Sonntag, 31. Oktober 2010

Die giftigen Rausch-Pflanzen von Blarney Castle

Blarney Castle – wo die giftigen Pflanzen wachsen. (Photo: Peter Zoeller, www.peterzoeller-photo.com )
Brechnuss, Buchsbaum, Bilsenkraut – Grünzeug, vor dem dem Magen graut. In seiner Evolution hat Homo Sapiens an fast allen Kräutchen genascht und ist von manchem ins Bettlager, an den Brechnapf oder unter den Boden getrieben worden. Den lebensbewahrenden Erkenntnisgewinn hatten in dem Fall die Hinterbliebenen, die sich fortan von dem toxischen Kraut fernhielten. In Europa gibt es rund 50 Pflanzenfamilien, deren zahlreiche Vertreter sich durch eine Gemeinsamkeit hervortun:  Sie sind für den Menschen giftig. Wir wissen deshalb, dass wir nicht am Alpenveilchen lutschen sollten, auch nicht am Efeu, oder an der Eibe, und dass der Genuss des Fingerhuts, der Hundspetersilie oder der Tollkirsche zum Tod führen können.

Vor einigen Jahren wurde es in der Gartenwelt Mode, Abteilungen für Giftpflanzen einzurichten. Der Giftgarten ist sozusagen die Horrorabteilung der Hortikulturisten.

Blarney Castle in Irlands Süden wurde vor allem für den Stein berühmt, der die Menschen der Sage nach in Großrhetoriker und Plaudertaschen verwandelt, wenn sie ihn küssen. Der Blarney Stone lockt jährlich eine Drittelmillion Touristen auf das Schloss im County Cork. Weil der vorausschauende Schlossherr Sir John Colthurst nicht alles auf eine Karte, beziehungsweise einen Stein setzt, kümmert er sich stets um die Erweiterung des Besucherangebots. So wurde in den Gärten von Blarney vor einiger Zeit auch ein Giftgarten eröffnet – zur Freude von Pflanzenliebhabern und von schauergeschichtenverliebten Kindern.

In diesem Frühjahr ergänzte Sir John die gift-grüne Kollektion um zwei weitere Attraktionen: die Hanfpflanze (Cannabis sativa) und den Schlafmohn (Papaver somniferum). Aus der einen bezieht der rausch-begabte Mensch Haschisch und Marihuana, aus der anderen das Opium. Weil Sir John natürlich wusste, dass er in seinem Poison Garden nun potentiell mit Drogen hantierte, lud er vor einem halben Jahr eine hochrangige Delegation von Polizeibeamten aufs Schloss, um die Angelegenheit zu besprechen und zu regeln. Die fanden die Drogenpflanzen abgeschottet hinter Schloss und Riegel und sicher vor dem Zugriff von Besuchern. Zwei Monate später besuchten erneut Polizisten Blarney, um die Details des Anbaus besprechen. Dann wurden Pflanzenlisten an Behörden, Direktionen und Ministerien verschickt.

Schlossherr Colthurst sollte in der Angelegenheit während des ganzen Sommers nichts mehr hören – bis vor wenigen Tagen. Da rückten Polizeibeamte ein, ließen den mittlerweile erntereifen Hanf und den Mohn von Schlossgärtnern ausgraben und beschlagnahmten die Pflanzen. Dem Schlossherr wurde bedeutet, er stehe möglicherweise mit dem Gesetz in Konflikt, was diesen auf die höchste (wenn auch ungiftige) Palme brachte. Überall im ganzen Land stehen giftige Pflanzen herum, und keiner tut was dagegen,  zeterte der Sir, und mutmaßte: "Sollen wir hier als Sündenböcke für etwas herhalten?"

Nach geltendem irischen Recht bleibt Colthurst aber tatsächlich wenig anderes übrig als auf eine offizielle Lizenz für den Anbau der Pflanzen zu warten – und die ist schwer zu bekommen. So wird der "Stone of Blarney" wohl nicht um die Zusatzattraktion "Stoned at Blarney" erweitert werden. Blarney bleibt trotzdem eine Reise wert, schon der Gärten wegen.

Das Bild zum Sonntag: Parliament House Dublin

Letzte Ausfahrt Steuerzahler. Es ist in Irland wie in Deutschland – nur viel schlimmer: Die Bürger pauken die Banken raus, bezahlen mit ihren Steuern, was die Banker vermasselt haben. Das kleine Irland ist in Größe und Finanzkraft am ehesten mit dem Bundesland Bayern zu vergleichen. Man stelle sich vor, Bayern müsste die Schulden der Hypo Real Estate alleine schultern. Und während die deutsche Exportwirtschaft wieder floriert, lassen sich zehntausende leere, schlecht gebaute irische Häuser weder exportieren noch im Binnenmarkt verkaufen. Das macht den Unterschied.

Die Bank of Ireland residiert in College Green in einem der schönsten Gebäudekomplexe Dublins, im Parliament House gegenüber vom Trinity College. Die systemisch wohl wichtigste Bank des Landes macht ihre zuletzt verlustreichen Geschäfte dort, wo im 18. Jahrhundert das britisch gesteuerte Parlament für Irland tagte, bis es 1801 aufgelöst wurde. Parliament House wurde im Jahr 1739 fertig gestellt und war das erste Gebäude Europas, das eigens für die Sitzungen eines Parlaments gebaut wurde.

Schein und Sein passen oft nicht zusammen – hier, vor Grattan´s Parliament, wünscht sich der Betrachter die Umzugswagen herbei.

Samstag, 30. Oktober 2010

Blühende Blog-Landschaften: Irlandwolfi sagt Tschö

Gerade habe ich die Internet-Adresse www.irlandwolfi.blogspot.com  von der Blogroll gelöscht. Seufz. So muss sich virtuelles Trauern anfühlen. Irlandwolfi hat sein "Abenteuer Irland" eingestellt. Ein Irland Blog der besonderen Art ist nicht mehr.

Es dürfte eine Gemengelage aus Trotz, Frust und Dünnhäutigkeit gewesen sein, die Wolfis Hand zum Stecker führte – und wieder hatte Bernd, der böse Bube aus Cavan, seine Computer-Fingerchen im Spiel. Mag sein, dass Wolfis Online-Projekt schon oben auf der Klippe stand, der letzte Anstoß kam von "Irlins", natürlich im Irlandforum. Die von Wolfi stets gnadenlos an sich selbst getesteten Ratschläge für Selbstversorger werden vor allem jene Überlebenskünstler vermissen, die gerne mal auf den Nachtisch verzichten, um sich wie Helden zu fühlen.

Wolfi wird sich künftig wohl unter Ausschluss der Öffentlichkeit selber versorgen. Hoffen wir, dass ihm seine Frau das noch lange ermöglicht – und dass er durchhält. In Kildare oder wo auch immer.

Holloween, Samhain und 55 Tage bis Weihnachten

Patrick´s Street in Cork
 Noch 55 Tage bis Weihnachten, in Irlands südlicher Metropole Cork wurde in den vergangenen Tagen bereits das Feiertags-Szenario aufgebaut. Große Weihnachts-Fichten säumen - noch ungeschmückt - die Einkaufsstraße Patrick´s Street (Foto oben). Doch vor den vorweihnachtlichen Stress hat der irische Party-Kalender Halloween gesetzt. Halloween 2010 fällt auf einen Sonntag – und so wird aus dem Fest, das eigentlich den Toten gewidmet ist, ein Festwochenende. Pubs und Restaurants, der Einzelhandel und selbst Straßenmusiker versuchen mit dem Tanz um den Kürbis ein paar schnelle Euros mehr zu machen. Halloween ist in Irland, wo es als keltisches Totenfest Samhain seine Wurzeln hat, eine zweischneidige Angelegenheit geworden.

Die hässliche Fratze: Geschäfte brennen, Wohnhäuser stehen in Flammen, in den Straßen fackeln Autos ab, Polizei und Feuerwehr kämpfen nicht nur gegen die Feuer, sie werden von Vermummten mit Steinen beworfen und attackiert; mehr Verletzte als an jedem anderen Tag des Jahres werden in Krankenhäuser eingeliefert. Berichte vom Hamburger Schanzenviertel oder aus Berlin-Kreuzberg in der Walpurgisnacht? Falsch garaten: So wird morgen nach Einbruch der Dunkelheit in Irlands Städten wieder Halloween "gefeiert". So zumindest war es in den vergangenen Jahren und so erwarten es die "Sicherheitskräfte" auch 2010.


