Donnerstag, 30. September 2010

Dunkle Wolken über dem Kerry Airport

Irland-Urlauber, die gerne direkt in die schönsten Gegenden der Grünen Insel  im Süden und Südwesten reisen, haben wenig Auswahl: Die Fähren nach Cork, die Flughäfen von Cork und Farranfore/Kerry. Wirtschaftskrise ist, wenn das Angebot schrumpft und die Infrastruktur leidet.

Der kleine Flughafen von Kerry ist  akut in seiner Existenz bedroht. Ryanair hat kurzfristig den Morgen- und den Abendflug zwischen Kerry und Dublin gestrichen und stürzt den Airport von Farranfore damit in die Krise.

Ohne Ryanair kann der kleine Flugplatz 16 Kilometer außerhalb von Killarney derzeit nicht überleben – und Ryanair lässt seit Jahren keine Gelegenheit aus, der irischen Regierung zu schaden, sofern es die eigenen Geschäftsinteressen zulassen.

Die Regierung hat gebetsmühlenartig verlauten lassen, dass sie die unangemessen kurzfristige Entscheidung von Ryanair rechtlich überprüfen lassen würde. Der Zukunft des Flughafens Kerry nützt das wahrscheinlich wenig. Auf dem Spiel stehen auch die Direktverbindungen von Frankfurt-Hahn und von Weeze.

Mittwoch, 29. September 2010

Irland ist halt doch nicht Island

Der kontroverse irische Journalist und Moderator Eamon Dunphy ging gestern abend mit seinem Heimatland Irland mal wieder hart ins Gericht: "Wir haben eine beschädigte Gesellschaft". Dunphy kritisierte bei einer Buchvorstellung in Dublin "den komplett fehlenden Willen, all diejenigen zur Rechenschaft zu ziehen, die die irische Gesellschaft zerstört haben." Wenn die junge Generation nicht erkennen kann, dass Gesetzesbrecher für ihre Taten bestraft werden, dann geht die Gesellschaft daran kaputt, sagte der knorrige Medienmann. Dunphy, der vor allem als kantiger Sport-Kommentator bekannt ist, bezog sich auf die Zerstörung der irischen Wirtschaft durch Banker, Bau-Spekulanten und Politiker, und er hat recht: Abgesehen von wenigen Ausnahmen lässt die juristische Aufarbeitung der Celtic-Tiger-Exzesse bis heute auf sich warten. Die Kriminellen in Nadelstreifen leben weitgehend unbehelligt.

Ganz anders Island: Dort wird nun selbst der frühere Regierungschef Geir Haarde vor Gericht gestellt, weil er alle Warnzeichen vor dem Kollaps der isländischen Banken im Jahr 2008 ignoriert haben soll. Island stand deshalb am Rande des Staatsbankrotts und konnte nur mit Hilfe aus dem Ausland gerettet werden. Dem Ex-Ministerpräsidenten drohen zwei Jahre Haft.

Irland ist halt doch nicht Island. Ist Irland das zweite Griechenland?

Auf der Suche nach dem positiven Irland


Die Präsenz Irlands in den internationalen Medien ist kaum zu überbieten. Seit Monaten findet Irland rund um den Globus täglich Aufmerksamkeit. Die Wirtschaft am Boden, die Arbeitslosigkeit in Rekordhöhe, die Auswanderungsquote alarmierend, der Regierungschef lallend, mit schwerer Zunge, der Staat am Rande des Bankrotts. Jede Kreditaufnahme, jedes Ausgabe von Staatsanleihen, jedes neue Rating wird registriert und kommentiert.

In dieser Woche scheint das mediale Interesse für die Grüne Insel ihren Höhepunkt zu erreichen:  Wird die Anglo Irish Bank das Land tatsächlich in den Abgrund reißen? Wird die Bank, die mit gerade einmal 150 gierigen und größenwahnsinnigen Kunden ein je nach Lesart 29 bis 35 Milliarden Euro großes Loch in die Zukunft des Landes gerissen hat, Irland am Ende die Souveränität kosten? Werden die großen politischen Entscheidungen für Irland bald schon in Washington (IWF) und Brüssel (EU) getroffen?

Man sieht: Medienpräsenz ist nicht alles im großen Ringen um die Aufmerksamkeit, vor allem wenn die Nachrichten ausschließlich negativ sind. Hinter den hässlichen Debatten über die Kolateralschäden von Immobilien-Wahnsinn, Macht-Räuschen und Geld-Exzessen verblasst das Schicksal von Millionen Menschen auf der Insel, die die übel schmeckende Suppe nun schon im dritten Jahr auslöffeln sollen. Von all den Bankrott-Szenarien verdeckt wird aber auch das schöne, das positive, das andere Irland. Das Irland der Natur, der Kultur, der alten Traditionen. Das Irland der Musiker, der Schriftsteller, der Geschichtenerzähler, der Ornithologen, der Segler und der Bootswanderer, der Steinesucher und der Gipfelstürmer.

Die marode Regierung fabuliert seit Monaten von der Wiedergeburt des Landes mit Hilfe einer "Smart Economy". Wo diese Schlauberger-Wirtschaft wächst und gedeiht, verrät sie aber nicht. Zumindest hat die Regierung erkannt, dass es nicht falsch ist, traditionell starke Wirtschaftszweige besser zu fördern. Die nun angekündigten 300.000 neuen Arbeitsplätze sollen maßgeblich im Bereich Tourismus entstehen. Wie bleibt allerdings unklar.

Wie haben die Schagzeilen der vergangenen zwei Jahre eigentlich die Wahrnehmung von Irland in Kontinental-Europa verändert? Was assoziieren Deutsche, Schweizer, Österreicher heute mit "Irland", "Grüne Insel" oder "Emerald Isle"? Welche Bilder entstehen im Kopf, wenn vom Reiseziel Irland die Rede ist?

Wie denkst Du über Irland, jetzt, hier, im Moment? 

Dienstag, 28. September 2010

Eine Devotionalie aus Sissis glücklichsten Tagen

Sissi, porträtiert vom Schwarzwälder Maler Franz-Xaver Winterhalter
Freunde von Zuckerbrot und Peitsche aufgepasst! Am 5. Oktober wird auf Slane Castle im County Meath eine Besonderheit versteigert: Eine Reitpeitsche der Kaiserin Elisabeth von Österreich und Ungarn (1837-1898), der Sissi eben.

Die rastlos reisende Frau von Kaiser Franz-Joseph verbrachte die Jagdsaison 1879 / 80 in Begleitung des schnittigen Parforce-Reiters "Bay" Middleton auf Lord Langfords Anwesen Summerhill im County Meath. Sissi galt als eine der weltbesten Jagdreiterinnen und bezeichnete ihren Aufenthalt in Irland später als "beste Zeit ihres Lebens".

Die Peitsche wurde kürzlich beim Ausräumen von Rahinstown House im County Meath gefunden. Dort lebte zu Sissis Zeiten der Vorsteher der Jagd von Meath, Captain Robert Fowler. Offensichtlich hatte die Kaiserin Fowler die Reitgerte geschenkt. Lady Jennifer Fowler gab jetzt das Interieur des Landsitzes nach dem Tod ihres Mannes zur Versteigerung frei. So kommt die Peitsche im Oktober unter den Hammer. Das Auktionshaus Adams wird die "Country House Collections" im Oktober auf Slane Castle verschachern und hofft, für das kaiserliche Züchtigungsinstrument 3000 bis 5000 Euro zu erlösen.
Ausschnitt aus dem Auktionskatalog von Adams

Katholische Pfarrer kritisieren die Kirchenbosse

Die Potentaten der Katholischen Kirche in Irland blamieren sich einmal mehr: Über den Aufruf einer 81-jährigen Frau aus Clonakilty an alle Frauen, die Messe am Sonntag zu boykottieren, glaubte die Kirchenführung mit einer halbseidenen Stellungnahme hinweggehen zu können. Noch am Sonntag beeilte sich ein Kirchensprecher, den Boykott als Misserfolg hinzustellen. Er behauptete, der Kirchenbesuch sei sogar besser gewesen als in den Wochen zuvor. Mit der geschönten Darstellung versuchten die Hierachen, die basisdemokratische Bewegung zur Stärkung der Rechte der Frauen in der Katholischen Kirche im Keim zu ersticken. Doch Fehlanzeige:

Jetzt meldete sich erst vor wenigen Monaten gegründete Interessenvereinigung der Katholischen Priester in Irland und widersprach den Kirchenbossen deutlich: DIe Priester stellten fest, dass der Boykottaufruf erfolgreich gewesen sei, dass viele Frauen der Kirche fern geblieben seien und vor allem: Dass die Haltung und die Stellungnahme der Kirchenleitung wenig hilfreich gewesen sei. Die Pfarrer riefen dazu auf, das Problem der Diskriminierung von Frauen in der Kirche sachlich und vorurteilsfrei zu diskutieren und mit den Frauen, die der Messe ferngeblieben waren, in einen Dialog zu treten.

