Samstag, 29. Januar 2011

Ich bin ein Ire, holt mich hier raus!

Rainer Leprechaun. Montage:Eliane Zimmermann
Heute abend sitzt Deutschland noch einmal vor dem Dschungelcamp und fiebert mit den drei verbliebenen Schaustellern in eigener Sache. Die Quote liegt bei acht Millionen Zuschauern, unser Sohn hat darauf hingewiesen, dass dies zweimal der gesamten Bevölkerung Irlands entspricht. Die Taktik des Senders RTL, den Links-Esoteriker Rainer Langhans vor den Sender-Karren zu spannen, ist also voll aufgegangen, denn damit hat RTL das lange verpöhnte Unterschichts-TV auch für all die Intellektuellen, die So-So-Linken, die Aufgeklärten und die Fernseh-Abstinenten elegant geöffnet. Anders rum: Die besseren Deutschen haben sich öffentlich für das "Schmuddelformat" geöffnet und können nun ohne schlechtes Gewissen darüber parlieren, wie sie Abend für Abend ihre soziologischen und psychoanalytischen Studien bei RTL im Dschungelcamp betreiben – aus rein analytischen Gründen, versteht sich.

Selbst die "taz", die linke Tageszeitung aus der Berliner Rudi-Dutschke-Straße, berichtete täglich tapfer aus dem australischen Busch und dem Münchener Harem – und trat damit eine wütende Diskussion zwischen Puristen und Mitläufern Mitglotzern los. Der boulevardeske Ausflug ins Dschungelcamp dürfte den Taz´lern eine der größten Abo-Abbestellwellen der Geschichte einbringen. Doch immerhin verteidigte sich die Redaktion gestern mit dem Leih-Argument, der große Bert Brecht hätte Dschungelcamp geschaut, wenn er denn noch lebte. Hätte er?

Auch der Wanderer bekennt sich: Ich war dabei – und habe mich köstlich amüsiert. Vielleicht war dies die Geburtsstunde der frei vegetierenden und sich selbst reflektierenden Fernseh-Show. Denn ab einem bestimmten Punkt, dem Kna(ppi)ck-Punkt, hatte der Sender seine Sendung nicht mehr im Griff. Das Dschungelcamp verselbständigte sich mit ungeheurer Eigendynamik, und erstmals sahen Millionen Zuschauer eine Operation am offenen Herzen: Sie sahen mikroskopisch genau, wie Fernsehshows arbeiten: natürlich mit der permanenten Inszenierung. Nun diskutiert die halbe Republik, ob die Auftritte der Schausteller im Camp echt oder inszeniert sind. Lieben sie sich oder spielen sie die Liebe nur?  Sind sie ehrlich oder machen sie uns allen ständig etwas vor?

Und was hat das mit Irland zu tun? Es geht um das Konzept des Authentischen. In einer Welt der permanenten Inszenierung, des unaufhörlichen Marketing-Gelabers, des nie abreißenden Stroms der manipulierten und der manipulierenden Bilder haben viele Menschen Sehnsucht nach dem Echten, dem Orginalen, dem Authentischen. Wir wünschen uns, dass unsere Mitmenschen das sind, was sie vorgeben zu sein – und ja: Wir verlangen diese Echtheit und Ehrlichkeit vor allem von unseren Vorbildern und unseren Stars. Wir hören die Lieder von Musikern, die in ihrer Musik echte Gefühle ausdrücken und die so leben wie die, von denen sie singen. Wir ziehen in Stadtteile oder Dörfer, wo noch echte Originale leben (und machen dem Stadtteil den Gentrifizierungs-Garaus). Wir reisen in Länder, wo wir noch "Echte-arme-aber-so-zufriedene-Eingeborene" treffen oder wo wir am Ende des Regenbogens die Goldtöpfe suchen.

Und was hat das mit Irland zu tun? Während die Deutschen vor dem Dschungelcamp sitzen und die Araber sich mühen, ihre Despoten zum Teufel zu jagen, packen in Irland jede Woche über 1000 Menschen ihre Koffer und machen sich auf in ein neues Leben: "Ich bin ein Ire, holt mich hier raus": Sie wollen nach Kanada, nach Australien, in die USA oder nach Neuseeland, um dort Arbeit und ein gutes Leben zu finden. Das Fehlen von Jobs in Irland, die Arbeitslosigkeit, die Wirtschaftskrise, sie sind ein Stück authentisches Irland im Jahr 2011. Ein Stück irische Realität, die so gar nicht in den Kram der professionellen Irland-Inszenierer, der Irland-Werber und der Irland-Image-Kosmetiker passt. Genauso wenig wie die Finanzkrise und die anhaltend schlechten Meldungen vom wirtschaftlich-finanziellen-politischen Absturz der ROI.

Die hauptberuflichen Irland-Inszenierer zeigen dagegen nur das andere Extrem des Image-Spektrums: das romantische Irland, das grüne Land der Schafe, der Esel und der freundlichen Menschen mit den stets freundlichen Sprüchen auf den Lippen, das alte Irland, wie es wohl nie gewesen ist, die Originale, die es so nie gab. Generationen von Urlaubern haben das Heile-Welt-Irland gesucht – und da und dort sicher auch gefunden. Oft genug aber haben sie auch festgestellt, dass die Suche nach dem Authentischen leicht ins irische Wolkenkuckucksheim führt: An das Ende des Regenbogens, in den Souvenier-Shop von "Entdecke Irland", ins Visitor Center oder in das Leprechaun-Museum in Dublin.

Und was hat das mit dem Irland-Blog zu tun? Wir  werden immer wieder gefragt, warum der Irland-Blog auch all die negativen Themen aufgreift, warum wir "sooo kritisch" sind. Wanderer, wo bleibt das Positive? Andererseits wird uns vorgeworfen, wir betrachteten Irland, das Land, das wir schätzen und mögen, verklärt durch die "Grüne Brille". Diese Kritik kommt vor allem und gerne von vielwissenden Auslands-Deutschen. Beide Seiten mögen immer mal wieder recht haben. Unser Ansinnen ist und bleibt es jedoch, authentisch zu sein und Irland – sowohl hier auf dem Irland-Blog als auch bei unseren Wanderungen und Botanik-Exkursionen – so authentisch wie möglich zu beschreiben, das Land so zu zeigen, wie es ist: In all seinen Facetten. Als ein faszinierendes Land am Rande Europas mit ganz eigenen Problemen und ganz eigenen Qualitäten.

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