Lass uns Halloween Party machen: Werbung in Cork






Die keltische Vorfahren der Iren haben den Halloween-Brauch in vorchristlicher Zeit als Ritual an Samhain (gaelisch: November) mutmaßlich "erfunden": Man glaubte, dass in den dunklen Tagen des Herbstes die Membran zwischen dem Reich der Lebenden und dem der Toten am Durchlässigsten sei und Kontakt deshalb möglich. Diese Auffassung überlebte die Jahrhunderte in Form der christlichen Totengedenkfeiern. Irische Auswanderer schleppten den Brauch der Toten-Verehrung in den 3oer-Jahren des 19. Jahrhunderts in den USA ein, von wo er sich in den vergangenen 50 Jahren unter Marketing-Einfluss wie ein Schweinegrippe-Virus in der westlichen Welt ausbreitete und letztlich auch Kontinental-Europa infizierte.

In das vom Celtic Tiger beherrschte moderne Irland kehrte die alte Tradition als Farce in pervertierter und gewalttätiger Form zurück. Vergesst die Prügeleien von Football-Fans nach den All-Ireland-Finals, vergesst die blutigen Bank Holiday Weekends: Halloween ist in Irlands Städten nun die geschäftigste Nacht für Polizei, Ambulanzen, Krankenhäuser und Feuerwehr. Betrunkene Kinder und Jugendliche, Brandwunden, schwere Verbrennungen und Augenverletzungen durch Feuer und Feuerwerke, Millionenschäden: Das Wort "Spuk" hat eine neue Bedeutung.

Die schöne Seite: Im ländlichen Irland ziehen Kinder noch immer ihre friedlichen Runden auf dem Süßigkeiten-Parcour durch die Nachbarschaft: "Trick or Treat" – "Gebt uns Süßes, sonst gibt´s Saures" heißt es morgen abend wieder an tausenden Türen, und wer seinen Hund liebt, nimmt ihn ins Haus, bis die kleinen Geister sich wieder verzogen haben.

In einer Radio-Sendung auf 2 FM diskutierten irische Frauen in dieser Woche den Wandel von Halloweeen in den vergangenen 20 Jahren. Tatsächlich beklagten sich einige ältere Damen über die "Amerikanisierung" der alten Bräuche und bestanden darauf, dass der Anlass am 31. Oktober in Irland als "Holloween" auszusprechen sei. "Hälloween" sei ein Tribut an die amerikanische Profanisierung und deshalb genauso abzulehnen wie die amerikanische Erfindung des "Trick or Treat". 

Und noch eine Botschaft hatten die plaudernden Radio-Damen für Holloween 2010: Verteilt keine Nüsse an die Kinder, Allergiker könnten zu Schaden zu kommen. So werden morgen abend landesweit mehrere zusätzliche Tonnen Süßigkeiten in den Besitz von kleinen Milchzahnträgern übergehen.   

Freitag, 29. Oktober 2010

Schweres Geschütz in Dublins Regierungsviertel

St. Stephens´s Green im Herzen von Dublin
Dort auf historischem Boden, wo an Ostern 1916 irische Patrioten um die Gräfin Constance Markiewicz erfolglos einen Park (!) besetzten, um die verhassten britischen Besatzer in die Knie zu zwingen, dort wird in diesen Tagen noch einmal schweres Geschütz ausgepackt. Doch keine Sorge, es ist friedliches Geschütz. Während sich politische Beobachter schon sorgen, wann die in Not geratenen Bürger Irlands auf die Barrikaden klettern werden, kommt in St. Stephen´s Green, der grünen guten Stube in Dublins Regierungsviertel, lediglich die Laubkanone zum Einsatz. Langsam weichen Saft und Grün aus den Blättern, und die in Irland zusehends beliebten motorisierten Bläser und Sauger wirbeln in regenfreien Stunden gehörig Laub auf.

Der Betrachter stellt sich unwillkürlich die Frage, ob das Geld im irischen Staatsbudget 2011 für das Benzin der surrenden Laubkanonen noch reichen wird. Gleich nebenan, in Kildare und in Merrion Street werden in diesen Tagen von Regierung und Parlament harte Entscheidungen zu Lasten der Bürger und wohl auch zu Lasten des Staates und seiner Bediensteten getroffen. Noch immer will Irlands Regierung die Welt glauben machen, dass der Inselstaat dem Bankrott entkommen wird. 15 Milliarden Euro sollen in den kommenden vier Jahren auf Geheiß von EU und Weltfinanz im Staats-Budget eingespart oder durch höhere Steuern kompensiert werden, vier bis fünf Milliarden alleine im Jahr 2011. Bei Staats-Einnahmen von wenig mehr als 30 Milliarden Euro und einer Deckungslücke von über 20 Milliarden Euro ein heißer Ritt, der nicht zwangsläufig zum Erfolg führen wird. In den Gazetten weltweit wird diese Gleichung für die wahrscheinlichere Prognose gehalten: "Irland=Griechenland=pleite".

Donnerstag, 28. Oktober 2010

JFK´s glückliche Tage in Irland im Jahr 1963

John F. Kennedy gehört in Irland bis heute zu den Haus-Heiligen. In vielen traditionelle Haushalten hängt neben dem Photo von Papst Paul oder Johannes Paul das Konterfei des größten Iren aller Zeiten – JFK eben. Gerade jetzt, da die Zeiten in Irland wieder einmal schlecht sind, wirkt das Photo von JFK wie eine Gute-Laune-Pille, wie ein Anti-Depressivum,  wie ein Versprechen: Er hat es geschafft, Du kannst es schaffen, wir können es schaffen. Patrick Kennedy, ein armer Farmer aus New Ross in County Wexford, wanderte 1848 in die USA aus und starb dort 1858 an Cholera – sein Urenkel Jack sollte ein gutes Jahrhundert später der mächtigste Mann der politischen Welt werden.


Der Fernsehmoderator Ryan Tubridy, der mit der populären Late Late Show und seiner Radio- Morgenshow zwei der wichtigsten Sendeplätze in Irlands Medien bespielt, hat ein Gespür für Gute-Laune-Themen. Wenn die Depression das Land im Griff hält, hält er im Radio Messen für die Gute Laune und ein positives Lebensgefühl. Jetzt, wo die Stimmung aufgrund der der scharfen Rezession und der bevorstehenden Pleite gegen Null tendiert, veröffentlicht Tubridy einen weiteren Mutmacher: "JFK in Ireland". In seinem neuen Buch beschreibt der  Moderator den Besuch John F. Kennedys im Juni 1963 in der alten Heimat Irland. John F. war bereits 1948 als junger Mann auf der Suche nach seinen Wurzeln nach Irland gekommen, der Besuch des US-Präsidenten wenige Monate vor seinem Tod jedoch geriet zum Triumphzug.

Ein älterer Cousin Ryan Tubridy´s, Dot, gilt als enger Freund der Kennedys  – und er hatte John F. offensichtlich zum Besuch Irlands 1963 motiviert. Gestern abend berichtete Dot bei der Vorstellung des Buches, JFK habe ihm nach dem Irland-Besuchs gesagt: "Die Tage in Irland gehörten zu den glücklichsten in meinem Leben". Kennedy blieb danach bekanntlich nicht mehr viel Zeit. Er starb am 22. November in Dallas – am Todestag seines Urgroßvaters Patrick.



Mittwoch, 27. Oktober 2010

Buch mich – 10.000 Fans bei Facebook!

Andere Zeiten, andere Sitten und andere Technologien. Die Macht der virtuellen Welt verändert auch die materielle Welt. B&B´s, Pensionen und Hotels in Irland umwerben ihre Gäste längst im Internet nach den Regeln des Online-Marketings. Nun wird der Erfolg im Web auch zum Gütesiegel in der Offline-Welt: Das gute alte Gästebuch gerät unter Druck, ebenso das edle Messingschild, das neben der Eingangstür Empfehlungen für die Herberge ausspricht.


Egan´s House in Dublins Stadtteil Glasnevin beispielsweise betreibt ganz munteres Cross-Marketing und bittet seine Gäste, sich auch bei Facebook und bei Tripadvisor als Fans des Hauses zu erkennen zu geben. Die Zeiten sind nicht weit, da erste Herbergen auf einem Farbdisplay neben dem Eingang mit ganz neuen Gütesiegeln werben: "10.000 Fans bei Facebook" oder "Laut Tripadvisor bestes B&B am Botanischen Garten Dublin". Buch mich!

Montag, 25. Oktober 2010

Das blaue Wunder in der Bucht von Belfast

Heute ist Bank Holiday in Irland, der freie Montag des verlängerten Oktober-Wochenendes. Die Kinder und Studenten auf der Insel genießen eine Woche Schulferien – es ist Mid Term. Irland schläft aus, die Straßen liegen heute morgen einsam und verlassen. Ich bin zurück aus Irlands Norden – und die Fahrt von Nord nach Süd entlang der Westküste der Grünen Insel beanspruchte trotz flotter Fahrt fast einen Tag. Die 450 Kilometer lange Tour durch Städte und Dörfer fühlte sich an wie die Strecke München-Hamburg – nur schöner, gefälliger, vom Herbsthimmel besser beleuchtet.