Dass die Pfarrer den Mut aufbringen, ihrer Führung massiv zu widersprechen und diese öffentlich bloß zu stellen, offenbart zweierlei: Die Seelsorger an der Basis fühlen sich von ihren Bossen nicht mehr richtig repräsentiert, und die rigide Linie der mächtigen alten Männer im Kirchenfirmament verliert mehr und mehr an Unterstützung in den eigenen Reihen.

Montag, 27. September 2010

Barkeeper, Politiker oder Comedian?

Das unsägliche Interview, das Irlands Ministerpräsident Brian Cowen ("halb betrunken, halb übernächtigt") am 14. September im RTE-Frühstücksradio ablieferte, wirkt noch immer nach. Zwar hat Cowen die "Morning-Ireland"-Krise politisch gerade noch einmal überlebt, vollends erholen dürfte er sich davon allerdings nicht mehr. Nun hat sich auch noch US-Talkmaster Jay Leno in seiner Tonight Show reichweitenwirksam auf NBC und CNBC über Cowen lustig gemacht. Leno fragte in einem Schein-Quizz: Was arbeitet dieser Mann: Als Barkeeper, Politiker oder Comedian in einem Nachtclub? Hier das Video:

Die Steinsucher: Zeitreise auf Schaf-Pfaden

Auf der 200-Meter-Höhenlinie: Alte Steine, guter Ausblick.
Im dicht besiedelten Mitteleuropa erinnern gut strukturierte Einrichtungen an die Vergangenheit: Museen, sanierte Altstadtkerne, geschützte Baudenkmale. Der Blick auf Geschichte ist bestens organisiert, verwaltet und interpretiert. Die Zeitreise ins Museum kostet 10 Euro für die Familie und bereichert den Sonntag.

Im ländlichen Südwesten Irlands steigen Zeitreisende an Sonntagen vom Meer hinauf zur 200-Meter-Höhenlinie, um für ein paar Stunden einen Hauch von Zeitlosigkeit und Ewigkeit zu spüren. Hier oben im Berg stehen und liegen die alten, einst von Menschenhand arrangierten Steine, wie sie seit Jahrtausenden sehen oder liegen. Unberührt, unangetastet, unorganisiert und nicht interpretiert. Hier eine Steinreihe, dort ein Steinkreis, drüben Jahrtausende Jahre alte Feldmauern, dann die vielen prähistorischen Küchen, die Fualacht Fia genannten Kochstellen, die Reste alter Steinhütten, in denen vor 4000 oder 5000 Jahren Menschen vor Wind und Wetter Zuflucht nahmen; die Gräber der Vorfahren, in denen die Toten vor 100, vielleicht 150 Generationen begraben wurden: Boulder Burials, Dolmen, Cists.

Für Archäologen sind die Berge Südwest-irlands noch immer ein Paradies: Die Steinsucher durchstreifen die Landschaft auf Schaf-Pfaden und finden immer wieder unbekannte Monumente, die noch in keinem Verzeichnis registriert sind.

Man nennt diese Stein-Monumente prähistorisch, weil sie sich der Welt der Fakten weitgehend entziehen. Es gibt keine überlieferten Informationen aus der Frühzeit der Zivilisation in Irland, auch die Experten sind auf Spekulation, Interpretation und Phantasie angewiesen. Das lässt die alten Steine von Irland bis heute magisch und rätselhaft erscheinen.
Zeitreise auf Schaf-Pfaden: Der Archäologe Connie Murphy (Mitte) mit Sonntags-Exkursionisten  an einem prähistorischen Grab.

Sonntag, 26. September 2010

Mit dem Kühlschrank durch Irland. Der Film.



In den späten 90er Jahren war das Buch bei Irland-Fans Kult: Tony Hawks "Mit dem Kühlschrank durch Irland" wurde zum Bestseller, von dem sich der englische Autor offensichtlich bis heute nicht erholt hat: 13 Jahre nach Erscheinen des Buches legt Hawks nun mit dem Film zum Buch nach. Derzeit tourt Tony durch Irland und stellt den Streifen in den Kinos von Dublin bis Waterford vor.

"Mit dem Kühlschrank durch Irland" erzählt die wahre Geschichte des jungen Tony Hawks, der tatsächlich mit einem kleinen weißen Begleiter über die damals vom Keltischen Tiger noch wenig berührte Grüne Insel trampt. Das Projekt soll als Suffwette um 100 englische Pfund entstanden sein, wahrscheinlicher aber brauchte Hawks nur eine Bühne für seine Idee und vermarktete sich von Beginn an geschickt. Er schaffte es in Irlands damals berühmteste Radiosendung mit Gerry Ryan und war fortan - wo immer er hinkam - bereits Gesprächsthema.

Hawks hatte jahrelang versucht, Hollywood für die Verfilmung eines Buches zu begeistern, und fast hätte dies auch geklappt. Eine bereits geplante Verfilmung scheiterte in letzter Minute. Am Ende sammelte der in England populäre Comedian Investoren-Geld ein und realisierte den Film selber. In dieser Woche feierte der "Fridgeman" die Premiere seines Werks in Cambridge und setzte dann über nach Irland.

Um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen, buchte Hawks für den Flug nach Irland bei Ryanair auch einen Sitz für seinen weißen Begleiter. Die Rechnung ging natürlich auf: Der Kühlschrank durfte nicht in der Passagierkabine mitfliegen, musste in den Frachtraum, und Hawks wie Ryanair hatten ihren Medien-Event sicher.

Der Film selbst ist keine platte Umsetzung des Buches. Statt eines sympathischen Trampers geht hier ein arroganter Misantrop an den Start, um unterwegs einen Wandel zum besseren Menschen durchzumachen. Die Meinungen zum irischen Road-Movie sind geteilt. Premieren-Termine in anderen europäischen Ländern stehen noch nicht fest.

Samstag, 25. September 2010

Lachen wir heute einmal mit der Leber

Freitag war Kinonacht. Auf der zwölf Kilometer kurzen Fahrt vom Cinemax nach Hause beschäftigten mich drei Gedanken:

Eins: Noch vor wenigen Jahren fuhren wir hier im Südwesten Irlands entweder 35 Kilometer weit zu Wochenendvorstellungen zu einem alten Holzverschlag namens Cinema, oder aber 50 Kilometer zum nächsten State-of-the-Art-Kino. Die Wirtschaftswunderjahre brachten unserer kleinen Stadt in der Bantry Bay das Kino zurück, ein ansprechendes Filmtheater mit mehreren Kinos. An Freitagabenden standen die Besucherschlangen in den vergangenen Jahren - fast unabhängig vom Angebot - bis auf die Straße hinaus, und man war gut beraten, frühzeitig dort zu sein oder die Karten vorzubestellen. Gestern blieb der Vorraum des Kinos fast menschenleer, für das Reservieren der Karten gab es beim Abholen ein fast mitleidiges Lächeln, das ausdrücken sollte: "Das kannst Du Dir sparen, Du weißt wohl noch nicht , was hier los ist". Hoffen wir, dass die tiefe irische Rezession nicht auch das Kino frisst. Sonst gibt es wieder Filme übers Internet.

Zwei: Die deutsche Freundin aus der deutschen Stadt seufzte auf einer ähnlichen Rückfahrt vom Kino: "Wie könnt Ihr bloß hier leben?" Nach einer Woche Ruhe, Einsamkeit, Stille an der Atlantikküste vermisste sie die City, die "Kultur", den Lärm, die Menschenmassen. Wie können wir bloß hier leben? Auch nach zehn Jahren: Gut. Gerne. Genüsslich. Was wir hier tun? Essen, Beten, Lieben – und Arbeiten. Was braucht es mehr?

Drei: Essen, Beten, Lieben – "Eat Pray Love" lief gestern auch im Kino unserer kleinen Stadt an. Ein 140 Minuten langer Frauenversteherfilm mit Charme und schönen Bildern. Hauptdarstellerin Julia Roberts wird den Pilgerstrom sinnsuchender Frauen nach Rom, Indien und vor allem nach Bali kräftig anschwellen lassen. Liz Gilbert, eine Frau in der spirituellen Lebenskrise, hat mit ihrem autobiografischen Buch "Eat Pray Love" einen Trend losgetreten, den der Film nun weiter nähren wird. Auch Männer dürfen übrigens gewinnbringend zusehen.

Klasse, witzig und weise die Monologe des balinesischen Handlesers, Weissagers und Heilers Ketut Liyer, der sich nun auf seine alten Tage Sorgen um einen ruhigen geordneten Alltag machen muss, weil so viele Frauen der westlichen Welt ihn auf ihrer Suche nach Liebe, Glück und Erfüllung, gerne daheim konsultieren möchten. Ketut lehrt eine sehr leicht daher kommende Form der Meditation. Eine Kostprobe:
Why they always look so serious in Yoga?  You make serious face like this, you scare away good energy.  To meditate, only you must smile.  Smile with face, smile with mind, and good energy will come to you and clean away dirty energy.  Even smile in your liver.  Practice tonight at hotel.  Not to hurry, not to try too hard.  Too serious, you make you sick.  You can calling the good energy with a smile.
Lachen wir heute doch mal mit unserer Leber. Schönes Wochenende!



