Donnerstag, 30. Dezember 2010

Tourismus: Irland bezahlt für sein Teuer-Image

Irland-Tourismus 2011: Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt wieder.
Was teilen Amerikaner, Briten, Deutsche und Franzosen? Wahrscheinlich mehr als das, aber immerhin auch eine traditionelle Vorliebe für das Reiseland Irland. Aus diesen vier Ländern reisen Jahr für Jahr die meisten Urlauber auf die Grüne Insel. In der Wirtschaftskrise der verqangenen drei Jahre hat der Tourismus allerdings stark gelitten: Die Zahl der Gäste von der großen Nachbarinsel hat sich mittlerweile nahezu halbiert und die US-amerikanischen Verwandten und Wurzel-Sucher mieden Irland zuletzt wegen des hohen Preisniveaus.

Seit dem Rekordjahr 2007 ist die Gesamtzahl der Irland-Urlauber drastisch zurück gegangen: Von damals 7,5 auf 5,5 Millionen in diesem Jahr. Die Urlauber-Zahlen haben nun wieder das Niveau von 1998 erreicht. Zwei Millionen Gäste und ein Drittel des Umsatzes verloren: Wie geht es 2011 weiter mit der Hoffnungsbranche Tourismus? Der Verband der Irischen Reiseindustrie macht zum Jahreswechsel in vorsichtigem Optimismus und spricht von leichtem Wachstum für das kommende, spätestens übernächste Jahr. Wie sagt man immer: Die Talsohle dürfte demnächst erreicht sein.

Interessant an den Zahlen: Der Welt-Tourismus und auch der europäische Urlaubsreiseverkehr haben sich im Jahr 2010 von den massiven Einbrüchen wieder erholt und wachsen. Dieser Trend ist an Irland bislang vorbei gegangen. 16 Prozent weniger Auslands-Gäste als 2009 (nach einem Einbruch von 12 Prozent im Vorjahr) sprechen eine deutliche Sprache. Wenn die einschlägigen Marktbeobachter recht behalten, sollte sich das Blatt im kommenden Jahr allerdings wenden: Im Ausland ist die Botschaft mittlerweile angekommen, dass sich die Preise im einstmals teuersten Land Europas nicht nur beruhigt haben sondern dass Irland mittlerweile wieder ein attraktives Preis-Leistungsverhältnis vorweisen kann. Die Zeit, da Irlandreisende für das Erlebnis einmaliger Landschaft und intakter Natur tief in die Tasche greifen mussten, sind vorbei. Die Luxus-Preise (ohne entsprechende Gegenleistung) für Lebensmittel, Unterkunft oder Restaurantbesuche sind Vergangenheit.

US-Amerikaner etwa mussten nach dem Flug über den großen Teich aufgrund der Dollarschwäche mit einer Verdoppelung des Preisniveaus klar kommen, und auch deutschen Urlaubern blieb beim Einkauf im Supermarkt, beim Restaurantbesuch oder am Hotel-Checkout-Counter in den Boomjahren 2005 oder 2007 bisweilen der Atem weg. Fernab des Massentourismus war Irland aufgrund seiner einzigartigen Ressourcen immer eine Reise wert – nicht immer allerdings konnten sich Irlandfans in den Jahren des Booms die Reise leisten. Das ist nun "dank" der tiefen Rezession anders geworden. Willkommen auf der Insel.

Foto: Tourism Ireland / Geray Sweeney. Das Foto zeigt die Errigal Mountains in Donegal. Weitere Informationen und aktuelle Daten zum Irland-Tourismus bietet die Website von Irlands Verband der Tourismusindustrie ITIC 

Mittwoch, 29. Dezember 2010

Irland leidet unter dramatischem Wassermangel

Der Frost in Irland hat milden Temperaturen um zehn Grad Platz gemacht, die Wasserleitungen sind landesweit wieder aufgetaut, das Wasser fließt, doch erst jetzt wird die Insel von dramatischer Wasserknappheit heimgesucht: In vielen Landesteilen, vor allem auch in den Ballungsgebieten von Dublin und Cork, sind die Haushalte ohne Trinkwasser oder müssen mit halbtageweisen Versorgungsstopps auskommen. Die Gründe: Viele Leitungen sind vom Frost leck geschlagen, zudem ließen hundertausende Haushalte während der Frostperiode die Wasserhähne ganztags offen, um das Einfrieren zu verhindern. Dieses Wasser fehlt nun.

Die letzten Tage brachten schwere Regenfälle bis zu 50 Millimeter und verursachten vielerorts  Überflutungen – und dennoch sind die öffentlichen Wasser-Reservoirs leer, viele Millionen Liter Wasser versickern im Boden oder beschädigen Häuser und Wohnungen, weil die Leitungen den schnellen Temperaturanstieg um 25 Grad nicht ausgehalten haben und geborsten sind. Die Wasserlecks sind nach Angabe der Behörden kurzfristig nicht in den Griff zu bekommen, Irland muss über Wochen hinweg mit Engpässen rechnen – und die Prämien für Gebäude- und Hausratversicherungen werden drastisch um bis zu 15 Prozent steigen, weil die bereits reklamierten Frostschäden Millionensummen verschlingen.

Die Temperaturen haben sich auf einem angenehmen Niveau eingependelt, das man jahreszeiten-typisch nennen kann. Die Menschen auf der Insel fürchten sich derweil vor der Rückkehr der Kälte. Im Januar, so hört man in zahlreichen Gesprächen über das Wetter, soll Väterchen Frost das Regime auch auf der Grünen Insel wieder übernehmen. Aus Deutschland erreichen uns derweil Nachrichten, dass das Thermometer noch im alten Jahr auf bis zu minus 20 Grad sinken soll. Leute, zieht Euch warm an!

Dienstag, 28. Dezember 2010

Betrunkene Fußgänger leben gefährlich

Betrunkene Fußgänger leben besonders gefährlich: Die Forensiker des Beaumont Krankenhauses in Dublin untersuchten in den vergangenen zehn Jahren 1778 Leichen auf Alkohol und kamen zu erstaunlichen Ergebnissen: Sechs von zehn Fußgängern, die bei Straßen-Unfällen ums Leben kamen, hatten unter Alkoholeinfluss gestanden.

Es mag absurd klingen, aber wer betrunken am Straßenverkehr teilnimmt, ist zumindest selber hinter dem Steuer besser aufgehoben: Nur jeder dritte bei einem Unfall getötete Autofahrer hatte Alkohol intus. Die Leichenbeschauer von der Staatlichen Pathologie in Dublin fanden auch heraus, dass die getöteten betrunkenen Fußgänger wesentlich gravierendere Verletzungen an Kopf, Gehirn und Oberkörper aufwiesen als die Leidensgenossen, die nüchtern ums Leben kamen.

Drink-Walking ist also die eigentlich gefährliche Diziplin. Konsequenterweise müsste angesichts der neuen Erkentnnisse aus den Obsuktionskammern von Dublin die alkoholisierte Teilnahme am Straßenverkehr zu Fuß verboten werden . . .

Die Autopsien von Dublin ergaben zudem, das sich zwei von fünf Selbtmördern das Leben unter Alkoholeinfluss nahmen und dass zahlreiche tödlich endende Schlägereien von Irlands Droge Nummer eins befeuert worden sind. Sláinte, zum Wohl.

Montag, 27. Dezember 2010

Weihnachts-Schwimmen – nichts für Memmen



Der Christmas Swim 2010 in Glengarriff, Irland. Gesehen von Eliane Zimmermann.


Wer öffentlich zur Schau stellen will, wie mutig, abgehärtet und taff er (oder sie) ist, kann das jedes Jahr über Weihnachten an den Stränden Irlands tun, wenn es zum berühmt-berüchtigten Christmas Swim geht. Heroische Frauen und Männer stürzen sich dann bei kühlen Außentemperaturen ins noch kältere Meerwasser, um dort vor Augenzeugen ein, zwei Runden zu schwimmen. 


