete geringer Schwerkraft machten sich als Delle bemerkbar, unter Beulen hingegen ist die Erdanziehung besonders hoch - dort ballen sich die Massen. Vor allem Gesteinsumwälzungen im Innern der Erde verursachen die Unterschiede. Je massiger das unterirdische Gestein, desto stärker die Anziehungskraft.

Bei Indien liegt die tiefste Delle des Planeten. Dort ist die Anziehungskraft um 0,3 Promille geringer als im Durchschnitt auf der Erdoberfläche. Ein Mensch, der hierzulande 70 Kilogramm wiegt, ist im Süden Indiens 21 Gramm leichter (seine Gewichtskraft ist kleiner, obwohl er natürlich weiterhin die gleiche Masse hat). Beim Metzger schneiden Kunden in Süd-Indien besser ab: Für ein Kilogramm erhält man dort 0,3 Gramm mehr Fleisch als in Europa.  In den blau markierten Regionen der Karte ist die Schwerkraft rund 100 Milligal geringer als normal. Ein Milligal entspricht einem Millionstel der durchschnittlichen Schwerkraft, die in Meereshöhe wirkt. Im Nordatlantik und nordwestlich von Australien herrscht die stärkste Anziehung; dort wirken rund 60 Milligal mehr als normal (rote Zonen).  

Die Erd-Kartoffel, das neue Bild der Erde, räumt also endlich auf mit den alten Vorurteilen gegen noch ältere Vorurteile. Irland ist schwer. Leichtfüssigkeit ist anderswo. Grüne Insel, schwere Insel. Alles ist gut. Alles klar? ;-)


Goce-Bild by ESA

Donnerstag, 1. Juli 2010

Irlands Musik-Sommer 2010: Stress-Test für Ohren

Aufgewacht mit leichtem Taubheitsgefühl im linken Ohr – die Zeit der Rockmusik-Festivals in Irland ist in vollem Gange. Gestern abend Deep Purple "Live at The Marquee" in Cork. In einem großen Zirkuszelt in den alten Docklands von Cork, dort am Fluß, wo in den Wahn-und-Wunderjahren die größte neue Stadt Irlands geplant wurde, spielen auch in diesem Sommer die Musiker und Bands mit den großen Namen. Es geht locker und unaufgeregt zu am River Lee. Keine Kontrollen, kein Gedränge, kein Verkehrschaos. Routine. Die Bier-Preise unverschämt wie zu zu besten Zeiten. Nur das fast ausverkaufte Zirkuszelt, The Marquee, hat wieder ein paar Löcher mehr.

Nach Blondie und Paul Weller nun Deep Purple, die einst lauteste Rockband der Welt – im Juli bereichern Snoop Dog, Westlife und Madness Corks Musik-Sommer. In Thomond Park in Limerick gastiert am kommenden Sonntag derweil Altmeister Bob Dylan. Die nie enden wollende Konzerttournee führt Amerikas größten Song-Poeten auch regelmäßig nach Irland.

Festival-Höhepunkt des Jahres wird das dreitägige OXEGEN 2010 sein, das auf der Rennbahn von Punchestown in Naas im County Kildare stattfindet wird. Vom 7. bis 9. Juli spielen insgesamt 150 Bands und Solo-Musiker von Rang und Namen bei einem der renommiertesten und größten Festivals Europas. Die Headline Acts dieses Jahres: Arcade Fire, Muse Eminem, Fat Boy SLim, Black Eyed Peas, The Prodigy, und, und und . . .  Der Countdown für das OXEGEN läuft: Nur noch 7 Tage . . .

Eine persönliche Fußnote: Ich kaufte meine erste Schallplatte vor 37 Jahren. Es war "Machine Head" von Deep Purple. Seitdem haben Dutzende von Konzerten und Festivals die Gehörgänge gestresst. Deep Purple allerdings war nach 37 Jahren eine Premiere. Die älteren Herren auf der Bühne präsentierten sich gut gelaunt und vitaler als viele ihrer angejahrten Fans. Die alten Hymnen - perfekt gespielt. Die Erwartungen – voll bedient. Von Highway Star über Lazy bis Black Night. Von Kreativität allerdings keine Spur. Deep Purple spielt sich selbst – und das seit 1968. Steve Morse spielt Ritchie Blackmore besser als der selbst. Don Airey traktiert die Keyboards wie einst Jon Lord. Zeitlos? Gestrig. Klassisch vielleicht. Die Ever-Greens der Rock-Generation? Und doch auch anziehend für viele junge Fans, die sich über die alten ausdauernden Headbanger im Publikum, die verwitterten Gesichter unter den Piratentüchern, über den Kutten- und Stiefellook aus den 70-er Jahren amüsieren. 

Foto: Der leichtfüssige Oldie Roger Glover, Bassist von Deep Purple, gestern abend auf der Zeltbühne in Cork.

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