I admit, I was in Carrickfergus. Nach 30 Jahren Träumen folgte der Wanderer am Freitag dem Ruf des alten Lieblingsliedes "Carrickfergus" ("I wish I was in Carrickfergus"). Er reiste in die Stadt im Norden der Bucht von Belfast, nur um festzustellen, dass das gerne gesungene Volkslied die Hymne der Yacht- und Ferienhausbesitzer im Norden der Grünen Insel sein muss: I wish I was in Carrickfergus – das weinen die Geschäftsleute von Belfast und Londonderry in sich hinein, wenn sie am Montagmorgen in Richtung Büro fahren und dem Wochenende in Carrickfergus nachtrauern.

Es stimmt. Carrick, wie die Leute ihre Stadt selber nennen, ist ein durch und durch langweiliges nordirisches Städtchen, mit etwa 30.000 Einwohnern, einer ansehnlichen mittelalterlichen Burg, einem eher trostlosen Stadtkern – und einem stattlichen Yachthafen. Eine Marina nennt man das auf der Insel – Seit an Seit ankern vielleicht 150 schwimmende Freizeitvehikel an den Liegeplätzen in der Bucht – nach Süden der Blick übers Wasser auf Belfast, im Rücken die mächtige Ferienhaussiedlung von Carrick. Die Waterfront scheint der ganze Stolz des Städtchens, nachts zieht  sie - raffiniert beleuchtet – die Blicke von weit her an und stellt die mittelalterliche Burg daneben in den Schatten: Carick, das Blaue Wunder der Bucht von Belfast. Die Sehnsucht, die das alte Volkslied Carrickfergus so schön beschreibt - sie wird von diesem Anblick aufs Angenehmste aufgelöst. I would not swim over the deepest ocean, oh no. Dafür jetzt nicht.

Sonntag, 24. Oktober 2010

Bei roter Ampel bitte anhalten – oder?

Zurück aus dreiundzwanzigeinhalb Alltagsabenteuern auf den Straßen von Irlands tiefem Süden bis in den höchsten Norden und zurück. Ein Gruß an die besorgten Leser, die sich fragten, ob dem Irland Blog die Luft ausgegangen sei ("Seit drei Tagen keine Nachricht"): Nein, nur ein kurzes Reisepäuschen. Unterwegs gabs jede Menge Spaßiges, Schönes, Neues, da und dort auch Hässliches und Bedrückendes –  und natürlich Skurriles. Wie den nordirischen Straßenwartungstrupp im County Antrim, der die Welt mit diesem Schild ein Stück sicherer macht:


Slippery when wet. Alles klar? Gute Fahrt und schönen Sonntag.

Mittwoch, 20. Oktober 2010

Auf der M50 kassiert der Staat mit Geisterhand ab

Mautstation auf Irlands M8 – nur auf der M50 wird die Maut wie von Geisterhand eingetrieben.
Schwupp, schon wieder ein Bußgeldbescheid: Wer Dublins Entlastungs-Autobahn M50 fährt, wird von keinem Mauthäuschen und keiner Schranke aufgehalten. Die Nummernschilder der Autos werden elektronisch erfasst, der Gebührenbescheid samt gebührenpflichtiger Verwarnung liegt schon vier Tage später im Briefkasten. Die M50, die sich in einem Halbkreis westlich um die Hauptstadt Dublin biegt, ist seit 2009 Irlands erste schrankenlose Maut-Autobahn – und wer sich nicht registriert hat, wird mit derlei Briefchen zur Anmeldung stimuliert. Drei Euro nimmt der Staat für eine Fahrt mit dem Pkw über den Westlink – zwei Euro nur, wenn man sich registriert.

Wenig gekümmert hat dies bislang die Automobilisten aus Nordirland. Sie nutzten die Straße, erhielten wohl auch die Briefchen vom Maut-Eintreiber "eFlow", reagierten darauf aber oft nicht und blieben dem Nachbarstaat im ersten Jahr des schrankenfreien Mautsystems schlappe 2,2 Millionen Euro schuldig. Dass sich Autofahrer aus Belfast, Derry oder Lurgan sich jenseits der Grenze durch das geteilte Inselland sicher fühlen dürfen, gehört nun allerdings der Vergangenheit an. Auf Drängen des klammen Republik-Regierung wurde ein Abkommen unterzeichnet, das die Verfolgung der Mautpreller aus dem Norden möglich macht.

Die Autobahnen sind im Zeichen der Wirtschaftskrise übrigens geschätzte Dukatenesel. Die Regierung kündigte gerade an, dass sie die Autofahrer auf den Motorways des Landes bald noch intensiver und lückenloser zur Kasse bitten will. So wird das Autofahren vor allem in Irlands Osten zu einem immer teureren Vergnügen.  Die Maut macht´s.

PS: Welche Erfahrungen habt Ihr eigentlich mit Mietwagen und Maut gemacht?

Dienstag, 19. Oktober 2010

I wish I was in Carrickfergus

Carrickfergus heute (Foto: www.carrickfergus.org)
Was tut der Mensch, wenn er sich durch die Jammertäler der öden Alltagspflichten kämpft? Er träumt, er macht Pläne, er freut sich auf den Aussichtsberg am Horizont. Der Wanderer kämpft sich weiter durch das Unterholz der Steuererklärung – doch der berühmte Silberstreif leuchtet bereits deutlich, dort oben im Norden Irlands. Er heißt Carrickfergus.

Berühmte Liedzeile "I wish I was in Carrickfergus . . .". Wanderers Lieblings-Song war lange das irische Volkslied Carrickfergus – in die nordirische Stadt zehn Kilometer nordöstlich von Belfast hat er es allerdings nie geschafft. DieTradition der Abstinenz soll Ende dieser Woche beendet werden, es steht ein Fährtchen an – up the country. Ob das Carrickfergus Castle und die Bucht von Belfast (Belfast Lough) es wirklich wert sind, mit einer alten Tradition zu brechen, wird sich zeigen. Immerhin fehlt dem mächtigen Gefühl des Heimwehs ja auch oft jegliche materielle Substanz (Wieso hat man Heimweh nach einem fernen Ort, der nie die Heimat war?).

Um Heimweh jedenfalls geht es im Lied Carrickfergus. Der Sänger der traurigen Ballade wünscht sich zurück in die Stadt im Norden - und sei es nur für eine Nacht. Doch es scheint unmöglich, der Mann ist alt, krank und  - wie zumeist – betrunken. Was ihm bleibt, ist die Sehnsucht.

Viele Musiker haben Carrickfergus gesungen, Van Morrisom natürlich, die Chieftains, Christy Moore, die Dubliners, aber auch Joan Baez, Brian Ferry, Subway to Sally, Hannes Wader oder Charlotte Church. Der Song wurde übrigens im 19. Jahrhundert ursprünglich in irischer Sprache und stammt aus dem Südwesten Irlands.

In der Bearbeitung von Van Morrison und den Chieftains hat das Traditional diesen Text:

I wished I had you in Carrickfergus,
Only for nights in Ballygrand,
I would swim over the deepest ocean,


The deepest ocean to be by your side.

But the sea is wide and I can't swim over
And neither have I wings to fly.
I wish I could find me a handy boatman
To ferry me over to my love and die.

My childhood days bring back sad reflections
Of happy days so long ago.
My boyhood friends and my own relations.
Have all passed on like the melting snow.

So I'll spend my days in endless roving,
Soft is the grass and my bed is free.
Oh to be home now in Carrickfergus,
On the long road down to the salty sea.

And in Kilkenny it is reported
On marble stone there as black as ink,
With gold and silver I did support her
But I'll sing no more now till I get a drink.

I'm drunk today and I'm rarely sober,
A handsome rover from town to town.
Oh but I am sick now and my days are numbered
so come ye young men and lay me down."



Montag, 18. Oktober 2010

Triste Tage im Dickicht der Papierberge

Heute beginnen die drei tristesten Tage im Jahreszyklus des Wanderers im Dickicht von Papierbergen und Zahlenkolumnen. Die Jahressteuererklärung für das vergangene Jahr muss bis Ende Oktober unter Dach und Fach gebracht werden. Zwar hatte Irlands "Tax Return" lange viel mit der berühmten Steuererklärung auf dem Bierdeckel gemein und war wesentlich einfacher zu erledigen als eine deutsche Steuererklärung – und doch bleibt es eine ungebliebte Steuererklärung. Zudem geben sich Irlands Politiker alle Mühe, das Steuer-Regelwerk aufgrund der Ebbe in der Staatskasse zu verkomplizieren und von den Bürgern an allen Ecken und Enden mittels Abgaben und versteckter Steuern zusätzliches Geld einzutreiben. Die 50 Milliarden Euro für die Rettung der quasi-bankrotten irischen Zocker-Banken müssen ja irgendwo aufgetrieben werden.