Aufgrund der arktischen Temperaturen weit unter null Grad und weil das Meerwasser nur knapp über 2 Grad kalt war, warnten Wetterdienst, Ärzte und Gesundheitsbehörden und Medien in diesem Jahr vor der Mutprobe und drängten darauf, dass die Weihnachtsschwimmen landauf landab abgesagt würden. 


In Glengarriff West Cork, nahm man diese Warnungen gelassen bis gleichgültig hin und traf sich unbeirrt nach der Kirche, um 12:30 Uhr am Pier. Ärztlicher Beistand war gegeben, denn Doktor Jeremy und Doktorin Aisling schwammen selber mit.Der "Christmas Swim" gehört in Glengarriff mittlerweile zu Weihnachten wie die Bescherung für die Kinder. Gut 15 kälteunempfindliche Iren, unterstützt von ein bis zwei Deutschen und genauso vielen Engländern stürzen sich jedes Jahr unter dem johlenden Beifall des vielköpfigen Publikums von der Kaimauer – hinunter ins eiskalte Wasser. 

Der Christmas Swim von Glengarriff, der eigentlich ein Kurz-Triathlon ist (Jump, Swim and wieder Rausklettern), wurde vor mehr bald zwei Jahrzehnten von einem Mann namens Long John O´Sullivan ins Leben gerufen und zieht mittlerweile Jahr für Jahr 100 bis 150 Schaulustige an. Warum sich Leute im Winter in kaltes Wasser stürzen? Viel Geld zum Unterhalt von Schulen, Sporthallen oder Gemeindehäusern, wird in Irland bei Charity-Veranstaltungen gesammelt. Die einen schwimmen und lassen sich feiern, die anderen schauen zu, zahlen für die Gaudi und bekommen noch einen heißen Whiskey obendrauf. Die Einnahmen in Glengarriff fließen auf das Konto zum Unterhalt der Gemeindehalle, von der fast jeder im Ort profitiert, oder wird für die Jugendarbeit im Gaelic Football Club verwendet. Auch das ist Weihnachten in Irland - am Ende gibt es nur Gewinner.

Cash rules – Weihnachtsgeschäft an Weihnachten


Das Tabu wurde vor zwei, drei Jahren erstmals in Frage gestellt: In Irland öffneten einige Geschäfte am Stefanstag und begannen, eine der letzten großen Ruhezonen im irischen Jahreskalender zu demolieren. In diesem Jahr nun trachteten die Händler auf der Insel auf breiter Front nach dem Weihnachtsgeld der Bevölkerung: In den großen Städten wurde der zweite Weihnachtstag zum verkaufsoffenen Sonntag erklärt, die traditionellen Jahres-Schlussverkaufs-Plakate mit Rabatt-Versprechen bis zu 70 Prozent wurden in Stellung gebracht, Zeitungen und Fernsehen informiert. Der Einzelhandel hat zwei starke Argumente, um die weihnachtliche Konsum-Pause endgültig aus dem Weg zu räumen: die tiefe Rezession und das frostig-eisige Winterwetter im Dezember. Beides ließ die vereinigte Käuferschaft 2010 spürbar schrumpfen, nun wollen die 7 Prozent Verlust gegenüber dem ebenfalls schon schlechten Vorjahr wieder eingespielt werden.

So wirkte die Innenstadt von Cork, der großen City im Süden der Insel, gestern wie an einem vorweihnachtlichen Samstag: Die Massen pilgerten kauffreudig zu den Konsumtempeln auf der Patrick Street und zur großen Shopping Mall von Mahon. Die Händler hatten die Rechnung jedoch ohne die Parkhausbetreiber der Stadt aufgemacht. Diese ließen sich in ihrer Weihnachtsruhe nicht stören und hielten die Rolltore geschlossen. Die hunderte Meter langen Schlangen vor den geschlossenen Parkhäusern wurden schließlich von der Polizei aufgelöst. So erlebte Cork am vermeintlich ruhigen Stefanstag, von der anglo-irischen Bevölkerung auch Boxing Day genannt,  unvermutet ein ansehnliches Verkehrschaos.

Sonntag, 26. Dezember 2010

Die spannende Story von Mobilität und Konsum

Sie erinnern sich vielleicht: " . . . Und jedermann ging, daß er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt. Da machte sich auch auf Joseph aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum daß er von dem Hause und Geschlechte Davids war, auf daß er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die war schwanger."


Was danach vor 2015 oder ein paar Jahren mehr geschah, ist allgemein bekannt. Keine freie Herberge, Endstation Stall, Neubeginn und Geburt in Bethlehem neben Ochs und Esel. Man könnte auch sagen, Maria und Joseph waren die ersten prominenten Opfer der Mobilität im Neuen Testament. Wären Sie ungehorsam daheim in Nazareth geblieben, hätte Jesus nicht nur einen anderen Geburtsort. Das Paar hätte sich kaum in prekärer Situation befunden, die zusätzlichen Konsumanreize und Bedürfnisse nach Unterkunft und Verpflegung wären schlichtweg nicht entstanden. 


Vor einigen Wochen traf ich hoch oben in den Bergen des Schwarzwalds einen alten Bekannten, dem der Zusammenhang zwischen Mobilität und Konsum bestens vertraut ist: Vor 18 Jahren schaffte Christian Leppert das Auto ab und ist seitdem ausschließlich zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. 30 Kilometer lange Wege zur Arbeit vom Wohnort am Belchen, hinunter nach Freiburg oder Basel, sind für ihn Routine. Seit dem 9. Februar 2010 hat sich der Geograph aus Südbaden nun einem verschärften Experiment unterzogen: Er übt Mobilitätsverzicht, oder wie er sagt: Er macht ein Immobilitätstraining. Seit dem 9. Februar hat Christian seinen Wohn- und Arbeitsort in Multen nicht verlassen – mit einer Ausnahme: einmal täglich läuft er fast 400 Höhenmeter hinauf zum Belchengipfel. 


Warum zwanghaft daheim bleiben, warum nicht "unter Menschen gehen"? Warum kein Shopping im schönen Freiburg? Warum ein zeit-offenes Experiment der Null-Mobilität, das nun schon über zehn Monate dauert? Ist der Mann depressiv? Das Gegenteil ist der Fall: Christian, der ohne TV-Gerät und so autark wie möglich lebt, wird von einer Schlüsselfrage motiviert: "Ist es möglich, die menschlichen Grundbedürfnisse behutsam zu befriedigen?" Zu den Grundbedürfnissen zählt der vielseitig interessierte und viel gereiste Wenig-Konsumierer nicht nur Atmung, Nahrung, Wärme oder Unterkunft, sondern auch Ästhetik und Spiritualität. Um Antworten zu finden, spürt er den Fragen nach, wie Konsum auslösende Bedürfnisse entstehen, wie er selber auf das Entstehen von Bedürfnissen reagiert und was er tun muss, dass die Bedürfnisse wieder erlöschen. 


Jeder kann sich selber beobachten: Mobilität schafft Bedürfnisse. Wer unterwegs ist, sieht mehr und neue Bedürfnisse entstehen. Wer durch die Stadt spaziert, kann auf die Bedürfnisflüsterer achten, die von allen Seiten ihre Signale senden. Wer einkaufen geht, kauft meist mehr ein, als er/sie auf dem Zettel stehen hat. Das Auge kauft mit. Wer andere Menschen trifft, erhält Inspirationen für neue Begehrlichkeiten: "Mein Haus, mein Boot, mein Lebensstil . . . " . Und so weiter und so fort. 