Foto unten: Julia Roberts in "Eat Pray Love"

Freitag, 24. September 2010

Wolfe Tone erlebt einen Dienstagabend in Bantry

Hier stehe ich nun seit gefühlten 214 Jahren. Als Säulenheiliger von Bantry, als Held des gesamten republikanischen Irlands. Ich betrachte den Himmel. Tag ein, Tag aus. Ich hätte mir gewünscht, der Himmel wäre im Dezember 1796 genauso herrlich, so frei und offen gewesen wie gerade jetzt. Vielleicht wäre alles anders gekommen, vielleicht würden wir auf der Insel jetzt alle Französisch sprechen. So aber kennen die meisten nur das Wort "Cul de Sac". Ja, unsere Sache war zunächst eine Sackgasse, aber dann, 1916, 1919, 1921 hat es dann ja doch noch halbwegs geklappt. Halbwegs.

Übrigens, ich heiße Wolfe Tone. Theobald Wolfe Tone. Ich stehe hier seit gefühlten 214 Jahren auf meiner Säule auf dem großen Platz von Bantry, der meinen Namen trägt, und blicke in den Himmel und über die Bucht, in der 1796 alles schief lief für uns Vereinigte Iren. Aber ich wiederhole mich. Wenn nur diese Franzosen ein bisschen bessere Seeleute gewesen wären . . .

Genug damit. Das ist lange vorbei. Hier unter mir, zu meinen Füßen, ist es meistens geruhsam. Friedlich. Dumpf. Das Leben in diesem verschlafenen Hafenstädtchen Bantry nimmt seinen Lauf ohne Hast, ohne Hektik und ohne große Aufregung. Manchmal ist mir richtig langweilig hier oben auf meiner Säule. Das Volk da unten wirkt träge und duldsam wie eh und je. Früher wurde es von den Briten in den Dreck getreten, heute sind es die Finanzkriminellen und ihre Steigbügelhalter in der Politik, die den braven Leuten Staub zu fressen geben. Es ist ein Jammer, diese ausgeprägte Bereitschaft zu leiden . . . Ach, wahrscheinlich bin ich mit meinen Gedanken aus dem 18. Jahrhundert nicht mehr zeitgemäß, zu altmodisch, beim ewigen Stehen aus der Zeit gefallen.

Vor drei Nächten dachte ich für einen Moment, dass die alten Zeiten wieder kommen. Es war so gegen 6 PM, ich sinnierte gerade ein wenig über meine alte Heimat im County Kildare, als sich plötzlich eine Meute zusammenrottete. Sie kamen aus allen Richtungen, sie waren fröhlich, kämpferisch, sie trugen rot-weiße Fahnen, und es wurden mehr und mehr. Am Ende versammelten sich zu meinen Füßen, na, ich schätze mal, 25 Hundertschaften. Ihr würdet sagen: 2500 Leute. Sie schrien im Chor "Up da Rebels" und ich brüllte begeistert mit. Es war fast wie damals. Wofür sie wohl kämpften, und wogegen? Gründe hätten sie genug, Gegner auch.

Bald kletterte der Führer der Rot-Weißen auf ein Podest. Er hielt eine große Schüssel in den Armen, die ein klein wenig an die Form einer Toilette erinnerte, und er sprach gesalbte Worte des Dankes an seine Anhänger. Offensichtlich war die Schlacht bereits zu Ende. Die Menge schrie "Graham, Graham" und "Canty, Canty", "Up Cork" und wieder "Up, the Rebels." Die Redshirts da unten tranken Porter aus Blechkannen und winkten dem Anführer mit Wimpeln und kleinen Bannern zu. Irgendwann löste sich die Menge wieder auf. Alle schienen zufrieden, viele wirkten stolz. Echte Patrioten. Es muss eine große Schlacht gewesen sein, die sie gewonnen haben . . .


The Homecoming: Captain Graham Canty und das Cork Gaelic Football Team kehren nach gewonnenem All Ireland Finale gegen Down im Siegeszug heim in Canty´s Heimatstadt Bantry.

Donnerstag, 23. September 2010

Kirchen-Boykott: Eine Messe ohne Frauen

Wir aufgeklärten Menschen im Westen attackieren gerne den mittelalterlichen Islam und die rückständigen Mullahs der östlichen Welt. Wir vergessen dabei gerne: Unsere Mullahs sitzen in Rom, in Freiburg, in Dublin, in den katholischen Pfarrhäusern. Wie kann es sein, dass eine scheinbar aufgeklärte Welt, die die Gleichheit der Geschlechter für selbstverständlich hält, die absolutistische Herrschaft der alten Männer in Religionsfragen noch immer fraglos toleriert? Wie kann es sein, dass mehr als die Hälfte der Mitglieder der katholischen Kirche noch immer als Menschen zweiter Klasse behandelt werden? Wie kann es sein, dass Frauen in der katholischen Kirche kein Amt ausüben, keine Entscheidungen treffen - geschweige denn einen Pfarrer heiraten dürfen? Das ist tiefstes Mittelalter, an der Spitze der absolutistischen Theokratie der Papst, ein Diktator in Glaubens- und Lebensfragen.

Diese Gedanken bewegen viele katholische Frauen. Sie bewegten seit langem auch die 81-jährige Katholikin Jennifer Sleeman aus Clonakilty in West Cork, Irland. Jennifer belies es nicht beim Nachdenken und Lamentieren im Kreis der Freundinnen. Sie entwickelte einen Plan, und im August wandte sie sich an einen bekannten Journalisten bei der Irish Times und erzälte ihm, zu welchem Schluss sie gekommen war: Jennifer rief alle katholischen Frauen dazu auf, am 26, September, dem letzten Sonntag des Monats, den Besuch der Messe zu boykottieren und die leeren Kirchenbänke für sich sprechen zu lassen.

Die Idee ist so einfach wie genial: Frauen, stimmt mit den Füßen ab, erschüttert die sture männliche Kirchenhierarchie durch Eure Abwesenheit. Der Artikel in der Irish Times löste ein riesiges Echo aus: In Irland, in Europa, in den USA. So wird der kommende Sonntag nun zum ersten demokratischen Testfall für die katholischen Kirchengemeinden in Irland und anderswo. Weitere dürften folgen.

Die rebellische alte Frau aus Clonakilty, die so gar nicht dem stereotypen Bild von der Revolutionärin entspricht, freut sich über die weltweiten Reaktionen. Gleichzeitig hofft die gebürtige Schottin, die vor 54 Jahren zum Katholizismus konvertierte und seit 55 Jahren in West Cork lebt, dass die Aktion zur Gleichstellung der Frauen in der Kirche nun von anderen Köpfen und Schultern weiter getragen wird und dass in ihr Leben wieder Ruhe einkehrt.

Foto: St. Annes in Shandon, Cork (mab).

Mittwoch, 22. September 2010

Statt Schlangen: Die wilden Ziegen von Irland

"Was gibt es eigentlich so an Tieren in Irland?" ist eine oft gestellte Frage auf unseren Wanderungen. Meist fängt die Antwort damit an, was es alles nicht gibt: Schlangen zum Beispiel – eine ungemein nützliche Information für Menschen aus der Stadt, die gerade durch kniehohes Gras waten. Es gibt hier auch keine Wildschweine und keine Wölfe – dafür aber Füchse, Adler, Hirsche und: Ziegen. Wilde Ziegen.  

In den Bergen von Cork und Kerry, in den Wicklow Mountains, im Burren und in Connemara leben bis zu 100 Tiere große Wildziegen-Herden, immer angeführt von einer weiblichen Ziege. Die männlichen Ziegen leben in der Regel in einer eigenen Herde. Wilde Ziegenböcke sind in Irland als "Billy" bekannt, die Ziegen-Frauen heißen "Nanny". Beide Geschlechter tragen übrigens lange Hörner.

Streng genommen handelt es sich bei Irlands Wildziegen - wie bei fast allen wilden Ziegen auf der Welt  - um einstmals domestizierte Ziegen, die ausgewildert wurden. Die ersten Ziegen kamen vor etwa 4000 Jahren auf die Insel - als Begleiter von Menschen. Ziegen sind neben Katzen die wenigen Haustiere, die alleine in der Wildnis überleben würden – ein Privileg, was vor allem die Hunde, die Rinder und die Meerschweinchen nicht genießen.