Jedes Jahr zur Steuererklärungszeit wundert sich der Wanderer aufs Neue über die unausrottbaren kontinentalen Vorurteile, man ziehe gewöhnlich nach Irland, um dort leckere Steuervorteile zu genießen. Nein, Arbeitnehmer und Freiberufler haben gar nichts von den immer wieder zitierten irischen Billigsteuersätzen. Von der Corporation Tax profitieren nur Unternehmen, sie zahlen auf ihre Gewinne 12,5 Prozent Steuer. Der Rest der Bevölkerung darf sich mit 20 Prozent und 40 Prozent Steuersatz am Gemeinwohl beteiligen, plus der nun üblichen Krisenabgaben auf Einkommen oder zur Stützung des maroden Gesundheitssystems. Und nein, Autoren und Journalisten leben in Irland nicht steuerfrei. Die eingeschränkte Steuerfreiheit bis 250.000 Euro Jahreseinkommen genießen lediglich Schriftsteller, und dies nur für den Erlös ihrer fiktionalen Werke, also für Romane, Dramen oder Gedichtbände. Ein Sachbuch zählt da nicht dazu.

Sonntag, 17. Oktober 2010

Das Mädchen aus dem Meer kommt ins Kino


Der Sommer 2008 in Irland war ein lausiger Sommer. Wer´s nicht glaubt, kann sich jetzt auch in Deutschland vor der Großleinwand davon überzeugen lassen. In der kommenden Woche  läuft der irische Spielfilm "Ondine - das Mädchen aus dem Meer" in deutschen Kinos. Offizieller Filmstart ist der 21. Oktober, allerdings läuft der Streifen bereits heute und morgen in einigen deutschen Filmburgen. 


Der neue Film des irischen Regisseurs Neil Jordan wurde auf der Beara Peninsula im irischen Südwesten gedreht, und wer den Film gesehen hat, weiß, dass Jordan ohne einen einzigen strahlenden Sonnentag auskommen musste.


Der wetter-erprobte Regisseur aus Sligo hat es meisterlich verstanden, Land, Leute und den verhinderten Sommer von Castletownbere, West Cork, in Szene zu setzen. Ihm gelang ein melancholischer und doch heiterer, fast zärtlicher Film, der im rauhen Mileu irischer Fischer spielt. Kreativ die Kamerführung, faszinierend die Aufnahmen Christopher Doyle´s von Land und Meer in der Bantry Bay, amüsant die Dialoge und der irische Slang ("You brring me lock") von Colin Farrell, vom Feinsten die Beichtstuhl-Szenen, die an den Klassiker "The Commitments" erinnern. Colin Farrell brilliert in der Rolle des clownesken Fischers und Ex-Alkoholikers Syracuse ("Circus"). Die Kritik bezeichnete die Produktion, die das Undine-Motiv ganz eigenwillig interpretiert, als "beklemmend, schauerlich und bewegend". Na,ja. Selber schauen hilft. 

Ondine ist trotz seines aufgesetzten Fantasy-Märchen-Motivs ein realistischer Film geworden. In den Hauptrollen spielen Colin Farrell (Syracuse, Foto), Alicja Bachleda (Ondine, Foto) und Alison Barry (Annie). Der Film ist ein Pflichttermin für Irlandfans und solche, die es werden wollen. 


Das ist der Plot: An der Küste von Cork geht dem irischen Fischer Syracuse eines Tages ein zauberhafter Fang ins Netz (Foto): Die schöne Frau ohne Vergangenheit, die vor seinen Augen langsam zum Leben erwacht, beflügelt seine Gefühle und Sinne ebenso wie die Fantasie seiner kleinen, an den Rollstuhl gefesselten Tochter. Unter ihrem geheimnisvollen Einfluss nimmt der Alltag im Dorf überraschende Wendungen. Und wie alle Märchen birgt auch dieses dunkle Geheimnisse, hinter denen sich eine andere, düstere Wahrheit verbirgt. 

Samstag, 16. Oktober 2010

Wo sind die blühenden Blog-Landschaften hin?

Wer sich für Irland interessiert, liest neben diesem Irland-Blog meist auch die deutschsprachigen Blogs der Kollegen, die auf der Insel leben und via Web von ihrem Alltag berichten. Auch der Wanderer ist gerne auf diesen Blogs unterwegs und liest mit Interesse, wie es den anderen Irland-Residenten so geht, was sie denken und wie sie leben.

Bernd´s Irland Inside Blog

Im Lauf der vergangenen drei Jahre entwickelte sich eine rege, bunte und manchmal streitbare Szene deutschsprachiger Irland-Blogs. Ganz nach dem Motto "Konkurrenz belebt das Geschäft" schrieben knapp zwei Handvoll Blogger für ein ständig wachsendes Publikum über Irland, die Irinnen und Iren, das irische – und natürlich die beliebten Unterschiede zwischen den Iren und den Deutschen, den Wienern und den Dublinerinnen, den Schweizerinen und den Irinnen. In blühenden Blog-Landschaften gediehen herrliche Gewächse – und manches Stilblütchen.

In den letzten Wochen allerdings wirkt diese irisch-deutsche Blog-Landschaft ermattet und ausgedorrt - wie nach einem langen irischen Sommer. Lethargie breitet sich aus. Was passiert da?

Der Bernd, Majordomo aller Irland-Blogger, wirft gerade noch ein, zwei lausige Häppchen pro Woche in den Ring und widmet sich derweil anderem. Der Mann aus Cavan macht in Projekten und delektiert sich an Facebook. In seinem bislang sorgsam gehegten www.irlandinside.de ("Fast täglich seit 2004"!) wuchert nun das Unkraut. Manche freuen sich, dass der Grummler aus Nordirland endlich Ruhe gibt. Der Wanderer findet es schade. Bernd´s Beiträge können bisweilen egomanisch, oberlehrerhaft, missionarisch und unausstehlich sein - langweilig sind sie nie, kenntnisreich fast immer.

Der Harald aus Österreich ist vor zwei Jahren mit viel Elan gestartet und hat uns manche nette Geschichte aus seinem Leben in Blessington erzählt. Seit seiner umstrittenen Blog-Teilnahme an der Fußball-WM 2010 ist er allerdings nicht wieder zu alter Form aufgelaufen. Er speist seine dürstenden Leserinnen und Leser mit aufgelesenen Schnipseln und faden Musiktipps zum Wochenende ab. Der Harald spielt gerade unter Niveau.

Der Irland-Wolfi aus Kildare hat sich auf sich zurückgezogen und präsentiert seine meisterlich kurzen Überlebens-Tipps nun fast ausschließlich im englischen Idiom. Du Hesse kannsts besse.

Der einsame Bootsmann vom Killinure Point, der Sven, oder Pike. Sven lebt jetzt seit 14 Jahren, 8 Monaten, drei Wochen und einem Tag in Irland. Mitzuteilen aber hat er uns nicht mehr viel: Er erschöpft sich im Pikeblog im Wiedergeben wasserschutzpolizeilicher Nachrichten, der "Marine Notices"  – davon zumindest gibt es reichlich.


Die vier, fünf Einjahres-Fliegen, die es gerade mal einen Sommer durchhalten, die gibt es immer, auch unter den Irland-Bloggern. Sie werden nicht vermisst.  Und über ein, zwei Fäkal-Blogger müssen wir kein Wort verlieren.


Außer Konkurrenz läuft lange schon der liebe Irelandman, der fast täglich ganz akribisch Nachrichten aus Irland transkribiert. Er ist noch immer stolz darauf, dass er seine kleinen Glanzlichter auf einer ganz normalen Website publiziert und dass er alles "selber in HTML macht". Der Nachteil: Eine HTML-Website wirkt in der schnellen Web 2.0-Welt wie eine Pferdedroschke auf der A3. Schade für den schönen Inhalt.

Die geschätzten Mit-Blogger werden nun auf den Wanderer eindreschen und ihn fragen, was er sich einbildet. Wir schreiben unsere Blogs alle in unserer Freizeit, wir verdienen damit keinen (manchmal einen) Cent, es ist das reine Hobby. Warum will uns da einer vorschreiben, wann und was wir zu schreiben haben. Will ich natürlich nicht: Diese kleine Motivations-Tour will lediglich dreierlei ausdrücken:

1. Eine Rezession im Land muss nicht zu einer Rezession der Irland-Blog-Kultur führen.
2. Irland ist ein hoch-interessantes Land, vor allem auch in der gegenwärtigen Krise. Es ist an uns, allen Irland-Interessierten ein realistisches Bild vom Leben auf der Insel zu vermitteln. Wir sollten das Feld nicht den Weichzeichnern aus den Marketingabteilungen überlassen.
3. Lasst mich nicht alleine zurück.