Mobilität schafft Bedürfnisse und Bedürfnisse lösen Konsum aus – auch künstlich geschaffene. Wir leben in einer globalen Wirtschaftsordnung, die nur durch ständig mehr Konsum ("Wachstum") noch einigermaßen aufrecht erhalten werden kann. Das ungebremste Wachstum, das nichts anderes  ist als unser aller Konsum, konsumiert und zerstört unsere Lebensgrundlagen, unsere Heimat, den blauen Planeten. Schon heute bräuchte die Menschheit fast zwei Erden, um auf dem aktuellen Niveau nachhaltig weiter konsumieren zu können, ohne Schäden anzurichten. (Blogger-Kollege Bernd formulierte es treffend: "Die Menschheit bemüht sich fleissig weiter, sich selbst aus der Evolution zu entfernen.")


Christian Leppert ist den Bedürfnissen und ihrer Entstehung mit seinen radikalen Selbst-Experimenten näher auf der Spur als wir alle. Dabei wähnt er sich ziemlich, wenn auch nicht ganz allein. Er sieht bis heute keine gesellschaftlich relevanten Gruppen, die einen neuen Weg beschreiten. Dieser Weg würde behutsam irgendwo zwischen den Extremen Armut und Konsum hindurchführen. 


Das Haus Sonne Foto: C. Leppert
PS: Christian Leppert und seine Lebensgefährtin Eva Wollweber führen in Multen am Belchen im Schwarzwald die vegetarische Pension "Haus Sonne". Mehr Informationen für einen inspirierenden Aufenthalt in dem wunderschönen Schwarzwaldhaus gibt es hier: Haus Sonne

PS2: Wer zum Haus Sonne reisen will, muss natürlich mobil sein ;-)

Samstag, 25. Dezember 2010

Ein Sammelsurium der Höhen und Tiefen 2010

Happy Christmas, fröhliche Weihnacht, liebe Leserinnen und Leser des Irland-Blogs.

Der erste Weihnachtstag in Irland begann mit Morgensonne, strahlend blauem Himmel und Frost. Doch ab sofort wird es wärmer. Das Tauwetter hat sich vom Süden über den Atlantik auf den Weg zur Insel gemacht. Bereits heute nacht sollen die Temperaturen auf bis zu 5 Grad plus steigen.

Nun ist die Zeit, da wir zur Ruhe kommen, Zeit haben darüber nachzudenken, was das Jahr 2010 uns gebracht hat, was wichtig war, was nur wichtig schien; was kommen mag, was wir gerne kommen sehen würden; wo wir stehen und wo wir in einem Jahr gerne stehen würden. Zeit der persönlichen Inventur.

Die Irish Times hat in Ihrer Weihnachtsausgabe mit einer Inventur für Irland, das Land, begonnen und legte im Magazin den "INDEX 2010" vor , ein Sammelsurium der Höhen und Tiefen, der Dinge, die man und frau im Jahr 2010 bewegten, Objekte der Zu- und Abneigung, der Liebe und des Hasses. Hier ein paar persönliche Vorlieben des Wanderers aus der langen Liste der Times:


Der "INDEX 2010" der Irish Times


Irland lernte 2010 die vier Jahreszeiten, die Schönheit des eigenen Landes und einen neuen Gemeinschaftsgeist schätzen, füttert Wildvögel, liest tolle Bücher, erkennt den existentiellen Wert von Wasser wieder, freut sich über vernünftige Preise und brüht den Kaffee im guten alten Papierfilter auf. Was will man eigentlich mehr?  

Irish sportswomen Yikes! The Irish Times Sportswomen of the Year Awards gladdened our hearts. One athlete for each month of the year in 12 sports, each one of them a wonder. From bob sleighing to swimming and boxing to soccer, we’ve got talent. We do have a future

Irish sports pundits Micheál Ó Muircheartaigh may have hung up his microphone but we still have the best commentators in the business. You need proof? How about the British tuning in to watch our coverage of the World Cup because they were weary of BBC blandness


Social media What? You don’t do Twitter? Don’t have an iPhone? This year was a tipping point. Thrilling for some, exhausting for others

Talking shops Whether it was Kilkenomics – an unlikely mix of economics and comedy – David McWilliams on the Peacock stage, the Leviathan debates or Enough is Enough, the citizenry is hungry for debate and ideas

Four seasons Sun in summer, snow in winter, with crisp autumn evenings and spring mornings in-between

Staycations We used to travel half-way around the world for scenery that’s not as good as what’s on our doorstep. It took tighter budgets to make us realise that

Indie Irish music Fight Like Apes, Two-Door Cinema Club, Rubberbandits, Villagers – the list goes on

Reclaiming the radio Fleeing the awfulness of much of the TV schedules, we remembered the beauty of the wireless

Foreigners There are still loads of them here, they are much better looking, and the accent still charms them


Thermals Warm? Yes. Sexy? No. But sometimes you have to just use your imagination. People are back to wearing pyjamas with feet in them, for Pete’s sake

Filter coffee Those triangular paper things are back in style

The continuing fecundity of the great German film director Werner Herzog The celebrated Bad Lieutenant and the underrated My Son My Son What Have Ye Done demonstrated that creative madness is still possible in your Werther’s Original years

Ain’t no mountain high enough Friends’ heroic efforts to get home this Christmas. The fighting Irish show their imagination

‘Mistaken’ The new novel from Neil Jordan. No mistaking how good it is

‘Skippy Dies ’ Paul Murray’s book, full of hard work and good writing, evokes a hugely witty and wise picture of contemporary Ireland. It’s now on international bestseller lists

Rubber grippers for the bottom of your shoes The must-have accessory this winter. Help avoid icy falls and aid escape from disaffected teenagers throwing snowballs.

Sane post-Celtic Tiger prices Handed over a tenner for two pints in a pub in Dublin city centre the other day and the barman actually gave me change. Whoa!


‘Freedom’ Jonathan Franzen’s portrait of the disintegration of the American Dream is an engaging read

Year of Craft In 2011 we’ll be celebrating the skill and creativity of Irish craftmakers. Save our textile industry, we say. Buy tweed!

Feeding the birds Cheap and highly entertaining

Claiming our Future The name alone gives us hope. Ditto the National Forum

Community spirit Born in the ice age that rounded off the end of the year and carrying on into the new year, shovel on shoulder, smile on face

Apocalypse Whether in politics, finance, the church, climate or even soaps, the script for 2010 reads like it was lifted directly from the pages of the Book of Revelations. Whatever happened to squabbles, kerfuffles, blips and occasional minor setbacks? Only the latter in 2011, please

Decent wine for €5-€6.99 Dunnes Stores, among others, has great Christmas offers. So what on earth were we paying €12-€15 a bottle for for all those years?

Golf course overload Was no one watching? As they close one by one, how can we reinvent and preserve the green space?

Nuggets and chips on the kids’ menu We’d like them to have what we’re having, please, half the portion, half the price

Bottled water We are back to appreciating having any water at all

Emigration If it gets any worse, we’ll have to start interviewing for new friends


The name of that new stadium We love it, really, but some of us can’t help calling it Lansdowne Road

Den kompletten Index 2010 der Irish Times gibt es hier zu lesen.

Freitag, 24. Dezember 2010

Das jüngste Gericht für Truthahn und Gans

Kennen Sie den rührseligen Mercedes-Werbespot zu Weihnachten 2010? Mit Mercedes fährt selbst die Weihnachts-Gans gans sicher und rettet ihr Leben – zwar nicht in der Wirklichkeit aber immerhin in der Phantasie der Werbefritzen. Derweil kommt in deutschen Wohnstuben an den Weihnachtsfeiertagen für einige Millionen Gänse nach zwölf Wochen qualvoller Mast das jüngste Gericht. Doch die Fraktion der Vegetarier wird lautstärker und meldet sich in diesem Jahr unter anderem mit der Aktion "Es lebe die Gans" und einem skurrilen Aktionsfilmchen zu Wort (zu sehen ganz unten in diesem Beitrag). 
In Irland lebt die Gans kurz vor Weihnachten weniger gefährlich, doch das liegt nur daran, dass sich die Iren zum Fest bevorzugt einen dicken Truthahn in die Röhre schieben. Turkey-cide – diese Tage enden für den irischen Truthahn in der Regel tödlich. Der "Turkey" ist der irische Weihnachtsschmaus. Ohne Truthahnbraten empfinden die meisten Iren Weihnachten als mäßig gelungen bis misslungen.