Gerade meldete sich ein Freund, dessen Ziegenbock auf der Farm durch stark aggressives Verhalten gegenüber Tier und Mensch auffällt. Dafür sind Ziegenböcke natürlich bekannt. Interessant aber ist die Information auf der hervorragend gemachten Website www.ziege.ch:

Junge Böcke sollten nicht an zu viele Körperkontakte, Streicheleinheiten und Belohnungen gewöhnt werden. Sie werden sie sonst später als ausgewachsene Tiere mit aggressiven Verhalten einfordern.

Strange World. Menschen ticken dann doch anders.

Dienstag, 21. September 2010

PJ zeigt der Polizistin, wo der Hammer hängt

Was Irlands Regierungschef Brian Cowen kann, kann PJ Sheehan schon lange: Gurgeln, bis der Morgen kommt. Das 77-jährige Fossil der irischen Politik hatte am 8. Juli dieses Jahres schwer einen getankt und sah sich in alkoholisiertem Zustand veranlasst, ganz unverblümt die Wahrheit auszusprechen. Pech nur, dass die Adressatin eine Polizistin war.

Die Ordnungshüterin hatte versucht, den Fine Gael-Abgeordneten aus Goleen, West Cork, nachts um 1 Uhr davon abzuhalten, vor dem Leinster House in Dublin in sein Auto zu steigen. Als Dank für den Hilfeversuch beschimpfte und bedrohte Partrick Joseph die Dame in Blau. Was er sagte? Was man als macht-besoffener Politiker halt so sagt: Sie würde niemals befördert werden, ihre Karriere sei beendet, dafür würde er, PJ Sheehan schon sorgen, wenn Fine Gael erst einmal an der Macht sei.

Man will es dem Strippenzieher vom Mizen Head abnehmen, dass er die Wahrheit gesagt hat. Nun musste sich der Polit-Oldie allerdings bei der Polizistin und fürsorglich gleich beim ganzen Land entschuldigen – und ein bisschen zurücktreten. Alles aufrichtige und ehrliche Worte übrigens . Bis auf einen Satz, den konnten wir PJ dann doch nicht glauben: "Dieses Benehmen war für meine 30-jährige Politik-Karriere vollkommen untypisch".

Montag, 20. September 2010

Wenn die Lehrerin dreimal durchklingelt

Eigentlich ist es nicht üblich, dass die Schule zuhause anruft. Heute morgen, 20 Minuten vor Schulbeginn aber klingelten die Telefone in Glengarriff, County Cork, Sturm. Eins, zwei, drei. Achtung dringend. Die Schulleiterin am anderen Ende. Was mag geschehen sein? Wieder eine Rauferei auf dem Schulhof mit Gewinnern und Verlieren? Schulfrei wegen Läusepest? Vergessen, das Kind ordentlich zu waschen und zu füttern?

Nichts von alledem. Viel Wichtigeres stand an: "Die Kinder müssen heute keine Uniform tragen, you know," lässt uns die Schulleiterin wissen. Wenn´s geht, darf viel Weiß und viel Rot in der Kleidung sein. Da fällt der Cent: Cork ist All Ireland Champion. Cork feiert. Cork schwelgt in Rot-Weiß. Nach 20 Jahren Pause haben die Footballer von Cork gestern die wichtigste Trophäe im irischen Sport, den "Sam Maguire Cup" erobert. Und nun haben die Kinder Uniform-frei und die Qual der Wahl.

Anna Sweeney´s hastiger morgendlicher Anruf bei fast 50 örtlichen Familien lässt gleich zwei Schlüsse zu: Die Lehrerin aus der benachbarten Footballhochburg Kerry hat Cork den Sieg bis zuletzt nicht zugetraut – oder sie hatte heimlich gehofft, dass der Kelch auch an Cork vorbeigehen würde, nachdem Kerry in diesem Jahr frühzeitig ausgeschieden war. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

In wenigen Wochen jedenfalls wird in der Schule noch einmal gefeiert werden – dann nämlich, wenn die Sport-Devotionale auf ihrer Tour durch die Schulen des Counties in Glengarriff halt macht. Es gilt als großer Moment im Leben eines Nachwuchs-Footballers, den "Sam" (Foto) einmal zu berühren oder ihn sogar abzuknutschen.

Lost my Love in The Caha Mountains

Luka Bloom wirkt routiniert im Nehmen. Gerade hat er seine Liebe aus den Caha Mountains verloren – und doch tritt er am Freitagnacht am Fuß der Cahas, in Bantry, County Cork, auf, als wäre fast nichts geschehen. Er strahlt Freude am Singen und am Spielen aus. Er sagt, Trennungen sind gut für den Songschreiber und schlecht für den Menschen dahinter. Im Raum der Bühne des "Mariner´s" lebt Luka die Existenz des Künstlers. Eindreiviertel Stunden in der Blase. 90 Minuten in der Sphäre der Musik.

Luka Bloom gilt als einer der bekanntesten Musiker Irlands und als einer der beliebten irischen Musiker im Ausland. Sein unverkennbarer Gitarrenstill und der träumerische Aspekt seiner Texte, der ihn so wohltuend von seinem Bruder Christy Moore unterscheidet, sichern ihm seit den 80er Jahren eine treue Fangemeinde.

Luka Bloom spielt in Bantry vor 35 Zuhörern. Das ist intim, das ist persönlich, das ist ein Erlebnis für die wenigen Menschen im Publikum. Für den Musiker, der von den Konzerteinnahmen lebt, ist es ein Desaster, und man fragt sich, was so schwer daran ist, einen international renommierten Musiker ordentlich anzukündigen. Luka nimmt diese Enttäuschung gelassen. Er spielt, als säßen 3500 Menschen vor ihm und gibt sein Bestes. Er wird in wenigen Tagen zu einer Konzertreise in die USA reisen, wo er sich in den 80er-Jahren von Barry Moore zu Luka Bloom entwickelt hatte, und er probiert Songs für das amerikanische Publikum aus.

Danke dafür, danke für "City of Chicago", für den "Bogman," für  "Don´t be so Hard on Yourself". See you back in the Caha Mountains, some day, some year.

Sonntag, 19. September 2010

And the winner is ... Cork!

Cork hat das All Ireland Finale im Gaelic Football mit einem Punkt Vorsprung gegen Down gewonnen, dank einer guten zweiten Hälfte und der Einwechslung von Kapitän Graham Canty (Bantry). Nach 20 Jahren kehrt der Sam Maguire Cup tatsächlich nach Hause ins County Cork zurück. Glückwunsch!

Jetzt geht´s looooos: Up da Rebels

Das ist Corks Schlacht-Ragga für das Football-Finale Cork-Down heute nachmittag in Croke Park, Dublin. Up da Rebels.

Gaelic Football Finale: Heute fließen Bier und Tränen

Heute ist der dritte Sonntag im September. Irland feiert den wichtigsten Festtag im Sportkalender, das All-Ireland-Finale im Gaelic Football. Knapp 85.000 Fans pilgern heute zum   Croke Park in Dublin, um das Endspiel zwischen den Mannschaften der Counties Cork und Down mitzuerleben. Der Rest der Sportnation Irland sitzt ab 15:30 Uhr in fiebrig diskutierenden Gruppen vor dem Fernseher.

Das All Ireland Finale im Football, der irischen Sportart schlechthin,  ist der unbestrittene Höhepunkt im Jahr der irischen Passiv-Sportler: Wenn die Footballer von Cork und Down den heiligen Rasen von Croke Park betreten, gehört ihnen die ganze Aufmerksamkeit: Die Straßen und Geschäfte auf der Insel sind leer, allenfalls dem Zapfhahn gilt ein gelegentlicher Seitenblick.

"Bring Sam Home", fordern tausende Schilder im County Cork. Sam Maguire ist der Namensgeber für den begehrten Football-Pokal, ein patriotischer Footballer aus Dunmanway, County Cork. Hier im Südwesten erinnern die üppig in rot und weiß geschmückten Straßen an Fasching oder an eine Prozession. "Good Luck to Matthew and Peadar" wünschen die in den vergangenen zwei Wochen aufgestellten Schilder am Straßenrand:. Die guten Wünsche gelten den örtlichen Sportlern, die es geschafft haben, in das County-Team berufen worden zu sein. Corks Footballer, die in den vergangenen 20 Jahren intensiv gelernt haben, wie man ein Football-Finale verliert, könnten heute nach genau zwei Jahrzehnten wieder einmal den Titel holen. Der Nachbar, Rekordgewinner, Erzrivale und Angstgegner Kerry ist nämlich ausgeschieden. Zumindest werden Corks "Rebels" bei den Buchmachern als große Favoriten gegen die Männer aus Down, Nordirland, gehandelt. Wenn es für die "Rebels" optimal läuft, könnten sie morgen sogar mit zwei Titeln aus der Hauptstadt in die heimliche Hauptstadt am River Lee zurückkehren. Denn im Finale der Junioren, die das Vorspiel in Croke Park bestreiten, stehen sich die Nachwuchspieler von Cork und Tyrone gegenüber. Heute nachmittag schon werden wir sehen, ob in Cork neben dem Bier Tränen der Freude oder Tränen der Trauer fließen werden. "Up The Rebels!"
Übrigens: Gaelic Football geht wohl auf einen alten irischen Ballsport "Caid" zurück, der bereits im Mittelalter auf der Insel gespielt wurde. Die heutige Version, für die die Gaelic Athletic Association, GAA, vor 125 Jahren, im Jahr 1885 die Regeln festlegte, wird mit Händen und Füßen gespielt. Die 15 Mann starken Teams spielen den fast Fußball-großen Ball auf ein dem Rugby-Gehäuse ähnliches H-förmiges Tor. DIe Spielzeit beträgt 2x35 Minuten, das Feld ist 145 Meter lang und 90 Meter breit. Das Spiel ist hart, schnell und ruppig. folgt aber dennoch klaren Regeln.