Doch halt! Es gibt eine große Ausnahme. Der Sinnsucher aus Dublin, der sich selber "Nobody" nennt – von dem der Wanderer weiß, dass er ein interessanter Somebody ist. Der Sinnsucher trägt derzeit die Fahne der letzten Aufrechten. In seinem Blog for Ireland berichtet der deutsche IT-Spezialist von seinem Leben und seinen Reisen in Irland. Er hat sich dauerhaft hier niedergelassen, ist mit einer Irin zusammen, geht mit offenen Augen durch die Welt und schildert seine Erlebnisse gewinnbringend für Leserinnen und Leser. Nobody´s Irland-Blog hat in den vergangenen Monaten kräftig zugelegt und ist immer lesenswert.

Nobody´s Blog for Ireland.

Freitag, 15. Oktober 2010

Vorschau auf die Wander-Saison 2011 in Irland


Heute ist Freitag. Und schreibfrei. Der Wanderer ist unterwegs und erkundet neue Wege. Nur eine Bemerkung in eigener Sache. Anmeldungen für die  Wander-Ferien 2011 in Irland sind ab sofort möglich.

Anzeige:
Wandern und Erleben in Irland - Unvergessliche Natur am Atlantik
Genießen Sie eine besondere Erlebniswoche dort, wo Irland am schönsten ist. Wo sich 300 Millionen Jahre alte Berge und der weite Atlantik begegnen. Wir veranstalten für Sie im Jahr 2011 fünf Wanderwochen und drei Botanik-Exkursionswochen. Wir legen Wert auf Qualität, kleine Gruppen, persönliche Betreuung und führen Sie in deutscher Sprache. Sie wohnen in einer herrlich gelegenen Country Lodge direkt am Meer. Hier können Sie sich ausführlich informieren.


Die Termine unserer Irland Wanderwochen 2011:
23. bis 30. April 2011
25. Juni bis 2. Juli 2011
23. bis 30. Juli 2011
27. August bis 3. September 2011
10. bis 17. September 2011
Preis pro Woche ab 490 Euro

Glengarriff, County Cork, Irland.


Bis zum 10. Dezember 2010 gibt es Früh-Anmelde-Rabatt.

Die urwüchsige Natur an der irischen Südwestküste in West Cork und Süd-Kerry, das Zusammenspiel von Meer, Wiesen, Wald und Bergen, die vom Golfstrom in mildem Klima gehegte Pflanzenvielfalt: In dieser Landschaft finden wir ideale Bedingungen für unsere Wander- und Erlebnis-Wochen. Die Schönheit des Südwestens, der schroffe Charme der Berge, die Anmut der herrlichen Gärten und Wälder, die Reinheit der atlantischen Luft und die Wärme des Golfstroms können Ihren Aufenthalt zum unvergesslichen Erlebnis werden lassen. Es gibt viele Wege, zu entspannen und sich zu zentrieren, auch ganz einfache: Wir schnüren unsere Wanderschuhe, bewegen uns hoch über dem Atlantik, in idyllischen Tälern und an der faszinierenden Küste und genießen die Natur. Wir wandern mit Ziel und doch gemütlich. Bewegung soll immer auch Entspannung und Erholung sein.




Wanderlust. Die freundlichen und kompetenten Reiseführer. www.irland-wandern.de

Donnerstag, 14. Oktober 2010

Auf vier Beinen lebt es sich gefährlicher

Marx wollte den Zivilisationsgrad einer Gesellschaft an ihrem Umgang mit den Frauen erkennen. (Karl Marx hatte es gut, er pflegte ein zielgerichtetes Weltbild und wusste genau, wohin sich die Welt entwickeln sollte. Dass die Welt das im ersten Anlauf nicht verstanden hat, ist eine andere Sache.)

Menschen, die besser mit TIeren als mit  Menschen auskommen, unterscheiden Gesellschaften bisweilen nach ihrem Umgang mit den Tieren. Sie nennen eine Gesellschaft human, wenn Lumpi und Mietzi am Familientisch fressen und in Frauchens Bett schlafen dürfen.

Die irische Gesellschaft gilt als zivilisierte und halbwegs aufgeklärte, die sich allerdings zu schnell und zu radikal an die "Segnungen" der liberalen Überflussgesellschaft  gewöhnen musste. Die Folge sind Verwerfungen, Ungleichzeitigkeiten, Brüche. Aufgeklärtheit und Aberglauben, traditionelle und neue Werte,  der alte und der moderne Lebensstil – sie existieren mehr oder weniger einträchtig nebeneinander. Nehmen wir den Umgang der geschätzten Irinnen und Iren mit ihren vierbeinigen Lebensgefährten. Hunde, Katzen, Pferde – sie werden einerseits geliebt, vermenschlicht und verwöhnt; andererseits lebt es sich auf vier Beinen in Irland tendenziell immer etwas gefährlicher.  Irland hat ein Problem mit dem Schutz der Tiere. Dies offenbart sich in dieser anhaltenden Wirtschaftskrise besonders drastisch.

Hunderte Pferde – nicht zu reden von den Eseln - vegetieren verwahrlost, ausgesetzt, herrenlos auf der Insel vor sich hin. In besseren Zeiten hielt man sich gerne ein, zwei Pferde, um anzuzeigen, dass man es auch geschafft hat. Seit das Geld knapp wurde, reicht das Budget oft nicht mehr für den täglichen Hafer und die gelegentliche Hufpflege. Die Tiere werden einfach ausgesetzt und irren auf der Suche nach Futter umher. In Dublin kaufen sich Halbwüchsige morgens für ein paar Euro einen Gaul vom Rossmarkt und setzen ihn am Abend aus.

Nicht viel besser geht es Hunden und Katzen. Sie werden (im besten Fall) vor die Tür gesetzt, wenn im Geldbeutel plötzlich der Euro für Schappi und Witzkatz fehlt –  oder aber erhängt, erschossen, vergiftet, verbrannt. Die Zeitungen sind voll mit diesen Stories und die Tierschutzvereine auf der Insel gehören zu den wenigen Organisationen, die derzeit genug Arbeit haben.

Die Gemütsmenschen in Grün seien besonders tierlieb, hört man immer wieder. Uns wunderte in unseren ersten Irlandjahren, wie wenig dies vor allem für die Leute auf dem Lande zutrifft. Sollte man das Verhältnis von Mensch und Tier hier an der Peripherie als äußerst distanziert bezeichnen?

Der Hund (Foto oben), das ist Tommi. Der Border Collie stammt aus einem Neuner-Wurf, den ein Mädchen vor Jahren aus dem Coomhola River gefischt hat. Junge Hunde in Plastiktüten im Fluß? Das machen manche Farmer hier so, der Fluss dient auch der Entsorgung von Müll und unerwünschtem Leben  – vier der jungen Hunde in der Plastiktüte waren tot, fünf überlebten. Das nur ein Beispiel von Vielen. Andernorts hält der Farmer die Flinte drauf oder würzt den Fleischhappen mit Rattengift.

Angesichts der zweifelhaften Qualität des Tierschutzes auf der Insel haben sich sogar merkwürdige Rettungsorganisationen etablieren können, die Border Collies außer Landes vermitteln. Tommi führte derweil ein Luxusleben mit Vollverpflegung und Dach überm Kopf. Verglichen mit seinen Artgenossen über dem Großen Teich - ja, denen mit eigenem Spielzimmer, mit Friseur, Hunde-Restaurant und eigenem Friedhof - führte Tommi dennoch ein rechtes Hundeleben.

Anthropologen wollen nachgewiesen haben, dass das Verhältnis der Menschen zu ihren Haustieren kein Selbstgewähltes ist, sondern vom sogenannten "Entwicklungsgrad" der Gesellschaft abhängt. Der Theorie zufolge steht die Zahl der Kinder und die der Haustiere in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis. Demnach haben Menschen in den traditionellen Agrargesellschaften viele Kinder und keine Haustiere (dafür viele Nutztiere). Ganz das Gegenteil ist in überentwickelten und überdehnten Gesellschaften wie den USA zu beobachten: Kaum noch Kinder, viele Haustiere. Die Hündchen und Kätzchen werden zum Kinderersatz und dementsprechend menschlich-untierisch, nein tierisch artungerecht behandelt.

PS: Tommis Hundekorb bleibt seit vier Tagen leer. Er ist mal wieder ausgebüchst. Steckt dahinter ein Hundemädchen? Oder einer der lieben Mitbürger mit dem eher distanzierten Verhältnis zum Vierbeiner? Wir werden es (vielleicht nie) erfahren.