Während Großstädter sich den maschinell enthaupteten Truthahnbraten ofenfertig vorbereitet und gestopft bei SuperValue oder SuperQuinn abholen, ist die Vorbereitung des Festtagsbratens auf dem Land meist noch mit Arbeit verbunden. Zwei, drei Tage vor dem Fest wird die Luft dann meistens dünn für die plump-fleischigen Vögel, deren Leben meist nur einige Monate dauert. Dann kommt der Bauer mit Holzscheit und abwaschbarer Schürze, und das letzte Stündchen hat geschlagen. Nach dem Rupfen hängt der Truthahn zwei Tage kühl, mit Kopf nach unten, bevor er sich für die Bratröhre qualifiziert.


Der fertige Braten (Foto oben) stammt aus dem BBC-Kochstudio. Unsere anderen Fotos entstanden im vergangenen Jahr in einer Bauernstube in West Cork kurz nach der Schlachtung und auf einem Bio-Bauernhof hoch in den Bergen, der in diesen Tagen wieder 80 selber aufgezogene Truthühner in Richtung Kochtöpfe schickt. Der blutbefleckte Farmer erzählte uns, es hilft, wenn man den Tieren erst gar keinen Namen gibt, und eine Bäuerin stöhnt über die viele Arbeit, über die Verdorbenheit der Kunden, die nur noch Truthühner akzeptierten und über die große Ruhe, die sich über die Farm gelegt hat, nachdem der letzte Truti ausgegluckst hatte . . .

Hunderte Mllionen Chinesen und Inder kommen derweil auch zunehmend auf den Geschmack und wechseln von eher vegetarischer Kost zu Fleisch und Geflügel. Die globalen Aussichten für die polnische Mastgans, die Ente aus Peking und das Rindvieh aus der argentinischen Pampa sind also eher schlecht. Nur im Westen des blauen Planten, im alten Europa und in den USA, dem Land mit den meisten gemästeten Menschen weltweit, regt sich mehr und mehr Sympathie für unsere gefiederten und vierbeinigen Freunde. 

Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Safran Foer hat in diesem Jahr ein bemerkenswertes Buch über die westliche Parade-Disziplin "Fleischessen" geschrieben: "Tiere essen".  Ein Buch, das weder hetzt noch zetert, sondern ganz sachlich die uralte Praxis des Menschen  analysiert, sich durch Töten am Leben zu halten. Natürlich wirft Safran Foer am Ende auch die Frage auf, ob es gelingen kann, die westlichen Vorlieben von Steak, Rinderfilet und Putenbrust bis zum Züricher Kalbsgeschnetzelten zu globalisieren und sechs, sieben oder acht Milliarden Menschen mit getötetem Tier zu ernähren. 

Jonathan Safran Foers Buch gibt es hier:



    

Donnerstag, 23. Dezember 2010

Wieviel Wasser, Strom, Wärme brauchen wir?

Die Milch kommt aus dem Supermarkt, das Wasser aus dem Wasserhahn, der Strom aus der Steckdose, die Wärme aus dem Heizkörper und das Internet aus der Telefonbuchse. Mehr ist dazu nicht zu sagen, oder? Oder doch? Wassermangel, kein Strom, keine Wärme, kein Internet, kein Essen? Wieder ein Report aus dem fernen Afrika oder vom indischen Subkontinent? Nein, nur ein paar ungewöhnliche Erfahrungen aus Irland.

Am Dienstag entlud sich eine große Schneewolke über Irlands südwestliche Counties Cork und Kerry. Zehn, mancherorts 20 Zentimeter Schnee – für einen Kontinentaleuropäer nichts Besonderes, für Irinnen und Iren allerdings eine negative Sensation: So viel Schnee hatten die Menschen in ihrem ganzen Leben nicht gesehen. Auch die Temperaturen ungewöhnlich: bis minus 10 Grad, Dauerfrost.

Der Schneefall hielt nicht einmal einen Tag an. Dann kam die Sonne. Doch die Konsequenzen aus Schneefällen und anhaltendem Frost sind gravierend. Schlecht ausgestattete Arbeitstrupps der County Councils haben es auch drei Tage später noch nicht geschafft, die Haupt-Verkehrsstraßen im Südwesten zu räumen. Es fehlt an Fahrzeugen, an Streumaterial und an Geld. Von den kleinen Nebenstraßen redet gar niemand. Wer bei den Behörden anruft, um nach dem Räumdienst zu fragen, erntet nur ein müdes Lachen, im besten Fall eine lauwarme Entschuldigung. Jeder hilft sich so gut er kann, die Bauern arbeiten viel mit ihren Traktoren, doch effizient kann man diese Räumarbeiten nicht nennen.

Die öffentlichen Busse fahren nicht. Viele Menschen sitzen deshalb fest. Sie können mit ihren Autos noch nicht einmal die Hauptstraßen erreichen. Sie sind abgeschnitten von Lebensmitteln-Läden, von Ärzten, von Postämtern. Wer nicht genügend Vorräte gebunkert hat, dem drohen nun Engpässe. Mancherorts sind die Heizungen eingefroren, fehlt Heizmaterial. Schlimmer noch: In vielen Häusern sind die Wasserleitungen eingefroren, die Wasservorräte gehen zur Neige. Alte alleinstehendeMenschen in schlecht gebauten Häusern sind nun in allergrößter Not.

Wir haben seit zwei Tagen kein fließendes Wasser mehr. Die Leitungen tauen tagsüber nicht mehr auf. Die Leute in der Stadt kaufen die Trinkwasservorräte leer oder sind auf Wasserlieferungen der Behörden angewiesen. Wir sind privilegiert: Ein Bach fließt über unser Grundstück. Mit Eimern holen wir das kostbare Nass aus 300 Metern Entfernung ins Haus, nachdem die Eisschicht aufgeschlagen ist.

Wenn die Natur aus dem Ungleichgewicht gerät, kommt es auch im so sicheren und komfortablen Europa schnell zu Versorgungsengpässen. Wenn das Wasser nicht mehr aus dem Wasserhahn fließt, wird uns bewusst, wie kostbar Wasser ist. Jede Tasse Tee, jede Kopfwäsche, jeder Toilettenspülung benötigt Wasser, will erarbeitet sein. Wieviel Wasser konsumieren wir gedanken-frei an einem ganz normalen Tag? Wie viel Wasser benötigen wir wirklich, um gut zu leben, wie viel, um zu überleben? Wie viel Strom, wie viel Essen, wie viel Mobilität, wie viel Wärme und wie viel Internet?

Mittwoch, 22. Dezember 2010

Unglaublich: Irland sehnt den Regen herbei

Vollmondnacht 21. Dezember 2010 in Irlands Südwesten
Das hat es noch nie gegeben: Irland sehnt den Regen herbei. DIe Menschen auf der Insel bitten händeringend um Regen – um endlich den ungewohnten Schnee, den strengen Frost und das Eis loszuwerden. Ein älterer Mann sang gestern mit Galgen-Humor: "I´m dreaming of a green Christmas." Er träumt von einem grünen Weihnachtsfest.

Davon ist das Land allerdings mindestens fünf Tage entfernt. Solange soll nun die Kältewelle mindestens noch anhalten. Wieder einmal mussten die Metereologen der Wetterbehörde Met Eireann ihre Prognosen korrigieren, und die Menschen schimpfen mittlerweile nicht nur genervt über die Busfirmen,  die Flughafenbehörde und die hinterher hechelnden Straßenräumdienste der County Councils. Sie zetern auch über die Wetterfrösche in Glasnevin, Dublin – und das geht so:

Was ist der sicherste Job in Irland? Metereologe bei Met Eireann. In jedem Job wirst Du gefeuert, wenn Du Fehler machst. Bei Met Eireann darfst Du jeden Tag Fehler machen und hast trotzdem lebenslange Job-Garantie.