Fotos: Szene aus dem Juniors-Spiel Cork gegen Galway (Foto: GAA); Puppen in den Farben des County Cork am Straßenrand (Fotos:mab)

Freitag, 17. September 2010

In Irlands Boden ticken die Zeitbomben

Was auf den ersten Blick aussieht wie ein idyllischer bewaldeter Hügel, ist in Wahrheit eine der vielen tickenden Zeitbomben Irlands: Ein "Dump", eine Müllhalde, ein Dreckloch. Bis zum Jahr 1996 kippten Haushalte, Firmen und wer immer mochte, ihren Müll auf den Müllplatz von Kealanine bei Bantry, Irland.  Jetzt, 14 Jahre nach der Schließung, erklärte das Cork County Council die alte Müllhalde zur "Top Priority Site" und zur potentiellen Gefahr für Leib und Leben der Anwohner. Untersuchungen sollen zeigen, ob der Müll ausgebuddelt und abgefahren werden muss.

Bis vor kurzem interessierte sich in Irland niemand ernsthaft für die alten Müllhalden des Landes, war doch erkennbar über die meisten das Gras gewachsen. Da störte es kaum, dass in der Umgebung grasende Schafe und Kühe krank wurden, dass in den benachbarten Flüssen keine Fische mehr lebten, dass die Behörden der EU in Brüssel auf eine Sanierung der Altlasten drängten. Erst seit dem Einzug der Grünen in die Koalitionsregierung in Dublin erhielten die alten Müllhalden die gebührende Aufmerksamkeit  – und manche sagen, an diesem Umstand kann man dann doch erkennen, dass die Grünen in Irland seit einigen Jahren mitregieren.

Alleine im County Cork hat man 50 alte Müllplätze identifiziert. Ihnen allen gemeinsam ist, dass sie nicht sicher sind und dass sie eine Bedrohung für die Gesundheit von Menschen und Tieren darstellen. Als kürzlich auf der alten Müllhalde von Kealanine ein blauer Bagger anrollte, um Probegrabungen vorzunehmen, schrillten im Tal von Comhoola die Alarmglocken: Die Menschen fühlten sich an alte Zeiten erinnert, als die Luft so unerträglich stank, dass man sie nicht einzuatmen wagte, als Millionen Fliegen die Müllkippe und die Häuser der Anwohner umschwirrten, dass es unmöglich war, Türen oder Fenster offen zu halten, als Tiere, die vom Fluss bei der Kippe tranken, krank wurden und verendeten. Als möglicherweise auch Menschen Schaden nahmen.

Die Leute von Kealanine haben Angst, dass die Probegrabungen die Geister der Vergangenheit wieder heraufbeschwören. Sie bestehen darauf, dass das Wasser der Umgebung von der Müllkippe verunreinigt wird, und sie wollen bereits wissen, worüber sich die Beamten des County Council erst  Klarheit verschaffen müssen: Was sich in der alten Müllhalde genau befindet. Die Rede ist von großen Mengen Rohöl, von Asbest, Tierkadavern, dem üblichen Haushaltsmüll und von jeder Menge Chemikalien: Alleine die örtliche Pharmafirma ROWA, heute geführt von der irischen General-Konsulin Brigitte Wagner-Halswick, hatte in den 80er-Jahren die Genehmigung, jährlich zwei Lastwagenladungen Abfälle jeglicher Art auf den Müllplatz von Kealanine zu deponieren.

Die Menschen von Kealanine erhählen lange Geschichten, wie sie in den 70er und 80er-Jahren die Behörden um Hilfe und Beistand gebeten und angefleht hätten, die unerträglichen Zustände abzustellen. Sie wurden offensichtlich nicht gehört und waren am Ende nur froh, als der "Dump" vor 14 Jahren endlich geschlossen wurde. Geblieben ist ein tiefes, aggressives Misstrauen in die "Offiziellen" vom County Council. Als kürzlich ohne jegliche Vorankündigung der Bagger anrollte, um Tests vorzubereiten, stand die Bevölkerung schnell auf den Zinnen und forderte die Behörde heraus: Man will nun ganz genau über jeden einzelnen Schritt informiert werden, was die Regionalverwaltung am alten Müllplatz tut.

Es ist Gras gewachsen über den alten Müllplatz von Kealanine, doch es wächst kein Gras über die Zeitbombe, die dort im Boden tickt.

Donnerstag, 16. September 2010

Bilder von Elend, Leid, Zerstörung – und Hoffnung.

Die Weltwirtschaftskrise hat die Diskussion um die Rettung des Weltklimas und unserer Lebensgrundlagen auf die hinteren Ränge verwiesen. Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Erst die Wirtschaft, dann die Natur. So denken wir Menschen. In der Realität gibt es diese Prioritäten allerdings nicht: Am Ende wird es das Eine ohne das Andere nicht geben. Ein zerstörter Blauer Planet wird nicht 6, 8 oder 9 Milliarden Menschen ernähren und am Leben halten.

Eine eindringliche Ausstellung über den zerstörerischen Kampf der Menschheit gegen die natürlichen Lebensgrundlagen auf der Erde ist zur Zeit in Irlands Nationalem Botanischen Garten in Dublin zu sehen: "Hard Rain", eine kommentierte Fotoreihe des Fotografen Mark Edwards zu den Versen des gleichnamigen Liedes von Bob Dylan (Eintritt: kostenlos).

Dylan hatte den apokalyptischen Song "A Hard Rain´s Gonna Fall" im Sommer 1962 während der Kuba-Krise unter dem Eindruck eines drohenden Atomkriegs geschrieben. 48 Jahre später wirken Dylan´s Metaphern über eine zerstörte Welt fast prophetisch.

Aus Mark Edwards Hard Rain-Ausstellung ist mittlerweile ein weltweit beachtetes Projekt geworden. Die Bilder von Elend, Zerstörung und Leid, die es als Buch, DVD, Website und Diaschau gibt, sollen ein Weckruf für die Menschheit sein – und sie sollen Hoffnung machen, dass wir den Gang der Zerstörung noch aufhalten können, dass die Menschen sich mit der Natur versöhnen können. Hard Rain ruft auf zur radikalen Umkehr – und lässt keinen Zweifel daran, dass wir am Kreuzweg stehen, verdammt dazu, die schwerste Entscheidung zu treffen, die die Menschheit zu treffen hatte: Umkehr oder Ende.

Alle Fotos und die Kommentare von Mark Edwards sind auf der Website des Hard Rain Projekts veröffentlicht. Dazu der Liedtext von Bob Dylan:






A Hard Rain's A-Gonna Fall
Oh, where have you been, my blue-eyed son?
Oh, where have you been, my darling young one?
I’ve stumbled on the side of twelve misty mountains
I’ve walked and I’ve crawled on six crooked highways
I’ve stepped in the middle of seven sad forests
I’ve been out in front of a dozen dead oceans
I’ve been ten thousand miles in the mouth of a graveyard
And it’s a hard, and it’s a hard, it’s a hard, and it’s a hard
And it’s a hard rain’s a-gonna fall
Oh, what did you see, my blue-eyed son?
Oh, what did you see, my darling young one?
I saw a newborn baby with wild wolves all around it
I saw a highway of diamonds with nobody on it
I saw a black branch with blood that kept drippin’
I saw a room full of men with their hammers a-bleedin’
I saw a white ladder all covered with water
I saw ten thousand talkers whose tongues were all broken
I saw guns and sharp swords in the hands of young children
And it’s a hard, and it’s a hard, it’s a hard, it’s a hard
And it’s a hard rain’s a-gonna fall
And what did you hear, my blue-eyed son?
And what did you hear, my darling young one?
I heard the sound of a thunder, it roared out a warnin’
Heard the roar of a wave that could drown the whole world
Heard one hundred drummers whose hands were a-blazin’
Heard ten thousand whisperin’ and nobody listenin’
Heard one person starve, I heard many people laughin’
Heard the song of a poet who died in the gutter
Heard the sound of a clown who cried in the alley
And it’s a hard, and it’s a hard, it’s a hard, it’s a hard
And it’s a hard rain’s a-gonna fall
Oh, who did you meet, my blue-eyed son?
Who did you meet, my darling young one?
I met a young child beside a dead pony
I met a white man who walked a black dog
I met a young woman whose body was burning
I met a young girl, she gave me a rainbow
I met one man who was wounded in love
I met another man who was wounded with hatred
And it’s a hard, it’s a hard, it’s a hard, it’s a hard
It’s a hard rain’s a-gonna fall
Oh, what’ll you do now, my blue-eyed son?
Oh, what’ll you do now, my darling young one?
I’m a-goin’ back out ’fore the rain starts a-fallin’
I’ll walk to the depths of the deepest black forest
Where the people are many and their hands are all empty
Where the pellets of poison are flooding their waters
Where the home in the valley meets the damp dirty prison
Where the executioner’s face is always well hidden
Where hunger is ugly, where souls are forgotten
Where black is the color, where none is the number
And I’ll tell it and think it and speak it and breathe it
And reflect it from the mountain so all souls can see it
Then I’ll stand on the ocean until I start sinkin’
But I’ll know my song well before I start singin’
And it’s a hard, it’s a hard, it’s a hard, it’s a hard
It’s a hard rain’s a-gonna fall
Copyright © 1963 by Warner Bros. Inc.; renewed 1991 by Special Rider Music 