Mehr zum Thema: Elianes Blog

Mittwoch, 13. Oktober 2010

Der gute Stern sinkt über Dublin

Der gute Stern von Zuffenhausen sinkt über Dublin: Alo Kavanagh Cars, eines der bekanntesten Autohäuser in Irland, steht zum Verkauf. Der große Mercedes-Benz-Vertragshändler in Sandymount, Dublin, hat unter dem Eindruck stark rückläufiger Geschäfte mit Luxusautos einen Schuldenberg in Höhe von 3,7 Millionen Euro angehäuft. Jetzt zog der Konkursverwalter bei Kavanagh Cars ein und sucht einen solventen Käufer. Trotz Abwrackprämie und zuletzt zunehmenden Autoverkäufen rollt die Konkurswelle weiter: Zahlreiche renommierte Autohäuser auf der Insel mussten in den vergangenen zwei Jahren bereits aufgeben, vielen anderen steht das Wasser bis zum Scheibenwischer.

Dienstag, 12. Oktober 2010

Ein Indian Summer im irischen Oktober






Wolkenloser Himmel, viel Sonne und fast 20 Grad im Südwesten: lrland erlebt in diesen Tagen Mitte Oktober noch einmal schönes warmes Spätsommerwetter. Ein leicht verspäteter Indian Summer krönt einen klimatisch herausragenden Sommer, der lang, warm, sonnig, windstill und sehr trocken war. Noch einmal locken die herrlichen Strände auf der Insel zum Baden.

Die Nächte allerdings sind bereits ausgesprochen kühl - mit Temperaturen zwischen drei und acht Grad Celsius. Die Langzeitprognose diverser Wetterfrösche sagt Irland wieder einen kalten und trockenen Winter voraus. Ob er an den "Jahrhundertwinter" des Jahres 2009/10 anknüpfen wird?

Foto: Am Barley Cove (mab)

Irland muss zahlen! Muss Irland wirklich zahlen?

Erinnern sie sich? Vor wenigen Tagen warfen wir die Frage auf, warum die irischen Steuerzahler die Hobbys des russischen Oligarchen Roman Abramovich und anderer international agierender Spekulanten  finanzieren sollen.

"In Irland spitzt sich endlich die Frage zu, warum die Regierung geradezu versessen darauf ist, die Zockerbanken Anglo Irish und Irish Nationwide auf dem Rücken der irischen Steuerzahler zu sanieren. . . Um das Geld internationaler Investoren zu schützen? Diese Investoren haben seit dieser Woche einen Namen; einen, den viele Menschen auf der Insel gar nicht mögen: Roman Abramovich. Der Russen-Oligarch . . . hat sich beachtliche Mengen irischer Schuld-Verschreibungen zu Schleuderpreisen gesichert, um damit Kasse zu machen. Im Stil der großen Finanzschurken will Abramovich mit den Schulden von Irish Nationwide Milliardengewinne erzielen – und die irischen Steuerzahler sollen dafür blechen. In der irischen Öffentlichkeit werden deshalb nun diese griffigen Fragen gestellt: Warum verscherbelt die Regierung das Land an Schurken-Investoren? Warum haben die Aasgeier der Finanzwelt Vorfahrt vor dem eigenen Volk? Und warum sollen Paddy und Mary die Millionen-Gehälter von Frank Lampard oder John Terry bezahlen?"


Herr W. M. aus Wien hat darauf empört per E-Mail reagiert. Er schreibt:
"Ich bin zufällig über Google auf Ihren Beitrag gestoßen. Der Artikel entspricht nicht wirklich der Realität. Der Irische Staat versucht sich zu weigern die, teils vor vielen Jahren, vertraglich vereinbarten Verpflichtungen zu übernehmen. Diese hat man sich durch die Verstaatlichung der Anglo Irish Bank aufgehalst. Natürlich hätte man die Bank auch in Insolvenz schicken können, dann hätten aber eine Vielzahl von Sparern Ihre Einlagen verloren, was man vermutlich nicht wollte. Mittlerweile hat man eine Menge Eigenkapital in die Bank gepumpt, welches erst hinter Fremdkapital bedient wird. Sollte es nun noch zu einer Insolvenz kommen, würde der Irische Staat vermutlich seinen kompletten Einsatz verlieren, da nichtmal die Fremdkapitalgeber mit dem Liquidationserlös befriedigt werden könnten.

Man kann verschiedene Gläubiger ja nun nicht einfach unterschiedlich behandeln (zumindest bisher nicht). Und das spielt es keine Rolle ob es Paddy und Mary sind, die Einlagen auf dem Sparkonto haben oder Herr Abramowitsch, welcher Lower Tier 2 Bonds gekauft hat.


Der irische Staat versucht übrigens Gesetze zu ändern um eine Rückzahlung der Schulden zu verhindern. Die ist im Euroland eine bisher einzigartige Sache die sehr riskant ist. Vor allem weil ein Großteil der Schulden nicht unter irischem sondern englischem Recht begeben wurden. Man frägt sich ausserhalb der Insel schon, in wie weit Rechtssicherheit in Irland noch eine Rolle spielt oder ob eine Willkürherrschaft herrscht.


Der Effekt auf die Märkte wäre im Übrigen fatal, wie soll sich das Land in Zukunft refinanzieren? Dauerhaft über den Rettungsschirm der EU? Wer soll einem Land erneut Geld leihen, wenn dieses die Rückzahlung  der Schulden eventuell via Gesetz verbietet oder aussetzt?


Sie wissen sicherlich, dass die Schuldenaufnahme an den internationalen Finanzmärkten für Irland derzeit bereits nicht mehr möglich ist. Man kann nur sehr hoffen, dass die verantwortlichen Politiker zur Vernunft kommen und die Schulden die man durch die Verstaatlichung der Banken nun an der Backe hat vollends bedient, so wie es vertraglich vereinbart wurde. Hinterher Bedingungen ändern geht einfach überhaupt nicht und sendet absolut das falsche Signal. Artikel wie Ihrer sind einfach nicht gut recherchiert. So gelenkt wird das irische Volk sicherlich nicht die Entscheidungen der Regierung zum Positiven beeinflussen."



Lieber Herr W.L. aus Wien, drei kurze Anmerkungen dazu:
1. Man kann und soll verschiedene Gläubiger sehr wohl unterschiedlich behandeln –  risikoscheue Sparer schützen, Spekulanten ihrem Ausfall-Risiko voll aussetzen.
2. Wir wünschen uns, dass Ihre Befürchtungen eintreffen.
3. Irland kann als sich verweigerndes Korrektiv im internationalen Finanz-Casino eine bedeutsame Rolle übernehmen.


Foto: Gier ist gut: Gordon Gekko machts wieder.

Montag, 11. Oktober 2010

Irland sucht den wichtigsten Iren*


Wer an Irland denkt, denkt meist auch an die Menschen auf der Grünen Insel. Sie gelten als freundlich, immer hilfsbereit, verschmitzt-humorvoll, zeit-tolerant, und, und und. Die irische Öffentlichkeit beschäftigt sich derzeit in einer großen Nabelschau auch mit den eigenen Leuten, und sie fragt sich: Wer ist oder war eigentlich der bedeutendste Ire oder die bedeutendste Irin. Das irische Fernsehen RTE lässt seit Monaten darüber abstimmen, wem diese Ehre zukommen soll. Am 22. Oktober wird "Ireland´s Greatest" endlich feststehen und in der Late Late Show, der wichtigsten Unterhaltungssendung des Landes, präsentiert. Fünf Persönlichkeiten stehen in der letzten Abstimmungsrunde zur Wahl, eine Frau und vier Männer.

Wer ist eigentlich für Dich/Sie die bedeutendste irische Persönlichkeit?


* oder die wichtigste Irin. 
Foto: RTE 1

Sonntag, 10. Oktober 2010

Glücklich unter Irlands freiem Himmel


Da war sie wieder, die schneidende Frage: Wanderer, wo bleibt das Positive – das Schöne, Gute, Harmonische inmitten all der Nagativnachrichten aus Irland, Deutschland, Europa, der Welt? Es liegt ganz nahe, das Positive, nur eine klitzekleine Entscheidung entfernt. Also: aufstehen, Wanderschuhe anziehen, rausgehen in die Berge, an den Strand, auf die Klippen, an den Fluss.

Am heutigen Sonntag denkt der Wanderer unterwegs über die Worte des alten Grafen Tolstoi nach, der 1906 im Gespräch mit Prow Stetschkin auf dessen Frage "Wie lebt man glücklich?" dieses geantwortet hat: "Die erste Bedingung für irdisches Glück ist ein Leben fern der Stadt, unter freiem Himmel, an der frischen Luft, auf dem Lande. Schauen Sie, selbst die Poesie stellt sich das Glück so vor, und wenn sie ein Arkadien entwirft, besingt sie ein idyllisches Leben im Schoße der Natur, fernab der Städte . . .