Wer dem Winter in Irland trotz eingefrorener Wasserleitungen, Verkehrschaos, Notlagern auf den Flughäfen, trotz bitterkalter Wohnungen, Knochenbrüchen und eingeschneiter Autos etwas Positives abgewinnen kann, der spricht in Irland gerne vom "Winter Wonderland" –  das ist der Name eines lange populären amerikanischen Winterlieds aus den 30er Jahren. Tatsächlich präsentiert sich der Südwesten der Insel heute morgen nach ergiebigen Schneefällen im zauberhaften Winterkleid unter strahlend blauem Himmel. Nach der morgendlichen totalen Mondfinsternis zeigte sich der Mond gestern nacht eine Stunde vor Mitternacht in voller Größe und beleuchtete die nächtliche Schneelandschaft in ein glitzerndes "Winter-Wunderland".

Das Foto (© Markus Bäuchle) entstand Dienstagnacht um 23 Uhr in West Cork mithilfe einer Langzeitbelichtung.

Dienstag, 21. Dezember 2010

Noch ein irischer Rekord: Kalt, kälter, saukalt.

Europa stöhnt unter Schnee und Eis – und auch Irland hat der frühe, strenge Winter eiskalt erwischt. In den vergangenen Nächten wurden in den nördlichen Counties Sligo und Tyrone die tiefsten Temperaturen seit Beginn der Aufzeichnungen gemessen. Kalt, kälter, saukalt: Das Thermometer fiel auf den Allzeit-Rekord von minus 18 Grad – und das bringt das Leben auf der Insel, wo sich strenger Frost bislang eher selten einstellte, gewaltig durcheinander.

Die Häuser, die Straßen und die Versorgungsetze sind nicht für extreme Temperaturen gebaut. Deshalb sitzen nun viele Menschen frierend, ohne Wasser und ohne Gas in ihren Wohnungen und haben ein gravierendes Problem.  Die Wasserleitungen sind eingefroren, und wer keinen Wasservorrat angelegt hat, steht jetzt buchstäblich auf dem Schlauch. Viele Menschen können nicht heizen, weil sie kein Öl, kein Holz, kein Geld oder keines von dreien haben.

Die Frostschäden auf den Straßen sind bereits jetzt gewaltig: Die Fahrt in die Stadt gerät zum Slalom zwischen Eispritschen und Schlaglöchern. Immerhin sind die Straßen weitgehend schneefrei und können vorsichtig befahren werden. Auch der Betrieb der Flughäfen konnte bislang weitgehend aufrechterhalten werden – der Flughafen von Dublin war gestern abend lediglich einige Stunden gesperrt, weil das Enteisungsmittel für die Flugzeuge ausging. Es scheint derzeit kein großes Problem zu sein, Irland mit dem Flugzeug zu verlassen – weltweit sitzen allerdings zehntausende Iren wartend auf gepackten Koffern und wissen nicht, ob sie zu Weihnachten die geliebte alte Heimat und die Familie besuchen können oder ob ihnen Schnee und Eis einen Strich durch die Rechnung machen werden.

Am Meer und an den Flüssen erleben viele Iren derweil ein Phänomen, das sie bislang nur aus Erzählungen gekannt haben: So fror der Fluss Lee, der durch Irlands zweitgrößte Stadt Cork fließt, an manchen Stellen zu – erstmals seit Menschengedenken. Und auch in einigen ruhigen Buchten am Atlantik ist das Meer von einer dünnen Eisschicht überzogen.

The "Cold Snap" , the "Ice Age" oder "The Big Freeze", wie die Iren die anhaltende Kältewelle repektvoll nennen, sollte laut früherer Prognosen eigentlich pünktlich zu Heiligabend zu Ende sein. Doch das Wetter hält sich wieder einmal nicht an die Vorhersagen: Offensichtlich wird sich die Kälte auch von Weihnachten nicht vertreiben lassen – und das sind eher schlechte Nachrichten für all die mutigen Männer und Frauen, die jedes Jahr an Weihnachten für einen guten Zweck unter dem Beifall weniger abgehärteter Zuschauer ins Meer steigen und dort einige Runden schwimmen: Das Meerwasser ist in diesen Tagen mit Temperatureen nur knapp über dem Gefrierpunkt kalt wie noch selten.

Montag, 20. Dezember 2010

Bargeld ist Trumpf im Weihnachtsgeschäft 2010

Im Stephen´s Green Shopping Center, Dublin.
Irlands Einzelhandel erlebte in diesem Jahr schwerste Zeiten: Zur anhaltenden Super-Rezession gesellte sich in der üblicherweise umsatzstarken Vorweihnachtszeit nun auch noch ein strenger Winter mit Eis und Schnee. Die Folge: Die Menschen blieben zuhause. Viele Geschäfte gerade auf dem Land konnten die täglichen Kunden in der ersten Dezemberhälfte an ein, zwei Händen abzählen.

Am vergangenen Wochenende allerdings wendete sich das Blatt: Die Iren stürmten die Fußgängerzonen und Shopping Malls zum großen Rundumschlag vor Weihnachten: Das letzte Einkaufswochenende vor dem Fest brachte vielen Geschäften Rekordumsätze – und bezahlt wird neuerdings in Dublin, Cork und Galway wieder in bar. Sei es, dass die letzten Reserven mobilisiert werden, sei es, dass viele Kreditkartenkonten weitere Belastungen nicht ertragen oder dass viele Iren ihren Banken so gar nicht mehr trauen: In Irland regiert wieder König Cash.

Die markt-befeuernden Marktforscher kitzelten den Konsumtrieb der Menschen auf der Insel in diesem Jahr mit diesen Erkenntnissen:

* Paddy und Mary wollten zwar um die zehn Prozent bei den Ausgaben für das größte Familienfest des Jahres sparen, aber:

* Die Bereitschaft, sich für ein schönes Fest und für die Beglückung seiner Lieben zu verschulden, blieb hoch. 50 Prozent der Bevölkerung finanzieren Weihnachten demnach auf Pump.

* Kinder sollten keineswegs unter der desolaten wirtschaftlichen Situation in vielen Familien leiden; und weil das Wohl der Kinder vorgeht, muss kräftig eingekauft werden.

Wie sagte ein in Dublin auf der Straße befragter Weihnachts-Shopper so schön: "Jetzt hauen wir das letzte Geld raus, dann feiern wir schön Weihnachten – und dann schauen wir mal, wie es im nächsten Jahr weiter geht".

Sonntag, 19. Dezember 2010

Diese Woche in Irland: Alles bleibt anders

Das Wichtigste auf einen Blick: Was in der vergangenen Woche in Irland geschah, lesen Sie heute in unserem Wochenrückblick. Irland Blog-Autor Dirk Huck berichtet aus Dublin über die wichtigsten Ereignisse auf der Insel.



Skandal um Bonuszahlungen

Für den Aufreger der Woche sorgte Allied Irish Banks. Die Bank hatte angekündigt, an 2.400 Führungskräfte Boni in Höhe von 40 Mio. Euro zu zahlen. So weit, so gut. Allerdings gehört AIB zu den Banken, die dicke Finanzspritzen vom Staat erhalten haben. AIB ist zu 19 Prozent verstaatlicht und hat nur noch einen Marktwert von knapp 500 Millionen Euro. Die Bonuszahlungen waren für das Jahr 2008, jenes Jahr, in dem die Bank satte Verluste machte. Die Frage ist berechtigt: Bank-Mitarbeiter bekommen Bonuszahlungen aus Steuermitteln, während zahlreichen Familien das Kindergeld gekürzt wird?