Mittwoch, 15. September 2010

Irlands Taoiseach: Erkältet oder nur betrunken?

Die Regierung Irlands um Taoiseach Brian Cowen steht seit Wochen massiv unter Druck – jetzt bringt der eine oder andere Tropfen Alkohol das Fass fast zum Überlaufen: Das politische Dublin erregt sich derzeit über "Gargle-Gate": Hat Irlands Ministerpräsident Brian Cowen einen zuviel "gegurgelt" und deshalb in betrunkenem oder verkatertem Zustand im Frühstücksradio ein unbestritten gräßliches und wirres Interview gegeben?

Cowen, der die irische Trinkkultur bekanntermaßen hochhält und einem Tropfen oder zwei nicht abgeneigt ist, ist aufgrund eines nächtlichen Gelages in Galway und dem morgendlichen Flop-Interview, in den Medien weltweit präsent: Ob BBC, Huffington Post, oder New York Times: Brian Cowen gehören die Schlagzeilen.

Der umlagerte Regierungschef hatte seine Parteikollegen am Montag zu einem "Think-in" nach Galway eingeladen, um die schlecht sortierten Reihen wieder zu schließen. Dem Think-in folgte am Montagabend ein Drink-in mit viel Gesang. Auch Brian Cowen präsentierte in feucht-fröhlicher Runde mehrere Lieder und imitierte diverse Zeitgenossen. Als der Taoiseach ins Bett kam, war es kurz vor 4 Uhr morgens.

Die Nation am Radio erlebte deshalb am Dienstagmorgen einen Regierungschef, der so lädiert wirkte wie das gesamte Land. Übernächtigt und nur mit größter Mühe gab Cowen unzusamenhängende Antworten – das Ganze mit lädierter Stimme. Daraufhin riskierten Journalisten erstmals überhaupt, das Thema "Brian Cowen und der Alkohol" anzusprechen – und nun brennt die Hütte lichterloh. Da helfen die Beteuerungen Cowens und seiner Getreuen, er sei erkältet und heißer, nur wenig.

Die Irish Times, deren Reporter selber an der Sause teilgenommen hatten, veröffentlichte heute morgen das Protokoll zu "Gargle-Gate". Es ist unbedingt lesenswert, wirft es doch ein erhellendes Schlaglicht auf den politischen Betrieb des Landes nach Feierabend.

Parken in Dublin: Der Trend geht zum Schrott-Würfel

Wenn ein deutscher Autofahrer ein "Knöllchen" für Falschparken oder zu schnelles Fahren bekommt, weiß er, was er zu tun hat: Er bezahlt den Strafzettel eilfertig und pflichtschuldigst. Wenn einem Iren dasselbe widerfährt, weiß er in der Regel, was er nicht zu tun. Ein irischer Bekannter machte uns vor Jahren auf den kleinen Unterschied aufmerksam: "Es ist eine Sache, ob Du einen Strafzettel bekommst, und es ist eine andere, ob Du diesen dann auch bezahlst." Ja, das Sammeln und Nichtbezahlen von Bußgeldern zählen die vergleichsweise anarchischen Iren zur Kategorie des konsequenz-freien Volkssports.

Der Bußgeldbescheid unter dem Scheibenwischer nimmt schnell die Gestalt einer Papierkugel an, die im Kofferraum verschwindet und sich dort zu ihresgleichen gesellt. Als routiniert gilt, wer 30 oder mehr unbezahlte Bußgeldbescheide durch die Gegend chauffiert. Einer der frustrierendsten Jobs auf der Insel ist deshalb der des Parkwächters in Dublin. Die Kontrolletis teilen fleißig Tag für Tag ihre Protokolle aus – und kaum jemanden interessiert es.

Ein städtischer Verkehrspolizist erzählt: "Den Leuten sind die Strafzettel einfach egal. Sie ignorieren diese, bis sie eines Tages vor den Richter treten müssen. Dort zeigen sie dann Reue, behaupten, es wäre das erste Mal passiert und sie hätten ohnedies kein Geld. Sie kommen mit einer Bagatellstrafe davon – und das Spiel beginnt von Neuem".

Die Wächter über den ruhenden Verkehr haben deshalb in den vergangenen Jahr mehr und mehr aufgerüstet, um dem Gleichmut von Falsch- und Dauerparkern behördliche Härte entgegenzusetzen: Wer sich in Dublins Straßen nicht an die Regeln hält, läuft Gefahr, dass sein Auto mit einer Parkkralle verziert wird und nicht mehr vom Fleck zu bewegen ist – bis das Bußgeld bezahlt ist. Sechs Monate hat der Autobesitzer Zeit, der Forderung nachzukommen, danach kann er sein "Heiligs Blechle" in kompakter Würfelform auf dem "Scrapyard" bestaunen. Die Stadt Dublin zumindest ist dazu übergegangen, die Karossen säumiger Zahler nach einem halben Jahr Abwarten zu verschrotten.

Das ist die Rache der Frustierten, und der Herr der Parkkralle berichtet stolz vom stoischen Werk der Schrottpresse: "Wír haben schon platt gemacht, was Du Dir nur vorstellen kannst: Vom Mercedes über den Toyota-Geländewagen und den Range Rover bis zum BMW."   Ein ungewöhnliches Völkchen von Autofahrern provoziert zum einsatz von ungewöhnlichen Mitteln.

Dienstag, 14. September 2010

Out of Dublin: Garinish ist eben nicht Glasnevin

Der Botanische Garten Glasnevin, Dublin.
Die Autoreise von West Cork in Irlands Hauptstadt Dublin hat sich in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten von sechs bis sieben auf gut dreieinhalb Stunden verkürzt. Seit diesem Jahr sind die beiden größten Städte der Republik, Dublin und Cork, durch eine durchgehende Autobahn miteinander verbunden. Die Distanz zwischen Hauptstadt und Provinz hat sich dagegen nicht verringert. So gerät die Reise nach Dublin regelmäßig zur Reise in eine andere Welt.

Deutsche in Irland, die sich auf eine Beschreibung der Insel einigen wollen, scheitern regelmäßig am Versuch, das ländliche und das urbane Irland miteinander vergleichen und dann gleichsetzen zu wollen. Das Irland der Gegenwart ist trotz aller Entschleunigung durch die Wirtschaftskrise geprägt von verschiedenen Geschwindigkeiten, von auseinander driftenden Lebensstilen: Hier das eher traditionelle Leben an der Peripherie, dort das "moderne" Leben im Zentrum.

Allen Dezentralisierungsbemühungen zum Trotz: Die Aufmerksamkeit, die öffentlichen Investitionen, das Geld fließen nach Dublin oder bleiben in Dublin. Ein kleines, aber augenscheinliches Beispiel: Die öffentlichen Anlagen und Gärten. St. Stephen´s Green oder der Botanische Garten in Glasnevin präsentieren sich trotz leerer öffentlicher Kassen in Hochform: gepflegt, gehätschelt, frisch beackert und bepflanzt laden die fein polierten Juwelen irischer Garten- und Parkanlagen in der Hauptstadt zum Verweilen ein. Ganz anders die Situation in der Provinz: Dort ist vielerorts erkennbar, dass die Budgets knapp sind. Der Staat leistet sich noch nicht einmal die 150 Euro Jahresbeitrag, damit Garinish Island, der Vorzeigegarten im Südwesten Irlands, sich weiter als Teil des "West Cork Garden Trail" präsentieren darf.

