Donnerstag, 10. Februar 2011

Ein Denkmal für Irlands Schlitzohren

In diesem Haus in Dublin tagt Irlands Parlament, das Dáil. Das Parlament wird am 26. Februar neu gewählt. Neben dem Daíl, dem Unterhaus, gibt es noch ein unwichtiges zweites Parlament, den Senat, eine Ansammlung von Versorgungs-Pöstchen. Doch der Senat wird möglicherweise bald abgeschafft.

Im Dáil jedenfalls, in Leinster House, gibt es wie im Bundestag eine Besuchertribüne, von der aus die Bürger ihre öffentlich tagenden Abgeordneten, die TDs, bei der Arbeit beobachten können. Irritierend nur: Bürger und Parlament trennt eine Glasscheibe – und viele Novizen unter den Dáil-Besuchern fragen sich, was das mit der trennenden Scheibe nur auf sich hat.

Diese Glasscheibe symbolisiert nicht etwa die Distanz zwischen Politikerkaste und Wahlvolk, auch soll sie nicht gehasste Politiker vor faulen Eiern oder Molotow-Cocktails schützen. Die Glasscheibe ist im weiteren Sinne dazu da, das irische Wesen zu erklären ( und es ist das Verdienst, das Journalisten Michael Lewis, uns in diesen Tagen vor der Wahl daran erinnert zu haben.)

Im irischen Unterhaus wird zu Beginn jeder Sitzung eine Glocke geläutet. Danach werden die Türen zum Parlament geschlossen. Abgeordnete, die nicht pünktlich zur Sitzung erscheinen, müssen draußen bleiben und können nicht an den Abstimmungen teilnehmen. Schon diese alte Tradition widerlegt übrigens das Gerücht, dass es die Iren mit der Zeit nicht so genau nehmen.

Vor einigen Jahren jedenfalls kam ein Parlamentsabgeordneter zu einer wichtigen Abstimmung zu spät. In seiner Verzweiflung rannte der Mann auf die Besuchertribüne, sprang von dort hinunter auf die Pressetribüne und von dort weitere drei Meter ins Parlament. Der  sportive Abgeordnete nahm an der Abstimmung teil, seine Stimme wurde gezählt und die Bewunderung seiner Kolleginnen und Kollegen war ihm sicher.

Nach diesem Vorfall wurde die Glasscheibe eingebaut. Sie ist eine funktionerende Trennscheibe, gleichzeitig aber auch ein stilles und inoffizielles Denkmal für all jene, die das Gesetz auf clevere Weise aushebeln, indem sie das richtige Schlupfloch finden: ein Ehrenmal für den listigen Zeitgenossen, das Schlitzohr und den Schlupfloch-Kriecher, dem in Irland noch immer höchste Anerkennung zuteil wird.

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