Der Aufschrei der Öffentlichkeit war groß. Doch die Bank hatte das Recht auf ihrer Seite, die Führungskräfte pochten auf ihre Verträge. Nachdem allerdings Finanzminister Lenihan der Bank in einem Schreiben klar gemacht hatte, dass man sich die Sache mit der Finanzhilfe nochmal überlegen würde, machte die Bank dann doch einen Rückzieher. Zudem drückte Lenihan im Schnellverfahren durch, derartige Bonuszahlungen in Zukunft mit 90% zu versteuern - eine Maßnahme, für die er sogar von der Opposition Beifall erhielt. P
einlich nur, dass wenig später bekannt wurde, dass zahlreiche Beamte, darunter auch Mitarbeiter aus dem Finanzministerium, in den letzten Monaten ebenfalls dicke Bonuszahlungen erhielten, in einem Fall sogar 200.000 Euro ...


Regierung akzeptiert Rettungspaket


In der Vorwoche wurde das Sparpaket verabschiedet. Nun ging es noch darum, über das 85-Milliarden-Euro schwere Rettungspaket von EU und Internationalem Währungsfonds abzustimmen. Mit 81 Ja-Stimmen zu 75 Nein-Stimmen wurde die Zukunft Irlands für die nächsten Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte besiegelt. 


Der Höhenflug von Fine Gael


Frühes Weihnachtsgeschenk für Oppositionspartei Fine Gael: Im Rennen der drei großen Parteien liegt Fine Gael nach Umfragen derzeit an der Spitze. Die Partei um Enda Kenny kann sich über 30% Zuspruch freuen. Die Labour-Party, die mit Eamon Gilmore den vom Volk favorisierten nächsten Premierminister aufweist, schwächelt und kommt nur auf 25%. Fianna Fáil, die Partei von Noch-Premier Brian Cowen, stürzte weiter ab auf nur noch 17%. Zünglein an der Waage bei der Bildung der nächsten Regierung und der Entscheidung über Cowens Nachfolger könnten die parteilosen Fähnchen-im-Wind-Politiker werden. Ihre "Fraktion" kommt auf immerhin 11%. Auch Sinn Féin, deren Domäne eigentlich der Norden der Insel ist, legte kräftig zu und freut sich über 15% Zuspruch in der Republik.


Sinkendes Schiff Fianna Fáil

Wie auch immer die nächste Koalition aussehen wird, einige altbekannte Gesichter werden nicht mehr im Parlament sitzen. Denn (Noch-) Regierungspartei Fianna Fáil bricht auseinander. Innerhalb weniger Wochen haben nun schon sechs Abgeordnete (davon gar zwei Minister) von Fianna Fáil ihren Rückzug aus der Politik angekündigt. Sie wollen nicht mehr bei der nächsten Wahl kandidieren.

Zur Erinnerung: Der Weg ins irische Parlament führt nur über Direktmandate. Jeder Kandidat (und Kandidatin) muss in seinem Wahlkreis auf die erforderliche Stimmenanzahl kommen. Wie Umfragen andeuten, geht Fianna Fáil einem Wahldebakel entgegen. Einige langjährige Abgeordnete scheinen es deshalb vorzuziehen, sich lieber jetzt mit Anstand aus der Politik zu verabschieden, als im Wahlbüro vergeblich auf die Nennung ihres Namens zu warten.


Irische Abtreibungsgesetze für menschenrechtswidrig erklärt

Eine weitere irische Bastion kommt erneut unter Beschuss: Der Europäische Gerichtshof verurteilte die irischen Abtreibungsgesetze als Verstoß gegen die Menschenrechte. Zwar erlaubt die irische Verfassung eine Abtreibung, wenn das Leben der Schwangeren auf dem Spiel steht. Doch es fehlen die notwendigen gesetzlichen Regelungen zur Umsetzung des Rechts auf einen Schwangerschaftsabbruch in Ausnahmefällen. Die Ausarbeitung des Regelwerks wird einer der Punkte sein, mit denen sich die nächste Regierung auseinandersetzen muss. Somit wird das heiße Thema Abtreibung auch im Wahlkampf ein wichtiges Thema sein.


Irland weiter herabgestuft

Letzte Woche Fitch, diese Woche Moody. Auch Rating-Agentur Moody stufte Irlands Kreditwürdigkeit herab, dabei gleich um fünf Stufen von Aa2 auf Baa1. Trotz Milliarden-Rettungspaket sind die Analysten nicht überzeugt. Ihre Sorge geht dahin, dass sich aufgrund der anstehenden Neuwahlen die Umsetzung notwendiger Sparmaßnahmen verzögert. Eine neue Regierung könnte zudem bereits beschlossene Sparmaßnahmen einfach zurücknehmen, im Extremfall sogar die Zinsbelastung für den Milliardenkredit für untragbar halten und Irland einfach für bankrott erklären - mit der Folge, dass die Regierung ihren langfristigen Zahlungsverpflichtungen überhaupt nicht nachkommt.


Schrumpfende Wirtschaft

Düstere Aussichten für Irland: Analysten von Ernst & Young erwarten, dass Irlands Wirtschaft im nächsten Jahr weiter schrumpft. Während die Regierung optimistisch mit 1.75% Wachstum rechnet, sagen Ernst & Young einen Rückgang um 2.3% voraus. Die Arbeitslosenzahl soll sogar auf bis zu 16% steigen.


Positives aus der Wirtschaft

Doch es gibt auch die positiven Nachrichten aus der Wirtschaft: US-Firma Zeus will in den nächsten drei Jahren 75 neue Arbeitsplätze in Donegal schaffen. 115 neue Stellen will US-Firma Goldman Medical über die nächsten fünf Jahre in Galway schaffen. Auch Mini-Blog-Riese Twitter hat Interesse an einem Standort in Irland bekundet. Twitter wäre in bester Gesellschaft, denn die anderen Großen der Branche, Facebook, Ebay, PayPal, LinkedIn, Yahoo, Google, Microsoft, HP und Intel, sind bereits in Irland ansässig.

Ein wichtiger Anreiz für die genannten US-Unternehmen, einen Standort in Irland zu betreiben, ist übrigens die geringe Unternehmenssteuer, die Irland bei Verhandlungen mit der EU so vehement verteidigte.


Filmindustrie im Aufwind

Während die meisten Branchen unter der Rezession leiden, freut sich Irlands Filmindustrie über mehr Aufträge. 2009 wurden 257 unabhängige Film- und TV-Projekte in Irland umgesetzt, etwa 17.000 Menschen wurden dabei beschäftigt. 2010 wurden bereits geschätzte 367 Mio. Euro umgesetzt, ein Anstieg um ca. 50% gegenüber dem Vorjahr. Steuervorteile und die gut ausgestatteten Örtlichkeiten locken immer mehr Film- und TV-Produktionen nach Irland. Hollywood dreht derzeit in Dublin den Film "The Singular Life of Alfred Nobbs" mit Glenn Close in der Hauptrolle.


Wo ist das Geld noch sicher?

Interessante Trendbeobachtungen: Bank AIB (ja, genau die) berichtet, dass Spareinlagen seit Beginn des Jahres um 13 Mrd. Euro zurückgegangen sind. Nach Angaben der Bank seien dafür in der Mehrheit Ab- und Umbuchungen von Unternehmen und anderen Finanzinstituten verantwortlich. Wirklich? Trend Nummer zwei: Geldschrankvertreiber AllSafes.ie berichtet von einer stark gestiegenen Nachfrage nach Safes für Privathaushalte. Besteht zwischen den beiden Trends ein Zusammenhang? Könnte es sein, dass immer mehr Menschen ihr Geld lieber dem heimischen Geldschrank anvertrauen als ihrer Bank?
Der Autor: Dirk Huck. Wer mehr von Dirk lesen will:
Hier schreibt er seinen Blog.