Garnish Island, die Casita.
Auch im Jubiläumsjahr – die Gärten von Garinish Island feiern in diesem Jahr den 100. Geburtstag – kocht die staatliche Aufmerksamkeit für die Gartensinsel auf Sparflamme: Die Saison neigt sich dem Ende entgegen – und noch immer konnte sich die öffentliche Gartenverwaltung nicht zu einem eigenen Beitrag zum Jubiläum durchringen. Noch immer wartet die Region auf eine kleine Feier, ein kleines Zeichen der Feierlichkeit – aus Dublin. Doch vergessen wir nicht: Dublin ist weit, und Garinish ist eben nicht Glasnevin.

Montag, 13. September 2010

Irland 2.0 - Neubeginn in der zweiten Republik

Irland: Update auf Version 2.0?
Politische Beobachter aus dem Ausland waren lange schon fasziniert von den archaischen Elementen der Politik Irlands. Tribalismus, Nepotismus, die republikanisch-katholische Deutungshohheit über das gesellschaftliche Leben, die praktizierte Lokalpolitik im nationalen Parlament bei gleichzeitiger Abwesenheit von lokalen Regierungen.

Die Leistungsstärke des politischen Systems auf der Insel galt seit jeher als überschaubar – die Infrastruktur des Landes spricht Bände. Nun allerdings, in der großen, nicht enden wollenden Wirtschaftskrise, stößt es an seine ultimativen Grenzen. Das politische Personal versucht sich in Taktierereien, während politische Strategien fehlen. Das System ist, genauso wie seine gegenwärtigen Protagonisten, am Ende.

Erstaunlich nur, wie lange sich eine verbrauchte fußlahme Regierung und ihr unglücklich agierender Ministerpräsident in diesem Land im Amt halten können, obwohl genau diese Regierung die Wirtschaftskatastrophe auf der Insel selber herbeigeführt hat. Erstaunlich, wie wenig die Opposition in den vergangenen zwei Jahren daran arbeitete, das Steuer des im Dreck steckenden Karrens selber zu übernehmen. Erstaunlich auch, dass das Regime des alten Strippenziehers Bertie Ahern und dessen Nachfolgers Brian Cowen so lange ungestraft davonkommt.

Nun aber ist wohl doch Zeit für das Endspiel. Der September gilt als Schicksalmonat für die regierende Fianna Fail. Deren Chef Brian Cowen sieht sich von vielen Seiten umzingelt und die Mehrheit der Regierung im Parlament steht auf dem Spiel. Unabhängig vom aktuellen politischen Tagesgeschehen werden die Forderungen nach einer grundlegenden Erneuerung des politischen Systems in Irland lauter. Von "Irland 2.0" ist die Rede und von der "Second Republic", der "Zweiten Republik". Fast 95 Jahre nach dem Osteraufstand von 1916 stehen die Grundlagen und die Fundamente der Republik Irland genauso zur Disposition wie deren Wirtschaftsordnung.

Ob Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft: Irlands festgefahrene stagnierende Verhältnisse warten auf   den großen Wurf der Erneuerung. Wer zu diesem befreienden Kraftakt in der Lage sein wird, ist noch nicht zu erkennen, der Zeitpunkt für diese historische Chance wirkt indessen greifbar nahe.

PS: Eine lesenwerte Abrechnung mit "Irland 1.0" schrieb der Autor Michael O`Sullivan heute für die Irish Times.

Sonntag, 12. September 2010

Irland in 1500 Moment-Aufnahmen

Die digitale Technik reicht uns die Instrumente des Überflusses, der Maßlosigkeit und der Zerstreuung: Einen gut geplanten und durchdachten Arbeitsprozess zerlegen wir heute in spontane Denk- und Nach-Denkprozesse aus 500 partikularen E-Mails. Einen Song, der zur gegenwärtigen Stimmung passt oder diese erst kreieren soll, wählen wir aus 25.000 MP3-Dateien aus. Dokumentarfilmer decken ihre Produktions-Kollegen im Filmschnitt mit atem-beraubenden digitalen Bergen von Material zu. Das Bild von Irland und dem Irland-Urlaub entsteht aus gewaltigen DVD-Präsentationen am heimischen Großbildschirm, mit 1000 Fotos. Dauerfotografen bringen es in einer Irlandurlaubswoche auf 1500 Fotos und mehr. 1500 Schnappschüsse, 1500 Versuche, ein gutes Bild zu entwerfen, 1500 Moment-Aufnahmen aus dem eigenen Leben, 1500 mal das Verlangen nach Schönheit, Erinnerung und Ewigkeit.

Der Wanderer hatte vor kurzem das Vergnügen mit einem Berufs-Fotografen auf Tour zu gehen. Irgendwann, nach dem 25. Foto fiel ihm auf, dass der Profi gerade ein einizges Mal abgedrückt hatte. Am Ende des ausgedehnten Spaziergangs stand es geschätzte 120 zu 8 – und von den acht Aufnahmen des Profis war jede ausdrucksstark genug, um es mit der Masse von 120 jederzeit aufzunehmen.

Qualität entsteht meistens nicht aus Überfluss sondern aus der Beschränkung, aus Knappheit und Resourcen-Schonung. Gefällige Zufalls-Kreationen bestätigen das Prinzip. Das geübte Auge des Foto-Handwerkers arbeitet mit Konzept und klarer Linie. Das Denken steht vor dem Abdrücken. Das Sehen sowieso. Was sehen wir, wenn wir fotografieren?

Foto: Rainer Schüle

Freitag, 10. September 2010

Die Wandersaison in Irland geht langsam zu Ende

Die Wandersaison in Irland neigt sich almählich dem Ende zu. Der Wanderer ist in diesen Tagen noch einmal unterwegs in den Bergen, an den Stränden und in den Wäldern der Grünen Insel. Was sagt eigentlich Wikipedia über das Wandern?

"Wandern ist eine Form des Gehens über längere Strecken in der Natur, die heute hauptsächlich als Freizeitbeschäftigung von Bedeutung ist. Wandern ist vielerorts, beispielsweise in den Alpenländern, eine sehr beliebte Sportart und ein zentraler Wirtschaftsfaktor des Sommertourismus. In Europa sind viele landschaftlich reizvolle Regionen weitgehend durch gewartete und markierte Wanderwege erschlossen.
Man unterscheidet zwischen zweckfreiem und zweckgebundenem Wandern. Zweckfreie Wanderungen dienen dem Selbstzweck, der Erbauung oder Ertüchtigung, während zweckgebundenes Wandern früher Gründe hatte wie Forschung, Arbeitssuche, Walz, Flucht oder Handel, oder in weiterem Sinne militärische Märsche.
Abgeleitet aus einer deutschlandweit repräsentativen Befragung ergibt sich für das zweckfreie Wandern folgende nachfragebasierte Definition:
„Wandern ist Gehen in der Landschaft. Dabei handelt es sich um eine Freizeitaktivität mit unterschiedlich starker körperlicher Anforderung, die sowohl das mentale wie physische Wohlbefinden fördert. Charakteristisch für eine Wanderung sind:
  • eine Dauer von mehr als einer Stunde
  • eine entsprechende Planung,
  • Nutzung spezifischer Infrastruktur sowie
  • eine angepasste Ausrüstung."

So wie Wikipedia und der Deutsche Wanderverband kann man es auch sagen. Der Wanderer meint: Wandern ist eine Form des Seins. Der stetige Rhythmus der Schritte formt das Mantra des Gehens. Wandern ist eine sanfte Meditation. Wandern ist Freiheit. 

PS: Die Wanderwochen 2011 im schönen Südwesten Irlands finden an diesen Terminen statt: 

23. bis 30. April 2011
23. bis 30. Juli 2011
10. bis 17. September 2011




Donnerstag, 9. September 2010

Entdeckt: Torf-Graffitis in den Caha Mountains

Kritzeleien, Pinseleien, Sprühereien, Schnitzereien, Schmierereien – Graffiti. Das Bedürfnis der Menschen, sich an öffentlichen Orten visuell bemerkbar zu machen, mit der Spraydose, dem Taschenmesser oder dem Schraubenzieher an Hauswänden, Bäumen oder Steinen die eigene Markierung zu hinterlassen, hat eine lange Geschichte. Wer einmal in Irlands heiliger Historienkammer, in Newgrange, war, hat die unbeholfen eingeritzten Namenszüge neben den jungsteinzeitlichen Felskunstwerken gesehen. Wer in Coole Park war, kennt  die Signaturbuche, deren Rinde Yeats und Freunde bearbeitet haben. Wer in Dublin spazierte, kann die Graffitis junger Dubliner mit denen in Brooklyn vergleichen.

Kritzler, Sprayer und Ritzer müssen vom Wunsch getrieben sein, sich mit einem kleinen expressiven Akt für alle bemerkbar und sichtbar zu verewigen, sich ein Stück weit unsterblich zu machen. Unterwegs in den den Bergen Irlands entdeckte der Wanderer in dieser Woche eine für ihn neue Form der Oberflächen-Bearbeitung: das Torf-Graffito. Die Einritzungen in eine zwei Meter hohe Torfschicht sind im Abbaugebiet am Barley Lake in den Caha Mountains zu besichtigen. Nein, schön sind sie nicht, alt sind sie nicht, auch nicht kunstvoll – zumindest aber interessant.