Stetschkin hakte nach: "Das heißt, für Städter, die nicht die Möglichkeit haben, auf dem Lande zu leben, ist das Glück unerreichbar?"  Und Leo Tolstoi präzisierte: "Unerreichbar, davon bin ich überzeugt! Schauen Sie, wozu diese Menschen verurteilt sind: sie sehen Gegenstände, hergestellt durch menschliche Arbeit und bei künstlichem Licht; sie hören den Lärm der Maschinen, das Rattern der Equipagen, sie riechen Alkoholdunst und Tabakrauch; sie essen Dinge, die oft nicht frisch sind und stinken. Sie haben keinen Umgang mit der Erde, mit Pflanzen und Tieren. Das ist ein Leben von Strafgefangenen!"*

Was der freigeistige Russe vor 104 Jahren formulierte, klingt auch heute zeitlos und gültig – für alle, die das Leben auf dem Land lieben. Überzeugte Urbaniker werden heftig widersprechen. Der Wanderer meint: Schön, hier zu sein, hier in Irland, auf dem Land, in den Bergen, hoch auf den Klippen, unter freiem Himmel. Schönen Sonntag!

* zitiert nach Sinn und Form, Heft 5, 2010, Seite 600f.

Deco Cuffe lässt Mustang Sally noch einmal reiten



"Time flies", sagen die Iren, wenn Sie am Puls der Zeit lauschen und sich der eigenen Vergänglichkeit bewusst werden. John Lennon wäre nun 70, und gerade noch war es 1991. Jimmy Rabbitte hatte eine Vision, und gründete mit seinen Freunden auf Dublins Northside eine famose Soulband, The Commitments. 20 Jahre und eine tiefe Rezession weiter tun sich die nicht mehr jugendlichen Helden aus dem Musik-Film von Alan Parker noch einmal zusammen, um einige Wohltätigkeitskonzerte für die "Irish Cancer Society" zu geben. The Commitments – der Film war in den 90er Jahren genauso Kult wie das Buch von Roddy Doyle, dem er nachempfunden wurde.

Andrew Strong 1991
 Sie erinnern sich sicher an die sensationelle Soulstimme des damals 17-jährigen Deco Cuffe (Andrew Strong) oder die wunderbaren Sätze von Rabbitte (Robert Arkins), der mit Musik den kaputten Verhältnissen des wirtschaftlich maroden Irland zu entkommen versuchte: "Soul grabs you by the balls and lifts you above the shite". Auch der heute als Musiker erfolgreiche Glen Hansard (The Frames, Once) wird bei der Reunion Tour 2011 dabei sein.

Andrew Strong 2010
Die Karten (Preis: 55 - 60 Euro) gehen übrigens am 15. Oktober um 9 Uhr bei ticketmaster.ie in den Vorverkauf. Angesagt sind fürs Erste diese vier Konzerte:

The Royal Theatre, Castlebar - March 14th
The INEC in Killarney - March 15th
The Odyssey, Belfast - March 17th 
The O2, Dublin - March 19th


Es könnte sich also gleich doppelt lohnen, zum Patricks Day am 17. März auf die Grüne Insel zu kommen. Und wer nicht reisen will, kann auch zuhause ein musikalisches Gedenkstündchen mit "Mustang Sally", "Try A Little Tenderness" oder "Dark End of The Street" einlegen.

PS: Blogger-Freund Nobody aus Dublin hat sich auch mit der Rückkehr der Commitments beschäftigt. Hier sein Beitrag.

Samstag, 9. Oktober 2010

Ein Haus in Irland – noch immer zu teuer


Über Irlands Immobilienmarkt müsste man Bücher schreiben anstatt Blogeinträge, um das grandiose Scheitern des Landes und seiner Wirtschaft angemessen zu erklären. Seit die Blase vor zweieinhalb Jahren implodierte, sind die irischen Hauspreise drastisch geschrumpft, offiziell um 35 Prozent, faktisch um über die Hälfte. Eine Auswertung der deutschen Bausparkassen weist nun darauf hin, dass auch nach fast drei Jahren wirtschaftlicher Talfahrt ein Haus in Irland noch immer teurer ist als eines in Deutschland.

Spitzenreiter des europäischen Vergleichs im Sommer 2010 ist Luxemburg mit einem durchschnittlichen Häuserpreis von über einer halben Million Euro. Aber auch in Belgien, den Niederlanden, Großbritannien und Frankreich liegen die Preise für Eigenheime zwischen 40 und 60 Prozent höher als in Deutschland. In Belgien müssen Eigenheimkäufer im Schnitt 316.000 Euro für ein Einfamilienhaus hinblättern, in den Niederlanden 290.000 und in Großbritannien und Frankreich rund 280.000 Euro. Zum Vergleich: Deutsche Häuser kosten im Schnitt 199.000 Euro. Geringfügig teurer sind die Hauspreise in Irland. Mit rund 200.000 Euro Erwerbskosten zahlen Käufer dort etwas mehr als für Häuser zwischen Rhein und Elbe. Ende 2006 lagen die Hauspreise in Irland noch bei durchschnittlich 300.000 Euro. Nach dem Platzen der Immobilien-Preisblase 2008 brach das Preisniveau am Häusermarkt um 35 Prozent ein.

Abgesehen davon, dass Durchschnittspreise nur bedingte Aussagekraft besitzen: Der Report der Bausparkassen geht nicht auf das Kriterium Bauqualität ein. Die im Keltentigerboom gebauten Häuser darf man zum Großteil der Kategorie "Quick & Dirty" zurechnen. Sie wurden im Eiltempo hochgezogen, oft mit minderwertigen Baumaterialien und meist mit sehr überschaubarem Expertenwissen. Viele irische Neubauten, sagen wir es so, sind nicht für die Ewigkeit angelegt und überschreiten den Rubikon schon nach einem Jahrzehnt - vor allem, wenn sie unbewohnt sind. Und das sind über hunderttausend neue Häuser auf der Insel. So wird aus einem Neubau innerhalb weniger Jahre ein Altbau.

Ein renommierter Immobilienverwalter wure kürzlich gefragt, wann er mit dem Wieder-Erstarken der Bauwirtschaft rechne. Der ältere Herr antwortete: "Erst wenn all die leeren Häuser vom Markt verschwunden sind. Ich werd es wohl nicht mehr erleben. Nicht in den nächsten zehn Jahren."  Der Dubliner sagte auch: "Natürlich wird in den kommenden Jahren hier und da gebaut werden. Aber sicherlich werden die Baunternehmer lediglich von ihrer 15-Prozent-Marge leben, ganz traditionelle Jobs verrichten und nicht in Luxuslimousinen oder Hubschraubern reisen."

Freitag, 8. Oktober 2010

Zahlt Paddy die Millionen-Gagen des FC Chelsea?

Nun also doch: In Irland spitzt sich endlich die Frage zu, warum die Regierung geradezu versessen darauf ist, die Zockerbanken Anglo Irish und Irish Nationwide auf dem Rücken der irischen Steuerzahler zu sanieren. Qui bono? Wer profitiert von dieser Politik, und für wen macht die irische Regierung diese Politik? Kann sie einfach alte Fehler nicht korrigieren? Aus welchen Motiven heraus trifft sie die Entscheidungen? Wirklich, um das Land zu retten, um den Bürgern zu dienen? Oder aber, um europäische Interessen zu bedienen? Um deutsche Banken nicht hängen zu lassen? Um das Geld internationaler Investoren zu schützen?

Diese Investoren haben seit dieser Woche einen Namen; einen, den viele Menschen auf der Insel gar nicht mögen: Roman Abramovich. Der Russen-Oligarch, der mit dem Blutgeld des russischen Volkes Milliarden verdiente und sich damit aus Renommiersucht den englischen Spitzenverein Chelsea London kaufte, hat sich beachtliche Mengen irischer Schuld-Verschreibungen zu Schleuderpreisen gesichert, um damit Kasse zu machen. Im Stil der großen Finanzschurken will Abramovich mit den Schulden von Irish Nationwide Milliardengewinne erzielen – und die irischen Steuerzahler sollen dafür blechen.

In der irischen Öffentlichkeit werden deshalb nun diese griffigen Fragen gestellt: Warum verscherbelt die Regierung das Land an Schurken-Investoren? Warum haben die Aasgeier der Finanzwelt Vorfahrt vor dem eigenen Volk? Und warum sollen Paddy und Mary die Millionen-Gehälter von Frank Lampard oder John Terry bezahlen?

Der kritische Ökonom Karl Whelan hat das abstrakte Polit-Thema, das so konkrete Löcher in den Geldbeuteln der einfachen Leute hinterlässt, auf eine einfache – vielleicht zu einfache –Formel gebracht. Sollen die Irinnen und Iren glücklich darüber sein, dass sie die Millionen-Gagen von Fußball-Helden finanzieren dürfen?

Abgesehen davon, dass einige fußballverrückte Dumpfbacken auf der Insel "ihren" Verein Chelsea gerne auf diese Weise unterstützen wollen, riecht der aufkommende Konflikt ein wenig nach Klassenkampf – und der Wahlkampf wird sich thematisch zuspitzen.