Samstag, 18. Dezember 2010

Heftig, heftig: Das Wetter der Superlative

Die Iren gelten als beherzte Verfechter der "Viertelfinals-Mentalität": Warum siegen müssen, wenn auch das Erreichen des Viertelfinales schon ein schöner Erfolg ist, der zum Feiern allerhand Anlass bietet? Wenn es aber ums Wetter geht, lieben auch Paddy, Mary und die Wetterfrösche von der Wetterbehörde MET Eireann den Superlativ: Die schlimmste Flut seit 700 Jahren, der Jahrhundertregen, der kälteste Winter seit einem halben Jahrhundert, das sonnigste Jahr seit vier Jahrzehnten – und jetzt: Die heftigsten Schneefälle seit 25 Jahren.

Auch an diesem Wochenende und in der kommenden Woche hält der Winter die Insel fest im Griff. Weitere Schneefälle und strenger Frost bis minus zehn Grad sind angekündigt. Ob es allerdings für ein weißes Weihnachten reichen wird, wollen die Meterologen in Dublin noch nicht bestätigen. Bis Freitag bleibt es kalt und weiß, möglicherweise setzt sich am kommenden Weihnachts-Wochenende dann aber doch eine atlantische Warmfront durch. Man wird sehen und fühlen.

Was die Wetterrekorde angeht: Der sich beschleunigende Klimawandel wird Irland und den Iren in den kommenden Jahrzehnten noch manchen neuen Wetterrekord bescheren – und wohl auch manchen unliebsamen. Wahrscheinlich aber wird Irland im großen Wetterwandel mit Abstand besser davonkommen als viele Regionen der Erde. Was auf uns Erdenbewohner in den kommenden Jahren  an zivilsations-induzierter Naturgewalt zukommen wird, das haben Wissenschaftler in zahlreichen Szenarien gut beschrieben. Der renommierte kanadische Autor Gwynne Dyer ging jetzt einen Schritt weiter und beschreibt in seinem neuen Buch "Schlachtfeld Erde" die drohenden Konsequenzen des Klimawandels.

Dyer hat bei Militärs weltweit recherchiert, um herauszufinden, wie sie sich auf die Zukunft vorbereiten. Der Fachmann für Kriege und Konflikte schreibt von schier unvorstellbaren Klima-Kriegen, die Länder, Regionen und ganze Erdteile erfassen werden. Der Kampf um Lebensraum, Wasser und Nahrung ist bereits in vollem Gange. Dyers Buch öffnet uns die Augen, die wir so gerne harmonie-suchend verschließen. Als Weihnachtsgeschenk ist "Schlachtfeld Erde" vielleicht zu depremierend, als Denkanstoß für die Zeit, wo wir die guten Vorsätze für das neue Jahr fassen, sollte es bestens geeignet sein.



Gwynne Dyers neues Buch kann hier bestellt werden: 

Die Fotos entstanden gestern in Glengarriff, West Cork. 

Freitag, 17. Dezember 2010

Grüne Insel Irland ganz in Weiß


Grüne Insel Irland ganz in Weiß. Alle Räder stehen still, wenn der Winter es nur will – und er will es bereits zum zweiten Mal. Die zweite Welle aus Schnee, Eis und Tiefsttemperaturen bis minus zehn Grad rollt gerade über das Land und lässt auf den  außergewöhnlich strengen Winter 2009/10 offensichtlich einen weiteren folgen. Die Konsequenzen für Irlands schnee-scheue Bevölkerung: arbeitsfrei, schulfrei, zuhause bleiben und Tee trinken.

Unser Nachbar und Wetterman Stefan hat soeben schon erste Bilanz über das Wetterjahr 2010 im irischen Südwesten gezogen – auch wenn noch 14 Tage fehlen. Es dürfte ein Jahr der Rekorde sein, nämlich das kälteste, das trockenste und auch das sonnigste Jahr seit 1987, seitdem Stefan seine täglichen Wetteraufzeichnungen pflegt (mit einer kleinen Ausnahme: das Jahr 2001 war noch ein wenig sonniger). Dass 2010 in Irland ein Super-Sonnen-Rekordjahr wurde, liegt übrigens auch an den vielen wolkenlosen Wintertagen im Januar und Februar.

Jetzt allerdings regiert erst einmal der Schnee. Wer kann, bleibt zuhause, die zurückgelassenen Autos am Straßenrand mehren sich stündlich. Am Fuß der verschneiten Hügel sieht man überall LAstwagen und Transporter stehen – telefonierende Fahrer fuchteln wild gestikulierend im Schneetreiben herum. Verzweifelte AutofahrerInnen kapitulieren mangels Winterreifen und setzen ihre Reise zu Fuß fort. Es ist Winter in Irland - die Palmen, der Bambus und die Baumfarne tragen Weiß.

Palmen im Schnee in Glengarriff, West Cork.

Der abgeschlossene Foto-Roman: Rettung auf Irisch

Es ist den vergangenen Monaten viel darüber geschrieben worden, wie die irische Regierung  erfolglos versuchte, das Land vor dem finanziellen Zusammenbruch zu retten. Nun gibt es die Chronologie des dilettantischen Rettungsversuchs erstmals auch als abgeschlossenen Foto-Roman in 10 Kurz-Kapiteln. Viel Spaß damit.

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PS: Das Rettungs-Drama ereignete sich so oder so ähnlich im Oktober 2004 im County Galway. Seitdem geistern die zehn Photos durch das Internet. Sie mögen als Allegorie auf die Politik der Ahern-Cowen-Truppe tauglich sein, sie vermitteln dennoch ein falsches Bild von der Wirklichkeit: Bis Photo 9 stimmt alles, doch das zehnte und letzte Photo ist am Computer mit Photoshop manipuliert worden. Die Geschichte dieser Manipulation ist hier nachzulesen. Sie ist der Grund, warum wir den Firmennamen auf dem grünen Abschlepp-Truck unkenntlich gemacht haben. 

Donnerstag, 16. Dezember 2010

Liebe ist die Antwort – nicht Fine Gael

Die Iren haben genug vom herrschenden politischen Personal, das das Land in den Abgrund geritten hat? Die Regierungspartei Fianna Fail erhielt gestern die schlechtesten Umfragewerte, seit es Umfragen gibt. Nur noch 17 Prozent würden für die ewige Regierungspartei stimmen, wenn am kommenden Sonntag Wahlen wären. Genug also. Genug?

In der Umfrage obenauf schwimmt nun wieder Fine Gael, die nicht minder hässliche Schwester im rechtskonservativen Zentrum der irischen Kirchturmspolitik. 30 Prozent der Iren würden aktuell für Fine Gael stimmen. Warum eigentlich? Die zerstörerische irische Immoblienkatastrophe wurde maßgeblich in den 26 County Councils, den Grafschafts-Regierungen der Insel, verursacht: Dort wurden die Baugenehmigungen erteilt, dort wurden die schmutzigen Bauland-Deals geschlossen, dort wurde unaufhörlich Öl ins Immobilienfeuer gegossen – bis die Fetzen flogen. Maßgebliche lokale politische Kraft vielerorts: Fine Gael. Fine Gael. Fine Gael. So stehen alte Polit-Schlachtrösser wie der Fine-Gael-Parlamentarier  Paddy Sheehan (Foto) genauso in der Pflicht wie die noch immer regierenden Brian Cowens und Konsorten.

Weil Ehrlickeit sich auszahlt? Paddy Sheehan hatte noch bis vor kurzem keinerlei Mühe, in Bantry ganz unverblümt ein Ladenlokal zu betreiben, das gleichzeitig als sein Wahlkreisbüro und als Immobilienschleuder fungierte, wo die Ländereien am Mizen Head vertickt wurden. "Love is the answer", haben Unbekannte kürzlich an die Schaufensterscheibe neben das lebensgroße Ganzkörper-Konterfei Sheehans gesprüht. Liebe ist die Antwort auf eine kalte, profitgeile und selbstsüchtige Politik. Keine schlechte Idee eigentlich.