Mittwoch, 8. September 2010

Der Herbst hält Einzug in Irland

Abschied vom stabilen Sommerhoch. Am vergangenen Wochenende hat sich das Wetter in Südwest-Irland gedreht. Der Herbst hält Einzug und erfreut mit dem wechselhaften Wetter eines launischen und unbeständigen Tiefdruckgebiets.

Nun erleben wir das Wetter, wie man es für Irland gerne als typisch bezeichnet: Fünf Regen- und noch mehr Sonnenphasen an einem Tag. Die Temperaturen angenehm mild. Am Himmel duellieren sich mit sanfter Macht die Schönwetter- mit den Regenwolken.

Nach dem Regen geben frische Luft und ein hoher Himmel den Blick frei in die Weite der irischen Landschaft. Es ist klar, die Farben sind intensiv. Die Fuchsien leuchten mit den grünen Wiesen um die Wette.

Das Wirtschaftskatastrophenjahr 2010 hat in Irland zumindest metereologisch ein freundliches Pendant: Im Südwesten freuten sich die Menschen über das schönste und beste Jahr seit über zehn Jahren. Abgesehen von einer dreiwöchigen Regenperiode im Juli dominierten seit dem  eiskalten Jahresbeginn die Hochs über der Insel.

Wer jetzt wandert, studiert die Wetter-Charts etwas genauer als sonst. Denn mit der vorausschauenden Wahl des Ausgangspunkts und der Route lassen sich lokale Regengebiete umgehen. Bisweilen machen wenige Meter den Unterschied zwischen Trocken und Nass. Unser Foto zeigt die Wetterscheide unter einer Wolke über dem Atlantik vor der Südwestküste Irlands.      

Dienstag, 7. September 2010

The F***ing Dursey Island Experience

Dursey Island, der westliche Appendix der Beara Halbinsel im Südwesten Irlands, ist berühmt für seine Seilbahn (die einzige Seilbahn Irlands, in der Rindviecher und Schafe auch noch Beförderungspriorität haben). Der bergige Außenposten im Atlantik ist auch bekannt als einer der schönsten und spektakulärsten Orte Irlands – wenn das Wetter mitspielt. Wer ein Pub, ein B&B, einen Laden oder eine Post erwartet, sucht allerdings vergebens. Und wer Ausschau nach freundlichen Insulanern hält, mag einen der letzten Inselbewohner treffen. Freundlich ist der aber nicht.

Gestern auf Dursey Island: Ein Besucher fotografiert ganz harmlos ein pittoreskes weiß getünchtes Cottage, das direkt an der Straße liegt. Aus einem anhaltenden blauen Pickup springt ein Mann mit hochrotem Kopf. Er fuchtelt wild und schreit den Fotografierenden an: "F*** off, you f***ing bastard. I´m tired of people taking photos of my property and myself". Der Mann erregt sich, dass ein Foto von seinem Haus gemacht wurde. Dabei hat der vorsichtige Besucher aus vornehmer Distanz und vollkommen angemessen die Fassade im Straßenbild fotografiert. Versuche, den Insulaner zu beruhigen gelingen nicht, schließlich braust er wütend im Auto davon.

Anwohner des Dursey Sounds berichten später, dass der wilde Mann von Dursey regelmäßig Inselbesucher attackiert und beleidigt. Kürzlich soll er eine Wandergruppe mit einem Werkzeug in der Hand verfolgt haben. Vollends harmlos wirkt da der Zeitgenosse, der in seinem Land Rover grußlos und mürrisch an den Besuchern vorbei rauscht.

Derlei Auftritte erschüttern das schöne Bild vieler Irland-Urlauber von den allzeit freundlichen Iren ganz nachhaltig. Sie belegen: "There´s one in every crowd". Und sie machen nachdenklich: In den drei Dörfern von  Dursey Island lebten in guten Zeiten über 250 Menschen. Nach der großen Abwanderung in den 70er Jahren ist die Insel heute entvölkert, die Dorfgemeinschaften haben sich aufgelöst, nur in wenigen Häusern brennt der Herd noch das ganze Jahr über. Sechs ständige Bewohner zählt Dursey Island heute nach offiziellen Angaben noch, auf Beara selber spricht man von zwei oder drei.

Es kann schwer sein, einsam in einem Heimatmuseum zu leben. Es kann schwer erträglich sein, fast alleine auf einem entvölkerten Eiland zu leben. Es kann unerträglich sein, unfreiwillig den Hauptdarsteller im Inselmuseum abgeben zu müssen. Wir wissen nicht , was dem wilden Mann von Dursey in der Vergangenheit alles widerfahren ist. Wir ahnen, dass manche Nerven strapaziert werden, wenn Urlauber mit der Digitalkamera Jagd auf Motive macht und wir wissen, dass dabei Höflichkeit, Respekt und das Gefühl für Würde und Privatsphäre manchmal auf der Strecke bleiben.

Vielleicht hilft dem wilden Mann von Dursey ein Schild vor seinem Haus: "Bitte nicht fotografieren". Das würde seine Nerven und die der Insel-Besucher schonen.

Foto: mab 

Sonntag, 5. September 2010

Irland-Impressionen (13) Seelische Heimat Norden

Irlands Norden
In diesem zu Ende gehenden Sommer haben wir die irischen Lieblingsorte von Lesern des Irland Blogs vorgestellt. Heute noch ein letzter kleiner Nachchlag aus demhohen Norden der Grünen Insel. Elke Auler verbrachte einige Jahre und viele Urlaube in Irland, und sie zieht es vor allem in den Norden. Elke schickte uns Fotos aus Dongeal und vom legendären Ben Bulben in County Sligo, an dessen Fuß der große Literat des Landes, William Butler Yeats begraben ist. Dazu diese Zeilen:



"Literatur-Nobelpreisträger William Butler Yeats war in seiner Kindheit und Jugend oft bei seinen Grosseltern in Sligo zu Besuch, später häufiger Gast im Lissadell House, liebte Sligo sehr und County Sligo war immer sein "Land of Desire".


Ben Bulben in County Sligo
Auch ich kenne Sligo und seine herbe Schönheit seit über 40 Jahren und ich liebe es noch immer. Der Norden, auch und vor allem Donegal, hat seinen ganz eigenen Reiz und ich fühle mich dort sehr zu Hause! Wie so vielen Besuchern Irlands ergeht es auch mir - ich habe meine seelische Heimat dort gefunden und es zieht mich immer wieder dorthin zurück. Das Licht, der Himmel sind sehr vom so nahen Atlantik beeinflusst
und nirgendwo empfinde ich solchen Frieden wie gerade hier. Ich nenne es meine "Akku-Aufladestation", die mir schon oft geholfen hat, mit so manchen Schwierigkeiten besser umgehen zu können.


Wer denkt, dass die Fotos etwas zu dunkel geraten sind: es war Gewitterstimmung
und ich bin eineinhalb Stunden lang einem Regenbogen und diesem besonderen Licht
hinterhergefahren. Ich stand staunend am Strand - alleine - und habe laut zu mir
selbst gesprochen, wie unglaublich doch diese Stimmung sei. Am schimmernden
Ben Bulben, Sligos Wahrzeichen, spiegelte sich der Widerschein des Sonnenuntergangs
über dem Meer.


Staunen, sich an der Natur erfreuen und hoffen, dass diese Natur noch recht lange
erhalten bleibt und auch anderen Menschen gefällt. Das möchte ich mir für die
Zukunft wünschen! Ich jedenfalls denke jeden Tag meines Lebens an Irland. Wenn ich traurig bin, kann es passieren, dass ich mir meine Fotos im Laptop oder per DVD und stimmungsvoller Musik im Fernsehen ansehe. Danach ist mein Kummer nicht immer verschwunden - jedoch leichter geworden.

Herzliche Grüße auf die Insel, Elke"


Danke, Elke.

Seelische Heimat im County Donegal

IMPRESSUM

Dieser Blog wird geschrieben und editiert von: Good News Media Markus Bäuchle, Eliane Zimmermann, Starlight House, Ardaturrish Beg, IRL-Glengarriff, Co. Cork. mbaeuchle (at) mac.com Haftungsausschluss: Die Texte in diesem Blog wurden von den Verfassern nach bestem Wissen und Gewissen erstellt. Trotz sorgfältiger inhaltlicher Kontrollen und regelmäßiger Aktualisierungen dieses Blogs übernehmen wir keine Haftung für die Inhalte externer Links. Für den Inhalt der verlinkten Seiten sowie für die Inhalte von Kommentaren sind ausschließlich deren Betreiber/AutorInnen verantwortlich.