Das Land steht vor dem Konflikt um den dritten Superspar-Haushalt in Folge, die Staatsleistungen werden auf ein Minimum heruntergefahren, die Steuern und Abgaben sollen noch einmal drastisch erhöht werden, um mit dem sagenhaften Einsatz von 50 Milliarden Euro Finanzinstitute zu retten und zweifelhafte Investoreninteressen zu bedienen. Es bleibt unklar, ob die K.O.-Regierung von Brian Cowen die Haushaltberatungen noch überstehen wird, oder ob sie erst im Frühjahr 2011 abdanken muss, klarer erscheint aber mittlerweile, dass das Wahlvolk zunehmend nach der Partei sucht, die sich der großen Geldvernichtung widersetzt und die Bankenrettung stoppt.

Warum eigentlich soll man verkommende Spekulationsbanken wie Anglo Irish, die die Interessen von einigen hundert Leuten befeuert haben, nicht einfach bankrott gehen lassen? Wer in der politischen Elite hat den Mut, die Verantwortung für monströse Wirtschaftsdelikte an die Investoren der Banken zurückzugeben und Millionen kleine Leute aus der Schusslinie zu nehmen?

Es wird spannend in Irland. Ein heißer Winter steht bevor.

Donnerstag, 7. Oktober 2010

Popp Stolizei: Praktische Verkehrserziehung live

Popp Stolizei! Seit gestern nacht weiß der Wanderer: Das Handy ist kein Handschmeichler. Schon das Halten eines Telefons im Auto kostet den Fahrer nach aktuellem Bußgeldkatalog 60 Euro und zwei Punkte im irischen Flensburg. Was kostet dann erst Telefonieren? Abgesehen von den Gebühren von Vodafone und Co. auch nicht mehr.

Welch ein Glück, an diesem Abend das Geld für ein paar Pints gespart zu haben, denn ein Blaskonzert war auch gleich angesagt. Resumee: 60 Euro für einen netten Abend inklusive Straßenunterhaltung, ein wahrlich fairer Preis. Und die Strafpunkte: gespart. Der Arm Europas ist noch immer viel zu kurz, um zwei in Irland erstandene Punkte in der deutschen Verkehrssünderdatei auf einen deutschen Führerschein eintragen zu lassen. Das nennt man Privilegien, oder Glück im Unglück.

Der Mensch ist stets geneigt, die eigenen Erlebnisse anekdotisch zu verklären, vor allem aber sie zu verallgemeinern. Die folgenden Anmerkungen zur Polizei im Staate Irland müssen sich deshalb den schlimmen Vorwurf gefallen lassen, dass es sich um völlig singuläre Erfahrungen handelt.

* Das Jammern von Wirten und Lokalpolitikern ist begründet: DIe irische Garda tut alles, um ihren guten Ruf im ländlichen Raum zu stärken und schützt die Bewohner mit obsessiven Kontrollen vor sich selbst. Gleich zu dritt stehen die Bußgeldjäger in einer einsamen irischen Nacht an einem der leblosesten Flecken des Landes, um drei, vier Vorbeifahrenden praktische Verkehrs-Erziehung zu verpassen. Das ist Einsatz. Chapeau!

* Die Verkehrskontrollen haben in den vergangenen Jahren zumindest in West Cork im Südwesten Irlands drastisch zugenommen. Zu schnell, zu unangebunden, zu kommunikativ oder zu beschwipst unterwegs? Vorsicht: Das Risiko, Vergnügungssteuer zu bezahlen, ist größer geworden. Das heißt natürlich nicht, dass die Aufklärungsquote und das Engagement der Verordnungshüter bei Kardinaldelikten auch zunimmt.

*  Nicht angeschnallt zu fahren, kostet in Irland derzeit 80 Euro und zwei Punkte, leicht zu schnell unterwegs zu sein, ebenfalls. Dank lebenslanger Konditionierung und ausgeprägter Obrigkeitsgläubigkeit, zahlen Deutsche, Österreicher oder Schweizer diese Bußgelder meist anstandslos und sofort. Ein Fehler? Als Ire zumindest wartet man erst mal ab, lässt sich nach der dritten oder vierten Nachlässigkeit auch schon einmal auf ein Schwätzchen mit dem Richter ein und erwägt dann den verbleibenden Spielraum. Vielleicht passiert ja auch gar nichts. Wir leben ja schließlich in Irland.

* Eigenen Felduntersuchungen zufolge haben Touristen bei manchen Verkehrspolizisten einen freundlich gemeinten Urlaubs-Bonus: Mietwagen des Jahres 2010 aus Dublin sind schon von Weitem leicht zu erkennen und schnell durchgewunken. Die alte heimische Karre, zugelassen im County Cork im Jahr 1999 natürlich auch. Popp. Es gibt Genossen im Dorf, die steif und fest behaupten, die mobilen Alkotest-Trupps der Garda hätten es nur auf die Einheimischen abgesehen. Welch ein Zufall, dass im zweifachen Selbst-Test im vergangenen Sommer drei Touri-Autos durchgewunken und das heimische Vehikel zum Blasen gestoppt wurde. Blöder Zufall, eigentlich hätte man diese Beobachtung glatt für die Tourismuswerbung einsetzen können. . .

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Irlands größter Exportschlager: Die eigene Jugend

"Ich bin ja mal gespannt, wie lange Ihr es in Irland noch aushalten werdet", schrieb mir gestern ein guter Verwandter. Er hatte in einer deutschen Sonntagszeitung über den aktuell einzigen Boom in Irland gelesen: das Auswandern. Die Iren verlassen Ihre Insel wieder in Scharen, derzeit sind es Monat für Monat rund 10.000 überwiegend junge und jüngere Menschen, die ihr Land in Richtung Australien, Neuseeland oder Kanada verlassen, um dort eine bessere Zukunft zu suchen.

450.000 Menschen sind in der Republik im Jahr Drei der großen Rezession ohne Arbeit, das sind zehn Prozent der Bevölkerung oder fast 20 Prozent aller Republik-Iren im arbeitsfähigen Alter. Die jungen arbeitslosen Akademiker zählen bereits über 100.000. Die Wirtschaft liegt am Boden, so exportiert Irland wieder einmal seine Jugend. In diesen Monaten und Jahren entsteht die neue irische Diaspora in Nordamerika, in Ozeanien, in Großbritannien und Kontinental-Europa. Mehrere hunderdtausend Inselbürger haben sich bereits auf den Weg gemacht oder packen demnächst ihre Koffer.

Anders als Deutsche, Schweizer oder Österreicher trainierten die Irinnen und Iren schon seit  dem 19. Jahrhundert ihren Reise-Reflex: Während sich Mitteleuropäer bei drohender Arbeitslosigkeit auf den Weg zum Arbeitsamt machen, räumen die Iren ihr Hab und Gut in Umzugskartons und suchen das Weite. 

Die beliebtesten Veranstaltungen in Cork und Dublin sind in diesen Wochen die Auswanderungs-Seminare. Die "Working Abroad Expo" in Dublin besuchten am vergangenen Wochenende 5.000 Menschen – die meisten mit dem Ziel, Arbeit, Glück und Wohlstand in der Ferne zu finden. 

So stehen die Zeichen auf der Insel nach 20 Jahren Bevölkerungswachstum wieder eindeutig auf Rückgang. Denn die jungen Emigranten ( die man heute zeitbewusst als "eMigrants" bezeichnet) werden auf Dauer sichtbare Spuren in Irlands Bevölkerungspyramide hinerlassen. Im Jahr 2010 lebten sechs mal mehr Menschen auf der Erde als im Jahr 1840, das war fünf Jahre vor der großen Irischen Hungersnot, die einen Massen-Exodus auslöste. Auf dem Gebiet der Republik Irland leben heute, auch nach 20 Jahren Bevölkerungswachstum, noch ein Drittel weniger Menschen als im Jahr 1840 – Tendenz: fallend (bei derzeit 4,5 Millionen Bewohnern).

"Ich bin ja mal gespannt, wie lange Ihr es in Irland noch aushalten werdet", schrieb mir gestern ein guter Verwandter. Auch das ist eine Geschichte, allerdings eine andere, für ein andermal.

IMPRESSUM

Dieser Blog wird geschrieben und editiert von: Good News Media Markus Bäuchle, Eliane Zimmermann, Starlight House, Ardaturrish Beg, IRL-Glengarriff, Co. Cork. mbaeuchle (at) mac.com Haftungsausschluss: Die Texte in diesem Blog wurden von den Verfassern nach bestem Wissen und Gewissen erstellt. Trotz sorgfältiger inhaltlicher Kontrollen und regelmäßiger Aktualisierungen dieses Blogs übernehmen wir keine Haftung für die Inhalte externer Links. Für den Inhalt der verlinkten Seiten sowie für die Inhalte von Kommentaren sind ausschließlich deren Betreiber/AutorInnen verantwortlich.