Mittwoch, 15. Dezember 2010

Sandwich-Männer erobern Dublins Straßen

Man nennt sie Sandwich-Männer, Running Flags oder  menschliche Litfass-Säulen – und sie bevölkern seit einiger Zeit wieder die Straßen von Irlands Hauptstadt Dublin. Die Werbemänner werden mit Krisenzeiten assoziiert. Man kennt sie aus der Zeit der großen Weltwirtschaftskrise von 1929. Mit einem Schild oder einem Sandwich in der Straße zu stehen und für ein paar mickrige Euro um Aufmerksamkeit für eine Fressbude, eine Wahrsagerin oder einen Pfandleiher zu heischen, gilt als letzte Station knapp vor dem Betteln.

In Madrid wurde die Werbung auf zwei Beinen, die von der Werbebranche Seite an Seite mit der Plakatwerbung unter der Rubrik "Außenwerbung"   geführt wird, vor zwei Jahren verboten. Die Stadtväter im stolzen Spanien sahen die Menschenwürde verletzt, wenn sich Menschen als Werbeträger zwischen zwei Pappen verdingen. Auch aus der Londoner City werden die Werbemänner seit einiger Zeit verbannt. Als deren Zahl im Jahr 2008 drastisch zunahm, zog der Stadtrat die Reißleine und sperrte das Zentrum für die Sandwichmänner. In London ging es vordergründig um die Verkehrssicherheit und um die Beeinträchtigung des Stadtbilds.

In Dublins Fußgängerzone haben die mobilen Werber bislang keine Einschränkungen zu befürchten. Und komfortabel machen sie es sich obendrein: Wenn der Rücken nach langem Stehen schmerzt, setzt sich der irische Schildermann eben mal hin. Seinen Hocker hat der vorausschauende Bannerträger immer dabei.

Dienstag, 14. Dezember 2010

Ohne Schuldenerlass keine Chance für Irland

Ein kleiner Nachtrag zum vorweihnachtlichen Rettungspaket-Schnüren für Irland: Entweder ist vom sogenannten Hilfspaket für Irland, das die EU und der Internationale Währungsfonds dem Land aufgedrängt haben, nur ein Teil bekannt geworden, oder aber das Milliardenprojekt "Irische Steuerzahler befriedigen europäische Großbanken und internationale Spekulanten" katapultiert den Inselstaat zurück in die 50er Jahre. Bis auf Weiteres gilt der fatale Eindruck:  Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr.

Mit kalter Hand bugsierte die irische Noch-Regierung aus Fianna Fail und Grünen in der vergangenen Woche den dritten Spar-Haushalt in Folge durch das Parlament – und diese letzte "Großtat", die abermals 6 Milliarden Euro einsparen helfen soll, zeigte noch einmal, wie grandios Ministerpräsident Brian Cowen und seine Lobbyistenriege am Volk und dessen Interessen vorbei regieren. Im Auftrag der Finanzwelt und im Namen der Bankenrettung ist die Regierung bereit, die Schuldenlast  des Staates in neue schwindelerregende Höhen zu treiben – denn das Hilfspaket aus Europa und Washington ist letztlich nichts anderes als noch ein fettes Schuldenpaket, das den irischen Steuerzahlern zusätzlich auf den Buckel geschnürt wird.

Wer ein wenig rechnen kann, weiß: Ohne eine radikale Entschuldung, ohne einen Schuldenerlass, bei dem auch die institutionellen Großschuldner wie eine Deutsche Bank kräftig Federn lassen, wird Irland nicht aus der Krise kommen. Die Instititution für solche Fälle existiert, hat ihren Sitz in Paris  und nennt sich Pariser Club. Die Pariser Spezialisten für Schuldenerlass und Umschuldung haben seit den 50-er Jahren vielen hoffnungslos überschuldeten und bankrotten Ländern aus der Patsche geholfen. Die lange Liste beginnt mit Afghanistan und Argentinien, führt über Bulgarien oder Russland und endet mit der Republik Zentralafrika.

Wetten, dass sich die Republik Irland auch bald dort einreihen wird?

Montag, 13. Dezember 2010

Wo leben? Irland - Deutschland 2:0

Nach langen 16 Tagen Deutschland zurück in Irland. Am Ende die beliebte Frage: Wäre es nicht besser, wieder in Deutschland zu leben und der krisengeschüttelten Grünen Insel den Rücken zu kehren? Nein, es fühlt sich gut und stimmig an, zurück zu sein aus der alten Heimat  – zurück aus der drangvollen Enge, zurück in der Weite der Wahlheimat.

Vor bald eineinhalb Jahrzehnten schwärmte der Wanderer einem Wiesentäler Geographen über die intakte Natur Irlands und die vermeintliche Behutsamkeit der Iren im Umgang mit dieser Natur vor. Der Mann konterte nüchtern: "Das ist nur ein Mangel an Gelegenheit". Er sollte recht behalten, denn bald wütete in Irland der Keltentiger – und die große Gelegenheit zum Zerstören der natürlichen Lebensgrundlagen war endlich auch für Mary und Paddy gekommen.

Die Irinnen und Iren ließen sich bekanntlich nicht lumpen und demolierten ihr Land mit internationalem Beistand nach Kräften – nun haben sie 300.000 leere Häuser zuviel in der Landschaft stehen und sitzen wirtschaftlich in der großen Klemme. "Zerstört is"  – und dennoch: Die Zeit von zehn, zwölf Jahren hat nicht ausgereicht, um abzuräumen. Es ist viel übrig geblieben von den grandiosen natürlichen Ressourcen der Insel. Das "Window of Opportunities" hat sich nun fürs Erste geschlossen, die Bagger und Baukräne rosten still vor sich hin. Es herrscht wieder Ruhe auf der Emerald Isle.

Deutschland zelebriert sich gerne als Musterschüler der Ökologie. Man und frau füllt fast manisch gelbe Recycling-Säcke, die Häuser werden vorbildlich in dicke Über- und Unterhosen gepackt, man spart weltmeisterlich Strom und Wasser – und doch ist gar nichts in Ordnung im Staate Alemannien: Die Zersiedelung der Landschaft hält unvermindert an. Wohl folgt sie - im Gegensatz zu Irland – einem Masterplan, doch das macht nichts besser. Hier noch ein Haus, dort noch ein Häuschen, hier ein neuer Aussiedlerhof, dort eine neue Sportanlage. Jeder kleine Dorf-Bürgermeister muss sich mit einem eigenen kleinen Neubaugebiet, einer Gemeindehalle, einem Wasserkraftwerk oder einer Gewerbeansiedlung in der beherrschten Landschaft verewigen. Immer mehr zeitfressende Verkehrsadern durchschneiden den Raum und parzellieren das Leben.

Die Grenzen zwischen den Dörfern verschwinden. Der Unterschied zwischen Stadt und Land wird aufgehoben. Die Metropolisierung Deutschlands schreitet voran: Nicht unbedingt schnell, aber unbedingt und unerbittlich. Es gibt wohl kein Halten, da es zu viele Gelegenheiten gibt. Zu viel ungebremstes Kapital baut Scheuklappen, Grenzen und Gräber aus Asphalt und Beton – und kein Politiker stellt das heilige Dogma des "Wachstums" in Frage.

So fällt die Antwort nach dem Lebensort leicht: Er liegt im Zweifelsfall immer dort, wo der Mangel an Gelegenheiten am größten ist.  Irland - Deutschland 2:0.


PS: Das Foto zeigt den Belchen im Schwarzwald. Diese herrlichen Bergspitzen sind ausdrücklich von der Schelte ausgenommen.

IMPRESSUM

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